Ein strategischer Neustart mit Sprengkraft für den Nahen Osten

Die neue Kooperation zwischen den USA und den Saudis könnte enorme geopolitische Folgen für den gesamten Nahen Osten haben. Israel könnte davon profitieren – oder verlieren, je nachdem wie sich die Regierung in Jerusalem dazu positionieren wird, meint unser Kolumnist Richard C. Schneider.
Der jüngste Besuch von Kronprinz Mohammed bin Salman (MbS) in Washington markiert einen symbolträchtigen Meilenstein in der Beziehung zwischen den USA und Saudi-Arabien – und zugleich eine geopolitische Neuausrichtung, die das Machtgefüge im Nahen Osten nachhaltig verändern könnte. Unter Präsident Donald Trump wurden bei diesem Treffen nicht nur wirtschaftliche Superlative vereinbart, sondern auch militärische Versprechen gemacht, die das regionale Gleichgewicht in Frage stellen. Was ist geschehen?
Die Saudis als „Major non-NATO Ally”
Trump kündigte im Weißen Haus die Verleihung des Status „Major non-NATO Ally“ an Saudi-Arabien an – ein ungewöhnlicher Schritt, der Riad militärische Privilegien verschafft, ohne es formal in ein Militärbündnis aufzunehmen. Laut Angaben des Weißen Hauses erleichtert dieser Status den Zugang zu US-Waffentechnologien, beschleunigt Genehmigungsprozesse und verstärkt die militärische Zusammenarbeit.
Herzstück der Vereinbarungen ist ein massives Rüstungsabkommen: Die USA werden voraussichtlich bis zu 48 F‑35-Tarnkappenjets an Saudi-Arabien liefern, ergänzt durch die Lieferung von 300 US-Panzern. Dies wäre das erste Mal, dass F‑35-Kampfflugzeuge dieser Generation an einen anderen Nahoststaat als Israel geliefert werden – ein klarer Strategiewechsel. Trump sagte sogar, die Jets würden „nicht herabgestuft“, was Israels qualitative militärische Überlegenheit in Frage stellen könnte. Zudem dient der Deal als Signal: Washington setzt auf gemeinsame Abschreckung, eine engere Sicherheitskooperation und eine stärkere Einbindung Riads in seine globale Verteidigungsstrategie.
KI, Rohstoffe, Atomkraft
Neben der Rüstungspartnerschaft gingen die USA und Saudi-Arabien bei dem Treffen auch in zivilen und technologischen Bereichen engere Verbindungen ein. In Washington wurden Abkommen über künstliche Intelligenz, kritische Mineralien und zivilen Nuklearbereich unterzeichnet. Bin Salman signalisierte starkes Interesse an einem langfristigen Nuklearprogramm, was in Verbindung mit KI-Kooperation eine strategische Diversifizierung seiner Wirtschaft zeigt. Zudem kündigte er Investitionen in die USA in bisher schwindelerregender Höhe an – die Rede war von bis zu 1 Billion US-Dollar, womit Riad seine ökonomische Schlagkraft demonstriert.
Der Besuch war nicht frei von Kontroversen. Menschenrechtsorganisationen warnen davor, dass der Pomp in Washington zu einer politischen Bereinigung der Vergangenheit führen könnte – insbesondere hinsichtlich des Mordes an Journalist Jamal Khashoggi. Trump verteidigte den Kronprinzen öffentlich: Er bestritt MBS’ Mitwissen am Khashoggi-Fall und lobte vielmehr dessen Menschenrechtsbilanz. Diese Rhetorik stieß auf scharfe Kritik – viele Außenpolitiker sehen darin eine bewusste Ausblendung von Repressionen im saudischen Staatsapparat. Doch das interessiert Trump natürlich überhaupt nicht.
Was aber bedeuten all diese Versprechen für den Nahen Osten? Und besonders für Israel?
Neue Allianzen und Israels veränderte Rolle
Die mögliche Lieferung von F‑35-Jets nach Saudi-Arabien könnte die regionale Sicherheitsdynamik massiv verändern. Bisher war Israel der einzige Nahoststaat mit Zugang zu diesen Flugzeugen. Mit Riad als neuem Partner wird die Frage laut, ob Israels „qualitative militärische Überlegenheit“ noch gewährleistet ist – ein Kernelement US-amerikanischer Rüstungspolitik. Gleichzeitig signalisiert die neue Allianz eine verstärkte Abschreckung gegen regionale Rivalen, besonders gegen den Iran. Das wiederum wäre ganz im Sinne Israels.
