Wir sind der Zukunft nicht aus­ge­lie­fert

Ein Gespräch mit Ralf Fücks über die Her­aus­for­de­run­gen der freien Gesell­schaft und den Weg in eine öko­lo­gi­sche Moderne

Das Inter­view erschien zuerst in DIE FUNZEL – Phi­lo­so­phi­sche Halb­jah­res­schrift (Ausgabe 5 – Juli 2020).

Die ergeb­nis­of­fene Dis­kus­sion ist in den Geistes- und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten genui­ner Teil der Erkennt­nis­pro­duk­tion – und unter dem Distanz­ge­bot der Pan­de­mie mit neuen Her­aus­for­de­run­gen ver­bun­den. Ralf Fücks will den Fragen der Gegen­wart mit einer posi­ti­ven Offen­heit begeg­nen. Als dann endlich der Weg frei ist für ein Inter­view, nimmt er sich Zeit, seine Ant­wor­ten sorg­fäl­tig zu for­mu­lie­ren. In beein­dru­cken­der Weise spricht er kraft­voll und unauf­ge­regt zugleich.

Herr Fücks, geben Sie uns zu Beginn die Mög­lich­keit, Ihre Gedan­ken­welt etwas kennen zu lernen: Welche Denker und Denk­schu­len haben Sie beson­ders beein­druckt und warum?

Ralf Fücks: Da ich ja schon ein etwas älteres Semes­ter mit einer ziem­lich beweg­ten Bio­gra­phie bin, ist das ein bunter Kanon an Autoren – ange­fan­gen von Marx und Adorno über Hannah Arendt, Karl Popper und Fran­çois Furet bis zu einer ganzen Reihe von Schrift­stel­lern, von Goethes Faust bis Philip Roth. Ich lese ja nicht nur poli­ti­sche Lite­ra­tur. Das ist eine Bil­dungs­ge­schichte mit einigen Bie­gun­gen und Wen­dun­gen: Ich habe mich damals als blut­jun­ger Schüler und dann als Student schnur­stracks in die links­ra­di­kale Bewe­gung Ende der 60er und Anfang der 70er gestürzt. Die ersten Jahre waren mar­xis­ti­sche Theo­re­ti­ker auch mein Lek­tü­re­ka­non und es brauchte eine Zeit, bis mich da ‘raus­ge­ar­bei­tet habe. Eine große Rolle hat da zum Bei­spiel die Lektüre der soge­nann­ten Rene­ga­ten-Schrift­stel­ler gespielt, die heute kaum jemand kennt, die aber unbe­dingt lesens­wert sind: Arthur Koest­ler, Manes Sperber, Wolf­gang Leon­hard und andere, die in den 30er Jahren kom­mu­nis­ti­sche Intel­lek­tu­elle waren und dann zwi­schen die Mühl­steine von Natio­nal­so­zia­lis­mus und Sta­li­nis­mus geraten sind; die sich dann unter großem per­sön­li­chem Ringen zu einem demo­kra­ti­schen, libe­ra­len Stand­punkt durch­ge­ar­bei­tet haben. Das hat mich enorm beein­druckt und diese Lektüre war für mich auch ein intel­lek­tu­el­les Sprung­brett, um mich von meiner links­ra­di­ka­len Phase zu ver­ab­schie­den.

Dann gab es einen zweiten Abschnitt, da hat öko­lo­gi­sche Lite­ra­tur eine große Rolle gespielt. Ich bin nach einer gewis­sen Inku­ba­ti­ons­zeit, einer Phase der Neu­ori­en­tie­rung, 1982 zu den Grünen gegan­gen – als bewuss­ter Neu­an­fang. Das war natür­lich ver­bun­den mit der Ent­de­ckung der öko­lo­gi­schen Frage, mit dem berühm­ten Report des Club of Rome über die Grenzen des Wachs­tums[1] – über den es viel zu sagen gibt, auch Kri­ti­sches aus heu­ti­ger Sicht – bis zu Rudolf Bahos „Die Alter­na­tive“. Und schließ­lich kam nochmal eine Phase der Wie­der­ent­de­ckung von im wei­tes­ten Sinne libe­ra­len Autoren wie Hannah Arendt und Karl Popper.

