„Wir müssen unsere Frei­heit ent­schlos­sen verteidigen“

Mit den 68ern pro­tes­tierte er gegen den Viet­nam­krieg, dann wurde er Maoist, schließ­lich landete er bei den Grünen. Ralf Fücks, Leiter des „Zen­trums Libe­rale Moderne“, hat die Irrun­gen und Wir­run­gen der deut­schen Linken zwi­schen Pazi­fis­mus und Krieg hautnah mit­er­lebt. Er meint: Ange­sichts von Wla­di­mir Putins Bru­ta­li­tät müssen wir unsere Frei­heit ent­schlos­sen ver­tei­di­gen – auch mit mili­tä­ri­scher Abschreckung.

Herr Fücks, was macht Putins Über­fall auf die Ukraine mit den Deut­schen – einem Volk, von dem immer behaup­tet wurde, es sei im Grunde latent pazifistisch?

Was wir jetzt erleben, ist ein kol­lek­ti­ver Schock. Eine Mischung aus Erschre­cken und Auf­wa­chen in einer neuen Rea­li­tät. Weite Teile von Politik und Bevöl­ke­rung hatten sich ein­ge­rich­tet in einer Wunschwelt, die noch aus den 1990er Jahren stammt: Es gibt keine Gegner mehr, wir sind umzin­gelt von Freun­den, die Zeit von mili­tä­ri­scher Bedro­hung ist vorbei, wir ernten jetzt die Frie­dens­di­vi­dende. Wir haben über Jahre ver­drängt, dass diese Welt sich ver­än­dert hat, dass wir in einem neuen Sys­tem­kon­flikt stehen mit gewalt­be­rei­ten auto­ri­tä­ren Mächten, und dass in Russ­land eine revan­chis­ti­sche Macht her­an­ge­wach­sen ist.

Sie ver­wen­den den Begriff „revan­chis­tisch“ für das Putin-Regime in Russ­land?

Haben Sie einen bes­se­ren? Putin ver­folgt eine revan­chis­ti­sche Groß­macht­po­li­tik, er will das Impe­rium wie­der­her­stel­len und die Land­karte mit Gewalt neu zeich­nen. Das hat er schon 2008 mit seinem Krieg in Geor­gien gezeigt, 2014 mit der Anne­xion der Krim, dann in Syrien, wo er Kran­ken­häu­ser und Schulen bom­bar­die­ren ließ.

Foto: Russian Minis­try of Defence /​ CC-BY-SA 4.0

78 Prozent der Deut­schen finden die Waf­fen­lie­fe­run­gen richtig, ebenso viele unter­stütz­ten das zusätz­li­che 100-Mil­li­ar­den-Paket für die Bundeswehr.

Als Olaf Scholz seine Kehrt­wende im Bun­des­tag ange­kün­digt hat, das war, als hätte jemand den Vorhang von einer Kulisse weg­ge­zo­gen, auf einmal wurde ein ganz neues Büh­nen­bild sicht­bar. Deutsch­land durch­läuft einen dra­ma­ti­schen Lern­pro­zess. Was mich ver­blüfft ist dessen Geschwin­dig­keit. Ich hatte eher gedacht, wir rut­schen in eine Situa­tion wie zu Anfang der 1980er Jahre in der Aus­ein­an­der­set­zung um die Nato-Nach­rüs­tung. Also in eine scharfe Pola­ri­sie­rung der Gesell­schaft und Pro­teste auf der Straße. Nichts davon. Statt­des­sen wie aus dem Erd­bo­den riesige Demons­tra­tio­nen, die nicht einfach nur nach „Frieden“ rufen, sondern klar Posi­tion bezie­hen für das Recht des ukrai­ni­schen Volkes, seine Frei­heit zu verteidigen.

Woran könnte das liegen, dass es nicht so ist wie damals beim Nato-Doppelbeschluss?

Die Ukraine ist uns plötz­lich nah, räum­lich und auch emo­tio­nal. Bei allen Pro­ble­men, die es dort gibt, der Kor­rup­tion, der Macht der Olig­ar­chen: Wir sehen, dass es ein Land im Auf­bruch ist, das seine Frei­heit will. Diese zurück­hal­tende Kälte, die es bei uns jah­re­lang gab, die mora­li­sche Indif­fe­renz und die Offen­heit für die rus­si­sche Pro­pa­ganda – das ist auf einmal weg, jetzt, wo Putin die Ukraine und die Men­schen dort zur Schlacht­bank führen will. Es ist ein zutiefst ver­stö­ren­des Erleb­nis, das dazu führt, dass viele bereit sind, alte Glau­bens­sätze in Frage zu stellen.

