Ausgeblendet – Die Empörten schweigen zum Iran

Die Empörung über Israels Kriegsführung in Gaza war groß, weltweit laut und aggressiv. Umso schriller klingt die Stille jener Empörten, die nun angesichts der Gräuel im Iran so gut wie nichts sagen, die schweigen, kommentiert Richard C. Schneider.
Es gibt diese Momente, in denen der moralische Kompass der selbsternannten Anständigen erstaunlich zuverlässig ausschlägt – allerdings nur in eine Richtung. Man kann fast die Uhr danach stellen. Sobald es um Israel geht, füllt sich die Straße, die Plakate sind schnell gemalt, das Vokabular griffbereit: „Völkerrecht“ hier, „Apartheid“ dort, „Genozid“ sowieso. Die immergleichen Parolen, geschrien mit der Gewissheit der moralisch Überlegenen. Sie kämpfen für die Menschenrechte. Dass dabei nicht selten Hamas-Fahnen wehen, Terror relativiert oder gleich noch romantisiert wird – geschenkt. Hauptsache, man steht auf der richtigen Seite der Geschichte. Also grundsätzlich und immer auf der gegen Israel.
Empörung hier, Wegsehen dort
Umso bemerkenswerter ist das nahezu dröhnende Schweigen, wenn man den Blick noch ein paar tausend Kilometer weiter nach Osten richtet, nach Teheran. Dort, wo Frauen wegen eines Stücks Stoff erschlagen werden, wo Demonstranten verschwinden, gefoltert, gehängt werden, wo ein Regime seine eigene Bevölkerung mit einer Mischung aus religiösem Wahn und nackter Gewalt in Schach hält und ihre Schergen in den letzten Wochen einfach so in die Menge hat schießen lassen, ohne Rücksicht auf Verlust. Ganz im Gegenteil, je mehr Verluste, desto besser – das jagt der eigenen Bevölkerung noch mehr Angst ein. Jeder neue ermordete iranische Zivilist ist für das Regime die scheinbare Rückversicherung fürs eigene Überleben.
Nun könnte man meinen, das Völker- und Menschenrecht hätte nicht nur in Gaza, sondern auch dort ein Wörtchen mitzureden. Man könnte meinen, progressive Empörung ließe sich auch dort abrufen. Stattdessen: überwiegend betretenes Wegsehen, ein Achselzucken, manchmal ein gemurmeltes „kompliziert“. Auf den Campus der Universitäten: gähnende Leere. Nichts.
Eingeübte Israelfeindschaft und Relativierung der Taten der Mullahs
Zweierlei Maß? Aber nein, wie könnte man so etwas unterstellen. Es ist natürlich alles viel differenzierter. Israel ist schließlich der perfekte Antagonist: ein „Kolonialstaat“, westlich, militärisch überlegen – und vor allem: jüdisch. Das macht es einfacher. Da weiß man sofort, wo oben und unten ist, wer der Böse und wer der Gute zu sein hat. Der Iran hingegen? Schwierig. Da sind es ja nicht „die Juden“ oder „die Zionisten“, die man mit jahrzehntelang eingeübter Leidenschaft zum globalen Bösewicht erklären kann. Da müsste man sich mit einem Regime anlegen, das sich antiwestlich, antiimperialistisch und antizionistisch definiert. Und genau da beginnt das ideologische Ziehen im Magen.
Denn die Islamische Revolution von 1979 war ja einmal ein Projekt, das in weiten Teilen der westlichen Linken mit leuchtenden Augen begrüßt wurde. Endlich erhob sich ein Volk gegen den bösen, vom Westen gestützten Schah! Endlich eine authentische, antiimperialistische Revolution! Dass man es mit Islamisten zu tun hatte, mit Klerikern, die wenig von Freiheit, Gleichberechtigung oder individueller Selbstbestimmung hielten – nun ja, das wollte man schon damals nicht so genau wissen. Oder man erklärte es sich schön. Der Feind meines Feindes ist schließlich mein Freund, und wenn er Frauen unterdrückt, Homosexuelle aufhängt und Andersdenkende ermordet, dann ist das eben „kultureller Kontext“.