Dieser intel­lek­tu­elle Facet­ten­reich­tum findet sich auch in Ihren Arbei­ten wieder. Da ich selbst vor allem mit den libe­ra­len Ver­tre­tern in der Geschichte des öko­no­mi­schen Denkens ver­traut bin, hat es mich sehr fas­zi­niert, dass Sie in Ihrem Buch Frei­heit ver­tei­di­gen“[2] unter anderem Karl Marx anfüh­ren, um den Kapi­ta­lis­mus gegen vor­mo­dern geprägte Kritik zu ver­tei­di­gen.

Ralf Fücks: Ja! Kaum jemand hat den Kapi­ta­lis­mus besser erfasst als Marx. Damit meine ich nicht seine öko­no­mi­sche Theorie im engeren Sinn und seine Unter­gangs­pro­gno­sen. Da gibt es pro­funde Irr­tü­mer, dennoch hat er hat den Geist des Kapi­ta­lis­mus unglaub­lich gut ver­stan­den: die stän­dige Erneue­rung, per­ma­nente Umwäl­zung, unauf­hör­li­che Ver­än­de­rung, dieses Rast­lose, das den Kapi­ta­lis­mus als Pro­duk­ti­ons­weise aus­macht. Schon die Rede über „den Kapi­ta­lis­mus“ ist pro­ble­ma­tisch, das ist eine dünne Abs­trak­tion. Tat­säch­lich exis­tie­ren kapi­ta­lis­ti­sche Wirt­schafts­for­ma­tio­nen – im Plural! – in einer Viel­falt unter­schied­li­cher Aus­prä­gun­gen, die alle abhän­gen vom poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Kontext. Es ist eben nicht einfach so, wie die mar­xis­ti­sche Ortho­do­xie behaup­tet, dass die Politik nur ein Wurm­fort­satz der kapi­ta­lis­ti­schen Öko­no­mie, nur der Voll­stre­cker der Inter­es­sen des Kapi­tals sei, sondern umge­kehrt: Politik hat einen enorm starken Ein­fluss auf die Aus­prä­gung des Kapi­ta­lis­mus. Man muss sich nur in der Welt umschauen: Zwi­schen dem chi­ne­si­schen Staats­ka­pi­ta­lis­mus, dem ame­ri­ka­ni­schen Kapi­ta­lis­mus und den euro­päi­schen Wohl­fahrts­staa­ten, etwa dem skan­di­na­vi­schen Modell, bestehen him­mel­weite Unter­schiede. Inso­fern bin ich aus­ge­spro­chen reser­viert, wenn von „dem Kapi­ta­lis­mus“ gespro­chen wird. Und ich finde schon gar nicht, dass man von einer deter­mi­nis­ti­schen Mecha­nik – wie sie schon bei Marx ange­legt ist – aus­ge­hen kann, dass alles bestimm­ten ehernen Geset­zen folgt, die sich hinter dem Rücken der Men­schen durch­set­zen und zwangs­läu­fig zum Zusam­men­bruch des Kapi­ta­lis­mus führen werden. Das ist empi­risch zur Genüge fal­si­fi­ziert worden. Der Witz am Kapi­ta­lis­mus ist ja gerade, dass er sich in Krisen ständig erneu­ert.

Gerade im Gespräch mit Leuten, die sich nicht all­täg­lich mit sozio­öko­no­mi­schen Fragen beschäf­ti­gen, merkt man bei Con­tai­ner­be­grif­fen wie „der Kapi­ta­lis­mus“ auch häufig, dass deshalb ein Dissens ent­steht, weil man schon von vorn­her­ein nicht über das­selbe spricht.

