„Wir müssen unsere Freiheit entschlossen verteidigen“

Mit den 68ern protes­tierte er gegen den Viet­nam­krieg, dann wurde er Maoist, schließ­lich landete er bei den Grünen. Ralf Fücks, Leiter des „Zentrums Liberale Moderne“, hat die Irrungen und Wirrungen der deutschen Linken zwischen Pazi­fismus und Krieg hautnah miterlebt. Er meint: Ange­sichts von Wladimir Putins Bruta­lität müssen wir unsere Freiheit entschlossen vertei­digen – auch mit mili­tä­ri­scher Abschreckung.

Herr Fücks, was macht Putins Überfall auf die Ukraine mit den Deutschen – einem Volk, von dem immer behauptet wurde, es sei im Grunde latent pazifistisch?

Was wir jetzt erleben, ist ein kollek­tiver Schock. Eine Mischung aus Erschre­cken und Aufwachen in einer neuen Realität. Weite Teile von Politik und Bevöl­ke­rung hatten sich einge­richtet in einer Wunschwelt, die noch aus den 1990er Jahren stammt: Es gibt keine Gegner mehr, wir sind umzingelt von Freunden, die Zeit von mili­tä­ri­scher Bedrohung ist vorbei, wir ernten jetzt die Frie­dens­di­vi­dende. Wir haben über Jahre verdrängt, dass diese Welt sich verändert hat, dass wir in einem neuen System­kon­flikt stehen mit gewalt­be­reiten auto­ri­tären Mächten, und dass in Russland eine revan­chis­ti­sche Macht heran­ge­wachsen ist.

Sie verwenden den Begriff „revan­chis­tisch“ für das Putin-Regime in Russland?

Haben Sie einen besseren? Putin verfolgt eine revan­chis­ti­sche Groß­macht­po­litik, er will das Imperium wieder­her­stellen und die Landkarte mit Gewalt neu zeichnen. Das hat er schon 2008 mit seinem Krieg in Georgien gezeigt, 2014 mit der Annexion der Krim, dann in Syrien, wo er Kran­ken­häuser und Schulen bombar­dieren ließ.

Foto: Russian Ministry of Defence /​ CC-BY-SA 4.0

78 Prozent der Deutschen finden die Waffen­lie­fe­rungen richtig, ebenso viele unter­stützten das zusätz­liche 100-Milli­arden-Paket für die Bundeswehr.

Als Olaf Scholz seine Kehrt­wende im Bundestag ange­kün­digt hat, das war, als hätte jemand den Vorhang von einer Kulisse wegge­zogen, auf einmal wurde ein ganz neues Bühnen­bild sichtbar. Deutsch­land durch­läuft einen drama­ti­schen Lern­pro­zess. Was mich verblüfft ist dessen Geschwin­dig­keit. Ich hatte eher gedacht, wir rutschen in eine Situation wie zu Anfang der 1980er Jahre in der Ausein­an­der­set­zung um die Nato-Nach­rüs­tung. Also in eine scharfe Pola­ri­sie­rung der Gesell­schaft und Proteste auf der Straße. Nichts davon. Statt­dessen wie aus dem Erdboden riesige Demons­tra­tionen, die nicht einfach nur nach „Frieden“ rufen, sondern klar Position beziehen für das Recht des ukrai­ni­schen Volkes, seine Freiheit zu verteidigen.

Woran könnte das liegen, dass es nicht so ist wie damals beim Nato-Doppelbeschluss?

Die Ukraine ist uns plötzlich nah, räumlich und auch emotional. Bei allen Problemen, die es dort gibt, der Korrup­tion, der Macht der Olig­ar­chen: Wir sehen, dass es ein Land im Aufbruch ist, das seine Freiheit will. Diese zurück­hal­tende Kälte, die es bei uns jahrelang gab, die mora­li­sche Indif­fe­renz und die Offenheit für die russische Propa­ganda – das ist auf einmal weg, jetzt, wo Putin die Ukraine und die Menschen dort zur Schlacht­bank führen will. Es ist ein zutiefst verstö­rendes Erlebnis, das dazu führt, dass viele bereit sind, alte Glau­bens­sätze in Frage zu stellen.

