Die Grünen in einem linken Bündnis? »Für mich eine Horrorvorstellung«

In den Gazaprotesten erkennt der Ex-Maoist Ralf Fücks Teile der eigenen Geschichte wieder. Warum er seine Grünen heute vor der Linken warnt – und an die Mitte glaubt. Ein Interview von Ferdinand Otto in der ZEIT.
DIE ZEIT: Herr Fücks, vor etwas mehr als zwei Jahren saßen wir schon mal hier zum Interview zusammen…
Ralf Fücks: Ich erinnere mich.
ZEIT: Die Ampel hatte mal wieder einen weiteren Tiefpunkt erreicht, die Grünen galten als Prügelknaben der Republik. Wo steht Ihre Partei heute?
Fücks: Sie ist ein bisschen im Windschatten der Aufmerksamkeit, das tut ihr in den Umfragen gut. Die Grünen profitieren von der Krise aller anderen demokratischen Parteien. Aber sie müssen sich auch der Linkspartei erwehren, die im grünen Wählermilieu wildert. In der Linken versammelt sich die jüngere, urbane, akademische Mittelschicht und ein Teil der Migranten. Die Linke setzt die Grünen damit unter Druck eine strategische Richtungsentscheidung zu treffen.
ZEIT: Und zwar welche?
Fücks: Sie müssen entscheiden, ob sie sich als Teil eines linken Lagers verstehen oder als eine öko-sozialliberale Kraft, die lagerübergreifenden Allianzen sucht. Dazu gehören große und kleine Unternehmen ebenso wie die liberal-konservativen Teile des Bürgertums, die zunehmend heimatlos werden.
ZEIT: Was spricht dagegen, dass die Grünen in einem linken Bündnis aufgehen?
Fücks: Für mich ist das… (zögert)… eine Horrorvorstellung. Das würde die Grünen vor eine Zerreißprobe stellen. Ein Teil der Partei wird diesen Weg nicht mitgehen wollen. Aber ich fürchte vor allem die gesellschaftspolitischen Folgen: die Spaltung der Republik in ein linkes Lager mit SPD und Grünen im Schlepptau der Linkspartei und ein rechtes Lager, in dem die CDU immer stärker in Abhängigkeit von der AfD gerät. Das wäre nicht nur verheerend für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Handlungsfähigkeit demokratischer Politik. Es hätte auch eine destabilisierende Wirkung auf die Demokratie. Ich bin sehr kritisch, wenn vorschnell Vergleiche zur Weimarer Republik gezogen werden, aber das wäre tatsächlich eine Parallele.
ZEIT: Warum ist es an den Grünen, sich gegen diese Entwicklung zu stemmen?
Fücks: Wer die liberale Demokratie verteidigen will, muss das politische Zentrum stark machen und die Koalitionsfähigkeit der demokratischen Parteien bewahren. Die Grünen spielen dafür eine Schlüsselrolle. Sie sind das Scharnier der demokratischen Mitte, das sowohl mit der SPD wie auch mit der Union koalitionsfähig ist. Wenn sie diese Position aufgeben, befeuern sie die Polarisierung. Darin liegt eine enorme politische Verantwortung.
ZEIT: Diese Spaltung in Links und Rechts – das ist ja die Strategie der AfD.
Fücks: .. und auch der „Linken“. Im Moment ist das Zentrum in der Defensive. Nicht nur wegen der internen Blockaden der Regierungskoalition im Bund. Die Krise der liberalen Demokratie ist ganz maßgeblich ein Vertrauensverlust in die Handlungsfähigkeit demokratischer Parteien und Institutionen. Darüber hinaus gibt es auch eine ideelle Blässe. Die Mitte ist programmatisch leer. Von ihr gehen keine Impulse für Veränderung mehr aus. Das war einmal anders. Die großen Würfe der bundesdeutschen Politik – soziale Marktwirtschaft, Westbindung und europäische Integration, Aufstieg durch Bildung, neue Ostpolitik – kamen aus der politischen Mitte.
ZEIT: Union und SPD verzweifeln an sich selbst und am Regieren. Sollten die Grünen jetzt die Führungsrolle in der Mitte übernehmen?
Fücks: Der Umbruch im Parteiensystem ist eine Chance für die Grünen. Sie könnten jetzt das Pendant zur Union bilden, also eine modern bürgerliche Partei werden. Dafür dürfen sie sich nicht zurückziehen in eine linke Identitätspolitik. Gerade deshalb macht mir die Entwicklung in Berlin Sorge – erst recht, wenn man daraus eine Vorlage für den Bund ableitet.
ZEIT: Welche Entwicklung in Berlin meinen Sie?
Fücks: Die Linkspartei hat hier in Berlin systematisch im antiisraelischen, antizionistischen Milieu gefischt, sowohl unter Migranten als auch unter postkolonialen Linken. Diese Kräfte wird man durch pflichtgemäße Erklärungen nicht los. Einer solchen Linken dürfen die Grünen nicht hinterherrennen. Der Ruf nach Verstaatlichung ist inzwischen ein Identitätsmarker für die Linke geworden. Auch das ist für die Grünen gefährlich, etwa mit Blick auf die nötigen Allianzen in der Klima- und Energiepolitik. Dort hängt alles davon ab, dass wir die Klimawende zu einem ökonomischen Erfolg machen. Wenn sich die Grünen auf antikapitalistische Positionen begeben, riskieren sie mehr als nur eine schädliche Wohnungspolitik.