Ralf Fücks: Man kann natür­lich ver­su­chen, ihn auf ein paar cha­rak­te­ris­ti­sche Grund­ele­mente zu redu­zie­ren – Pri­vat­ei­gen­tum an Pro­duk­ti­ons­mit­teln, Markt­kon­kur­renz, Geld­wirt­schaft –, aber damit hat man eigent­lich noch gar nichts erklärt.

Sie haben bereits die stän­dige Dynamik ange­spro­chen haben und dieses stän­dige Umwäl­zen scheint auch im Begriff „Moderne“ zu stecken, der in Ihren Schrif­ten all­ge­gen­wär­tig ist. In der Geschichts­wis­sen­schaft wird er oft mit einer Erfah­rung von Beschleu­ni­gung in Ver­bin­dung gebracht.[3] Man nutzt jedoch meist nur Quel­len­be­griff für das Epo­chen­ver­ständ­nis his­to­ri­scher Akteure und meidet ihn aber als ana­ly­ti­schen Zugang wählen, weil man in ihm kaum inhalt­li­che Sub­stanz erkennt…

Ralf Fücks: Da würde ich wider­spre­chen. Natür­lich gibt es keine präzise Abgren­zung, wann die Moderne beginnt. Man kann da unter­schied­lich anset­zen: mit der Renais­sance, der indus­tri­el­len Revo­lu­tion, mit der Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion und der ame­ri­ka­ni­schen Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung. Inso­fern ist das ein fluk­tu­ie­ren­der Begriff. Aber ich glaube, er löst nicht von unge­fähr sehr starke Asso­zia­tio­nen aus, weil doch die meisten zumin­dest eine Ahnung davon haben, was Moderne heißt. Die wis­sens­ba­sierte Auf­klä­rung ist ein kon­sti­tu­ti­ves Element der Moderne: die Wis­sen­schaft hat eine immer stär­kere Bedeu­tung für die öko­no­mi­sche und gesell­schaft­li­che Ent­wick­lung bekom­men. Wir sind inzwi­schen eine wis­sens­ba­sierte Gesell­schaft und da sich das Wissen in einem unge­heu­ren Tempo ver­viel­facht, ist das auch mit eine Erklä­rung für den Beschleu­ni­gungs­ef­fekt, den Sie schon zitiert haben.

Das zweite Element ist die per­ma­nente Ver­än­de­rung, die beschleu­nigte tech­no­lo­gi­sche, kul­tu­relle, soziale und poli­ti­sche Ent­wick­lung. Dass Ver­än­de­rung eine Kon­stante ist, ist ein Grund­ge­setz moder­ner Gesell­schaf­ten.

Ich würde zumin­dest noch einen dritten Gesichts­punkt nennen und das ist die zuneh­mende Indi­vi­dua­li­sie­rung, das Streben nach indi­vi­du­el­ler Selbst­ver­wirk­li­chung, nach Selbst­ent­fal­tung, nach Selbst­be­stim­mung. Auch das ist ein kon­sti­tu­ti­ves Element, zusam­men mit der zuneh­men­den Aus­dif­fe­ren­zie­rung unserer Gesell­schaf­ten, die Hand in Hand mit dem Indi­vi­dua­lis­mus geht.

Dagegen gehört die Demo­kra­tie nicht not­wen­di­ger­weise zur Moderne. Das ist etwas, was wir jetzt ange­sichts Chinas besser ver­ste­hen, weil China eine Art auto­ri­täre Hyper­mo­derne ver­kör­pert, also gerade die Tren­nung von Moderne und Demo­kra­tie. Deshalb heißt unser Zentrum übri­gens Zentrum für die Libe­rale Moderne, [4] weil es uns genau um diese Ver­bin­dung von Moderne und Demo­kra­tie geht.

Sie betonen einer­seits die Dynamik und die Offen­heit der freien Gesell­schaft als kon­sti­tu­tiv für die Moderne…

Ralf Fücks: Vielen Dank für das Stich­wort „Offen­heit“. Das ist ein wich­ti­ges Stich­wort, denn es bedeu­tet: Die Zukunft ist offen, sie ist nicht deter­mi­niert. Sie ist nicht Schick­sal, was über uns kommt, sondern sie ent­steht aus unseren Hand­lun­gen heute. Und dieses Element der Gestalt­bar­keit, dass wir die Zukunft formen können und ihr nicht einfach aus­ge­lie­fert sind, auch das unter­schei­det die Moderne von frü­he­ren gesell­schaft­li­chen Ord­nun­gen.

