Deutsche Außenpolitik 2035: Sich wappnen für das Unerwartete

Grundlinien deutscher Außenpolitik auf zehn Jahre im Voraus zu beschreiben, gleicht einem Blick in die berühmte Glaskugel. Zu viele vermeintliche Gewissheiten sind ins Wanken geraten, zu viele Unsicherheiten über die künftige Entwicklung machen jede Prognose zu einer riskanten Wette, so Ralf Fücks in seiner Analyse, die zunächst bei „Internationale Politik“, der englischsprachigen Ausgabe des Magazins der DGAP erschien.
Ein Blick zurück
Zehn Jahre zurück schien noch sehr viel klarer, wohin die Reise geht. Die Eckpunkte schienen unverrückbar: Deutschland als Herold der regelbasierten internationalen Ordnung. Die NATO als Garant unserer Sicherheit, der Westen als demokratisches Gravitationszentrum. Immer engere europäische Zusammenarbeit als Gewähr für Wohlstand, Demokratie und Stabilität auf unserem Kontinent. Die besondere deutsche Verantwortung gegenüber Israel („Staatsräson“) als überparteilicher Grundkonsens. Ökonomische Globalisierung und freier Welthandel als Wachstumsmotor für die deutsche Industrie. Der vertiefte wirtschaftliche Austausch und politische Dialog mit Russland und China soll den Frieden sichern und die Konvergenz der Systeme fördern.
Zwar störten die verdeckte russische Intervention im Donbas und die Annexion der Krim das Bild, sie wurden aber überwiegend als regionales Ereignis und vorübergehender Störfaktor betrachtet. Warnende Stimmen wurden als Kalte-Kriegs-Hysterie abgetan. Keine Waffen für die Ukraine, De-Eskalation durch Verhandlungen. Entspannungspolitik war Trumpf.
Der Super-Gau
Heute sind die bisherigen Eckpfeiler deutscher Außenpolitik sämtlich ins Wanken geraten. Lang gehegte Überzeugungen haben sich als Irrtum entpuppt oder wurden von den Ereignissen der letzten Jahre überrollt. Die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik muss sich grundlegend neu orientieren. Insbesondere zwei Ereignisse schlugen krachend ins Kontor: Der russische Kolonialkrieg gegen die Ukraine und die Wiederwahl Donald Trumps. Dass ein russischer Angriff auf Europa ins Reich des Möglichen rückt, während die USA ihre Beistandsgarantie infrage stellen und sich tendenziell gegen das liberal-demokratische Europa wenden, war der Super-Gau.
Gleichzeitig kommen auch andere vermeintliche Konstanten ins Rutschen. In der EU sind national-populistische Kräfte auf dem Vormarsch. Die Fliehkräfte nehmen zu, ihre Handlungsfähigkeit steht infrage. Gegenüber Israel gibt es schon lange keinen gemeinsamen Nenner mehr. Seit dem 7. Oktober und dem folgenden Gaza-Krieg wird auch in Deutschland die anti-israelische Stimmung stärker. Das Völkerrecht liegt in Trümmern – auch weil der Sicherheitsrat als sein Hüter ausfällt. Wer mitreden und den Gang der Dinge beeinflussen will, muss militärisch und ökonomisch stark sein.
Die Zeitenwende
Seit der berühmten „Zeitenwende“-Rede von Olaf Scholz vom 27.Februar 2022 tastet sich die deutsche Politik zögerlich auf neuem Gelände voran. Langsam kristallisieren sich neue Leitlinien heraus:
- Wir können uns nicht länger auf die USA verlassen. Deutschland kann nicht länger im Windschatten Amerikas segeln. Wir müssen unsere Sicherheit selbst in die Hand nehmen – gemeinsam mit unseren europäischen Partnern.
- Wie andere europäische Staaten müssen auch wir unsere Verteidigungsausgaben drastisch hochfahren. Wir müssen kriegsfähig werden – nicht um Krieg zu führen, sondern ihn durch glaubwürdige Abschreckung zu verhindern. Und nicht im Alleingang, sondern durch verstärkte Bündelung der europäischen Kräfte, auch im Rüstungssektor.