MBS nutzt den Schulterschluss mit den USA, um die strategische Unabhängigkeit seines Königreichs zu stärken – militärisch, technologisch und ökonomisch. Das Rüstungsabkommen soll nicht nur zur Verteidigung dienen, sondern auch zur Projektion von Macht im regionalen Kontext. Gleichzeitig setzt Saudi-Arabien auf divergierende Partnerschaften, etwa im Bereich KI und Atomkraft, um seine Abhängigkeit von Öl zu verringern. Auch das könnte in Israels Interesse sein, denn vor allem im KI-Bereich hat der jüdische Staat sehr viel anzubieten. Die neue Kooperation, die sich anzubahnen scheint, wäre eine neue strategische „Schiene“ über Indien, hinüber nach Saudi und dann in den Mittelmeerraum zum und in die USA – als Gegenstück zur „Neuen Seidenstraße“ Chinas. Israel könnte das nutzen, um sich in dieses neue Bündnis vor allem auch wirtschaftlich einzubringen. Allerdings müsste es eine Kröte schlucken, zu der die aktuelle Regierung Netanyahu nicht bereit ist:
Schaffung eines palästinensischen Staates als Voraussetzung
Bei den Gesprächen betonte MbS, dass eine Normalisierung mit Israel nur im Rahmen einer glaubwürdigen Perspektive für einen palästinensischen Staat möglich sei. Damit knüpft er an die Arabische Friedensinitiative an, die die Anerkennung Israels an die Schaffung eines palästinensischen Staates bindet. Ob diese „klare Perspektive“ tatsächlich konkrete Schritte bedeutet oder hauptsächlich symbolisch gehalten ist, bleibt offen.
Für Israel ist die neue Kooperation zwischen Washington und Riad ein zweischneidiges Schwert: Einerseits könnte Saudi-Arabien durch Annäherung an die USA und große technologische Partnerschaften ein stabilerer Partner werden. Andererseits wirft der Rüstungsdeal Fragen auf, ob Israel seine bisher unangefochtene Führungsrolle bei High-End-Waffen behält. Die US-Zusage, F‑35s zu liefern „ohne technische Abstriche“, ist ein potenzieller strategischer Bruch mit Israel.
Und wer profitiert wirklich von der neuen Achse USA-Saudi?
Sieger ist Mohammed bin Salman
Analysen deuten darauf hin, dass Mohammed bin Salman bei diesem Besuch mehr gewonnen hat als die USA. Sein Budget für Megaprojekte, Infrastruktur und Technologie braucht externe Partner – und die USA liefern nicht nur Kapital, sondern auch Technologie. Gleichzeitig präsentiert sich Riad als unverzichtbarer Akteur im amerikanischen „Burden-sharing“, besonders in Zeiten, in denen die US-Politik verstärkt auf Allianzen setzt, die nicht auf formale Bündnisse, sondern transaktionale Beziehungen basieren.
Für Trump ist das ein strategischer Coup: Er demonstriert „America First“ in Reinform – er verkauft US-Technologie, generiert Arbeitsplätze, zieht saudisches Kapital an und stärkt gleichzeitig seine außenpolitische Agenda. Aber die große Frage bleibt, ob diese Deals langfristig haltbar sind oder vor allem symbolischer Natur.
Ritualgeschäft mit geopolitischen Implikationen
Die neue US-Saudi-Partnerschaft unter Trump und Bin Salman ist kein reines Ritualgeschäft, sondern ein hochgradig strategisches Projekt mit tiefen geopolitischen Implikationen. Ob dieses Konstrukt langfristig getragen wird, hängt entscheidend von der Umsetzung ab: Werden die Investitionen tatsächlich realisiert? Kommt es zu einem echten Weg zur palästinensischen Staatlichkeit? Und lässt sich ein Stück Ruhe im Nahen Osten etablieren, ohne dass neue Rüstungsdynamiken eskalieren? Im Moment ist die neue US-Saudi-Kooperation vor allem ein kraftvolles strategisches Signal – ein Anfang, der im regionalen Machtspiel möglicherweise vieles in Bewegung setzen könnte.
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