Aber Sie beschrei­ben auch, dass diese Offen­heit von vielen Men­schen als eine „meta­phy­si­sche Leere“ wahr­ge­nom­men wird, die mit einer Sehn­sucht nach dem Heroi­schen kon­kur­riert und die dadurch unter Druck gerät von einer Ver­bin­dung aus tra­dier­ten mar­xis­ti­schen und faschis­ti­schen Homo­ge­ni­täts­ideen mit einem neuen Hero­is­mus. Welche Rolle spielen solche Formen des „Radical Chic“?

Ralf Fücks: Das ist eine eigen­ar­tige Melange. Einer­seits hat die post­mo­derne Linke kon­ti­nu­ier­lich die Ent­he­roi­sie­rung und Pazi­fi­zie­rung der Gesell­schaft betrie­ben, vor allem die Pazi­fi­zie­rung des Mannes – bis hin zur Kari­ka­tur des osten­ta­tiv unag­gres­si­ven Softie. Auch das Credo, dass alle Kon­flikte fried­lich lösbar sind, per Dialog, per Kom­pro­miss, das Sich-Ein­füh­len in den anderen – ist ein Element von Pazi­fi­zie­rung. Es zielt auf die Zivi­li­sie­rung von Kon­flik­ten und den Abschied von Gewalt. Gleich­zei­tig gibt es aber unter der Ober­flä­che offen­bar doch wieder ein Bedürf­nis nach Radi­ka­li­tät und exis­ten­ti­el­ler Kampf­be­reit­schaft bis hin zur Mili­tanz. Das ist immer wieder bemerk­bar, in der Lite­ra­tur und in den Feuil­le­tons stärker als in der Politik, wo man dieses Element bei den links­ra­di­ka­len und rechts­ra­di­ka­len Gruppen wie­der­fin­det. Ich erin­nere nur an den nie enden­den Kult um Ché Guevara oder die klamm­heim­li­che Fas­zi­na­tion für die RAF, die wir auch im rechts­ra­di­ka­len Unter­grund wie­der­fin­den. Die Sehn­sucht nach dem Exis­ten­zi­el­len in der Politik, die Lust am Risiko und einem Element des Kampfes hat Par­al­le­len zu Strö­mun­gen vor dem Ersten Welt­krieg und dann sehr stark in den 20er und 30er Jahren, die sich sowohl in der kom­mu­nis­ti­schen Bewe­gung wie in der kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­tion finden: Es geht um die Revolte gegen die ver­meint­li­che Lan­ge­weile der par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie, gegen das Unspek­ta­ku­läre  und Unhe­roi­sche des bür­ger­li­chen Lebens. Das ist so ein Element, mit dem man – so glaube ich – rechnen muss, und auf das man ver­su­chen muss, zivile Ant­wor­ten zu finden, also zum Bei­spiel im poli­ti­schen Enga­ge­ment, das durch­aus auch mit einer gewis­sen Lei­den­schaft ver­bun­den ist. In der Politik geht es nicht nur um ratio­nale Argu­mente, sondern immer auch um Lei­den­schaft. Das spürt man zurzeit ein biss­chen bei „Fridays for Future“ – das Gefühl: Wir sind an einem Wen­de­punkt – jetzt geht es ent­we­der in die Kata­stro­phe oder in die Rettung vor der Kata­stro­phe. Das ist zwar über­spitzt, denn am Ende braucht Politik immer Zeit und ist lang­wie­rig: man ändert die Ver­hält­nisse nicht auf Knopf­druck. Aber libe­rale Politik kann nicht nur das sein, was Popper mal Stück­werk-Politik nannte – dieser pure Prag­ma­tis­mus, das ist zu wenig.

