Strate­gie­kreis Klima­trans­for­mation No. VIII: Hin und her bei der Energie­wende – worauf es tatsächlich ankommt

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Steigende Kosten, stockender Netzausbau und wider­sprüch­liche Signale aus der Politik setzen der Energie­wende zu. In unserem hochran­gigen Strate­gie­kreis Klima­trans­for­mation wurde deutlich: Es braucht eine bessere Abstimmung von erneu­er­baren Energien, Netzen, Markt­me­cha­nismen und Gebäu­de­mo­der­ni­sierung. Doch ein Ende der Energie­wende wäre fatal. Bruno Naredo fasst die zentralen Diskus­sionen zusammen.

I. Reform des EEG und Netzpaket

Energie­wende fortsetzen – aber stärker syste­misch denken
Trotz unter­schied­licher Sicht­weisen zur Notwen­digkeit einer Neujus­tierung und das richtige Instru­men­tarium besteht im Strate­gie­kreis ein breiter Konsens, dass die Energie­wende weiterhin voran­ge­trieben werden muss. Auf halbem Wege Halt zu machen, würde nicht nur die Klima­ziele verfehlen, sondern die ökolo­gische Moder­ni­sierung von Wirtschaft und Gesell­schaft ausbremsen und veral­tetete Struk­turen konser­vieren. Die Energie­wende bleibe auch geopo­li­tisch notwendig. Ein Rückfall würde die Abhän­gigkeit von fossilen Energie­im­porten aus autori­tären Staaten zemen­tieren, aus denen sich Europa in den vergan­genen Jahren mit erheb­lichem Aufwand begonnen hat zu lösen.

Gleich­zeitig verschiebt sich die Debatte vom möglichst schnellen Ausbau erneu­er­barer Energien hin zur Frage ihrer effizi­enten System­in­te­gration und der Kosten­ef­fi­zienz. Befür­wortet wird eine stärkere Synchro­ni­sierung zwischen Kapazi­täts­ausbau der EE und Netzin­fra­struktur sowie die stärkere Berück­sich­tigung von Markt­me­cha­nismen und Flexi­bi­li­täts­in­stru­menten auf der Angebots- wie auf der Nachfra­ge­seite. Gelingt dies nicht, würden die steigenden System­kosten sowohl die indus­trielle Wettbe­werbs­fä­higkeit als auch die gesell­schaft­liche Akzeptanz der Energie­wende gefährden.

Im Zentrum der Diskussion stand die Rolle der Strom­netze. Der Netzausbau habe sich inzwi­schen zum teuersten Bestandteil der Energie­wende entwi­ckelt. Neben dem Inves­ti­ti­ons­bedarf für den Zubau von Leitungen würden auch deutlich gestiegene Preise für technische Kompo­nenten zu erheb­lichen Kosten­stei­ge­rungen führen. Die mangelnde Synchro­ni­sierung zwischen Ausbau von Solar- und Windan­lagen und Netzen führe zu regio­nalen Netzeng­pässen und steigenden Kosten für Redis­patch-Maßnahmen. Eine bessere Integration von Netzausbau, erneu­er­baren Energien und Speicher­in­fra­struktur sei deshalb ein Schlüssel für den Erfolg der Energiewende.

Ein grund­le­gendes Problem bestehe in der Unsicherheit über den zukünf­tigen Strom­bedarf. Während frühere Szenarien einen Bedarf von etwa 750 Terawatt­stunden prognos­ti­zierten, habe der vom BMWK beauf­tragte Monito­ring­be­richt eine Bandbreite von 500 bis 700 Terawatt­stunden ermittelt. Diese Unsicherheit erschwere langfristige Inves­ti­ti­ons­ent­schei­dungen erheblich. Wird zu viel Infra­struktur gebaut, drohten hohe Kosten für ungenutzte Netzka­pa­zi­täten. Wird hingegen zu wenig inves­tiert, könnten Engpässe entstehen, die wiederum Inves­ti­tionen in den Ausbau Erneu­er­barer Energien und entspre­chende Anwen­dungen in Industrie und Gebäu­de­sektor behindern würden.