Zum Beispiel den: „Keine Waffen­lie­fe­rungen in Konfliktgebiete!“

Mit diesem Satz stimmte doch immer schon etwas nicht. Er lief darauf hinaus, eine Neutra­lität in mili­tä­ri­schen Konflikten zu rekla­mieren, also nicht unter­scheiden zu wollen zwischen Angreifer und Vertei­diger, zwischen denen, die ihr Recht auf Selbst­ver­tei­di­gung wahr­nehmen und einer über­le­genen Mili­tär­macht, die sie unter­werfen will. In der Konse­quenz ist das eine Partei­nahme für den Aggressor. Ausge­rechnet in einem Krieg sollen Waffen­lie­fe­rungen tabu sein – also dann, wenn die Ange­grif­fenen sie dringend brauchen? Das ist nicht zu Ende gedacht. Deutsch­land wollte letztlich eine große Schweiz sein, die mit allen Geschäfte macht, aber sich aus allen Konflikten heraus­hält. Dieses Konstrukt fällt jetzt wie ein Karten­haus in sich zusammen.

Foto: Jim Gordon /​ Flickr /​ CC-BY-SA 2.0

Begründet wurde die Ablehnung von Waffen­lie­fe­rungen aber moralisch: Wer Waffen liefert, fördert den Krieg.

Man kann in einer solchen Situation, wie wir sie jetzt in der Ukraine erleben, seine Hände nicht in Unschuld waschen. Auch wer nichts tut, macht sich schuldig: durch unter­las­sene Hilfe­leis­tung. Politik heißt eben auch, Unter­schei­dungen zu treffen, Partei zu ergreifen, sich zu entscheiden zwischen Gut und Böse. Nicht alle sind gleich glei­cher­maßen schuld an diesem Krieg. Es gibt einem Aggressor und eine Nation, die sich zur Wehr setzt. Das ist das Neue: Dass Deutsch­land sich entschieden hat, in dieser Ausein­an­der­set­zung Partei zu ergreifen.

Gregor Gysi hat diese Tage gesagt: „Alles, was ich immer gesagt habe, ist an dem Tag gestorben, an dem ein völker­rechts­wid­riger Krieg beginnt.“ Glauben Sie, dass es im Moment vielen so geht, gerade unter Linken und Grünen?

Ich kaufe das nicht allen ab, die jetzt beteuern: „Wir haben uns geirrt.“ Man konnte schon lange wissen, was das für ein Regime in Moskau ist. Nehmen Sie nur die Putin-Legende von der drogen­ab­hän­gigen Nazi-Clique, die sich in Kiew an die Macht geputscht habe. Goebbels würde vor Neid erblassen über diese Lügen­pro­pa­ganda. Allzu viele haben ihr allzu lange nicht widersprochen.

Sie selbst sind in der west­deut­schen Linken politisch groß­ge­worden. Haben Sie eigent­lich Wehr­dienst geleistet?

Gute Frage. Als sie aufkam, war ich schon in meiner links­ra­di­kalen Phase zwischen Schule und Studium in Heidel­berg. Ich habe verwei­gert mit der Begrün­dung, ich wollte mich nicht an einem impe­ria­lis­ti­schen Krieg betei­ligen. Das wurde natürlich nicht anerkannt. Zu Recht, denn das ist ja keine Ablehnung von Gewalt aus Gewis­sens­gründen. Ich wurde dann aber nicht einge­zogen, vermut­lich wegen meiner radikalen Umtriebe. Ich galt wohl ein Sicherheitsrisiko.

