Mega! Nation Branding auf Weltausstellungen 1851–2025

Vor wenigen Tagen deklarierte der Regierende Bürgermeister von Berlin eine Bewerbung für die EXPO 2035 als eine “Riesenchance” für die deutsche Hauptstadt. Wieso das? Was soll die Expo in Berlin? Jessica Gienow-Hecht, Leiterin der Abteilung Geschichte am John‑F.-Kennedy Institut für Nordamerikastudien der FU Berlin über Sinn und Zweck der Expo.
Mein zentrales Fachgebiet ist die Geschichte des sogenannten „Nation Branding“ – die Sehnsucht von Staaten, so unterschiedlich wie die Vereinigten Staaten und Tuvalu, ihr eigenes Image im Ausland zu kontrollieren: Wie versuchen Regierungen, Institutionen, den Unternehmenssektor, NGOs oder die Zivilgesellschaft, internationale Aufmerksamkeit zu erlangen, und ein insgesamt attraktives Bild von sich selbst gegenüber ausländischen Zielgruppen zu zeichnen? „Ausländische Zielgruppen“ können sich dabei sowohl auf Regierungsvertreter als auch auf nichtstaatliche Akteure beziehen: Aktivistinnen, Unternehmerinnen, Journalistinnen, Lehrerinnen und viele mehr.
Wie Staaten ihr Image kreieren
Es gibt mindestens drei Gründe, warum Staaten Nation Branding betreiben:
- Einführung: Ein Land ist klein, weitgehend unbekannt und soll global sichtbar gemacht werden.
- Wahrnehmung: Manche Länder sind zwar bekannt, werden aber nicht von den Zielgruppen wahrgenommen, die sie ansprechen wollen (z. Investorinnen oder Touristinnen).
- Korrektur und Verbesserung: Viele Länder sind bekannt, aber aus ihrer Sicht aus den „falschen“ und oft unvorteilhaften Gründen. In diesem Fall soll das Image der Nation korrigiert und negative Eindrücke entkräftet werden.
Zu diesem Zweck nutzen Staaten die unterschiedlichsten Strategien: kulturelle Events wie Theateraufführungen, Konzerte oder Musicals, aber auch Reisevideos, Gastrodiplomatie, Bildschirmtourismus, Katastrophenmanagement, Boulevardjournalismus, kreative Auftritte in sozialen Medien und vieles mehr. Mega-Events wie die Olympischen Spiele oder die Fußball-Weltmeisterschaft – und ja, auch Expos – spielen dabei eine zentrale Rolle. Überall dort haben Staaten die Möglichkeit, sich selbst auf die Weise zu präsentieren, wie sie gerne wahrgenommen werden möchten.
Nation Branding Index
Der tatsächliche Erfolg all dieser Strategien ist – trotz aller Visionen – schwer messbar. Gerade bei den Kampagnen der letzten Jahre, oft mit einprägsamen Slogans wie „Incredible India“ oder „Die neuen Philippinen“, lässt sich kaum genau sagen, wie wirksam sie wirklich sind. Die Aussagekraft von Qualitätsindizes wie dem „Nation Branding Index“ ist zeitlich und geografisch meist begrenzt. Außerdem erfassen viele internationale Umfragen große Teile der Weltbevölkerung überhaupt nicht. Auch lässt sich der Einfluss kultureller Faktoren, Projektionen oder Kulturpolitik nicht so einfach messen wie beispielsweise der Effekt von Handelsabkommen oder Abrüstungsverträgen. Hinzu kommt, dass das Image eines Landes oft schon vorab existiert – oder durch ganz andere Einflüsse geformt wird. Deshalb stehen Diplomatinnen, Kulturverantwortliche und Werbefachleute vor einer ständigen Herausforderung: Ihre Arbeit ist schwer greifbar. Sympathien gegenüber einem Land lassen sich jenseits von Besucherzahlen oder Handelsbilanzen langfristig kaum „berechnen“.