Durch „Fridays for Future“ scheint sich auch ein neues genera­tio­na­les Gefühl des Exis­ten­zi­el­len zu bilden. Anhand von Carl Schmitt und Martin Hei­deg­ger illus­trie­ren Sie, dass his­to­ri­schen exis­ten­zia­lis­ti­schen Denk­mus­tern ein Gegen­satz zur Pazi­fi­zie­rung inne­wohnt, von der man viel­leicht sagen könnte, dass die par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tie so etwas wie die Insti­tu­tio­na­li­sie­rung des pazi­fi­zier­ten Indi­vi­du­ums ist.

Ralf Fücks: Die par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tie ist die Pazi­fi­zie­rung der Politik in dem Sinne, dass Politik nicht als Bür­ger­krieg ver­stan­den wird. Da kommt dann Carl Schmitt, der gerade die Gegen­these ver­tritt, der die Politik vom Aus­nah­me­zu­stand her denkt, in der es um die Frage geht: Wer besiegt wen?

Der Par­la­men­ta­ris­mus ver­sucht gerade das auf­zu­lö­sen in Kon­sens­bil­dung und Kom­pro­misse. Das bedeu­tet nicht, dass es keinen poli­ti­schen Kampf gibt, kein lei­den­schaft­li­ches Ringen um poli­ti­sche Alter­na­ti­ven, um unter­schied­li­che Ziele, um unter­schied­li­che Wege – aber eben nicht mit dem Ziel, den anderen zu ver­nich­ten. Und das ist ein ent­schei­den­der Unter­schied zwi­schen einem demo­kra­ti­schen Poli­tik­ver­ständ­nis und einem poli­ti­schen Radi­ka­lis­mus, der Politik als Bür­ger­krieg ver­steht.

„Fridays for Future“ ist auch ein gutes Stich­wort, um über die öko­lo­gi­sche Frage zu spre­chen. Sie schrei­ben immer wieder über „öko­lo­gi­sche Moderne“,[5] auch eine der Unter­ka­te­go­rien auf dem Blog Ihres Zen­trums heißt so. Dabei fällt auf, dass Sie sehr deut­li­chen sagen, dass sich aus den roten Linien, die das Öko­sys­tem dem Natur­ver­brauch vorgibt, keine fixen Grenzen für die Ent­wick­lung der mensch­li­chen Zivi­li­sa­tion ablei­ten. Wie kommen Sie darauf?

Ralf Fücks: Das ist ein alter Kon­flikt zwi­schen unter­schied­li­chen Denk­schu­len, den es längst vor der moder­nen Öko­lo­gie­be­we­gung gab. Man denke etwa an Thomas Malthus, einen damals sehr berühm­ten bri­ti­schen Theo­lo­gen und Öko­no­men, der Anfang des 19. Jahr­hun­derts seine Bevöl­ke­rungs­theo­rie auf­stellte, in der er „nach­wies“, dass die Erde nicht mehr als etwa eine Mil­li­arde wird tragen können. Er ging aus von der dama­li­gen Pro­duk­ti­vi­tät der Land­wirt­schaft und hat dann hoch­ge­rech­net: Wie viele Men­schen kann der Planet ernäh­ren? Im Grunde war das eine frühe Form der Grenzen des Wachs­tums – alles, was darüber hin­aus­schießt, führt in Hun­gers­nöte und letzt­lich eben in den Zusam­men­bruch der Zivi­li­sa­tion. Das ist die gleiche Denk­fi­gur wie das auch der Bericht an den Club of Rome zu Grunde legt: Wenn das Wachs­tum bestimmte Grenzen über­schrei­tet, dann bricht die Gesell­schaft zusam­men.