Diese Denkfigur wirkt bis heute nach. Sie erklärt vielleicht, warum es manchen so schwerfällt, das Regime in Teheran klar und unmissverständlich zu verurteilen. Denn das würde bedeuten, sich einzugestehen, dass man sich geirrt hat. Dass die Islamische Revolution kein emanzipatorisches Projekt war, sondern der Beginn einer der brutalsten Theokratien und Diktaturen unserer Zeit. Es würde das eigene ideologische Weltbild durcheinanderbringen, und nichts fürchtet man mehr als das.
Milde und Verständnis gegenüber Hamas und Hizbollah
In dieses Bild passt auch die erstaunliche Milde, mit der Terrororganisationen betrachtet werden, solange sie sich gegen Israel richten. Hamas, Hizbollah – von Iran finanziert, bewaffnet, ideologisch getragen. Beides Terrorgruppen, deren Programm offen antisemitisch ist und deren Praxis aus Raketenbeschuss, Selbstmordattentaten, Pogrom und Geiselnahmen besteht. Und doch wurden und werden sie von Teilen des progressiven Milieus verklärt, relativiert, gelegentlich sogar als „Widerstandskräfte“ oder „Freiheitskämpfer“ etikettiert. Dass prominente Intellektuelle wie Judith Butler mit entsprechenden Aussagen zitiert werden, ist kein zu vernachlässigendes Detail, sondern Symptom für das eigentliche Problem: Wenn der Hass auf Israel groß genug ist, rutscht der moralische Maßstab erstaunlich flexibel mit.
Und so kommt es, dass viele derselben Stimmen, die jede israelische Militäraktion mit der Lupe des Völkerrechts sezieren, beim Iran verstummen. So gut wie keine Demos, keine Hashtags, keine empörten Künstlerstatements. Wo sind sie, die offenen Briefe, die Solidaritätskonzerte, die emotionalen Instagram-Videos? Wo bleiben die Tränen für iranische Frauen, die Mut beweisen und dafür mit dem Leben bezahlen? Wo die Wut über die Ermordung von einfachen iranischen Bürgern, die für ihre Freiheit, um es noch einmal zu wiederholen: für ihre Freiheit kämpfen? Offenbar reicht ihr Leid nicht aus, um den moralischen Alarm auszulösen. Vielleicht, weil es das falsche Narrativ stört.
Ideologie statt Sorge um Menschenrechte
Vor diesem Hintergrund wirkt ein viral gegangenes KI-Video fast wie eine böse, aber treffende Fußnote. Man sieht darin die Gesichter jener prominenten Figuren, die sich lautstark gegen Israel positioniert haben – Susan Sarandon, Greta Thunberg, Zoran Mamdani, Angelina Jolie, Roger Waters und andere. In dem Video verschließen sie angesichts der Ereignisse im Iran demonstrativ Augen, Ohren und Mund. Sehen nichts, hören nichts, sagen nichts. Am Ende erscheint eine Faust mit ausgestrecktem Mittelfinger, dem „Stinkefinger“, auf dem Handrücken ein Davidstern. Keine subtile Geste, sicher. Aber die visuelle Übersetzung dessen, was viele Israelis – und nicht nur sie – empfinden: den Überdruss an der Verlogenheit, an der selektiven Moral, an der Empörung nach Bedarf.
Vielleicht ist es genau das: Es geht leider nicht um Menschenrechte an sich, nicht um das Völkerrecht, nicht um universelle Werte. Es geht um Ideologie. Und Ideologie hat die unangenehme Eigenschaft, die Realität nur dann zu interessieren, wenn sie ins eigene Weltbild passt. Alles andere blendet man lieber aus. Augen zu, Ohren zu, Mund zu.
![]()
Hat Ihnen unser Beitrag gefallen? Dann spenden Sie doch einfach und bequem über unser Spendentool. Sie unterstützen damit die publizistische Arbeit von LibMod.
Wir sind als gemeinnützig anerkannt, entsprechend sind Spenden steuerlich absetzbar. Für eine Spendenbescheinigung (nötig bei einem Betrag über 200 EUR), senden Sie Ihre Adressdaten bitte an finanzen@libmod.de
Verwandte Themen
Newsletter bestellen
Mit dem LibMod-Newsletter erhalten Sie regelmäßig Neuigkeiten zu unseren Themen in Ihr Postfach.