ZEIT: Überall im Westen gibt es linke Bewegungen, die ökonomischen Populismus mit antiwestlichen und antiisraelischen Ressentiments und einem mindestens ungeklärten Verhältnis zum Islamismus vermischen. Was ist da passiert?
Fücks: Das ist ein totaler strategischer Shift. Es hat sich eine neue Generation herausgebildet, die mit Versatzstücken des Postkolonialismus großgeworden ist. Der Westen ist für sie Unterdrückung, Ausbeutung, Rassismus. Und Israel wurde der Sammelbegriff für alles Schlimme. Die antiwestliche Fundamentalkritik hat sich verabschiedet von den Quellen der Aufklärung und der liberalen Demokratie. Gleichzeitig gab es einen Wechsel der sozialen Basis dieser linken Bewegungen. Statt mit der klassischen Arbeiterschaft verbündet man sich mit außereuropäischen Migranten. Die werden jetzt zu dem neuen revolutionären Potenzial stilisiert. Darin liegt ein groteskes Missverständnis.
ZEIT: Welches Missverständnis meinen Sie?
Fücks: Ein Teil dieser Einwanderer hat mit den Werten und Lebensstilen der postmodernen Linken überhaupt nichts am Hut. Sie vertreten völlig andere Gesellschaftsvorstellungen, etwa zum Geschlechterverhältnis, der Rolle von Frauen, der Haltung zu Homosexualität und so weiter. Die Differenzen werden übertüncht durch den Hass auf Israel und die Ablehnung des Westens. Das ist ein explosives Bündnis, wie sich bei den Ausschreitungen in Frankreich zeigt. Am Ende wird sich diese Dynamik gegen die Linke selbst richten. Sie sollte sich besser mit den Migranten verbünden, die vor Terror und Islamismus geflüchtet sind und die offene Gesellschaft entschieden verteidigen.
ZEIT: Erinnert Sie das an Ihre Jugend als Maoist? Nur ist heute Gaza an die Stelle von Vietnam getreten.
Fücks: Ja, auch wir huldigtem einem idealisierten Bild der Dritten Welt als Subjekt der globalen Befreiung. Damals hießen die Idole Ho Chi Minh und Mao Tse Tung, der über Millionen Leichen gegangen ist. Heute ist die Hamas ein Beispiel für diese Immunisierung gegen die Wirklichkeit. Man romantisiert ein bestimmtes Bild von Widerstand und schließt die Augen vor seiner brutalen Realität. Das geht bis zur Beschönigung der Massaker vom 7. Oktober, die als Akt des antikolonialen Widerstands verklärt werden.
ZEIT: Ihre Biografie zeigt ja aber auch: Es gibt immer einen Weg zurück in die Mitte. Wie verlief ihre Deradikalisierung?
Fücks: Das war ein längerer Weg. Ich bin als Antiautoritärer gestartet – und fand mich in einer komplett autoritären politischen Szene wieder. Dagegen regte sich der alte rebellische Impuls: Nein, das ist nicht das, was ich will. Dazu kam die zunehmende gesellschaftlicher Isolierung. Wir bewegten uns in einer weltanschaulich geschlossenen Scheinwelt. Ein drittes Element war das Erschrecken über die zunehmende Gewaltbereitschaft. Ich kannte Leute, die im RAF-Umfeld gelandet sind. Diese Genickschuss-Logik, die Schleyer und anderen widerfahren ist, hat mich abgestoßen. Sie erinnerte an den stalinistischen Terror. Das alles zusammen hat zum Bruch mit dem linken Radikalismus geführt, aber noch nicht zur Hinwendung zur liberalen Demokratie.
ZEIT: Wie kam es dazu?
Fücks: Das hatte viel mit persönlichen Erfahrungen zu tun. Ich bin in der Bremer Politik gelandet, habe dort imposante Figuren wie Hans Koschnick (ehemaliger Bremer Bürgermeister von der SPD Anm.d.Red.) kennengelernt und mich in die parlamentarische Arbeit gestürzt. Damit wuchs mein Respekt vor der früher verachteten bürgerlichen Demokratie. Dieser Respekt war nicht nur angelesen. Er war erlebt.
ZEIT: Es waren nicht zuletzt die Grünen, die dafür gesorgt haben, dass Radikale aus den K‑Gruppen irgendwann im Herzen der BRD ankamen.
Fücks: Beides ist richtig: Die Republik hat uns verändert und wir haben die Republik verändert. Darauf könnte man mit Selbstbewusstsein blicken. Insofern sind die Grünen ein guter Beweis, dass Veränderung möglich ist. Und zwar von innen, evolutionär.
ZEIT: Brauchen die Grünen bald einen Kanzlerkandidaten?
Fücks: Im Moment haben sie dringlichere Probleme: ihre Strategie zu klären und ihre Programmatik zu erneuern. Aber wenn sie im Vorfeld der Bundestagswahl auf Augenhöhe mit der Union liegen, dann ist es logisch, mit einem Kanzlerkandidaten oder einer Kandidatin anzutreten.
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