Zusammenfassung des Webinars „Status Quo – die Energieabhängigkeiten unseres Energiesystems und mögliche Auswege“

Warum spielt die Verwundbarkeit der deutschen Volkswirtschaft – und der europäischen insgesamt – durch die enormen Abhängigkeiten bei Importen von fossilen Brennstoffen gesellschaftlich und politisch eine so untergeordnete Rolle? Darüber haben wir mit Prof. Dr. Joschka Wanner von der Uni Würzburg und Prof. Dr. Stefan Aykut von der Uni Hamburg diskutiert.
Eine Antwort auf diese Frage, der sich unser erstes Webinar der vierteiligen Reihe mit dem WWF widmete, war, dass viele Akteure zu sehr in ihren jeweiligen Silos denken. Die Verbindung in Politik, aber auch Forschung und Zivilgesellschaft von klimafreundlicher Transformation und Fragen der Geopolitik ist zu lange nicht hergestellt worden. Erst langsam werden beide Politikfelder stärker zusammengedacht.
Eine andere Antwort war: Es gibt keine einfache Lösung für das Problem. Zwar hilft die Elektrifizierung von vielen Bereichen zur Lösung beizutragen. Sie benötigt jedoch auch große Investitionen in neue Technologien, deren Herstellung Produktion höchst konzentriert ist – etwa in China.
Zum Auftakt führte Prof. Aykut in das Konzept der „Klimamutation“ ein – eine Theorie, die den Übergang zu erneuerbaren Energien als komplexere gesellschaftliche Transformation als nur eine technische Transition darstellt. Er erklärte, dass der Energiewandel neue Abhängigkeiten schafft, insbesondere von kritischen Mineralien und Importländern, und dass diese Veränderungen sowohl nationale als auch internationale Machtstrukturen beeinflussen. Zudem betonte Prof. Aykut, dass Klimapolitik nicht nur Kosten und CO2-Reduktionen berücksichtigen sollte, sondern auch die gesellschaftliche Akzeptanz zukünftiger Maßnahmen, da der Transformationsprozess destabilisierende Wirkungen haben kann.
Transformation wird nicht geradlinig verlaufen
Wichtig für das Zusammendenken von Transformation und Geopolitik ist laut Prof. Aykut ein Verständnis davon, dass die Transformation nicht gradlinig verlaufen wird. Wir müssten uns auf kommende Krisen und Kriege einstellen. Gerade die Länder, deren Staatshaushalt zu großen Teilen von fossilen Exporten abhängt, werden nicht freiwillig das Feld räumen. Zudem sollten wir neue Abhängigkeiten, die sich mit der Transformation ergeben, frühzeitig erkennen. Eine Diversifizierung vom Angebot, etwa bei Seltenen Erden, ist allerdings vielfach leichter als bei fossilen Rohstoffen.
Prof. Wanner präsentierte anschließend fünf Gedanken zum Zusammenspiel von Geopolitik und grüner Transformation im internationalen Handel, wobei er sich auf Energiepreiskrisen, Importabhängigkeiten und die geopolitische Dimension von Klimapolitik konzentrierte. Er verwies darauf, dass die Abkehr von fossilen Importen eine sicherheitspolitische Dividende auszahlt. Ganz besonders wird diese Perspektive im Fall Russland deutlich. Jeder Euro, der dort für fossile Brennstoffe eingenommen wird, fließt nahezu direkt in den Kriegshaushalt und vergrößert Russlands Möglichkeiten, den Krieg gegen die Ukraine weiter auszuweiten. Wanner und sein Team schätzen, dass eine Reduzierung des Ölverbrauchs in der EU um einen Euro zu einer sicherheitspolitischen Dividende von 37 Cent führt.
Neue geopolitische Allianzen
Die Erderwärmung und die Vermeidung oder Reduktion von Folgeschäden allein sollten ausreichend Grund für Klimaschutz sein. Das ist in der gegenwärtigen politischen Landschaft leider nur selten der Fall. Die Erweiterung der Transformationsperspektive um Fragen der Geopolitik können hier neuen Schwung in der Abkehr von Öl- und Gasimporten bringen und zu neuen Allianzen führen.
Im Abschluss konzentrierte sich die Diskussion auf die Notwendigkeit, fossile Exportstaaten wie Russland und Saudi-Arabien von der Öl- und Gasextraktion abzubringen. Während Prof. Aykut vorschlug, stabile Zukunftserwartungen zu schaffen, gezielt auf besonders fragile fossile Exportstaaten einzugehen sowie lokale Energie-Sharing-Modelle und die kommunale Energiewende zu stärken, betonte Prof. Wanner die Bedeutung von Energiewende-Partnerschaften als Instrument zur Unterstützung dieser Länder bei der Transformation. Darüber hinaus plädierte er dafür, an einer glaubhaften Bepreisung von CO2 festzuhalten, diese hätte die beste Steuerungswirkung.
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