Frieden gibt es nur durch Stärke

Auf Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine zu hoffen, würde bedeuten, Putins Logik zu verkennen. Es braucht militärischen Druck und entschlossenes Handeln der Europäer, um die Ukraine in eine starke Position zu bringen. Ralf Fücks fasst die Erkenntnisse seiner jüngsten Ukraine-Reise für Welt am Sonntag zusammen.
Die Ukraine ist erschöpft. Der Winter war extrem hart. Die Friedhöfe mit den Gräbern der Gefallenen wachsen. Die Preise steigen. Soldaten und Arbeitskräfte werden knapp. Dennoch ist das Land heute widerstandsfähiger als zu Beginn der russischen Großoffensive im Februar 2022. Die große Mehrheit will ein Ende des Krieges, aber keine Unterwerfung. Kaum jemand glaubt an einen raschen Waffenstillstand – schon gar nicht an einen Friedensvertrag mit Russland, der diesen Namen verdient.
Wo soll der Raum für einen Kompromiss liegen? Die Ukrainer haben zu viele Opfer für ihre Unabhängigkeit und Freiheit gebracht, um ihre Souveränität preiszugeben. Den Donbas, das am stärksten militärisch befestigte Gebiet, an Russland auszuliefern und weitere Hunderttausende zu Flüchtlingen oder russischen Untertanen zu machen, ist inakzeptabel. Für Putin wäre die Annexion weiterer Gebiete nur ein Zwischenziel. Er hat nie von seiner Obsession abgelassen, die Ukraine wieder unter russische Vorherrschaft zu zwingen. Die Codewörter dafür lauten „Entnazifizierung“ und „Demilitarisierung“.
Statt auf einen baldigen Verhandlungsfrieden zu hoffen, sollten die Europäer alles tun, die Ukraine in eine möglichst starke Position zu bringen. Das heißt vor allem: Waffen, Munition, Luftabwehr, Drohnen. So viel und so schnell wie möglich. Der Ausgang des Krieges wird durch die militärischen Kräfteverhältnisse bestimmt. Das gilt auch für mögliche Verhandlungen. Putin wird erst einlenken, wenn eine Niederlage droht. Dazu muss auch der ökonomische Druck auf Russland erhöht werden. Die Sanktionen setzen die russische Wirtschaft zunehmend unter Stress. Einziger Wachstumssektor ist der militärisch-industrielle Komplex. Das steigende Staatsdefizit, Inflation, Einbruch der privaten Investitionen und wachsender Modernisierungsrückstand zehren an der Substanz. Russland wird ökonomisch schwächer.
Techno-Krieg
Russland greift an, die Ukraine verteidigt sich. Daran hat sich nichts geändert, auch wenn ihrer Armee sporadische Gegenvorstöße gelingen. Allerdings schafft auch Russland keine strategischen Durchbrüche, trotz immenser Verluste von 1000 Mann und mehr am Tag. Aufklärungsdrohnen und Satellitenbilder machen jede Truppenkonzentration zum Ziel für Drohnenangriffe und Artillerie. Was sich in einer Todeszone von 30–50 km bewegt, wird attackiert.
Die numerische Unterlegenheit der Ukraine – der Mangel an Soldaten, Munition und Artillerie – muss durch permanente technische Innovation kompensiert werden. An den vordersten Linien werden Soldaten durch Drohnen und Kampfroboter ersetzt. Technologie wird zum kriegsentscheidenden Faktor. Dabei hat die Ukraine vielfach die Nase vorn. Die Russen ziehen nach. Ihre Stärke liegt in den großen Stückzahlen. Um in diesem Wettlauf vorn zu bleiben, braucht die Ukraine die Kooperation mit westlichen Rüstungsfirmen. Sie muss durch staatliche Finanzierung flankiert werden.
Von der Front ins Hinterland
Wenn die Front weitgehend eingefroren ist, wird der Krieg im Hinterland entschieden. Russland zerstört die ukrainische Energieversorgung, zerbombt die Infrastruktur und will die Gesellschaft durch Drohnen- und Raketenterror zermürben. Inzwischen kehrt die Ukraine den Spieß um und greift mit wachsendem Erfolg Rüstungsbetriebe, Waffendepots, Raffinerien und Hafenanlagen tief in Russland an. Im April war bis zu einem Drittel der Ölexporte lahmgelegt. Das ist eine wirksame Waffe, ökonomisch wie psychologisch. Bisher spürte die russische Bevölkerung den Krieg kaum, zumal die rekrutierten Kämpfer überwiegend aus fernen Provinzen oder Straflagern kommen. Jetzt kehrt der Krieg nach Russland zurück. Wer Putin in die Defensive bringen will, muss der Ukraine weitreichende Präzisionswaffen liefern. Wann endlich Taurus, Herr Bundeskanzler?
Reise nach Kyjiw im April 2026
Putin wird versuchen, die Ukraine zu spalten
Der neue Zar im Kreml nutzt nicht nur Donald Trump als diplomatische Waffe. Er setzt auf die Kräfte in der EU, die lieber heute als morgen zu „business as usual“ mit Russland zurückkehren wollen. Die Niederlage Orbáns war ein Rückschlag für Putin. Aber es gibt genügend andere Rechts- und Linkspopulisten und bürgerliche Opportunisten, auf die er bauen kann. Gleichzeitig wird der Kreml versuchen, die Ukraine politisch zu spalten und eine Opposition nach georgischem Muster in Szene zu setzen, die sich an Russland statt an Europa anlehnen will. Wer das verhindern will, muss die Ukraine militärisch und finanziell handlungsfähig halten und zugleich ihre Integration in die EU und ein gemeinsames System europäischer Sicherheit vorantreiben. Je länger der Krieg dauert und je mehr der EU-Beitritt zur Fata-Morgana wird, desto leichteres Spiel hat Putin.
Kriegsflüchtlinge
Der Krieg führt zu einem demographischen Aderlass der Ukraine. Etwa 7 Millionen Menschen suchten Zuflucht im Ausland, davon 1,3 Millionen in Deutschland. Überwiegend sind es Frauen, Kinder und ältere Menschen, aber auch 350.000 Männer zwischen 18 und 63 Jahren. Nicht alle sind wehrpflichtig, aber fast alle fehlen als Arbeitskräfte. Etwa die Hälfte dieser Männer bezieht Bürgergeld. Es gibt liberale ukrainische Stimmen, die um Verständnis für die Emigranten werben. Aber die Kluft zwischen denen, die ihr Land verteidigen, und jenen, die ihm dem Rücken kehren, wächst. Sich der Wehrpflicht zu entziehen, ist nicht nur eine moralische Frage. Es ist eine Straftat. Das war in Deutschland nicht anders. Wer seiner Einberufung nicht nachkam, wurde von Feldjägern abgeholt.
Die Bundesregierung kann einiges tun, damit mehr Ukrainer im Land bleiben oder zurückkehren. Ein wichtiger Beitrag ist die gesundheitliche Rehabilitation von Veteranen, ihre berufliche Eingliederung und die Hilfe für die Familien von Gefallenen. Wer sein Leben aufs Spiel setzt, sollte sich darauf verlassen können, dass für ihn und seine Angehörigen gesorgt wird. Ein Schlüssel ist die Sicherung der Energieversorgung. Schließlich sollte die Bundesregierung Rückkehrprogramme für Kriegsflüchtlinge auflegen, die ihnen die Reintegration erleichtern. Eine freie und starke Ukraine ist ein Stützpfeiler für ein freies, starkes Europa.
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