Strategiekreis Klimatransformation No. VII: Klimaschutz, wirtschaftliche Stärke und Sicherheit verbinden

Geopolitische Umbrüche, eine Klimakonferenz mit eher magerem Ergebnis, dazu Zweifel am europäischen Klimakurs und eine sich ändernde Weltordnung – wie lässt sich Klimatransformation angesichts dessen überhaupt noch denken? In unserem hochrangig besetzen Strategiekreis Klimatransformation gab es viel zu diskutieren. Lukas Daubner fasst die zentralen Debatten und Ansatzpunkte für Sie zusammen.
I. Rückschau COP 2025
Die Teilnehmenden ordneten die Ergebnisse der COP im brasilianischen Belém höchst unterschiedlich ein: Die einen sehen es bereits als Erfolg, dass die COP als globales Format in diesen Zeiten überhaupt noch Bestand hat und Diskussionen zwischen den unterschiedlichsten Akteuren ermöglicht und einen gewissen Rechtfertigungsdruck für nationale Regierungen erzeugt. Andere schauen mit Skepsis auf dieses Großereignis, ihr Fazit: Viele Fensterreden, wenig konkrete Ergebnisse und die Frage: Wo sind konkrete Projekte von Koalitionen der Willigen? Andererseits: Die Tropical Forest Forever Facility wurde beschlossen und zum ersten Mal wurde die Diskussion geführt, ob die Staatengemeinschaft aus den fossilen Brennstoffen aussteigt. Von manchen Beobachtern wird das als Erfolg bewertet – schließlich müssen Staaten sich bei dieser Frage bekennen. Allgemeiner Konsens hingegen herrscht über ein Vorhaben: COPs sollen sich künftig stärker auf die Implementierung konkreter Instrumente sowie auf die Bildung von Koalitionen von Willigen (Klimaklubs) konzentrieren.
Klimatransformation in Zeiten geopolitischen Wandels
Hier die Beobachtungen der Teilnehmenden der COP2025 im Einzelnen:
- Der Multilateralismus ist nicht tot! Aber er ist stark angeschlagen: Die geopolitische Fragmentierung ist auch auf der COP angekommen. Neue Koalitionen bilden sich. Dennoch gab es große Bemühungen, Einigungen zu erzielen, wenngleich auf niedrigem Niveau. Anders als erwartet war der (negative) US-Einfluss nur wenig spürbar. Zugleich fehlte die orchestrierende Kraft der USA.
- Tropical Forest Forever Facility: Auch Schwellen- und Entwicklungsländer haben ihren Beitrag geleistet.
- Die Roadmaps „Entwaldung“ und „Fossil fuel phase out“ – von 24 Ländern unterzeichnet, von Deutschland hingegen nicht – werden im Rahmen einer Konferenz im April 2026 in Kolumbien fortgeführt.
- Die Notwendigkeit des IPCC wurde unterstrichen und viele Aktionen gegen Falschinformationen
- Erstmals seit mehreren Jahren hatten zivilgesellschaftliche Akteure wieder die Möglichkeit, sich mit Aktionen und Demonstrationen Gehör zu verschaffen und die Diskussionen mitzuprägen. Die Perspektive indigener Völker und lokaler Bevölkerungen sind durch die Proteste auf die Agenda gekommen. Ob sich diese Öffnung bei der nächsten COP in der Türkei fortsetzt, wird eher skeptisch gesehen.
- Es fehlen die aktive Einbindung von Unternehmen in die Diskussion sowie konkrete Vorhaben.
- Das öffentliche Interesse nahm bereits während der COP ab. Zudem wird der Prozess von vielen Staaten nicht mehr sonderlich ernst genommen. So haben viele Länder keine oder erst verspätet ihre NDCs (nationally determined contributions, Nationale Klimabeiträge) eingereicht.