- Wenn die nukleare Rückversicherung durch die USA infrage steht, kann Deutschland der Frage einer europäischen atomaren Abschreckung nicht mehr ausweichen. Das gilt für die ganze Skala von taktischen bis strategischen Fähigkeiten, die von Russland vorgehalten wird. Die Stationierung einiger französischer Nuklearwaffen in Deutschland, deren Einsatz vollständig in französischer Hand bleibt, kann nur ein erster Schritt auf dem Weg zu einer europäischen Verteidigungsunion sein, die auch eine nukleare Komponente umfasst. Ob sie innerhalb oder außerhalb der NATO angesiedelt ist, welche Staaten ihr angehören und wie weit sie ihre nationale Souveränität in gemeinsame Entscheidungsmechanismen übertragen, muss sich einem politischen Prozess herausstellen, der jetzt angegangen werden muss.
- Dass die internationalen Beziehungen nicht vollständig durch das Recht des Stärkeren bestimmt werden, liegt in unserem nationalen Interesse. Aber die bloße Beschwörung des Völkerrechts bleibt ohnmächtig, wenn sie nicht durch reale Macht unterfüttert ist. Auch erspart uns die Berufung auf internationales Recht nicht die Abwägung widerstreitender Normen und Interessen im Konflikt mit Staaten, die das Völkerrecht mit Füßen treten. Realpolitik bewegt sich in Grauzonen, nicht im Elfenbeinturm der reinen Lehre.
- Angesichts der politischen Divergenzen in Europa müssen wir verstärkt „Koalitionen der Willigen und Fähigen“ innerhalb der EU und über sie hinaus bilden, etwa bei der Unterstützung der Ukraine.
- Darüber hinaus sollten Deutschland und die EU weltweite Allianzen mit anderen Mittelmächten suchen, die ähnliche Interessen und Wertvorstellungen verfolgen. Das wird umso dringender, falls die USA weiter in Richtung einer nationalistischen und autoritären Politik abdriften. Ziel muss sein, einen neuen „globalen Westen“ zu bilden, der Menschenrechte, Demokratie und internationales Recht nach innen und außen verteidigt.
Verschiedene Faktoren entscheiden über mögliche Zukünfte
In welchen Konstellationen und Allianzen sich die künftige deutsche Außenpolitik bewegen wird, wie gefährlich die Lage wird und welchen Preis wir für die Verteidigung unserer Freiheit zahlen müssen, hängt entscheidend von Faktoren ab, die wir nur sehr bedingt beeinflussen können: Kann sich die demokratische Mitte in europäischen Schlüsselländern wie Frankreich und Polen behaupten oder wird die EU durch wachsende politische Polarisierung gelähmt? Welchen Weg gehen die USA? Welche Kräfte setzen sich in Russland nach Putin durch? Stürzt das Mullah-Regime im Iran oder gelingt ihm doch der Griff nach der Atombombe? Wird China Taiwan angreifen und die Konfrontation mit einem gespaltenen Westen suchen? Wird der Klimawandel ganze Regionen destabilisieren?
So oder so müssen wir uns auf turbulente Zeiten einstellen. Sie erfordern einen klaren Wertekompass und hohe Manövrierfähigkeit, Entschlossenheit und Pragmatismus. Politische Handlungsfähigkeit, ökonomische wie militärische Stärke und gesellschaftliche Resilienz sind entscheidende Voraussetzungen, um die liberale Demokratie in einer unruhigen, konfliktträchtigen Welt zu behaupten. Zukunftsfähige Außenpolitik beginnt damit, das eigene Haus in Ordnung zu bringen.
![]()
Hat Ihnen unser Beitrag gefallen? Dann spenden Sie doch einfach und bequem über unser Spendentool. Sie unterstützen damit die publizistische Arbeit von LibMod.
Wir sind als gemeinnützig anerkannt, entsprechend sind Spenden steuerlich absetzbar. Für eine Spendenbescheinigung (nötig bei einem Betrag über 200 EUR), senden Sie Ihre Adressdaten bitte an finanzen@libmod.de
Verwandte Themen
Newsletter bestellen
Mit dem LibMod-Newsletter erhalten Sie regelmäßig Neuigkeiten zu unseren Themen in Ihr Postfach.



