Die Grünen im Zwischentief

Nach dem Abschied ihrer Galions­fi­guren Habeck und Baerbock stecken die Grünen in einer Phase der Orien­tie­rungs­lo­sigkeit – zwischen Regie­rungs­an­spruch, Identi­täts­de­batten und wachsendem Gegenwind. Wird die Partei die Kraft findet, sich neu zu erfinden und wieder zum Reform­motor zu werden, fragt Ralf Fücks und zieht in seinem Gastbeitrag für Welt nüchtern Bilanz.

Um die Grünen ist es still geworden. Der abrupte Abschied Ihrer Galions­fi­guren Habeck und Baerbock hat eine klaffende Lücke gerissen. Sie waren die Gesichter der Partei, medien­affin und mit dem Nimbus des Unver­brauchten. Die zahlreichen Neuein­tritte gingen vor allem auf das Konto des Menschen­fi­schers Habeck. Sein Abgang traf die Grünen wie eine kalte Dusche. Sie schüt­telten sich und machten weiter. Aber es fehlt an Debat­ten­freude und Inspi­ration. Man spürt die Versu­chung, sich wieder auf „grün pur“ zurück­zu­ziehen, statt alte Gewiss­heiten infrage zu stellen.

Wer beerbt Habeck?

Cem Özdemir, dessen Charisma und Popula­rität am ehesten an Habeck heran­reicht, versucht sein Glück in Baden-Württemberg. Es wäre ein politi­sches Wunder, wenn er die Wahl im März gewinnt und Winfried Kretschmann als Minis­ter­prä­sident beerben kann. Zu sehr hat sich der Wind gegen die Grünen gedreht.

Die Wahlnie­derlage vom Februar 2025 markiert eine Zäsur: das Ende der Liebes­heirat der Grünen mit dem Zeitgeist. In Windeseile mutierten sie vom Darling der Medien und des liberalen Bürgertums zum Sündenbock. An allem sind die Grünen schuld: Wirtschafts­misere, überbor­dende Bürokratie, hohe Energie­preise, all die Probleme, die mit millio­nen­facher Zuwan­derung aus anderen Kultur­kreisen verbunden sind. Als hätten sie und nicht Union und SPD die meiste Zeit regiert.

Grünen-Bashing im Bierzelt

Markus Söder und Teile der Union betei­ligten sich fleißig am Grünen-Bashing. Damit lässt sich im Bierzelt punkten, aber strate­gisch ist die Verteu­felung der Grünen ein Eigentor. Die CDU wird die Grünen noch brauchen, wenn sie demokra­tische Mehrheiten gegen AfD und Linke bilden will.

Der politische Einfluss der Grünen war lange größer als die Wahler­geb­nisse vermuten ließen. Grüne Positionen diffun­dierten in die Program­matik von Union und SPD: Atomaus­stieg, Energie­wende, Gender, Minder­hei­ten­rechte. Zeitweise saßen sie in mehr Landes­re­gie­rungen als die CDU. In öffentlich-recht­lichen Medien, im Kultur­be­trieb und an Hochschulen sind grüne Weltsichten überpro­por­tional vertreten. Die konser­vative Klage über „rot-grüne kultu­relle Hegemonie“ hat einen wahren Kern. Aber sie erzählt mehr von den Versäum­nissen der Union, ihrer kultu­rellen Trägheit und ideellen Mattheit als von den diabo­li­schen Fähig­keiten der Grünen.

Positive Bilanz bei Sicherheitspolitik

Zieht man eine nüchterne Bilanz, so steht auf der Haben­seite grüner Politik vor allem die klare Haltung in der Außen- und Sicher­heits­po­litik. Wenn es um die Vertei­digung Europas geht, um Russland und die Ukraine, das Bekenntnis zu einer robusten militä­ri­schen Abschre­ckung und den hybriden Krieg, den autoritäre Regimes gegen die europäi­schen Demokratien führen, sind die Grünen eine verläss­liche Größe. Nach allen Umfragen haben ihre Anhänger die „Zeiten­wende“ konse­quenter vollzogen als die Wähler­basis von SPD und Union.

Auch in der Haushalts- und Finanz­po­litik halten die Grünen einen vernünf­tigen Kurs der Mitte zwischen fiska­li­schem Dogma­tismus und Öffnung der Schleu­sentore für ungebremste Verschuldung. Ihr Drängen, das 500 Milliarden–Sondervermögen strikt auf Zukunfts­in­ves­ti­tionen auszu­richten, ist lobenswert.