Foto: Bundes­ar­chiv, Bild 146‑2004-0092 /​ Wolf, Helmut J. /​ CC-BY-SA 3.0

Sind sind dann zum „Kommu­nis­ti­schen Bund“ (KBW) gegangen, einer maois­ti­schen Split­ter­partei. Wie wurde dort über das Thema Gewalt und Militär gedacht?

Wir träumten von der gewalt­samen Revo­lu­tion in Deutsch­land und schwärmten für den anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Befrei­ungs­kampf in der Dritten Welt. Von Pazi­fismus keine Rede. Für meinen Ausstieg aus dieser Sackgasse spielte die Gewalt­frage eine zentrale Rolle. Ein Wende­punkt war das Erschre­cken über den Terror der RAF. Diese Genick­schuss­men­ta­lität, an einer Haustür zu klingeln, mit einem Blumen­strauß in der Hand, und dann den Hausherrn zu erschießen. Oder Hanns-Martin Schleyer kalt­blütig in seinem Verließ zu ermorden. Die Konse­quenz war für mich aber nicht ein poli­ti­scher Pazi­fismus im Sinne der Ablehnung alles Mili­tä­ri­schen. Vielmehr ging es um die Selbst­ver­pflich­tung auf Gewalt­frei­heit in der poli­ti­schen Ausein­an­der­set­zung, das ist etwas ganz anderes. Auch das war ein Grund, zu den Grünen zu gehen.

Sie haben die west­deut­sche Frie­dens­be­we­gung Anfang der 1980er Jahre erwähnt, die Hundert­tau­sende auf die Straße brachte. Auch sie waren dabei. Wie haben Sie diese Zeit erlebt? Und wie stark hat sie das Land geprägt?

Das war eine Massen­be­we­gung. Die Grünen sind in den Bundestag gekommen durch die Kombi­na­tion von Anti-Atomkraft-Protesten und den Protesten gegen die Statio­nie­rung atomarer Mittel­stre­cken­ra­keten. Diese Anti-Raketen-Bewegung war aller­dings zu großen Teilen eine Anti-Nato-Bewegung. Da sollten wir uns nichts in die Tasche lügen. Es gab zwar einen Flügel, der soli­da­risch mit den Dissi­denten und Bürger­rechts­be­we­gungen in Osteuropa war und für Abrüstung in West und Ost eintrat. Aber die Mehrheit stellte die ameri­ka­ni­schen Atom­ra­keten als die eigent­liche Gefahr dar, nicht die russi­schen. Es gab beides: Einen authen­ti­schen Pazi­fismus als ethisches Prinzip – und einen Pseudo-Pazi­fismus als Fassade für Anti-Ameri­ka­nismus und „Raus aus der Nato“-Parolen.

Foto: Sven Simon /​ Imago Images

Russland hatte ab 1979 Afgha­ni­stan über­fallen und nach einem brutalen Krieg besetzt. Aber anders als beim Viet­nam­krieg gab es keine Massen­pro­teste. Bis zum Ukraine-Krieg war Ähnliches immer wieder zu beob­achten: Scharfe Kritik an den USA gepaart mit Wegschauen, was Moskau betrifft oder sogar „Russland-Verste­herei“. Woher kommt dieser selektive Moralismus?

Das Verhältnis der Deutschen zu Amerika war immer zutiefst ambi­va­lent. Da gab es einer­seits die Faszi­na­tion für Amerika als Inbegriff der Moderne und das Aufsaugen aller kultu­rellen Impulse, die von da kamen: Martin Luther King und die Bürger­rechts­be­we­gung, Rock’n Roll und Blues, Woodstock und Hollywood. Und gleich­zeitig eine tief­sit­zende Antipathie.

Wie ist die erklärbar?