Was Malthus aber nicht gesehen hat und was auch die Autoren des Club of Rome nicht gesehen haben, war die per­ma­nente Wei­ter­ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräfte, die per­ma­nente tech­ni­sche Revo­lu­tion, die immer neue Mög­lich­kei­ten eröff­net, unsere Exis­tenz auf diesem Pla­ne­ten zu erwei­tern. Malthus rech­nete nicht mit der moder­nen Bio­lo­gie, der Tier- und Pflan­zen­zucht, der Stick­stoff­dün­gung, der land­wirt­schaft­li­chen Revo­lu­tion, die es ermög­licht hat, nicht nur eine Mil­li­arde, sondern heute sie­ben­ein­halb Mil­li­ar­den Men­schen auf dem Pla­ne­ten zu ernäh­ren. Der Anteil und auch die abso­lute Zahl der Hun­gern­den geht zurück, die Lebens­er­war­tung hat sich ver­dop­pelt gegen­über der Zeit von Malthus. Es ist das Poten­tial, das in der mensch­li­chen Erfin­dungs­kraft liegt, das uns ermög­licht, die Grenzen unserer natür­li­chen Exis­tenz immer weiter hin­aus­zu­schie­ben.

Die moderne Technik ist nichts anderes als eine Erwei­te­rung unserer natür­li­chen Fähig­kei­ten: dass wir fliegen können, oder dass wir uns in einem Zug mit 300 Stun­den­ki­lo­me­tern Geschwin­dig­keit durch die Land­schaft bewegen, das über­steigt ja das, was die Natur uns eigent­lich vor­ge­ge­ben hat. Und inso­fern gibt es eine Dia­lek­tik zwi­schen den natür­li­chen Grenzen und der kul­tu­rel­len und öko­no­mi­schen Ent­wick­lung – sie sind nicht iden­tisch.

Das heißt nicht, dass es keine öko­lo­gi­schen Grenzen gäbe, die wir tun­lichst respek­tie­ren sollten, zum Bei­spiel, was die Akku­mu­la­tion von CO2 in der Atmo­sphäre angeht. Wenn wir da bestimmte Grenzen über­schrei­ten, hat das ganz fatale Folgen für das Erd­klima. Oder wenn wir den Raubbau an den Böden so weit treiben, dass er die Boden­frucht­bar­keit zer­stört, dann hat das fatale Wir­kun­gen auf die Welt­ernäh­rung. Es gibt also bestimmte Belas­tungs­gren­zen – das ist eigent­lich das prä­zi­sere Wort – der Öko­sys­teme, die wir nicht über­schrei­ten dürfen, weil wir sonst den Kollaps dieser Systeme ris­kie­ren. Aber aus diesen Belas­tungs­gren­zen folgt eben keine fixe Grenze des Wachs­tums. Wenn wir Öl, Gas und Kohle, die fos­si­len Ener­gien, auf denen die Indus­tria­li­sie­rung beruht hat, erset­zen durch erneu­er­bare Ener­gien, können wir unseren Ener­gie­ver­brauch sogar noch stei­gern. Und wenn wir zu einer Recy­cling­öko­no­mie über­ge­hen, in der jeder Rest­stoff wie­der­ver­wer­tet wird, ent­we­der in der land­wirt­schaft­li­chen oder in der indus­tri­el­len Pro­duk­tion, können wir auch der Knapp­heit von Res­sour­cen ent­kom­men oder sie zumin­dest noch so weit hin­aus­schie­ben, bis wir syn­the­ti­sche Ersatz­stoffe für begrenzte natür­li­che Res­sour­cen gefun­den haben.

Die Kritik am per­ma­nen­ten wirt­schaft­li­chen Wachs­tum prä­sen­tie­ren Sie in Ihrem Buch in einer Tra­di­tion von kul­tur­pes­si­mis­ti­schen Kri­ti­ken an der Moderne, etwa bei Mary Shelley etwa oder auch bei Johann Wolf­gang Goethe, die zurück in eine vor­mo­derne, sta­ti­sche Gesell­schaft streben. Dem stellen Sie pro­gram­ma­tisch ein Zitat von Karl Popper voran: „Es gibt keine Rück­kehr in einen har­mo­ni­schen Natur­zu­stand. Wenn wir uns zurück­wen­den, dann müssen wir den ganzen Weg zurück­ge­hen – wir müssen wieder zu Raub­tie­ren werden.“[6]Warum ist ent­schleu­nig­tes oder begrenz­tes Wachs­tum für Sie nicht denkbar?