Vor diesem Hinter­grund wurde die Idee eines „respon­siven Netzausbaus“ disku­tiert. Dieser Ansatz ziele darauf ab, Inves­ti­ti­ons­ent­schei­dungen stärker am tatsäch­lichen Bedarf auszu­richten und den Zeitpunkt kosten­in­ten­siver Maßnahmen näher an den erwar­teten Strom­ver­brauch heran­zu­rücken. Voraus­setzung dafür wäre aller­dings eine Beschleu­nigung der Planungs- und Geneh­mi­gungs­ver­fahren, um den Ausbau der Netzka­pa­zi­täten besser mit der Strom­nach­frage abstimmen zu können.

Im Zusam­menhang mit der aktuellen energie­po­li­ti­schen Debatte wurde Kritik am Referen­ten­entwurf des sogenannten Netzpakets geäußert. Der Entwurf adres­siere das Problem begrenzter Netzka­pa­zi­täten unzurei­chend. Seine Umsetzung würde den Ausbau Erneu­er­barer Energien drosseln statt vorrangig ihre die System­in­te­gration zu verbessern.

Als alter­native Ansätze wurden insbe­sondere drei Instru­mente hervor­ge­hoben: eine optimierte Auslastung bestehender Netzan­schlüsse durch sich ergän­zende Strom­quellen (Windkraft, Photo­voltaik, Speicher), die verstärkte Integration von Batte­rie­spei­chern sowie neue Netzan­schluss­ver­ein­ba­rungen, die eine effizi­entere Nutzung vorhan­dener Infra­struktur ermög­lichen könnten.

Flexi­bi­lität, Speicher und Marktmechanismen
Großfor­matige Batte­rie­speicher können die Integration Erneu­er­barer Energien erleichtern und den Bedarf an zusätz­lichen Netzka­pa­zi­täten reduzieren. Regula­to­rische Unsicher­heiten bremsen jedoch den Ausbau von Speichern und verun­si­cherten Inves­toren. Viele Projekte rechneten sich nur aufgrund der langfris­tigen Befreiung von Netzent­gelten. Kritiker sehen darin ein Modell, das letztlich auf Kosten der Verbraucher/​innen funktio­niere und neue syste­mische Kosten erzeuge. Speicher sollten künftig stärker in die Finan­zierung der Netzin­fra­struktur einge­bunden werden. Dynamische Netzent­gelte könnten die Leistungs­fä­higkeit des Netzes besser in Preis­si­gnale übersetzen und Inves­ti­ti­ons­ent­schei­dungen system­dienlicher gestalten.

Neben Speichern wurde auch die Flexi­bi­li­sierung der Strom­nach­frage als wichtiger Baustein der Energie­wende thema­ti­siert. Während die Industrie in der Regel auf konti­nu­ier­liche Produk­ti­ons­pro­zesse angewiesen sei, könnten private Haushalte stärker auf Preis­si­gnale reagieren und so zur Stabi­li­sierung des Systems beitragen. Allein im Haushalts­be­reich ließen sich durch flexible Nutzung von Geräten, Fahrzeugen und Wärme­pumpen Leistungen von bis zu 200 Gigawatt mobili­sieren. Voraus­setzung dafür wäre jedoch ein deutlich schnel­lerer Ausbau digitaler Infra­struktur, insbe­sondere intel­li­genter Stromzähler.

System­kosten und techno­lo­gische Pfadentscheidungen
Für alle Elemente der Energie­wende stelle sich die Frage, wie sich die System­kosten reduzieren lassen. Die vergan­genen Jahre hätten gezeigt, dass die verbreitete Annahme, der Zuwachs erneu­er­barer Energien würde quasi automa­tisch zu sinkenden Gesamt­kosten führen, nicht zutrifft. Neben der anhal­tenden Förderung von EE und den Inves­ti­tionen für den Ausbau der Infra­struktur steigen auch die Kosten für BackUp-Kapazi­täten. Im Prinzip müssten regelbare Kraft­werke plus Speicher die gesamte Leistung fluktu­ie­render Anlagen ersetzen können.

