Das stinkt zum Himmel

© Shut­ter­stock

Müll­berge so groß wie Hoch­häu­ser: Russ­land steckt in einer Müll­krise. Weil sich in ihrem Land der Abfall türmt, begrei­fen viele Russen, dass sie poli­ti­sche Sub­jekte sind.

Eigent­lich ist Schijes nur der Name einer Hal­te­stelle. Ein kurzer Zwi­schen­halt auf dem Weg von Moskau in den rus­si­schen Norden, zu den Orten Uchta, Pet­schora und Inta. Eins­ti­ges Gulag-Gebiet. Früher hat man in Schijes Holz ver­la­den. Es gibt viel Wald drum­herum und viel Sumpf. Nach dem Zusam­men­bruch der Sowjet­union gab es hier wenig zu tun, die Men­schen sind längst weg­ge­zo­gen, nur die Hal­te­stelle ist geblie­ben. Eine, die den wach­sen­den Müll­ber­gen in Russ­land einen Namen gibt. Einen zusätz­li­chen. Denn seit bald zwei Jahren gehen die Men­schen überall im Land auf die Straße, weil es ihnen stinkt. Manch­mal sind es kleine Grüpp­chen, die vor den Depo­nien aus­har­ren, manch­mal ange­mel­dete Demons­tra­tio­nen mit tau­sen­den Pro­tes­tie­ren­den. „Wir wollen leben, wir wollen atmen“, ist meist das Motto der Pro­test­ak­tio­nen, sei es in Jeka­te­rin­burg am Ural oder kürz­lich in Arch­an­gelsk, wo sich die Men­schen gegen eine neue Müll­an­lage in Schijes zu wehren ver­such­ten.

Portrait von Inna Hartwich

Inna Hart­wich ist freie Jour­na­lis­tin und lebt in Moskau.

Das Land steckt in einer „Müll­krise“, die Men­schen riechen, was in den Depo­nien gärt. Wie die Mikro­or­ga­nis­men sich mit den Bak­te­rien ver­mi­schen, wie die daraus ent­ste­hen­den Gase ent­wei­chen: Methan, Koh­len­stoff­di­oxid, Schwe­fel­was­ser­stoff. Die Gase sorgen für Krank­hei­ten, für Aus­schlag, manch­mal auch für Bewusst­lo­sig­keit. „Wir ertra­gen alles, die schlechte Infra­struk­tur, die schlechte Bildung, die nicht vor­han­dene poli­ti­sche Frei­heit bei uns im Land. Aber wie sollen wir leben, wenn uns die Luft zum Atmen fehlt?“, fragt da einer, dessen Sohn sich die Haut bis aufs Fleisch auf­kratzt, weil sie die Gase nicht erträgt. Solche Pro­bleme treiben die Men­schen auf die Straße – fass­bare Pro­bleme, bei denen die Men­schen begrei­fen, dass genau sie es sind, auf die es ankommt, wenn sich etwas ändern soll im Land. Der Müll macht sie zu Bürgern, zu poli­ti­schen Sub­jek­ten, weil sie plötz­lich nicht mehr alles über sich ergehen lassen, weil sie Mit­spra­che­recht ein­for­dern, weil sie das Problem vor ihrer Haustür nicht länger igno­rie­ren können, ja auch nicht wollen. Sie ersti­cken ja regel­recht daran.

Die Depo­nien sind ein Erbe aus der Sowjet­zeit. Bis heute landet der Müll aus den Haus­hal­ten auf den soge­nann­ten Poly­go­nen, egal, ob Bio­ab­fall, Fla­schen oder Windeln. Getrennt wird kaum. Ledig­lich vier Prozent des Mülls werden in Russ­land recy­celt. Klei­nere private Initia­ti­ven stellen zwar Müll­con­tai­ner für die Müll­tren­nung auf. Häu­ser­ge­mein­schaf­ten bieten zuwei­len an, den Müll zu trennen, Super­markt­ket­ten behel­fen sich mit Behäl­tern für Bat­te­rien und ver­zich­ten auf Plas­tik­tü­ten. Die Stadt Saransk – hier wurden im Sommer 2018 einige Spiele der Fußball-WM aus­ge­tra­gen – hat sich, mit deut­scher Hilfe, gar zur Nummer eins der Müll­tren­nung im Land gemau­sert. Das in Nord­rhein-West­fa­len ansäs­sige Recy­cling-Unter­neh­men Remon­dis lässt mit seinem rus­si­schen Partner in Kin­der­gär­ten der Stadt Aus­mal­hefte ver­tei­len, um über Müll­tren­nung auf­zu­klä­ren. Das Bewusst­sein für getrenn­ten Abfall steigt. Doch selbst der so auf­be­rei­tete Müll landet am Ende auf einem Polygon und wird fest­ge­stampft, um weitere Müll­schich­ten auf­zu­neh­men.