Zum Bei­spiel den: „Keine Waf­fen­lie­fe­run­gen in Konfliktgebiete!“

Mit diesem Satz stimmte doch immer schon etwas nicht. Er lief darauf hinaus, eine Neu­tra­li­tät in mili­tä­ri­schen Kon­flik­ten zu rekla­mie­ren, also nicht unter­schei­den zu wollen zwi­schen Angrei­fer und Ver­tei­di­ger, zwi­schen denen, die ihr Recht auf Selbst­ver­tei­di­gung wahr­neh­men und einer über­le­ge­nen Mili­tär­macht, die sie unter­wer­fen will. In der Kon­se­quenz ist das eine Par­tei­nahme für den Aggres­sor. Aus­ge­rech­net in einem Krieg sollen Waf­fen­lie­fe­run­gen tabu sein – also dann, wenn die Ange­grif­fe­nen sie drin­gend brau­chen? Das ist nicht zu Ende gedacht. Deutsch­land wollte letzt­lich eine große Schweiz sein, die mit allen Geschäfte macht, aber sich aus allen Kon­flik­ten her­aus­hält. Dieses Kon­strukt fällt jetzt wie ein Kar­ten­haus in sich zusammen.

Foto: Jim Gordon /​ Flickr /​ CC-BY-SA 2.0

Begrün­det wurde die Ableh­nung von Waf­fen­lie­fe­run­gen aber mora­lisch: Wer Waffen liefert, fördert den Krieg.

Man kann in einer solchen Situa­tion, wie wir sie jetzt in der Ukraine erleben, seine Hände nicht in Unschuld waschen. Auch wer nichts tut, macht sich schul­dig: durch unter­las­sene Hil­fe­leis­tung. Politik heißt eben auch, Unter­schei­dun­gen zu treffen, Partei zu ergrei­fen, sich zu ent­schei­den zwi­schen Gut und Böse. Nicht alle sind gleich glei­cher­ma­ßen schuld an diesem Krieg. Es gibt einem Aggres­sor und eine Nation, die sich zur Wehr setzt. Das ist das Neue: Dass Deutsch­land sich ent­schie­den hat, in dieser Aus­ein­an­der­set­zung Partei zu ergreifen.

Gregor Gysi hat diese Tage gesagt: „Alles, was ich immer gesagt habe, ist an dem Tag gestor­ben, an dem ein völ­ker­rechts­wid­ri­ger Krieg beginnt.“ Glauben Sie, dass es im Moment vielen so geht, gerade unter Linken und Grünen?

Ich kaufe das nicht allen ab, die jetzt beteu­ern: „Wir haben uns geirrt.“ Man konnte schon lange wissen, was das für ein Regime in Moskau ist. Nehmen Sie nur die Putin-Legende von der dro­gen­ab­hän­gi­gen Nazi-Clique, die sich in Kiew an die Macht geputscht habe. Goe­b­bels würde vor Neid erblas­sen über diese Lügen­pro­pa­ganda. Allzu viele haben ihr allzu lange nicht widersprochen.

Sie selbst sind in der west­deut­schen Linken poli­tisch groß­ge­wor­den. Haben Sie eigent­lich Wehr­dienst geleistet?

Gute Frage. Als sie aufkam, war ich schon in meiner links­ra­di­ka­len Phase zwi­schen Schule und Studium in Hei­del­berg. Ich habe ver­wei­gert mit der Begrün­dung, ich wollte mich nicht an einem impe­ria­lis­ti­schen Krieg betei­li­gen. Das wurde natür­lich nicht aner­kannt. Zu Recht, denn das ist ja keine Ableh­nung von Gewalt aus Gewis­sens­grün­den. Ich wurde dann aber nicht ein­ge­zo­gen, ver­mut­lich wegen meiner radi­ka­len Umtriebe. Ich galt wohl ein Sicherheitsrisiko.