Offshore Windkraft habe zwar eine höhere Verfüg­barkeit und geringere Erzeu­gungs­kosten, verur­sache aber hohe Infra­struk­tur­kosten. Plädiert wurde daher dafür, jetzige Ausbau­pfade kritisch zu überprüfen und gegebe­nen­falls stärker auf kosten­ef­fi­zi­entere Techno­logien und Stand­ort­kom­bi­na­tionen zu setzen, etwa durch eine stärkere Gewichtung von Onshore-Wind und Freiland-Photo­voltaik sowie deren Kombi­nation mit Speichern an gemein­samen Netzanschlusspunkten.

Energie­po­li­tische Weichen­stel­lungen haben erheb­liche indus­trie­po­li­tische Auswir­kungen. Energie­dienst­leister und Industrie benötigten langfristige Planungs­si­cherheit, um Inves­ti­tionen tätigen zu können. Häufige Änderungen der politi­schen Rahmen­be­din­gungen führten zu erheb­lichen Unsicher­heiten und gefähr­deten indus­trielle Wertschöpfung.

II. Das neue Gebäu­de­mo­der­ni­sie­rungs­gesetz und die Kontro­verse um die Wärmewende

Im Vergleich zur Diskussion über Strom­system und Netzausbau entwi­ckelte sich beim Thema Wärme­wende eine deutlich kontro­versere Debatte. Im Mittel­punkt stand die geplante Reform des Gebäu­de­en­er­gie­ge­setzes und insbe­sondere die Abschaffung der sogenannten 65‑Prozent-Regel für neue Heizungen.

Ein zentraler Kritik­punkt war, dass die im GMG vorge­se­henen Regelungen in größeren Teilen der Bevöl­kerung als Signal verstanden würden, weiterhin problemlos fossile Heizsysteme instal­lieren zu können. Dies würde die Wärme­wende erheblich verzögern und zöge eine Kosten­lawine für die privaten Haushalte nach sich.

Gewarnt wurde vor einer erneuten Verun­si­cherung der Verbraucher/​innen, nachdem sich der Heizungs­markt nach der inten­siven politi­schen Debatte der vergan­genen Jahre gerade erst stabi­li­siert habe. Eine neue Phase politi­scher Unsicherheit könne dazu führen, dass viele Eigen­tümer Inves­ti­ti­ons­ent­schei­dungen erneut aufschieben – mit entspre­chenden Konse­quenzen für Klima­schutz, Handwerk und Hersteller.

In der Diskussion wurde einge­worfen, dass die bishe­rigen Regelungen viele Haushalte überfordert hätten und daher politisch kaum durch­setzbar seien. Besonders im Ein- und Zweifa­mi­li­en­haus­be­reich seien die erfor­der­lichen Inves­ti­tionen häufig so hoch, dass sie für viele Eigentümer/​innen nicht reali­sierbar seien. In solchen Fällen könne eine Übergangs­lösung – etwa mit effizi­enten Gashei­zungen – sinnvoll sein.

Im Mehrfa­mi­li­en­haus­be­reich hingegen lägen häufig andere Voraus­set­zungen vor. Dort seien viele Gebäude bereits energe­tisch saniert, sodass Lösungen wie Wärme­pumpen oder Fernwärme technisch oft einfacher umsetzbar seien als im Einfamilienhausbestand.

Rolle von Wärme­pumpen und grünen Gasen
Weitge­hende Einigkeit bestand, dass Wärme­pumpen eine Schlüs­sel­tech­no­logie der Wärme­wende darstellen. Ihre Effizienz und die Möglichkeit, sie mit erneu­er­barem Strom zu betreiben, machten sie in vielen Fällen zur bevor­zugten Lösung. Zugleich habe es bei Wärme­pumpen erheb­liche Fortschritte gegeben; inzwi­schen seien sie auch in vielen Bestands­ge­bäuden einsetzbar. Auch die Akzeptanz bei Verbraucher/​innen und im Handwerk habe sich deutlich verbessert. Hinder­nisse seien vor allem relativ hohe Inves­ti­ti­ons­kosten, Fachkräf­te­mangel im Handwerk und die unter­schied­liche Eignung verschie­dener Gebäudetypen.