Ich erinnere mich noch an Gespräche, die ich als Kind bei Fami­li­en­treffen erlebte, wo es immer wieder um den ameri­ka­ni­schen „Bomben­terror“ im zweiten Weltkrieg ging. Und dieses Narrativ hat sich fort­ge­pflanzt bis zu den Protesten gegen den Nato-Einsatz im Kosovo-Krieg. Da tauchten dann Plakate auf mit dem Slogan: „Dresden – Hiroshima – Hanoi – Belgrad“. Es wurde eine Konti­nuität ameri­ka­ni­scher Kriegs­ver­bre­chen unter­stellt. In den Protesten gegen den Viet­nam­krieg gab es die Parole „USA-SA-SS“. Amerika auf einer Stufe mit dem Natio­nal­so­zia­lismus. Unglaub­lich, aber so war es.

Warum war die west­deut­sche Linke für diese Narrative so empfänglich?

Nehmen Sie das Bonmot von Henryk M. Broder: „Die Deutschen werden den Juden den Holocaust nie verzeihen.“ Man beschul­digt Israel, wenn es sich gegen den Rake­ten­terror der Hamas zur Wehr setzt, bezeichnet es als „Apart­heid­staat“ und attes­tiert damit den Nach­kommen der Opfer deutscher Massen­ver­bre­chen, dass sie auch nicht besser sind als unsere Nazi-Väter und Mütter. Diese Täter-Opfer-Umkehr gibt es auch gegenüber den USA: „Wir werden den Ameri­ka­nern nie verzeihen, dass sie uns befreit haben.“ Die Söhne und Töchter der Wehr­machts­ge­nera­tion sind unter der Last einer schweren deutschen Schuld aufge­wachsen. Zur psycho­lo­gi­schen Entlas­tung haben sie dann den deutschen Verbre­chen die der USA in Vietnam und anderswo gegen­über­ge­stellt. Seht Ihr, Ihr seid auch nicht besser! Damit war man dann gleichsam quitt. Gegenüber Russland gab es diese Form der psycho­lo­gi­schen Schuld­ab­fuhr nicht. Viel­leicht wegen der Grau­sam­keit des deutschen Vernich­tungs­kriegs im Osten – die Sowjet­union musste sich ja vertei­digen gegen den deutschen Angriff, nachdem Stalin zuvor mit Hitler paktiert hatte. Gegenüber Russland gibt es ein schlechtes Gewissen – nicht aber gegenüber Amerika.

Auf den Frie­dens­demos wurde gerufen: „Nie wieder Krieg!“, „Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin“ oder auch „Raus aus der NATO – rein ins Vergnügen!“ Wie denken sie heute darüber?

Das war alles nicht zu Ende gedacht. Es ist eine halbierte Lektion aus der deutschen Geschichte, wenn man ausblendet, dass wir durch einen erbit­terten Krieg besiegt werden mussten. Jeder Krieg ist eine Tragödie, jeder Krieg, selbst ein gerecht­fer­tigter Krieg, ist eine mensch­liche Kata­strophe. Deshalb müssen wir alles tun, um Konflikte möglichst gewalt­frei zu lösen und Kriege zu verhin­dern. Aber wenn man „Nie wieder Krieg!“ absolut setzt, verwischt man den Unter­schied zwischen einem Angriffs­krieg, der darauf abzielt,  andere Nationen zu unter­werfen, und einem legitimen Vertei­di­gungs­krieg gegen einen Aggressor. Am Ende ist dann alles gleich. Der deutsche Überfall auf Polen oder die Hunger­blo­ckade gegen Leningrad stehen dann auf der gleichen Stufe wie die Bombar­die­rung Dresdens. Die funda­men­tale Differenz zwischen einem unge­rechten und einem gerecht­fer­tigten Krieg zu leugnen wird zum Alibi für eine bequeme ohne-mich-Position, wenn es um Auslands­ein­sätze der Bundewehr geht. Der deutsche Natio­nal­pa­zi­fismus zeigt hier seine egois­ti­sche Seite: die Vertei­di­gung von Sicher­heit und Freiheit will man mitsamt den damit verbun­denen Kosten lieber anderen über­lassen. Dieser Egoismus wird mit einer höheren Moral des Gewalt­ver­zichts veredelt.