Ralf Fücks: In einer Welt von bald zehn Mil­li­ar­den Men­schen ist Null­wachs­tum oder gar „Degrowth“ keine rea­lis­ti­sche Option. Erst recht nicht, wenn man den Mil­li­ar­den Men­schen, die heute noch in Armut leben, das Recht auf ein bes­se­res, rei­che­res Leben zuge­steht. Wir können nicht zurück hinter die moderne Indus­trie und Land­wirt­schaft, sondern müssen sie auf eine öko­lo­gi­sche Grund­lage stellen. Mary Shelley und Goethe waren zu Beginn der Indus­tria­li­sie­rung unge­heuer hell­sich­tig im Hin­blick auf die destruk­ti­ven Seiten der Moderne. Sie haben die Gefah­ren, die die Moderne mit sich bringt im Begriff der mensch­li­chen Hybris gefasst: Wenn der Mensch sich über die Natur erhebt, wenn er sich über Gott erhebt, dann ist er in Gefahr, sich selbst zu ver­nich­ten. Dafür hat Shelley die Figur des Fran­ken­stein erfun­den und Goethe im Faust II das Schei­tern des Ver­suchs, die Natur zu bezwin­gen. Darin waren sie unglaub­lich hell­sich­tig. Aber die Kon­se­quenz daraus ist eben nicht das Zurück in eine schein­bare Har­mo­nie mit der Natur, die es so nie gegeben hat. Die Natur war für die große Zahl der Men­schen im 16./17./18. Jahr­hun­dert grausam und keine Idylle. Viel­mehr ist die Kon­se­quenz aus diesen Gefah­ren der Moderne, dass wir eine refle­xive Moder­ni­sie­rung brau­chen, eine, die sich per­ma­nent selbst kri­tisch reflek­tiert, ihre Fehl­ent­wick­lun­gen, ihre Risiken kri­tisch reflek­tiert und einen kon­ti­nu­ier­li­chen Lern­pro­zess orga­ni­siert.

Auf die sozia­len und öko­no­mi­schen Rea­li­tä­ten gewen­det bedeu­tet dieser Lern­pro­zess Ihren Aus­füh­run­gen nach eine „Grüne Indus­tri­elle Revo­lu­tion“ als Schritt in die öko­lo­gi­sche Moderne. Ich beschäf­tige mich in meinen Arbei­ten schwer­punkt­mä­ßig mit der Ent­ste­hung von Inno­va­ti­ons­kul­tu­ren in länd­li­chen Räumen am Beginn der Indus­tria­li­sie­rung. Blickt man auf die wirt­schafts­his­to­ri­sche Lite­ra­tur zur Indus­tri­el­len Revo­lu­tion,[7] so fällt vor allem auf, dass dieser Prozess so unfass­bar komplex und auch regio­nal so hete­ro­gen war, dass es bis heute schwer­fällt, seine Genese konkret zu erklä­ren. Wo sehen Sie da die Mög­lich­kei­ten für uns, eine so dyna­mi­sche, so schnelle Trans­for­ma­tion gezielt her­bei­füh­ren zu können?