Die geplante Einführung einer Grüngas­quote („Bio‑Treppe“) solle den Anteil klima­freund­licher Gase im bestehenden Gasnetz erhöhen. Fraglich (oder sogar schlichtweg ausge­schlossen) sei jedoch, ob ausrei­chende Mengen verfügbar seien – zumal Biomethan und Wasser­stoff auf absehbare Zeit sehr teuer bleiben würden und eine Konkurrenz zur Industrie entstehe, die diese Gase vorrangig benötige. Kriti­siert wurde außerdem, dass die aktuell disku­tierten Quoten sehr niedrig angesetzt seien und kurzfristig kaum zusätz­liche Klima­schutz­wirkung entfalten würden.

Andere Teilneh­mende sahen in grünen Gasen eine notwendige Ergänzung – insbe­sondere dort, wo Wärme­pumpen technisch oder wirtschaftlich schwer umsetzbar seien.

Finan­zierung und Investitionsbedingungen
Besonders im Bereich der kommu­nalen Infra­struktur – etwa bei Wärme­netzen – stünden Stadt­werke vor erheb­lichen Inves­ti­ti­ons­be­darfen. Gleich­zeitig verfügten viele kommunale Unter­nehmen nur über begrenztes Eigen­ka­pital, was ihre Handlungs­mög­lich­keiten einschränke.

Die Diskussion habe gezeigt, dass zunehmend auch inter­na­tionale private Inves­toren Interesse an der Finan­zierung solcher Projekte zeigten. Dies bringe jedoch neue Heraus­for­de­rungen mit sich, da diese Inves­toren teilweise hohe Rendi­te­er­war­tungen hätten. Viele kommunale Akteure stünden daher vor der Frage, wie eine Balance zwischen privat­wirt­schaft­licher Finan­zierung und öffent­licher Kontrolle gewähr­leistet werden könne.

III. Resümee: Kohärentes System­design & Wirtschaft­lichkeit als Erfolgsbedingungen

Die intensive Diskussion verdeut­lichte, dass sich die energie­po­li­tische Debatte zunehmend von einzelnen Techno­logien und Förder­instru­menten hin zur Ausge­staltung des Gesamt­systems verschiebt. Während über das grund­sätz­liche Ziel der Dekar­bo­ni­sierung weitgehend Einigkeit herrschte, wurden die konkreten Wege dorthin strecken­weise kontrovers diskutiert.

Unstrittig war, dass die Energie­wende künftig stärker als integriertes, sektor­über­grei­fendes System gedacht werden muss. Netze, erneu­erbare Energien, Speicher, Angebot und Nachfrage müssen besser aufein­ander abgestimmt werden, um die Kosten in den Griff zu bekommen. Kriterien der Wirtschaft­lichkeit und inter­na­tio­nalen Wettbe­werbs­fä­higkeit gewinnen an Bedeutung.

Zugleich wurde betont, dass die Vielzahl paral­leler Reform­pro­zesse – etwa Netzpaket, EEG‑Reform, Netzent­gelt­sys­te­matik sowie Reformen im Wärme­sektor – stärker aufein­ander abgestimmt werden müssen, um wider­sprüch­liche Anreize zu vermeiden und Inves­ti­tionen besser zu synchronisieren.

Politische Unsicherheit und wider­sprüch­liche Signale erzeugen erheb­liche Inves­ti­ti­ons­ri­siken und gefährden die Akzeptanz. Planungs­si­cherheit, verläss­liche Markt­me­cha­nismen und eine kohärente Strategie bilden zentrale Voraus­set­zungen für den Erfolg der Transformation.

 

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