Foto: Bun­des­ar­chiv, Bild 146‑2004-0092 /​ Wolf, Helmut J. /​ CC-BY-SA 3.0

Sind sind dann zum „Kom­mu­nis­ti­schen Bund“ (KBW) gegan­gen, einer mao­is­ti­schen Split­ter­par­tei. Wie wurde dort über das Thema Gewalt und Militär gedacht?

Wir träum­ten von der gewalt­sa­men Revo­lu­tion in Deutsch­land und schwärm­ten für den anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Befrei­ungs­kampf in der Dritten Welt. Von Pazi­fis­mus keine Rede. Für meinen Aus­stieg aus dieser Sack­gasse spielte die Gewalt­frage eine zen­trale Rolle. Ein Wen­de­punkt war das Erschre­cken über den Terror der RAF. Diese Genick­schuss­men­ta­li­tät, an einer Haustür zu klin­geln, mit einem Blu­men­strauß in der Hand, und dann den Haus­herrn zu erschie­ßen. Oder Hanns-Martin Schleyer kalt­blü­tig in seinem Verließ zu ermor­den. Die Kon­se­quenz war für mich aber nicht ein poli­ti­scher Pazi­fis­mus im Sinne der Ableh­nung alles Mili­tä­ri­schen. Viel­mehr ging es um die Selbst­ver­pflich­tung auf Gewalt­frei­heit in der poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung, das ist etwas ganz anderes. Auch das war ein Grund, zu den Grünen zu gehen.

Sie haben die west­deut­sche Frie­dens­be­we­gung Anfang der 1980er Jahre erwähnt, die Hun­dert­tau­sende auf die Straße brachte. Auch sie waren dabei. Wie haben Sie diese Zeit erlebt? Und wie stark hat sie das Land geprägt?

Das war eine Mas­sen­be­we­gung. Die Grünen sind in den Bun­des­tag gekom­men durch die Kom­bi­na­tion von Anti-Atom­kraft-Pro­tes­ten und den Pro­tes­ten gegen die Sta­tio­nie­rung ato­ma­rer Mit­tel­stre­cken­ra­ke­ten. Diese Anti-Raketen-Bewe­gung war aller­dings zu großen Teilen eine Anti-Nato-Bewe­gung. Da sollten wir uns nichts in die Tasche lügen. Es gab zwar einen Flügel, der soli­da­risch mit den Dis­si­den­ten und Bür­ger­rechts­be­we­gun­gen in Ost­eu­ropa war und für Abrüs­tung in West und Ost eintrat. Aber die Mehr­heit stellte die ame­ri­ka­ni­schen Atom­ra­ke­ten als die eigent­li­che Gefahr dar, nicht die rus­si­schen. Es gab beides: Einen authen­ti­schen Pazi­fis­mus als ethi­sches Prinzip – und einen Pseudo-Pazi­fis­mus als Fassade für Anti-Ame­ri­ka­nis­mus und „Raus aus der Nato“-Parolen.

Foto: Sven Simon /​ Imago Images

Russ­land hatte ab 1979 Afgha­ni­stan über­fal­len und nach einem bru­ta­len Krieg besetzt. Aber anders als beim Viet­nam­krieg gab es keine Mas­sen­pro­teste. Bis zum Ukraine-Krieg war Ähn­li­ches immer wieder zu beob­ach­ten: Scharfe Kritik an den USA gepaart mit Weg­schauen, was Moskau betrifft oder sogar „Russ­land-Ver­ste­he­rei“. Woher kommt dieser selek­tive Moralismus?

Das Ver­hält­nis der Deut­schen zu Amerika war immer zutiefst ambi­va­lent. Da gab es einer­seits die Fas­zi­na­tion für Amerika als Inbe­griff der Moderne und das Auf­sau­gen aller kul­tu­rel­len Impulse, die von da kamen: Martin Luther King und die Bür­ger­rechts­be­we­gung, Rock’n Roll und Blues, Wood­stock und Hol­ly­wood. Und gleich­zei­tig eine tief­sit­zende Antipathie.

Wie ist die erklärbar?

