Wir sind der Zukunft nicht ausgeliefert

Ein Gespräch mit Ralf Fücks über die Heraus­for­de­rungen der freien Gesell­schaft und den Weg in eine ökolo­gi­sche Moderne 

Das Interview erschien zuerst in DIE FUNZEL – Philo­so­phi­sche Halb­jah­res­schrift (Ausgabe 5 – Juli 2020).

Die ergeb­nis­of­fene Diskus­sion ist in den Geistes- und Sozi­al­wis­sen­schaften genuiner Teil der Erkennt­nis­pro­duk­tion – und unter dem Distanz­gebot der Pandemie mit neuen Heraus­for­de­rungen verbunden. Ralf Fücks will den Fragen der Gegenwart mit einer positiven Offenheit begegnen. Als dann endlich der Weg frei ist für ein Interview, nimmt er sich Zeit, seine Antworten sorg­fältig zu formu­lieren. In beein­dru­ckender Weise spricht er kraftvoll und unauf­ge­regt zugleich. 

Herr Fücks, geben Sie uns zu Beginn die Möglich­keit, Ihre Gedan­ken­welt etwas kennen zu lernen: Welche Denker und Denk­schulen haben Sie besonders beein­druckt und warum? 

Ralf Fücks: Da ich ja schon ein etwas älteres Semester mit einer ziemlich bewegten Biogra­phie bin, ist das ein bunter Kanon an Autoren – ange­fangen von Marx und Adorno über Hannah Arendt, Karl Popper und François Furet bis zu einer ganzen Reihe von Schrift­stel­lern, von Goethes Faust bis Philip Roth. Ich lese ja nicht nur poli­ti­sche Literatur. Das ist eine Bildungs­ge­schichte mit einigen Biegungen und Wendungen: Ich habe mich damals als blut­junger Schüler und dann als Student schnur­stracks in die links­ra­di­kale Bewegung Ende der 60er und Anfang der 70er gestürzt. Die ersten Jahre waren marxis­ti­sche Theo­re­tiker auch mein Lektü­re­kanon und es brauchte eine Zeit, bis mich da ‘raus­ge­ar­beitet habe. Eine große Rolle hat da zum Beispiel die Lektüre der soge­nannten Renegaten-Schrift­steller gespielt, die heute kaum jemand kennt, die aber unbedingt lesens­wert sind: Arthur Koestler, Manes Sperber, Wolfgang Leonhard und andere, die in den 30er Jahren kommu­nis­ti­sche Intel­lek­tu­elle waren und dann zwischen die Mühl­steine von Natio­nal­so­zia­lismus und Stali­nismus geraten sind; die sich dann unter großem persön­li­chem Ringen zu einem demo­kra­ti­schen, liberalen Stand­punkt durch­ge­ar­beitet haben. Das hat mich enorm beein­druckt und diese Lektüre war für mich auch ein intel­lek­tu­elles Sprung­brett, um mich von meiner links­ra­di­kalen Phase zu verabschieden.

Dann gab es einen zweiten Abschnitt, da hat ökolo­gi­sche Literatur eine große Rolle gespielt. Ich bin nach einer gewissen Inku­ba­ti­ons­zeit, einer Phase der Neuori­en­tie­rung, 1982 zu den Grünen gegangen – als bewusster Neuanfang. Das war natürlich verbunden mit der Entde­ckung der ökolo­gi­schen Frage, mit dem berühmten Report des Club of Rome über die Grenzen des Wachstums[1] – über den es viel zu sagen gibt, auch Kriti­sches aus heutiger Sicht – bis zu Rudolf Bahos „Die Alter­na­tive“. Und schließ­lich kam nochmal eine Phase der Wieder­ent­de­ckung von im weitesten Sinne liberalen Autoren wie Hannah Arendt und Karl Popper.

Dieser intel­lek­tu­elle Facet­ten­reichtum findet sich auch in Ihren Arbeiten wieder. Da ich selbst vor allem mit den liberalen Vertre­tern in der Geschichte des ökono­mi­schen Denkens vertraut bin, hat es mich sehr faszi­niert, dass Sie in Ihrem Buch Freiheit vertei­digen“[2] unter anderem Karl Marx anführen, um den Kapi­ta­lismus gegen vormodern geprägte Kritik zu verteidigen.