Mit all diesem Wissen – und einem frisch gedruckten Buch im Gepäck – machte ich mich 2025 auf den Weg nach Osaka, überzeugt davon, eigentlich schon alles über Nation Branding bei Mega-Events zu wissen. Einmal angekommen, zog ich in eine kleine Stadtwohnung, holte meinen Expo-Pass ab und „machte“ das Event. Fast zwei Wochen lang quetschte ich mich täglich in überfüllte Pendelzüge Richtung Yumeshima, jener künstlichen Insel, auf der die EXPO 2025 stattfand. Ich stand in Warteschlangen, sprach mit Besucherinnen, Mitarbeitenden und Pavillondirektorinnen – alles mit dem Ziel, einer vielleicht etwas simplen Frage auf den Grund zu gehen: Wie präsentieren sich Menschen und Länder auf Expos? Wie versuchen (oder versuchten) sie, Aufmerksamkeit zu erlangen? Warum sind manche dabei erfolgreich, andere nicht? Gibt es eine spezifisch ideologische oder andere Strategie des Image-Managements auf Weltausstellungen? Und schließlich: Wie verändert sich die Funktion von Expos über die Zeit hinweg?
Die Metamorphose der Expo
Es gibt viele gute historische Untersuchungen zur Geschichte der Expos im 19. und 20. Jahrhundert. Zusammen zeigen sie, dass sich Aufbau und Strategien der Weltausstellungen im Laufe der Jahre stark verändert haben. Die Expo begann als etwas ganz anderes, als sie im 20. Jahrhundert wurde. Heute spiegelt sie eine Mischung aus beiden Jahrhunderten wider – auf beunruhigende Weise, aber auch mit einem Funken Hoffnung.
Die Expo begann 1851 als ein nichtstaatliches Unternehmen. Zwar war es tatsächlich die Idee der britischen Regierung – insbesondere von Prinz Albert –, die erste Expo im Londoner Crystal Palace zu initiieren. Die Regierung finanzierte das Projekt jedoch nicht direkt. Stattdessen wurde es durch Eintrittsgelder, Ausstellerbeiträge, private Spenden und Abonnements getragen.
Manche Regierungen stellten Mittel aus dem Staatsbudget bereit, um nationale Pavillons zu bauen, den Transport zu organisieren, kulturelle Präsentationen zu finanzieren, Personal zu bezahlen und Werbematerial zu erstellen. Viele andere taten das aber nicht. Einige Staaten luden explizit private Unternehmen ein, finanziell beizutragen oder sich im nationalen Pavillon zu beteiligen – besonders bei Ausstellungen mit Industrie-Schwerpunkt (wie Deutschland).
In anderen Pavillons zahlten Firmen ihre eigenen Ausstellungen, während die Regierung die Kosten für den gesamten Pavillon übernahm. Ein Beispiel sind die USA: Der Kongress stellte zwar Mittel bereit, doch viele Unternehmen trugen die Kosten für ihre eigenen Präsentationen. So bestand 1876 in Philadelphia die „Maschinenhalle“ zu 80 % aus Exponaten von US-amerikanischen Produkten: Schreibmaschinen, Telefone, landwirtschaftliche Geräte und vor allem die 700 Tonnen schwere Dampfmaschine von George Henry Corliss. Ebenso dominierte 1893 auf der Weltausstellung in Chicago die deutsche Ausstellung durch Friedrich Krupps Kanonen – 120 Tonnen Stahl, die größte ihrer Art damals. Der deutsche Kaiser mochte die Botschaft (Deutschland als stark, modern, fortschrittlich und gut bewaffnet), doch er zahlte nicht die Rechnung.
Es gab natürlich Ausnahmen: Die japanische Meiji-Regierung gründete eine eigene Abteilung, um den Ruf Japans auf der Expo 1873 in Wien zu stärken – mit 6000 Exponaten und einem ganzen japanischen Landschaftsgarten mit Brücken, Pavillons, einem Tempel und künstlichen Bach. Auch beauftragte der osmanische Sultan eine Nachbildung des Sultan-Ahmed-III.-Brunnens für die Ausstellung. Doch das waren Ausnahmen. Stattdessen gaben auch damals schon die Weltausstellungen einen Eindruck davon, wie Nationen sich selbst vermarkteten – und wer die Fäden zog: meist nicht die Regierungen, sondern nichtstaatliche Akteure, Industrielle, Künstler, Wissenschaftler, Stadtplaner und viele andere.