Gemischte Bilanz bei Energiepolitik

In der Energie­po­litik ist die Bilanz gemischt. Der forcierte Ausbau erneu­er­barer Energien und das erfolg­reiche Krisen­ma­nagement nach dem abrupten Stopp der russi­schen Gaslie­fe­rungen zählen zur Haben­seite. Das erspart nicht eine kritische Selbst­be­fragung. Dass die Grünen trotz Gaskrise und steigender Energie­preise am Fahrplan des Atomaus­stiegs festhielten, brachte den Ideolo­gie­ver­dacht zurück. Kosten und Zeiträume der Energie­wende wurden unter­schätzt. Staat­liches Mikro­ma­nagement und perfek­tio­nis­tische Regelungen im Detail verprellten Unter­nehmen und Bürger. Die drama­tisch verän­derten geopo­li­ti­schen und wirtschaft­lichen Rahmen­be­din­gungen schlagen auch auf die Klima- und Energie­po­litik durch. Eine Kurskor­rektur ist überfällig, wenn man verhindern will, dass sie unter die Räder kommt. Die Trans­for­mation zur Klima­neu­tra­lität gelingt nur, wenn sie auch wirtschaftlich ein Erfolg wird.

Grüne Migra­ti­ons­po­litik: die Achillesferse

Die zweite grüne Achil­les­ferse ist die Migra­ti­ons­frage. Obwohl sie auch hier ihre Politik schritt­weise korri­giert haben, hängt ihnen ein naiver Multi­kulti-Idealismus nach; die Unter­schätzung des Konflikt­po­ten­zials massen­hafter Einwan­derung und eine morali­sie­rende Abwehr aller Forde­rungen nach Kontrolle und Begrenzung.
Wenn die Grünen wieder Land gewinnen wollen, müssten sie in der Klima- und Migra­ti­ons­po­litik deutlicher signa­li­sieren „Wir haben verstanden“.

Dazu kommen ungeklärte strate­gische Diffe­renzen über den künftigen Kurs der Partei: Wollen sie als öko-sozial­li­berale Kraft das demokra­tische Zentrum der Republik stärken oder geht die Reise in Richtung Links­bündnis? Die Antwort hängt nicht allein von den Grünen ab. Wenn die Union sich mit Wonne auf die Grünen einschießt, stärkt sie die Kräfte, die auf ihrer­seits auf harte Abgrenzung zur CDU/​CSU drängen. Und wenn Teile der Union damit liebäugeln, den Weg für politische Mehrheiten mit der AfD freizu­räumen, treiben sie die Grünen in Richtung eines BreiLiBü (breites linkes Bündnis) gegen den drohenden „Rechtsruck“.

Richtung demokra­ti­schem Zentrum oder BreiLiBü?

Bisher sind die Grünen bei aller Kritik an der Bundes­re­gierung ihrer Linie der konstruk­tiven Opposition treu geblieben. Sie haben der Versu­chung wider­standen, sich mit der Linken einen populis­tische Überbie­tungs­wett­bewerb zu liefern. Die grüne Führungs­riege begreift sich als Regierung im Warte­stand. Mit Blick auf die kommende Bundes­tagswahl ist das eine realis­tische Perspektive. Für Schwarz-Rot wird es dann voraus­sichtlich nicht mehr reichen. Damit diese Rechnung aufgeht, müssen die Grünen mehr politische Initia­tiven starten und Debatten um die Zukunft der Republik anzetteln. Die Rolle des Reform­motors ist vakant. Die Grünen sollten sie übernehmen.

Eine dynamische Lage

Bleibt eine große Unbekannte: Wer schon heute auf die nächste Regie­rungs­bildung speku­liert, könnte von den Ereig­nissen überrollt werden. Es ist keineswegs ausge­macht, dass das jetzige Partei­en­gefüge bis zur regulären Bundes­tagswahl im Frühjahr 2029 stabil bleibt. Wohl möglich, dass es in den nächsten Jahren zu Umbrüchen im konser­vativ-liberalen wie im linken Spektrum kommt, die neue Forma­tionen und Allianzen hervor­bringen. Für die Grünen ist das Chance und Risiko zugleich.

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