Ralf Fücks: Ja! Kaum jemand hat den Kapi­ta­lismus besser erfasst als Marx. Damit meine ich nicht seine ökono­mi­sche Theorie im engeren Sinn und seine Unter­gangs­pro­gnosen. Da gibt es profunde Irrtümer, dennoch hat er hat den Geist des Kapi­ta­lismus unglaub­lich gut verstanden: die ständige Erneue­rung, perma­nente Umwälzung, unauf­hör­liche Verän­de­rung, dieses Rastlose, das den Kapi­ta­lismus als Produk­ti­ons­weise ausmacht. Schon die Rede über „den Kapi­ta­lismus“ ist proble­ma­tisch, das ist eine dünne Abstrak­tion. Tatsäch­lich exis­tieren kapi­ta­lis­ti­sche Wirt­schafts­for­ma­tionen – im Plural! – in einer Vielfalt unter­schied­li­cher Ausprä­gungen, die alle abhängen vom poli­ti­schen und kultu­rellen Kontext. Es ist eben nicht einfach so, wie die marxis­ti­sche Ortho­doxie behauptet, dass die Politik nur ein Wurm­fort­satz der kapi­ta­lis­ti­schen Ökonomie, nur der Voll­stre­cker der Inter­essen des Kapitals sei, sondern umgekehrt: Politik hat einen enorm starken Einfluss auf die Ausprä­gung des Kapi­ta­lismus. Man muss sich nur in der Welt umschauen: Zwischen dem chine­si­schen Staats­ka­pi­ta­lismus, dem ameri­ka­ni­schen Kapi­ta­lismus und den euro­päi­schen Wohl­fahrts­staaten, etwa dem skan­di­na­vi­schen Modell, bestehen himmel­weite Unter­schiede. Insofern bin ich ausge­spro­chen reser­viert, wenn von „dem Kapi­ta­lismus“ gespro­chen wird. Und ich finde schon gar nicht, dass man von einer deter­mi­nis­ti­schen Mechanik – wie sie schon bei Marx angelegt ist – ausgehen kann, dass alles bestimmten ehernen Gesetzen folgt, die sich hinter dem Rücken der Menschen durch­setzen und zwangs­läufig zum Zusam­men­bruch des Kapi­ta­lismus führen werden. Das ist empirisch zur Genüge falsi­fi­ziert worden. Der Witz am Kapi­ta­lismus ist ja gerade, dass er sich in Krisen ständig erneuert.

Gerade im Gespräch mit Leuten, die sich nicht alltäg­lich mit sozio­öko­no­mi­schen Fragen beschäf­tigen, merkt man bei Contai­ner­be­griffen wie „der Kapi­ta­lismus“ auch häufig, dass deshalb ein Dissens entsteht, weil man schon von vorn­herein nicht über dasselbe spricht.

Ralf Fücks: Man kann natürlich versuchen, ihn auf ein paar charak­te­ris­ti­sche Grund­ele­mente zu redu­zieren – Privat­ei­gentum an Produk­ti­ons­mit­teln, Markt­kon­kur­renz, Geld­wirt­schaft –, aber damit hat man eigent­lich noch gar nichts erklärt.

Sie haben bereits die ständige Dynamik ange­spro­chen haben und dieses ständige Umwälzen scheint auch im Begriff „Moderne“ zu stecken, der in Ihren Schriften allge­gen­wärtig ist. In der Geschichts­wis­sen­schaft wird er oft mit einer Erfahrung von Beschleu­ni­gung in Verbin­dung gebracht.[3] Man nutzt jedoch meist nur Quel­len­be­griff für das Epochen­ver­ständnis histo­ri­scher Akteure und meidet ihn aber als analy­ti­schen Zugang wählen, weil man in ihm kaum inhalt­liche Substanz erkennt… 