Nationales Image-building in Kriegs- und Krisenzeiten
Das änderte sich in den 1920er und 30er Jahren. Denn in der Zwischenkriegszeit rückte staatliches Imagemanagement für viele Regierungen, die vorher wenig Interesse an Weltausstellungen zeigten, in den Mittelpunkt. Für neue und kleine Staaten wie Polen, die Türkei oder die Tschechoslowakei waren Expos eine Möglichkeit, sich auf der Weltkarte zu positionieren. Für autoritäre Staaten wie Portugal, die Sowjetunion und Nazi-Deutschland bildeten die Megaevents eine Gelegenheit, die Verbindung von staatlicher Kontrolle und moderner Werbung zu zeigen, um die Massengesellschaft zu steuern. Für liberale Staaten wie Großbritannien oder die USA hießen Expos Innovation und die materielle Macht des Individualismus und Kapitalismus willkommen, um den Herausforderungen der Moderne zu begegnen. Und dann gab es Staaten, die einen Mittelweg suchten: Schweden zum Beispiel nutzte seine Pavillons in Brüssel (1935), Paris (1937) und New York (1939), um zu zeigen, dass das Land die Krise der Demokratie nutzte, um alternative Wege jenseits von Supermacht-Kapitalismus und umfassender Staatskontrolle zu finden.
Nach 1945 und während des gesamten Kalten Krieges (1945–1989) verstärkten Regierungen weltweit ihre Kontrolle über Expo-Organisationen noch weiter. Die Finanzierung von der Pavillons auf den Weltausstellungen wurde ein komplexes Gemisch aus staatlichen Investitionen, ideologischen Strategien und internationaler Diplomatie. Supermächte wie die Sowjetunion investierten in riesige, prunkvolle Pavillons als Teil ihrer ideologischen Kämpfe zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Neue postkoloniale Staaten wie Mosambik nutzten die Expo, um sich auf der Weltkarte verorten. Mittelmächte betonten, dass sie nicht nur Kunden, sondern eigenständige Akteure waren. So gab z.B. die kanadische Regierung als Gastgeber der Expo in Montreal 1967 insgesamt eine Milliarde Dollar aus.
Kurz, während des Kalten Krieges wurden Expos wie vieles im globalen Nation Branding zu Orten internationalen Wettbewerbs und Wettläufen um Soft Power – ähnlich wie bei Sport-Weltmeisterschaften, Musikwettberwerben oder den Olympischen Spielen.
Diese Phase endete mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes. Seitdem, so scheint es, haben Expos ihren Status als ideologische Schlachtfelder verloren. Sie sind zurückgekehrt zu dem, was sie vor dem Ersten Weltkrieg waren: Marktplätze für Handel und Kommerz, Tourismus und Innovation, Visionen von Zukunft und Vergangenheit.
Oder sind sie das wirklich? Ja, wie vieles im Nation Branding haben sich Expos im Laufe der Zeit stark gewandelt – von nichtstaatlichen Handelsplätzen zu staatlich gelenkten ideologischen Schauplätzen. Doch was wir heute sehen, bedeutet eher eine seltsame Mischung aus beidem: Marktplatz und Ideologie, Vision und Machtanspruch.
Die Macht der Öffentlichkeit
Seit den 1990er Jahren ist in liberalen Demokratien die staatliche Ausgabentätigkeit für kulturelle Aussenbeziehungen insgesamt wieder zurückgegangen – ähnlich wie im 19. Jahrhundert – zugunsten des privaten Sektors. Gleichzeitig zeigten die jüngsten Expos in Dubai und Shanghai massive Investitionen durch große Staaten, die nicht als liberal gelten – ganz wie zur Zeit des Kalten Krieges.
Das Ergebnis ist eine merkwürdige Gegenüberstellung von verschwenderischer Pracht und vorsichtiger Sparpolitik: Auf der Expo in Osaka erzielten China, Singapur, die Vereinigten Arabischen Emirate, Turkmenistan und Saudi-Arabien hohe Aufmerksamkeit mit ihren luxuriösen, monumentalen Pavillons, sowohl in Bezug auf Design als auch Größe, und gelegentlichen Verweise auf Umweltthemen.