Ich erin­nere mich noch an Gesprä­che, die ich als Kind bei Fami­li­en­tref­fen erlebte, wo es immer wieder um den ame­ri­ka­ni­schen „Bom­ben­ter­ror“ im zweiten Welt­krieg ging. Und dieses Nar­ra­tiv hat sich fort­ge­pflanzt bis zu den Pro­tes­ten gegen den Nato-Einsatz im Kosovo-Krieg. Da tauch­ten dann Plakate auf mit dem Slogan: „Dresden – Hiro­shima – Hanoi – Belgrad“. Es wurde eine Kon­ti­nui­tät ame­ri­ka­ni­scher Kriegs­ver­bre­chen unter­stellt. In den Pro­tes­ten gegen den Viet­nam­krieg gab es die Parole „USA-SA-SS“. Amerika auf einer Stufe mit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus. Unglaub­lich, aber so war es.

Warum war die west­deut­sche Linke für diese Nar­ra­tive so empfänglich?

Nehmen Sie das Bonmot von Henryk M. Broder: „Die Deut­schen werden den Juden den Holo­caust nie ver­zei­hen.“ Man beschul­digt Israel, wenn es sich gegen den Rake­ten­ter­ror der Hamas zur Wehr setzt, bezeich­net es als „Apart­heid­staat“ und attes­tiert damit den Nach­kom­men der Opfer deut­scher Mas­sen­ver­bre­chen, dass sie auch nicht besser sind als unsere Nazi-Väter und Mütter. Diese Täter-Opfer-Umkehr gibt es auch gegen­über den USA: „Wir werden den Ame­ri­ka­nern nie ver­zei­hen, dass sie uns befreit haben.“ Die Söhne und Töchter der Wehr­machts­ge­nera­tion sind unter der Last einer schwe­ren deut­schen Schuld auf­ge­wach­sen. Zur psy­cho­lo­gi­schen Ent­las­tung haben sie dann den deut­schen Ver­bre­chen die der USA in Vietnam und anderswo gegen­über­ge­stellt. Seht Ihr, Ihr seid auch nicht besser! Damit war man dann gleich­sam quitt. Gegen­über Russ­land gab es diese Form der psy­cho­lo­gi­schen Schuld­ab­fuhr nicht. Viel­leicht wegen der Grau­sam­keit des deut­schen Ver­nich­tungs­kriegs im Osten – die Sowjet­union musste sich ja ver­tei­di­gen gegen den deut­schen Angriff, nachdem Stalin zuvor mit Hitler pak­tiert hatte. Gegen­über Russ­land gibt es ein schlech­tes Gewis­sen – nicht aber gegen­über Amerika.

Auf den Frie­dens­de­mos wurde gerufen: „Nie wieder Krieg!“, „Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin“ oder auch „Raus aus der NATO – rein ins Ver­gnü­gen!“ Wie denken sie heute darüber?

Das war alles nicht zu Ende gedacht. Es ist eine hal­bierte Lektion aus der deut­schen Geschichte, wenn man aus­blen­det, dass wir durch einen erbit­ter­ten Krieg besiegt werden mussten. Jeder Krieg ist eine Tra­gö­die, jeder Krieg, selbst ein gerecht­fer­tig­ter Krieg, ist eine mensch­li­che Kata­stro­phe. Deshalb müssen wir alles tun, um Kon­flikte mög­lichst gewalt­frei zu lösen und Kriege zu ver­hin­dern. Aber wenn man „Nie wieder Krieg!“ absolut setzt, ver­wischt man den Unter­schied zwi­schen einem Angriffs­krieg, der darauf abzielt,  andere Natio­nen zu unter­wer­fen, und einem legi­ti­men Ver­tei­di­gungs­krieg gegen einen Aggres­sor. Am Ende ist dann alles gleich. Der deut­sche Über­fall auf Polen oder die Hun­ger­blo­ckade gegen Lenin­grad stehen dann auf der glei­chen Stufe wie die Bom­bar­die­rung Dres­dens. Die fun­da­men­tale Dif­fe­renz zwi­schen einem unge­rech­ten und einem gerecht­fer­tig­ten Krieg zu leugnen wird zum Alibi für eine bequeme ohne-mich-Posi­tion, wenn es um Aus­lands­ein­sätze der Bun­de­wehr geht. Der deut­sche Natio­nal­pa­zi­fis­mus zeigt hier seine ego­is­ti­sche Seite: die Ver­tei­di­gung von Sicher­heit und Frei­heit will man mitsamt den damit ver­bun­de­nen Kosten lieber anderen über­las­sen. Dieser Ego­is­mus wird mit einer höheren Moral des Gewalt­ver­zichts veredelt.