Ralf Fücks: Da würde ich wider­spre­chen. Natürlich gibt es keine präzise Abgren­zung, wann die Moderne beginnt. Man kann da unter­schied­lich ansetzen: mit der Renais­sance, der indus­tri­ellen Revo­lu­tion, mit der Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion und der ameri­ka­ni­schen Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung. Insofern ist das ein fluk­tu­ie­render Begriff. Aber ich glaube, er löst nicht von ungefähr sehr starke Asso­zia­tionen aus, weil doch die meisten zumindest eine Ahnung davon haben, was Moderne heißt. Die wissens­ba­sierte Aufklä­rung ist ein konsti­tu­tives Element der Moderne: die Wissen­schaft hat eine immer stärkere Bedeutung für die ökono­mi­sche und gesell­schaft­liche Entwick­lung bekommen. Wir sind inzwi­schen eine wissens­ba­sierte Gesell­schaft und da sich das Wissen in einem unge­heuren Tempo verviel­facht, ist das auch mit eine Erklärung für den Beschleu­ni­gungs­ef­fekt, den Sie schon zitiert haben.

Das zweite Element ist die perma­nente Verän­de­rung, die beschleu­nigte tech­no­lo­gi­sche, kultu­relle, soziale und poli­ti­sche Entwick­lung. Dass Verän­de­rung eine Konstante ist, ist ein Grund­ge­setz moderner Gesellschaften.

Ich würde zumindest noch einen dritten Gesichts­punkt nennen und das ist die zuneh­mende Indi­vi­dua­li­sie­rung, das Streben nach indi­vi­du­eller Selbst­ver­wirk­li­chung, nach Selbst­ent­fal­tung, nach Selbst­be­stim­mung. Auch das ist ein konsti­tu­tives Element, zusammen mit der zuneh­menden Ausdif­fe­ren­zie­rung unserer Gesell­schaften, die Hand in Hand mit dem Indi­vi­dua­lismus geht.

Dagegen gehört die Demo­kratie nicht notwen­di­ger­weise zur Moderne. Das ist etwas, was wir jetzt ange­sichts Chinas besser verstehen, weil China eine Art auto­ri­täre Hyper­mo­derne verkör­pert, also gerade die Trennung von Moderne und Demo­kratie. Deshalb heißt unser Zentrum übrigens Zentrum für die Liberale Moderne, [4] weil es uns genau um diese Verbin­dung von Moderne und Demo­kratie geht.

Sie betonen einer­seits die Dynamik und die Offenheit der freien Gesell­schaft als konsti­tutiv für die Moderne…

Ralf Fücks: Vielen Dank für das Stichwort „Offenheit“. Das ist ein wichtiges Stichwort, denn es bedeutet: Die Zukunft ist offen, sie ist nicht deter­mi­niert. Sie ist nicht Schicksal, was über uns kommt, sondern sie entsteht aus unseren Hand­lungen heute. Und dieses Element der Gestalt­bar­keit, dass wir die Zukunft formen können und ihr nicht einfach ausge­lie­fert sind, auch das unter­scheidet die Moderne von früheren gesell­schaft­li­chen Ordnungen.

Aber Sie beschreiben auch, dass diese Offenheit von vielen Menschen als eine „meta­phy­si­sche Leere“ wahr­ge­nommen wird, die mit einer Sehnsucht nach dem Heroi­schen konkur­riert und die dadurch unter Druck gerät von einer Verbin­dung aus tradierten marxis­ti­schen und faschis­ti­schen Homo­ge­ni­täts­ideen mit einem neuen Heroismus. Welche Rolle spielen solche Formen des „Radical Chic“?