Zwei Jäger haben die Müll­an­lage in Schijes per Zufall ent­deckt

Der Müll bedeckt in Russ­land eine Fläche, die mitt­ler­weile größer ist als Baden-Würt­tem­berg. Allein die rus­si­sche Haupt­stadt, wo knapp 20 Mil­lio­nen Men­schen leben, pro­du­ziert 11 Mil­lio­nen Tonnen Abfall jähr­lich, in ganz Russ­land sind es offi­zi­el­len Angaben zufolge 70 Tonnen jähr­lich. Er ver­teilt sich offi­zi­ell auf 14.000 Depo­nien im Land. 90 Prozent des Haus­mülls werden auf Müll­kip­pen abge­la­gert, auf jede legale kommen dabei zwei ille­gale. Manche Poly­gone ziehen sich bis in die Wohn­ge­biete hinein. Selbst aus den still­ge­leg­ten Depo­nien tritt gefähr­li­ches Gas aus. Was darauf über Jahr­zehnte hinweg abge­la­den worden ist, wissen die Men­schen oft nicht.

Die Struk­tu­ren in der Müll­bran­che sind zuwei­len mafiös. Ein Gesetz aus den Neun­zi­ger­jah­ren regelt zwar die Auf­sicht über die Depo­nien und den Schutz der Natur, aber es schafft keine wirt­schaft­li­chen Anreize, um die Müll­berge zu redu­zie­ren. Diese Berge, an manchen Orten sind sie so hoch wie ein zehn­stö­cki­ges Haus, werden ledig­lich ver­scho­ben. So soll der Mos­kauer Müll viel­fach nicht mehr in Moskau landen und immer weniger auch im Mos­kauer Umland, sondern einfach weiter weg gebracht werden. Das Land sei ja groß genug, heißt es so manches Mal von den Behör­den. Dem­nächst soll einiges, was in Moskau zusam­men­kommt, in Schijes aus­ge­la­den werden, dem nicht mehr exis­tie­ren­den Dorf auf dem Weg in den hohen Norden. 1.200 Kilo­me­ter von der Haupt­stadt ent­fernt ent­steht hier, mitten im Wald, ein Tech­no­park. Zwei Jäger haben die Müll­an­lage in der Taiga zufäl­lig ent­deckt. Die Wut der Men­schen, über die wieder einmal hin­we­gent­schie­den worden ist, richtet sich nun gegen die Lokal­re­gie­rung. Die Men­schen fordern Infor­ma­tio­nen und ver­su­chen, den Bau des Tech­no­parks zu behin­dern.

Russ­lands Prä­si­dent Wla­di­mir Putin, ohnehin mit fal­len­den Zustim­mungs­wer­ten kon­fron­tiert, hat auf die immer wieder auf­flam­men­den Müll-Pro­teste mit einer „Müll­re­form“ reagiert: In fünf Jahren sollen in Russ­land min­des­tens 200 Müll­ver­bren­nungs­an­la­gen gebaut werden. Doch auch hier regt sich Wider­stand. Das Ver­trauen in die staat­lich ver­ord­nete Müll­ver­bren­nungs­of­fen­sive ist gering, viele fürch­ten, die Anlagen würden zu schnell hoch­ge­zo­gen, die Umwelt­stan­dards miss­ach­tet. Das Ver­fas­sungs­ge­richt in Tatar­stan hat nach Anwoh­ner­be­schwer­den erst kürz­lich den Bau einer Ver­bren­nungs­an­lage in einem Vorort von Kasan gestoppt. Weitere Klagen in Sachen Müll sind noch nicht ent­schie­den. Putins „Müll­re­form“ schreibt keine Müll­tren­nung vor. Sie über­lässt das Vor­ge­hen den Regio­nen. Diese ver­die­nen zuwei­len gut an den bestehen­den Ver­hält­nis­sen – und wollen sie nicht ändern. Wären da nicht die rebel­li­schen Bürger, die plötz­lich anfan­gen, das System in Frage zu stellen.

Textende

Hat Ihnen unser Beitrag gefal­len? Dann spenden Sie doch einfach und bequem über unser Spen­den­tool. Sie unter­stüt­zen damit die publi­zis­ti­sche Arbeit von LibMod.

Wir sind als gemein­nüt­zig aner­kannt, ent­spre­chend sind Spenden steu­er­lich absetz­bar. Für eine Spen­den­be­schei­ni­gung (nötig bei einem Betrag über 200 EUR), senden Sie Ihre Adress­da­ten bitte an finanzen@libmod.de

 

Ver­wandte Themen

News­let­ter bestel­len

Mit dem LibMod-News­let­ter erhal­ten Sie regel­mä­ßig Neu­ig­kei­ten zu unseren Themen in Ihr Post­fach.

Mit unseren Daten­schutz­be­stim­mun­gen erklä­ren Sie sich ein­ver­stan­den.