Hat das, was Sie „Natio­nal­pa­zi­fis­mus“ nennen die deut­sche Haltung bis in die Gegen­wart geprägt?

Ja, aber er wurde zuneh­mend brüchig, auch inner­halb meiner Partei. Die Aus­ein­an­der­set­zung um die mili­tä­ri­sche Inter­ven­tion in Bosnien und im Kosovo, das war  eine rich­tige Zer­reiß­probe für die Grünen, bis hin zur Farb­beu­tel-Attacke auf Joschka Fischer. Da hat sich auf dem Balkan ein eth­ni­scher Natio­na­lis­mus aus­ge­tobt, mitten in Europa, ein geno­zi­da­ler Krieg mit Ver­ge­wal­ti­gung, Folter, Ver­trei­bun­gen und Mas­sa­kern wie in Sre­bre­nica – und wir haben uns bis zum Exzess über eine mili­tä­ri­sche Inter­ven­tion zur Been­di­gung dieses Gemet­zels gestritten.

Foto: Sven Simon /​ Imago Images

Die einen haben gesagt: Deutsch­land darf nie wieder einen Krieg führen, das ist die Lehre aus Ausch­witz. Die anderen haben gesagt. Wir müssen diesen Krieg führen. Denn genau das ist die Lehre aus Auschwitz.

Meine Posi­tion ist: Ich will nie wieder einen Angriffs­krieg aus Deutsch­land, nie wieder Krieg als Mittel impe­ria­ler Politik. Aber aus der Erfah­rung von Krieg und Völ­ker­mord erwächst auch die Ver­pflich­tung, denen zur Seite zu stehen, deren Leben und Frei­heit bedroht sind. Ausch­witz wurde ja nicht durch gewalt­lo­sen Wider­stand befreit, sondern durch mili­tä­ri­sche Gewalt.

War das Ver­hält­nis der bun­des­deut­schen Linken zum Thema Gewalt und Militär letzt­lich eine einzige Abfolge von schwe­ren his­to­ri­schen Irrtümern?

So weit würde ich nicht gehen. Es gab inner­halb der Linken immer unter­schied­li­che Hal­tun­gen, etwa zur Frage von Waf­fen­lie­fe­run­gen an Israel oder zur Betei­li­gung an huma­ni­tä­ren Inter­ven­tio­nen wie im Kosovo. Letzt­lich haben sich auch die Grünen mehr­heit­lich ent­schei­den: Wir können bei einem dro­hen­den Völ­ker­mord nicht zuschauen. Aber Ihre Frage ist nicht unbe­rech­tigt. Wenn man die Geschichte der Linken kri­tisch reflek­tiert, ver­liert man zumin­dest das chro­nisch gute Gewis­sen – die Über­zeu­gung, dass man immer auf der rich­ti­gen Seite der Geschichte gestan­den hat.

Glauben Sie, dass das Bild, das wir von der Bun­des­wehr haben, sich jetzt ändert ange­sichts der Bedro­hung, die von Russ­land ausgeht?

Wir hatten uns ja weit­ge­hend ver­ab­schie­det vom Prinzip der Bünd­nis­ver­tei­di­gung, also von der Mög­lich­keit des Krieges in Europa. Das gilt auch für die Fähig­keit zu mili­tä­ri­scher Abschre­ckung. Es herrschte die Über­zeu­gung vor: Unsere Sicher­heit wird eher über Aus­land­ein­sätze in weit ent­fern­ten Welt­ge­gen­den wie am Hin­du­kusch ver­tei­digt, dafür reichen hoch pro­fes­sio­nelle Spe­zi­al­kräfte aus. Jetzt hat uns der Krieg  in der Ukraine mit einer neuen Wirk­lich­keit kon­fron­tiert, mitten in Europa. Der Glaube, wir könnten uns das Problem mili­tä­ri­scher Sicher­heit räum­lich vom Leibe halten und damit auch mental ver­drän­gen, hat sich als Illu­sion erwie­sen. Der Krieg findet vor unserer Haustür statt. Damit rückt in unserer Wahr­neh­mung auch die Bun­des­wehr wieder näher.