Ralf Fücks: Das ist eine eigen­ar­tige Melange. Einer­seits hat die post­mo­derne Linke konti­nu­ier­lich die Enthe­roi­sie­rung und Pazi­fi­zie­rung der Gesell­schaft betrieben, vor allem die Pazi­fi­zie­rung des Mannes – bis hin zur Karikatur des osten­tativ unag­gres­siven Softie. Auch das Credo, dass alle Konflikte friedlich lösbar sind, per Dialog, per Kompro­miss, das Sich-Einfühlen in den anderen – ist ein Element von Pazi­fi­zie­rung. Es zielt auf die Zivi­li­sie­rung von Konflikten und den Abschied von Gewalt. Gleich­zeitig gibt es aber unter der Ober­fläche offenbar doch wieder ein Bedürfnis nach Radi­ka­lität und exis­ten­ti­eller Kampf­be­reit­schaft bis hin zur Militanz. Das ist immer wieder bemerkbar, in der Literatur und in den Feuil­le­tons stärker als in der Politik, wo man dieses Element bei den links­ra­di­kalen und rechts­ra­di­kalen Gruppen wieder­findet. Ich erinnere nur an den nie endenden Kult um Ché Guevara oder die klamm­heim­liche Faszi­na­tion für die RAF, die wir auch im rechts­ra­di­kalen Unter­grund wieder­finden. Die Sehnsucht nach dem Exis­ten­zi­ellen in der Politik, die Lust am Risiko und einem Element des Kampfes hat Paral­lelen zu Strö­mungen vor dem Ersten Weltkrieg und dann sehr stark in den 20er und 30er Jahren, die sich sowohl in der kommu­nis­ti­schen Bewegung wie in der konser­va­tiven Revo­lu­tion finden: Es geht um die Revolte gegen die vermeint­liche Lange­weile der parla­men­ta­ri­schen Demo­kratie, gegen das Unspek­ta­ku­läre  und Unhe­roi­sche des bürger­li­chen Lebens. Das ist so ein Element, mit dem man – so glaube ich – rechnen muss, und auf das man versuchen muss, zivile Antworten zu finden, also zum Beispiel im poli­ti­schen Enga­ge­ment, das durchaus auch mit einer gewissen Leiden­schaft verbunden ist. In der Politik geht es nicht nur um rationale Argumente, sondern immer auch um Leiden­schaft. Das spürt man zurzeit ein bisschen bei „Fridays for Future“ – das Gefühl: Wir sind an einem Wende­punkt – jetzt geht es entweder in die Kata­strophe oder in die Rettung vor der Kata­strophe. Das ist zwar über­spitzt, denn am Ende braucht Politik immer Zeit und ist lang­wierig: man ändert die Verhält­nisse nicht auf Knopf­druck. Aber liberale Politik kann nicht nur das sein, was Popper mal Stückwerk-Politik nannte – dieser pure Prag­ma­tismus, das ist zu wenig.

Durch „Fridays for Future“ scheint sich auch ein neues genera­tio­nales Gefühl des Exis­ten­zi­ellen zu bilden. Anhand von Carl Schmitt und Martin Heidegger illus­trieren Sie, dass histo­ri­schen exis­ten­zia­lis­ti­schen Denk­mus­tern ein Gegensatz zur Pazi­fi­zie­rung innewohnt, von der man viel­leicht sagen könnte, dass die parla­men­ta­ri­sche Demo­kratie so etwas wie die Insti­tu­tio­na­li­sie­rung des pazi­fi­zierten Indi­vi­duums ist. 

Ralf Fücks: Die parla­men­ta­ri­sche Demo­kratie ist die Pazi­fi­zie­rung der Politik in dem Sinne, dass Politik nicht als Bürger­krieg verstanden wird. Da kommt dann Carl Schmitt, der gerade die Gegen­these vertritt, der die Politik vom Ausnah­me­zu­stand her denkt, in der es um die Frage geht: Wer besiegt wen?

Der Parla­men­ta­rismus versucht gerade das aufzu­lösen in Konsens­bil­dung und Kompro­misse. Das bedeutet nicht, dass es keinen poli­ti­schen Kampf gibt, kein leiden­schaft­li­ches Ringen um poli­ti­sche Alter­na­tiven, um unter­schied­liche Ziele, um unter­schied­liche Wege – aber eben nicht mit dem Ziel, den anderen zu vernichten. Und das ist ein entschei­dender Unter­schied zwischen einem demo­kra­ti­schen Poli­tik­ver­ständnis und einem poli­ti­schen Radi­ka­lismus, der Politik als Bürger­krieg versteht.

„Fridays for Future“ ist auch ein gutes Stichwort, um über die ökolo­gi­sche Frage zu sprechen. Sie schreiben immer wieder über „ökolo­gi­sche Moderne“,[5] auch eine der Unter­ka­te­go­rien auf dem Blog Ihres Zentrums heißt so. Dabei fällt auf, dass Sie sehr deut­li­chen sagen, dass sich aus den roten Linien, die das Ökosystem dem Natur­ver­brauch vorgibt, keine fixen Grenzen für die Entwick­lung der mensch­li­chen Zivi­li­sa­tion ableiten. Wie kommen Sie darauf?

