„Mehr Aufbruch wagen!“

Radikale wollen die Republik in ein „linkes“ und „rechtes“ Lager aufspalten. Aber wer die Demokratie verteidigen will, muss das Zentrum stärken – und eine überzeugende Idee vom Morgen haben. Ein Gastbeitrag von Ralf Fücks in der WELT am Sonntag.
Ausschnitt aus der Nachrichtenlage der letzten Tage: Die Chefs der bundesdeutschen Geheimdienste mahnen gemeinsam, dass wir uns schon mitten in einem „Schattenkrieg“ mit Russland befinden. Putin setzt darauf, das demokratische Europa mit Gewalt- und Risikobereitschaft zu übertrumpfen. – Der ehemalige BND–Chef Hanning wird wegen des Verdachts auf geheimdienstliche Tätigkeit für eine fremde Macht verhaftet. – Führende Protagonisten der KI-Revolution warnen vor dem Frankenstein-Effekt: die Geschöpfe menschlicher Erfindungskraft könnten uns über den Kopf wachsen und zu einer Gefahr für die Menschheit werden. – In Sachsen-Anhalt wird der erste Landtagspräsident aus den Reihen der AfD gewählt, mit mehr Stimmen als AfD und BSW aufbringen. Erster Akt der neuen Mehrheit ist die Forderung, die Unterstützung der Ukraine einzustellen und die Energiepartnerschaft mit Russland wieder aufzunehmen. Deutscha Nationalpopulisten befinden sich damit ganz im Einklang mit US-Präsident Trump. – Kanzler Merz bekräftigt, dass die CDU keine Extremisten in politische Ämter wählen wird. Aber wie lange hält die Brandmauer noch, wenn SPD und Grüne nach vollbrachter Tat in Berlin auch im Bund auf ein Bündnis mit einer neo-sozialistischen „Linken“ zusteuern?
Das alles verstärkt den Eindruck, dass die Dinge aus dem Ruder laufen. Die europäische Friedensordnung, wie sie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstanden ist, liegt in Trümmern. Die globale Hegemonie des Westens ist vorbei. Scheinbar fest gefügte liberale Demokratien wie die USA und Frankreich geraten ins Taumeln. Die Voraussetzungen des bisherigen wirtschaftlichen Erfolgsmodells Deutschlands sind weggebrochen: die Garantie europäischer Sicherheit durch die USA, die uns eigene Anstrengungen ersparte, preisgünstiges Öl und Gas aus Russland, China als Profitcenter der deutschen Industrie. Der Aufstieg der AfD und der Abstieg der CDU markieren das Ende einer langen Periode demokratischer Stabilität der Bundesrepublik.
Das ist viel Umbruch auf einmal – und es ist unklar, was danach kommt. In den Augen der meisten nichts Gutes. Statt Mut zur Zukunft herrscht Bangigkeit. Der Siegeszug der liberalen Demokratie war eng mit der Idee des Fortschritts verknüpft, nicht nur im ökonomischen Sinn. Wenn die Aussicht auf ein besseres morgen durch Zukunftsfurcht überlagert wird, wachsen auch die Zweifel an der Demokratie.
Der Sturm technischer, gesellschaftlicher, kultureller Veränderungen erzeugt jenes Grundrauschen von Furcht, Unsicherheit und Wut, das sich überall im Westen ausbreitet. Es ist diese Stimmungslage, die den Resonanzboden für den Aufstieg populistischer Parteien und politischer Abenteurer bildet. Und es ist der wachsende Zweifel an der Fähigkeit der demokratischen Mitte, die Probleme in den Griff zu bekommen, die zum Vertrauensverlust in die etablierten Institutionen führt. Nicht von ungefähr.
Kaum eine der großen Herausforderungen – Bildungsmisere, überalterte Infrastruktur, Anpassung der sozialen Sicherungssysteme an den demographischen Wandel, stärkere Steuerung der Einwanderung, eine Integrationspolitik des Förderns und Forderns, die Digitalisierung der Verwaltung, Bürokratiebbau, Wohnungsknappheit in den Ballungszentren, europäische Sicherheit – wurde seit Angela Merkels Kanzlerschaft beherzt angegangen. Verlorene Jahre.
Unsere Klima- und Energiepolitik war ambitioniert, wurde aber überholt von den hohen Kosten und Anforderungen an Netze, Speicher, synthetische Kraftstoffe und BackUp-Kapazitäten für Solar- und Windstrom. Abräumen der Klimaziele wäre kurzsichtig, stures „weiter so“ wird auch hier nicht funktionieren. Wie ein neuer Anlauf aussehen kann, der die ökologische Transformation auch zu einem ökonomischen Erfolgsprojekt macht, muss offen diskutiert werden.
Am ehesten hat die Zeitenwende bisher in der Außen- und Sicherheitspolitik stattgefunden. Aber wir werden die erforderlichen Anstrengungen zur Verteidigung von Freiheit und Demokratie in Europa nicht dauerhaft auf Pump finanzieren können. Die Kehrseite der Sondervermögen sind steigende Zinszahlungen. Laut Finanzplan des Bundes wachsen sie bis zum Jahr 2030 von 30 auf 81 Milliarden, fast ein Fünftel der prognostizierten Steuereinnahmen. Nimmt man die steigenden Zuschüsse an die Rentenversicherung dazu, verschlingen diese beiden Posten bald mehr als die Hälfte des Steueraufkommens.
Das Aushebeln der Schuldenbremse ermöglichte die Fortsetzung des bequemen sowohl als auch. Aber auf Dauer kann sich die Politik nicht davor drücken, klare Prioritäten zu setzen. Das heißt vor allem: absoluter Vorrang für Investitionen in Forschung und Entwicklung, Bildung, Infrastruktur und Verteidigung. Unter dem Strich ist das auch die beste Sozialpolitik, weil sie Menschen befähigt und die ökonomische Basis des Sozialstaats sichert.
Mit Sonntagsreden, aus denen keine Handlungen folgen, ist kein Blumentopf zu gewinnen. Aber bloßer Pragmatismus reicht auch nicht. Die Krise der Ex-Volksparteien SPD und CDU ist auch ihrer ideellen Blässe geschuldet. Keine zündenden Ideen und Projekte, keine Zukunftsentwürfe, keine Spur von Aufbruch. Erhards soziale Marktwirtschaft und sein kühnes „Wohlstand für alle“, das Versprechen auf Aufstieg durch Bildung, Brandts „mehr Demokratie wagen“, die neue Ostpolitik, Adenauers und Kohls vereinigtes Europa waren solche großen Würfe. Sie müssen heute neu buchstabiert werden. Eine neue Leitidee könnte „Sicherheit im Wandel“ sein, eine andere der Aufbruch in die ökologische Moderne: eine neue industrielle Revolution, die Lust auf Zukunft macht, statt schlechte Laune zu verbreiten.
Aus alledem wird nichts werden, wenn die demokratischen Parteien den Kräften nachgeben, die die Republik in ein „linkes“ und „rechtes“ Lager aufspalten wollen: hier die SPD und die Grünen im Schlepptau der Linken, dort die Union in Abhängigkeit von der AfD. Das wäre der Super-Gau für demokratische Handlungsfähigkeit und den Zusammenhalt der Republik. Politischer Richtungsstreit und Kontroversen um die besten Lösungen müssen sein. Aber die großen Herausforderungen können nur durch lagerübergreifende Kooperation gelöst werden. Wer die Demokratie verteidigen will, muss das demokratische Zentrum stärken. In der Mitte liegt die Kraft.
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