Ab und zu Skan­dale um Bera­ter­ver­träge oder Nazi-Klüngel – ansons­ten hatten wir fast ver­ges­sen, dass es diese Bun­des­wehr über­haupt noch gibt.

Ja, aber das ist auch eine Kon­se­quenz aus der Abschaf­fung der Wehr­pflicht. Dass die Distanz wächst zwi­schen der Bun­des­wehr und einer Gesell­schaft, die in ihrer großen Mehr­heit gar keine Berüh­rung mehr hat mit ihrer Armee und mit allem Mili­tä­ri­schen. Wir haben unsere mili­tä­ri­sche Sicher­heit prak­tisch aus­ge­la­gert an eine pro­fes­sio­nelle Truppe von Frei­wil­li­gen und Berufs­sol­da­ten – eine Sicher­heits­agen­tur namens Bun­des­wehr. Die sollte für uns Sicher­heit pro­du­zie­ren, uns ansons­ten aber mit der unbe­que­men Rea­li­l­tät von Krieg und Gewalt nicht weiter behel­li­gen. Wieder ein psy­cho­lo­gi­scher Ver­drän­gungs­me­cha­nis­mus. Aber der funk­tio­niert jetzt nicht mehr. Das merken Sie ja schon, wenn Sie abends die Bilder aus der Ukraine in der „Tages­schau“ sehen.

Wären Sie dafür, die Wehr­pflicht wieder einzuführen?

Wenn man sich die Geschichte anschaut, muss man sagen: Die Wehr­pflicht ist eine fort­schritt­li­che, repu­bli­ka­ni­sche Insti­tu­tion. Als Linker muss man also eigent­lich dafür sein. Ich glaube aber, dass diese Art von Volks­heer für den moder­nen, hoch­tech­ni­sier­ten Krieg nicht mehr passt. Dafür braucht man eine hoch pro­fes­sio­nelle, bestens aus­ge­bil­dete und bewaff­nete Truppe. Aber ich bin sehr dafür, dass das öffent­li­che Bild der Bun­des­wehr gera­de­ge­rückt wird. Dass Jugend- oder Bil­dungs­of­fi­ziere der Bun­des­wehr an Schulen nicht zuge­las­sen werden, ist ein Unding. Wir haben eine Par­la­ments­ar­mee, die Sol­da­ten werden vom Bun­des­tag, also in unserem Auftrag, in Ein­sätze geschickt. Ihnen den Respekt zu ver­wei­gern heißt: Wir nehmen uns selbst nicht ernst. Ähn­li­ches gilt für die For­de­rung: „keine Rüs­tungs­for­schung!“ Wir sind Mit­glie­der eines mili­tä­ri­schen Bünd­nis­ses und wollen keine Rüs­tungs­for­schung? Eine völlige Schi­zo­phre­nie. Wir sagen ja auch nicht: Wir betrei­ben ein Kran­ken­haus, wollen aber keine medi­zi­ni­sche Forschung.

Die Bun­des­wehr trans­por­tiert mög­li­cher­weise allein durch ihre Präsenz eine Rea­li­tät, die man nicht zur Kennt­nis nehmen will: Ja, es gibt Krieg, es gibt Gewalt.

Das könnte sein: Man ver­drängt die Bun­des­wehr aus der öffent­li­chen Wahr­neh­mung, weil man hofft, damit diese unan­ge­neh­men Themen von Gewalt und Krieg bei­seite schie­ben zu können. Man akzep­tiert sie allen­falls als huma­ni­täre Hilfs­or­ga­ni­sa­tion, die Men­schen rettet und Brunnen bohrt. Der Kern­auf­trag der Bun­des­wehr ist aber nicht Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit. Sondern unsere Sicher­heit und Frei­heit mittels mili­tä­ri­scher Abschre­ckung zu garan­tie­ren und not­falls auch dafür zu kämpfen.