Hat das, was Sie „Natio­nal­pa­zi­fismus“ nennen die deutsche Haltung bis in die Gegenwart geprägt?

Ja, aber er wurde zunehmend brüchig, auch innerhalb meiner Partei. Die Ausein­an­der­set­zung um die mili­tä­ri­sche Inter­ven­tion in Bosnien und im Kosovo, das war  eine richtige Zerreiß­probe für die Grünen, bis hin zur Farb­beutel-Attacke auf Joschka Fischer. Da hat sich auf dem Balkan ein ethni­scher Natio­na­lismus ausgetobt, mitten in Europa, ein geno­zi­daler Krieg mit Verge­wal­ti­gung, Folter, Vertrei­bungen und Massakern wie in Srebre­nica – und wir haben uns bis zum Exzess über eine mili­tä­ri­sche Inter­ven­tion zur Been­di­gung dieses Gemetzels gestritten.

Foto: Sven Simon /​ Imago Images

Die einen haben gesagt: Deutsch­land darf nie wieder einen Krieg führen, das ist die Lehre aus Auschwitz. Die anderen haben gesagt. Wir müssen diesen Krieg führen. Denn genau das ist die Lehre aus Auschwitz.

Meine Position ist: Ich will nie wieder einen Angriffs­krieg aus Deutsch­land, nie wieder Krieg als Mittel impe­rialer Politik. Aber aus der Erfahrung von Krieg und Völker­mord erwächst auch die Verpflich­tung, denen zur Seite zu stehen, deren Leben und Freiheit bedroht sind. Auschwitz wurde ja nicht durch gewalt­losen Wider­stand befreit, sondern durch mili­tä­ri­sche Gewalt.

War das Verhältnis der bundes­deut­schen Linken zum Thema Gewalt und Militär letztlich eine einzige Abfolge von schweren histo­ri­schen Irrtümern?

So weit würde ich nicht gehen. Es gab innerhalb der Linken immer unter­schied­liche Haltungen, etwa zur Frage von Waffen­lie­fe­rungen an Israel oder zur Betei­li­gung an huma­ni­tären Inter­ven­tionen wie im Kosovo. Letztlich haben sich auch die Grünen mehr­heit­lich entscheiden: Wir können bei einem drohenden Völker­mord nicht zuschauen. Aber Ihre Frage ist nicht unbe­rech­tigt. Wenn man die Geschichte der Linken kritisch reflek­tiert, verliert man zumindest das chronisch gute Gewissen – die Über­zeu­gung, dass man immer auf der richtigen Seite der Geschichte gestanden hat.

Glauben Sie, dass das Bild, das wir von der Bundes­wehr haben, sich jetzt ändert ange­sichts der Bedrohung, die von Russland ausgeht?

Wir hatten uns ja weit­ge­hend verab­schiedet vom Prinzip der Bünd­nis­ver­tei­di­gung, also von der Möglich­keit des Krieges in Europa. Das gilt auch für die Fähigkeit zu mili­tä­ri­scher Abschre­ckung. Es herrschte die Über­zeu­gung vor: Unsere Sicher­heit wird eher über Ausland­ein­sätze in weit entfernten Welt­ge­genden wie am Hindu­kusch vertei­digt, dafür reichen hoch profes­sio­nelle Spezi­al­kräfte aus. Jetzt hat uns der Krieg  in der Ukraine mit einer neuen Wirk­lich­keit konfron­tiert, mitten in Europa. Der Glaube, wir könnten uns das Problem mili­tä­ri­scher Sicher­heit räumlich vom Leibe halten und damit auch mental verdrängen, hat sich als Illusion erwiesen. Der Krieg findet vor unserer Haustür statt. Damit rückt in unserer Wahr­neh­mung auch die Bundes­wehr wieder näher.