Ralf Fücks: Es gibt zumin­dest zwei Grund­ele­mente, die zusam­men­kom­men müssen: Das eine sind bahn­bre­chende Erfin­dun­gen. Die wich­tigste Erfin­dung am Aus­gangs­punkt der Indus­tri­el­len Revo­lu­tion war die Dampf­ma­schine in ihren unter­schied­li­chen Anwen­dun­gen, sowohl für die indus­tri­elle Pro­duk­tion wie für die Mobi­li­tät, für die Eisen­bahn und die Dampf­schiff­fahrt. Und das ging dann einher mit einer ganzen Serie von Erfin­dun­gen, die sich daran anknüpf­ten. Aber tech­ni­sche Inno­va­tion allein, also bahn­bre­chende Erfin­dun­gen von etwas qua­li­ta­tiv Neuem, reichen nicht aus. Es braucht gesell­schaft­li­che Systeme, die in der Lage sind, diese Erfin­dun­gen auch im großen Stil nutzbar zu machen. Da spielen dann Unter­neh­mer­tum, Markt­wirt­schaft und auch Demo­kra­tie eine große Rolle – also gesell­schaft­li­che Systeme, die plu­ra­lis­tisch sind, die ein hohes Maß an Eigen­in­itia­tive ermög­li­chen und die Wett­be­werb mit Zusam­men­ar­beit kom­bi­nie­ren. Das sind Grund­ele­mente, die man für gelun­gene Trans­for­ma­ti­ons­pro­zesse impli­zie­ren kann. Es gibt ja auch geschei­terte Trans­for­ma­tio­nen; Zusam­men­brü­che, die in Krisen enden. Und deshalb bin ich über­zeugt davon, dass diese Kom­bi­na­tion aus Markt­wirt­schaft und libe­ra­ler Demo­kra­tie auch die beste Form ist, den Kli­ma­wan­del zu bewäl­ti­gen: Sie kom­bi­niert ein hohes Maß an Inno­va­ti­ons­fä­hig­keit mit Refle­xi­vi­tät, mit Kor­rek­tur­fä­hig­keit und mit gesell­schaft­li­cher Selbst­steue­rung. Ich bin nach wie vor fest davon über­zeugt, dass diese offenen Gesell­schaf­ten auch im Hin­blick auf ihre Kri­sen­fä­hig­keit den auto­ri­tä­ren Sys­te­men über­le­gen sind, auch wenn China heute extrem selbst­be­wusst auf­tritt und sich als die hand­lungs­fä­hige Alter­na­tive prä­sen­tiert. Eine Top-Down-Gesell­schaft, die von oben gesteu­ert wird, ist nie so kreativ wie eine libe­rale, plu­ra­lis­ti­sche Gesell­schafts­form.

 

Das Gespräch führte Johan­nes K. Staudt. Es erschien zuerst in DIE FUNZEL – Phi­lo­so­phi­sche Halb­jah­res­schrift (Ausgabe 5 – Juli 2020).

 

[1] Vgl. Meadows, Dennis et. al.: The limits of growths. A report for the Club of Rome’s project on the pre­di­ca­ment of mankind. New York 1972.

[2] Fücks, Ralf: Frei­heit ver­tei­di­gen. Wie wir den Kampf um die offene Gesell­schaft gewin­nen. München 2017.

[3] Vgl. Jung, Theo: Beschleu­ni­gung im langen 19. Jahr­hun­dert. Einheit und Viel­falt einer Epo­chen­ka­te­go­rie. Tra­verse 3 (2016), S. 51 – 63.

[4] Das Zentrum Libe­rale Moderne ist ein 2017 von Ralf Fücks und Marie­luise Beck gegrün­de­ter Think Tank, der sich der Ver­tei­di­gung der offenen Gesell­schaft und der libe­ra­len Demo­kra­tie widmet. Online hält es unter https://libmod.de neben einem umfang­rei­chen Blog die The­men­por­tale Geg­ner­ana­lyse und Ukraine ver­ste­hen bereit.

[5] Vgl. u. a. Fücks, Ralf: Intel­li­gent wachsen. Die grüne Revo­lu­tion. München 2013.

[6] Popper, Karl zit. n. Fücks, Ralf: Frei­heit ver­tei­di­gen, S. 163.

[7] Vgl. u. a. Vries, Peer: Ursprünge des moder­nen Wirt­schafts­wachs­tums. England, China und die Welt in der Frühen Neuzeit. Göt­tin­gen 2013. Brüg­ge­meier, Franz-Josef: Schran­ken der Natur. Umwelt, Gesell­schaft, Expe­ri­mente 1750 bis heute. Essen 2014. Mokyr, Joel: The Enligh­te­ned Economy. Britain and the Indus­trial Revo­lu­tion 1700 – 1850. New Haven 2010.