Ralf Fücks: Das ist ein alter Konflikt zwischen unter­schied­li­chen Denk­schulen, den es längst vor der modernen Ökolo­gie­be­we­gung gab. Man denke etwa an Thomas Malthus, einen damals sehr berühmten briti­schen Theologen und Ökonomen, der Anfang des 19. Jahr­hun­derts seine Bevöl­ke­rungs­theorie aufstellte, in der er „nachwies“, dass die Erde nicht mehr als etwa eine Milliarde wird tragen können. Er ging aus von der damaligen Produk­ti­vität der Land­wirt­schaft und hat dann hoch­ge­rechnet: Wie viele Menschen kann der Planet ernähren? Im Grunde war das eine frühe Form der Grenzen des Wachstums – alles, was darüber hinaus­schießt, führt in Hungers­nöte und letztlich eben in den Zusam­men­bruch der Zivi­li­sa­tion. Das ist die gleiche Denkfigur wie das auch der Bericht an den Club of Rome zu Grunde legt: Wenn das Wachstum bestimmte Grenzen über­schreitet, dann bricht die Gesell­schaft zusammen.

Was Malthus aber nicht gesehen hat und was auch die Autoren des Club of Rome nicht gesehen haben, war die perma­nente Weiter­ent­wick­lung der Produk­tiv­kräfte, die perma­nente tech­ni­sche Revo­lu­tion, die immer neue Möglich­keiten eröffnet, unsere Existenz auf diesem Planeten zu erweitern. Malthus rechnete nicht mit der modernen Biologie, der Tier- und Pflan­zen­zucht, der Stick­stoff­dün­gung, der land­wirt­schaft­li­chen Revo­lu­tion, die es ermög­licht hat, nicht nur eine Milliarde, sondern heute sieben­ein­halb Milli­arden Menschen auf dem Planeten zu ernähren. Der Anteil und auch die absolute Zahl der Hungernden geht zurück, die Lebens­er­war­tung hat sich verdop­pelt gegenüber der Zeit von Malthus. Es ist das Potential, das in der mensch­li­chen Erfin­dungs­kraft liegt, das uns ermög­licht, die Grenzen unserer natür­li­chen Existenz immer weiter hinauszuschieben.

Die moderne Technik ist nichts anderes als eine Erwei­te­rung unserer natür­li­chen Fähig­keiten: dass wir fliegen können, oder dass wir uns in einem Zug mit 300 Stun­den­ki­lo­me­tern Geschwin­dig­keit durch die Land­schaft bewegen, das über­steigt ja das, was die Natur uns eigent­lich vorge­geben hat. Und insofern gibt es eine Dialektik zwischen den natür­li­chen Grenzen und der kultu­rellen und ökono­mi­schen Entwick­lung – sie sind nicht identisch.

Das heißt nicht, dass es keine ökolo­gi­schen Grenzen gäbe, die wir tunlichst respek­tieren sollten, zum Beispiel, was die Akku­mu­la­tion von CO2 in der Atmo­sphäre angeht. Wenn wir da bestimmte Grenzen über­schreiten, hat das ganz fatale Folgen für das Erdklima. Oder wenn wir den Raubbau an den Böden so weit treiben, dass er die Boden­frucht­bar­keit zerstört, dann hat das fatale Wirkungen auf die Welt­ernäh­rung. Es gibt also bestimmte Belas­tungs­grenzen – das ist eigent­lich das präzisere Wort – der Ökosys­teme, die wir nicht über­schreiten dürfen, weil wir sonst den Kollaps dieser Systeme riskieren. Aber aus diesen Belas­tungs­grenzen folgt eben keine fixe Grenze des Wachstums. Wenn wir Öl, Gas und Kohle, die fossilen Energien, auf denen die Indus­tria­li­sie­rung beruht hat, ersetzen durch erneu­er­bare Energien, können wir unseren Ener­gie­ver­brauch sogar noch steigern. Und wenn wir zu einer Recy­cling­öko­nomie übergehen, in der jeder Reststoff wieder­ver­wertet wird, entweder in der land­wirt­schaft­li­chen oder in der indus­tri­ellen Produk­tion, können wir auch der Knappheit von Ressourcen entkommen oder sie zumindest noch so weit hinaus­schieben, bis wir synthe­ti­sche Ersatz­stoffe für begrenzte natür­liche Ressourcen gefunden haben.