Ab und zu Skandale um Bera­ter­ver­träge oder Nazi-Klüngel – ansonsten hatten wir fast vergessen, dass es diese Bundes­wehr überhaupt noch gibt.

Ja, aber das ist auch eine Konse­quenz aus der Abschaf­fung der Wehr­pflicht. Dass die Distanz wächst zwischen der Bundes­wehr und einer Gesell­schaft, die in ihrer großen Mehrheit gar keine Berührung mehr hat mit ihrer Armee und mit allem Mili­tä­ri­schen. Wir haben unsere mili­tä­ri­sche Sicher­heit praktisch ausge­la­gert an eine profes­sio­nelle Truppe von Frei­wil­ligen und Berufs­sol­daten – eine Sicher­heits­agentur namens Bundes­wehr. Die sollte für uns Sicher­heit produ­zieren, uns ansonsten aber mit der unbe­quemen Realiltät von Krieg und Gewalt nicht weiter behel­ligen. Wieder ein psycho­lo­gi­scher Verdrän­gungs­me­cha­nismus. Aber der funk­tio­niert jetzt nicht mehr. Das merken Sie ja schon, wenn Sie abends die Bilder aus der Ukraine in der „Tages­schau“ sehen.

Wären Sie dafür, die Wehr­pflicht wieder einzuführen?

Wenn man sich die Geschichte anschaut, muss man sagen: Die Wehr­pflicht ist eine fort­schritt­liche, repu­bli­ka­ni­sche Insti­tu­tion. Als Linker muss man also eigent­lich dafür sein. Ich glaube aber, dass diese Art von Volksheer für den modernen, hoch­tech­ni­sierten Krieg nicht mehr passt. Dafür braucht man eine hoch profes­sio­nelle, bestens ausge­bil­dete und bewaff­nete Truppe. Aber ich bin sehr dafür, dass das öffent­liche Bild der Bundes­wehr gera­de­ge­rückt wird. Dass Jugend- oder Bildungs­of­fi­ziere der Bundes­wehr an Schulen nicht zuge­lassen werden, ist ein Unding. Wir haben eine Parla­ments­armee, die Soldaten werden vom Bundestag, also in unserem Auftrag, in Einsätze geschickt. Ihnen den Respekt zu verwei­gern heißt: Wir nehmen uns selbst nicht ernst. Ähnliches gilt für die Forderung: „keine Rüstungs­for­schung!“ Wir sind Mitglieder eines mili­tä­ri­schen Bünd­nisses und wollen keine Rüstungs­for­schung? Eine völlige Schi­zo­phrenie. Wir sagen ja auch nicht: Wir betreiben ein Kran­ken­haus, wollen aber keine medi­zi­ni­sche Forschung.

Die Bundes­wehr trans­por­tiert mögli­cher­weise allein durch ihre Präsenz eine Realität, die man nicht zur Kenntnis nehmen will: Ja, es gibt Krieg, es gibt Gewalt.

Das könnte sein: Man verdrängt die Bundes­wehr aus der öffent­li­chen Wahr­neh­mung, weil man hofft, damit diese unan­ge­nehmen Themen von Gewalt und Krieg beiseite schieben zu können. Man akzep­tiert sie allen­falls als huma­ni­täre Hilfs­or­ga­ni­sa­tion, die Menschen rettet und Brunnen bohrt. Der Kern­auf­trag der Bundes­wehr ist aber nicht Entwick­lungs­zu­sam­men­ar­beit. Sondern unsere Sicher­heit und Freiheit mittels mili­tä­ri­scher Abschre­ckung zu garan­tieren und notfalls auch dafür zu kämpfen.