Gleichzeitig bemühten sich Länder wie Südkorea und die USA um Aufmerksamkeit durch den Einsatz von KI und Technologie – etwa durch aufwändige Soundsysteme und multimediale, immersive Erlebnisse. Dies übrigens mit unterschiedlichem Erfolg: Südkorea punktete mit einem beliebten K‑Pop-Programm für alle. Der US-Pavilion hingegen schien vielen Besucherinnen wenig substanziell: nichts zum Anfassen, wenig Investition – weiterer Hinweis auf das mangelnde Interesse der gegenwärtigen Regierung an kultureller Aussendarstellung. Andere Nationen, wie Österreich, Thailand, Serbien oder Deutschland, wurden für ihre Betonung auf schlichte Schönheit, Nachhaltigkeit, kulturelles Storytelling und engagierte thematisch einschlägigen Präsentationen gelobt. Japan glänzte mit einer eleganten Science-Ausstellung, die eine Tradition der Nachhaltigkeit, Technologie und die Verbindungen zwischen Leben reflektierte.
Zwischen Selbstinszenierung und Wirtschaftsinteressen
Ja, die Expo ist ein Ausstellungsraum für nationale Selbstinszenierung, für Nation Branding, für den Versuch, ein attraktives Image zu entwerfen, das Interesse von Stakeholdern und der breiten Masse zu wecken – das eigene Bild im Kopf anderer zu steuern, nicht zuletzt für das Gastgeberland. Und ja, für viele Länder ist die Expo auch ein Ort des wirtschaftlichen Interesses: Viele Pavillons besitzen abgetrennte Bereiche, in denen Geschäftsabschlüsse stattfinden. Andere wiederum bieten ihre Exponate ganz offen zum direkten Verkauf an.
Die Ironie dabei: Unabhängig von Umfang, Aufbau oder politischer Ausrichtung – fast jeder einzelne Pavillon erfreute sich großer Beliebtheit, mit langen Schlangen von Besucher*innen, meist aus Japan, die einen Blick auf das Nationale und das Internationale werfen wollten. Erst in abschließenden Befragungen, Presseberichten und den sozialen Medien zeigt sich die enorme Bandbreite der Reaktionen.
This is Expo: Eine Vision davon, wie es sein könnte
„This is Expo“ – diesen Satz hörte man häufig, wenn es um kurze internationale Wege, informelle Kooperationen, gegenseitige Besuche zu “national days,” gemeinsame Kochabende, neue Freundschaften und das Miteinander von fast 30 Millionen Besucherinnen und fast 160 Staatspavillons auf Yumeshima zwischen dem 13. April und dem 13. Oktober ging. Hier wird viel gesehen, viel gesprochen, viel gestaunt und auch viel kritisiert. EXPO 2025 und ihre Themen stießen bei Publikum und Personal auf große Resonanz. Männer, Frauen, Kinder warteten stundenlang in der Hitze, nur um wenige Minuten in einer Ausstellungshalle zu verbringen, ein Land kennenzulernen, mit eigenen Augen zu sehen – etwas, das sie theoretisch auch bequem per App von zu Hause aus hätten erleben können. Ich sprach mit einer Mutter, die gemeinsam mit ihren Kindern (3 und 6 Jahre) über 30 Pavillons besucht hatte, um ihnen “die Welt zu zeigen”.
Am Ende ist dies der Zweck der EXPO, auch und gerade und vor allen Dingen 2035 in Deutschland und Berlin: Die liberale Neugier auf andere Menschen, Ideen, Gebäude und Objekte in der Ferne. Die Expo als ein Ort und ein Gastgeber, der – trotz aller Konkurrenz und Reizüberflutung – einen Blick auf das Zwischenspiel zwischen eigener Perspektive und dem Universellen (was immer das sein mag), vor allen Dingen jedoch die Möglichkeiten einer gemeinsamen Zukunft erlaubt. Und vielleicht auf eine Mini-Version der Welt, wie sie sein könnte: friedlich, offen, liberal, tolerant und nachhaltig. EXPO 2035 in Berlin? Be my guest!
Jessica Gienow-Hechts Essay beruht auf ihrer jüngsten Monographie, “Vom Staat zur Marke: Die Geschichte des Nation Branding“, erschienen im Mai 2025 bei Reclam.
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