Die Kritik am perma­nenten wirt­schaft­li­chen Wachstum präsen­tieren Sie in Ihrem Buch in einer Tradition von kultur­pes­si­mis­ti­schen Kritiken an der Moderne, etwa bei Mary Shelley etwa oder auch bei Johann Wolfgang Goethe, die zurück in eine vormo­derne, statische Gesell­schaft streben. Dem stellen Sie program­ma­tisch ein Zitat von Karl Popper voran: „Es gibt keine Rückkehr in einen harmo­ni­schen Natur­zu­stand. Wenn wir uns zurück­wenden, dann müssen wir den ganzen Weg zurück­gehen – wir müssen wieder zu Raub­tieren werden.“[6]Warum ist entschleu­nigtes oder begrenztes Wachstum für Sie nicht denkbar?

Ralf Fücks: In einer Welt von bald zehn Milli­arden Menschen ist Null­wachstum oder gar „Degrowth“ keine realis­ti­sche Option. Erst recht nicht, wenn man den Milli­arden Menschen, die heute noch in Armut leben, das Recht auf ein besseres, reicheres Leben zugesteht. Wir können nicht zurück hinter die moderne Industrie und Land­wirt­schaft, sondern müssen sie auf eine ökolo­gi­sche Grundlage stellen. Mary Shelley und Goethe waren zu Beginn der Indus­tria­li­sie­rung ungeheuer hell­sichtig im Hinblick auf die destruk­tiven Seiten der Moderne. Sie haben die Gefahren, die die Moderne mit sich bringt im Begriff der mensch­li­chen Hybris gefasst: Wenn der Mensch sich über die Natur erhebt, wenn er sich über Gott erhebt, dann ist er in Gefahr, sich selbst zu vernichten. Dafür hat Shelley die Figur des Fran­ken­stein erfunden und Goethe im Faust II das Scheitern des Versuchs, die Natur zu bezwingen. Darin waren sie unglaub­lich hell­sichtig. Aber die Konse­quenz daraus ist eben nicht das Zurück in eine schein­bare Harmonie mit der Natur, die es so nie gegeben hat. Die Natur war für die große Zahl der Menschen im 16./17./18. Jahr­hun­dert grausam und keine Idylle. Vielmehr ist die Konse­quenz aus diesen Gefahren der Moderne, dass wir eine reflexive Moder­ni­sie­rung brauchen, eine, die sich permanent selbst kritisch reflek­tiert, ihre Fehl­ent­wick­lungen, ihre Risiken kritisch reflek­tiert und einen konti­nu­ier­li­chen Lern­pro­zess organisiert.

Auf die sozialen und ökono­mi­schen Reali­täten gewendet bedeutet dieser Lern­pro­zess Ihren Ausfüh­rungen nach eine „Grüne Indus­tri­elle Revo­lu­tion“ als Schritt in die ökolo­gi­sche Moderne. Ich beschäf­tige mich in meinen Arbeiten schwer­punkt­mäßig mit der Entste­hung von Inno­va­ti­ons­kul­turen in länd­li­chen Räumen am Beginn der Indus­tria­li­sie­rung. Blickt man auf die wirt­schafts­his­to­ri­sche Literatur zur Indus­tri­ellen Revo­lu­tion,[7] so fällt vor allem auf, dass dieser Prozess so unfassbar komplex und auch regional so heterogen war, dass es bis heute schwer­fällt, seine Genese konkret zu erklären. Wo sehen Sie da die Möglich­keiten für uns, eine so dyna­mi­sche, so schnelle Trans­for­ma­tion gezielt herbei­führen zu können? 