Das ukrai­ni­sche Volk zeigt Mut, Tapfer­keit, Opfer­be­reit­schaft, Heimat­liebe. Das sind alles Werte, zu denen wir aufgrund unserer Vergan­gen­heit zu Recht ein gebro­chenes Verhältnis haben. Gleich­zeitig bewundern viele Deutsche aber auch den ukrai­ni­schen Staats­prä­si­denten Wolodymyr Selenskyj, wenn er in oliv­grüner Kampf­mo­nitur per Video vor der Welt­öf­fent­lich­keit erklärt, dass er bereit sei, für seine Heimat zu sterben. Was erleben wir da? Die Umwertung aller Werte – auch auf Seiten der Linken?

Der Berliner Poli­to­loge Herfried Münkler hat den Begriff von der „post­he­roi­schen Gesell­schaft“ geprägt. Jetzt erleben wir mit Selenskyj einen Staats­mann, der zugleich zivil und kampf­be­reit ist. Wir sehen, wie Väter sich auf Bahnhöfen von ihren Kindern verab­schieden, um an die Front gehen. Sie wissen nicht, ob sie einander je wieder­sehen. Davor Respekt zu empfinden, dass Menschen bereit sind, ihr Leben zu riskieren für eine größere Sache, für die Vertei­di­gung der Freiheit und Selbst­be­stim­mung ihrer Nation – das müssen wir erst mal an uns rankommen lassen. Eine unserer Töchter ist mit einem Israeli verhei­ratet und lebt in Jerusalem. Da war immer klar, dass man bereit sein muss, im Notfall zu kämpfen, weil es sonst Israel gar nicht mehr geben würde. Wer mili­tä­risch erpressbar ist, der ist auch politisch erpressbar. Ich glaube, dass die neue Wehr­haf­tig­keit, die jetzt von uns verlangt wird, die Entschlos­sen­heit auch in mili­tä­ri­sche Vertei­di­gung zu inves­tieren, dass all das am Ende sogar das beste Mittel ist, um den Krieg zu verhin­dern. Das ist ja gerade das Paradoxe: „Si vis pacem para bellum“ – „Wenn Du Frieden willst, bereite Dich auf Krieg vor.“

Wie verträgt sich dieses Prinzip mit einer durch und durch zivilen Gesell­schaft wie der unseren?

Ihre Frage ist berech­tigt: Passt das zusammen? Ich glaube, ja. Die Distanz zu Gewalt, die Wert­schät­zung jedes einzelnen Menschen­le­bens und auch das Erschre­cken über die Bruta­lität des Krieges, das sind alles zivi­li­sa­to­ri­sche Fort­schritte. Die Frage ist, ob wir es schaffen, huma­ni­täre Sensi­bi­lität mit Wehr­haf­tig­keit zu verbinden, ja, ich riskiere jetzt mal den Begriff: sogar mit der Bereit­schaft, Opfer zu bringen. Wir wollen keinen Krieg mit Russland, weil das das Risiko des Dritten Welt­kriegs und der gegen­sei­tigen Vernich­tung bedeutet. Aber sind wir dann wenigs­tens bereit, ökono­mi­sche Sank­tionen zu verhängen, die uns auch was kosten? Ein Öl- oder Gasem­bargo gegen Russland, täuschen wir uns da nicht: das wird auch uns einiges abver­langen. Ivan Krăstev, ein bril­lanter euro­päi­scher Intel­lek­tu­eller aus Bulgarien, sagt: Heut­zu­tage wird geopo­li­ti­sche Stärke nicht dadurch bestimmt, wie viel wirt­schaft­liche Macht man besitzt, sondern dadurch, wie viel Schmerz man ertragen kann. Das würde ich mir in dieser pathe­ti­schen Form gar nicht zu eigen machen. Es geht mir nicht um martia­li­sche Tugenden. Aber es braucht eine neue Entschlos­sen­heit, unsere frei­heit­liche Lebens­form zu vertei­digen, für Menschen­rechte und die Geltung des Völker­rechts einzu­treten. Notfalls auch militärisch.

Das Interview führte Tilman Gerwien für den Stern. 

Dies ist ein Nachdruck des am 7. März veröf­fent­lichten Interviews.

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