Das ukrai­ni­sche Volk zeigt Mut, Tap­fer­keit, Opfer­be­reit­schaft, Hei­mat­liebe. Das sind alles Werte, zu denen wir auf­grund unserer Ver­gan­gen­heit zu Recht ein gebro­che­nes Ver­hält­nis haben. Gleich­zei­tig bewun­dern viele Deut­sche aber auch den ukrai­ni­schen Staats­prä­si­den­ten Wolo­dymyr Selen­skyj, wenn er in oliv­grü­ner Kampf­mo­ni­tur per Video vor der Welt­öf­fent­lich­keit erklärt, dass er bereit sei, für seine Heimat zu sterben. Was erleben wir da? Die Umwer­tung aller Werte – auch auf Seiten der Linken?

Der Ber­li­ner Poli­to­loge Her­fried Münkler hat den Begriff von der „post­he­roi­schen Gesell­schaft“ geprägt. Jetzt erleben wir mit Selen­skyj einen Staats­mann, der zugleich zivil und kampf­be­reit ist. Wir sehen, wie Väter sich auf Bahn­hö­fen von ihren Kindern ver­ab­schie­den, um an die Front gehen. Sie wissen nicht, ob sie ein­an­der je wie­der­se­hen. Davor Respekt zu emp­fin­den, dass Men­schen bereit sind, ihr Leben zu ris­kie­ren für eine größere Sache, für die Ver­tei­di­gung der Frei­heit und Selbst­be­stim­mung ihrer Nation – das müssen wir erst mal an uns ran­kom­men lassen. Eine unserer Töchter ist mit einem Israeli ver­hei­ra­tet und lebt in Jeru­sa­lem. Da war immer klar, dass man bereit sein muss, im Notfall zu kämpfen, weil es sonst Israel gar nicht mehr geben würde. Wer mili­tä­risch erpress­bar ist, der ist auch poli­tisch erpress­bar. Ich glaube, dass die neue Wehr­haf­tig­keit, die jetzt von uns ver­langt wird, die Ent­schlos­sen­heit auch in mili­tä­ri­sche Ver­tei­di­gung zu inves­tie­ren, dass all das am Ende sogar das beste Mittel ist, um den Krieg zu ver­hin­dern. Das ist ja gerade das Para­doxe: „Si vis pacem para bellum“ – „Wenn Du Frieden willst, bereite Dich auf Krieg vor.“

Wie ver­trägt sich dieses Prinzip mit einer durch und durch zivilen Gesell­schaft wie der unseren?

Ihre Frage ist berech­tigt: Passt das zusam­men? Ich glaube, ja. Die Distanz zu Gewalt, die Wert­schät­zung jedes ein­zel­nen Men­schen­le­bens und auch das Erschre­cken über die Bru­ta­li­tät des Krieges, das sind alles zivi­li­sa­to­ri­sche Fort­schritte. Die Frage ist, ob wir es schaf­fen, huma­ni­täre Sen­si­bi­li­tät mit Wehr­haf­tig­keit zu ver­bin­den, ja, ich ris­kiere jetzt mal den Begriff: sogar mit der Bereit­schaft, Opfer zu bringen. Wir wollen keinen Krieg mit Russ­land, weil das das Risiko des Dritten Welt­kriegs und der gegen­sei­ti­gen Ver­nich­tung bedeu­tet. Aber sind wir dann wenigs­tens bereit, öko­no­mi­sche Sank­tio­nen zu ver­hän­gen, die uns auch was kosten? Ein Öl- oder Gas­em­bargo gegen Russ­land, täu­schen wir uns da nicht: das wird auch uns einiges abver­lan­gen. Ivan Krăstev, ein bril­lan­ter euro­päi­scher Intel­lek­tu­el­ler aus Bul­ga­rien, sagt: Heut­zu­tage wird geo­po­li­ti­sche Stärke nicht dadurch bestimmt, wie viel wirt­schaft­li­che Macht man besitzt, sondern dadurch, wie viel Schmerz man ertra­gen kann. Das würde ich mir in dieser pathe­ti­schen Form gar nicht zu eigen machen. Es geht mir nicht um mar­tia­li­sche Tugen­den. Aber es braucht eine neue Ent­schlos­sen­heit, unsere frei­heit­li­che Lebens­form zu ver­tei­di­gen, für Men­schen­rechte und die Geltung des Völ­ker­rechts ein­zu­tre­ten. Not­falls auch militärisch.

Das Inter­view führte Tilman Gerwien für den Stern. 

Dies ist ein Nach­druck des am 7. März ver­öf­fent­lich­ten Interviews.

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