Ralf Fücks: Es gibt zumindest zwei Grund­ele­mente, die zusam­men­kommen müssen: Das eine sind bahn­bre­chende Erfin­dungen. Die wich­tigste Erfindung am Ausgangs­punkt der Indus­tri­ellen Revo­lu­tion war die Dampf­ma­schine in ihren unter­schied­li­chen Anwen­dungen, sowohl für die indus­tri­elle Produk­tion wie für die Mobilität, für die Eisenbahn und die Dampf­schiff­fahrt. Und das ging dann einher mit einer ganzen Serie von Erfin­dungen, die sich daran anknüpften. Aber tech­ni­sche Inno­va­tion allein, also bahn­bre­chende Erfin­dungen von etwas quali­tativ Neuem, reichen nicht aus. Es braucht gesell­schaft­liche Systeme, die in der Lage sind, diese Erfin­dungen auch im großen Stil nutzbar zu machen. Da spielen dann Unter­neh­mertum, Markt­wirt­schaft und auch Demo­kratie eine große Rolle – also gesell­schaft­liche Systeme, die plura­lis­tisch sind, die ein hohes Maß an Eigen­in­itia­tive ermög­li­chen und die Wett­be­werb mit Zusam­men­ar­beit kombi­nieren. Das sind Grund­ele­mente, die man für gelungene Trans­for­ma­ti­ons­pro­zesse impli­zieren kann. Es gibt ja auch geschei­terte Trans­for­ma­tionen; Zusam­men­brüche, die in Krisen enden. Und deshalb bin ich überzeugt davon, dass diese Kombi­na­tion aus Markt­wirt­schaft und liberaler Demo­kratie auch die beste Form ist, den Klima­wandel zu bewäl­tigen: Sie kombi­niert ein hohes Maß an Inno­va­ti­ons­fä­hig­keit mit Refle­xi­vität, mit Korrek­tur­fä­hig­keit und mit gesell­schaft­li­cher Selbst­steue­rung. Ich bin nach wie vor fest davon überzeugt, dass diese offenen Gesell­schaften auch im Hinblick auf ihre Krisen­fä­hig­keit den auto­ri­tären Systemen überlegen sind, auch wenn China heute extrem selbst­be­wusst auftritt und sich als die hand­lungs­fä­hige Alter­na­tive präsen­tiert. Eine Top-Down-Gesell­schaft, die von oben gesteuert wird, ist nie so kreativ wie eine liberale, plura­lis­ti­sche Gesellschaftsform.

 

Das Gespräch führte Johannes K. Staudt. Es erschien zuerst in DIE FUNZEL – Philo­so­phi­sche Halb­jah­res­schrift (Ausgabe 5 – Juli 2020).

 

[1] Vgl. Meadows, Dennis et. al.: The limits of growths. A report for the Club of Rome’s project on the predi­ca­ment of mankind. New York 1972.

[2] Fücks, Ralf: Freiheit vertei­digen. Wie wir den Kampf um die offene Gesell­schaft gewinnen. München 2017.

[3] Vgl. Jung, Theo: Beschleu­ni­gung im langen 19. Jahr­hun­dert. Einheit und Vielfalt einer Epochen­ka­te­gorie. Traverse 3 (2016), S. 51 – 63.

[4] Das Zentrum Liberale Moderne ist ein 2017 von Ralf Fücks und Marie­luise Beck gegrün­deter Think Tank, der sich der Vertei­di­gung der offenen Gesell­schaft und der liberalen Demo­kratie widmet. Online hält es unter https://libmod.de neben einem umfang­rei­chen Blog die Themen­por­tale Gegner­ana­lyse und Ukraine verstehen bereit.

[5] Vgl. u. a. Fücks, Ralf: Intel­li­gent wachsen. Die grüne Revo­lu­tion. München 2013.

[6] Popper, Karl zit. n. Fücks, Ralf: Freiheit vertei­digen, S. 163.

[7] Vgl. u. a. Vries, Peer: Ursprünge des modernen Wirt­schafts­wachs­tums. England, China und die Welt in der Frühen Neuzeit. Göttingen 2013. Brüg­ge­meier, Franz-Josef: Schranken der Natur. Umwelt, Gesell­schaft, Expe­ri­mente 1750 bis heute. Essen 2014. Mokyr, Joel: The Enligh­tened Economy. Britain and the Indus­trial Revo­lu­tion 1700 – 1850. New Haven 2010.