- Neben der dringend nötigen Entwicklung konkreter, für Investitionen notwendiger Geschäftsmodelle zur Dekarbonisierung ist die Finanzierung von Vorhaben und der Finanzausgleich zwischen Industrie- und Entwicklungsländern ein zentraler Konfliktpunkt. Auf der COP 2024 haben die Industrieländer den Entwicklungsländern $300 Milliarden zur Anpassung an den Klimawandel zugesagt. Schätzungen gehen davon aus, dass diese Summe deutlich höher sein müsste. Erwartungen von Entwicklungsländern, weiterhin unkonditioniert Klima-Finanzmittel zu erhalten, sind jedoch unrealistisch. Neben der Bewältigung anderer kostenträchtiger Krisen ist die hohe globale Verschuldung eine zentrale Herausforderung. Der Wille (und die Fähigkeit) zu bloßen Geldtransfers wird eher abnehmen. Zuschüsse und Kredite werden zukünftig stärker von der Einhaltung klarer Konditionen abhängig gemacht oder an bestimmte Deals (bspw. über Artikel 6 Zertifikate) geknüpft werden.
- Ein konstruktiver Vorschlag zur Finanzierung: Eine geringe globale Klimaabgabe für die Luft- und Schifffahrt (geknüpft an die CO2-Emissionen) könnte rasch $ 300 Mrd. / Jahr bringen. Klimafinanzierung würde damit weniger aus den öffentlichen Haushalten und stärker über Abgaben von CO2-intensiven Sektoren erfolgen.
Was bleibt:
Die Diskussion über die Abkehr von fossilen Energien hat auf Ebene der Staatengemeinschaft über Europa hinaus Einzug gehalten. Handelsfragen werden bleiben (siehe den CO2-Grenzausgleichmechanismus, CBAM), sektorale Fragen (wie Luft- und Schifffahrt) werden stärker in den Fokus rücken. Bei all diesen Zusammenhängen bleibt das Schlüsselproblem der Finanzierung bei engen fiskalischen Spielräumen.
II.Aktuelle Entwicklungen europäischer Klima- und Transformationspolitik
Welche Auswirkungen haben die jüngsten europäischen Beschlüsse (Klimaziele, ETS, CBAM) für die Klimapolitik und die Dynamik der ökologischen Transformation? Dieser Frage gingen wir im zweiten Teil unserer Strategiekreisgespräche mit hochkarätigen Expertinnen und Experten nach.
Gesucht: Geeignete Geschäftsmodelle für die Transformation
Grundsätzlich: Die Frage der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft reicht weit über die Klima- und Energiepolitik hinaus. Der Draghi-Bericht zeigt deutlich: Europa hat ein Produktivitätsproblem. Ein zentraler Hebel, um Europa ökonomisch wieder nach vorn zu bringen, ist ein starker gemeinsamer Binnenmarkt. Weder das Eindampfen der Klimapolitik noch eine Renationalisierung Europas können die Probleme lösen. Unternehmen brauchen Geschäftsmodelle, im Sinne eines return on investment, um (weiter) in die Transformation investieren.
Mit Blick auf das Zieljahr 2045 wird deutlich, dass die Strategie, kleinteilig jeweilige Zielvorgaben für die einzelnen Sektoren zu machen, zum Scheitern verurteilt ist. Es braucht kein politisches Mikro-Management, sondern Flexibilität in der Interaktion mit anderen, auch globalen, Zielen und Entwicklungen sowie einen Weg, unterschiedliche ökologische, wirtschaftliche und sicherheitspolitische Ziele zusammenzudenken.
Die europäische Klimaschutzarchitektur muss die veränderten geostrategischen Bedingungen und Risiken mitdenken – nur so hat sie Chancen auf Erfolg.
Die gute Nachricht: EU ist ein erfolgreicher Klimaclub
Eine Perspektive: Die Europäische Union ist ein erfolgreicher Klimaklub – eine Basis, um weitere internationale Kooperationen zu vertiefen. Dazu wäre es hilfreich, die EU auch als Nachfragekartell für Öl und Gas zu verstehen. Das ist nicht nur klimapolitisch relevant: Der ETS II ist im Kern kein Emissionshandel für Gebäude und Verkehr, sondern ein Emissionshandel für die In-Verkehr-Bringer von Öl und Gas. Dadurch entsteht eine Import-Gebühr auf fossile Brennstoffe, die als Finanzquelle für Klimaschutzmaßnahmen genutzt werden kann.
Eine Hürde beim europäischen Energiebinnenmarkt – und für ein gemeinsames Auftreten etwa gegenüber China oder den USA – sind die unterschiedlichen Strategien bei der Energiewende. Deutschland steht mit seiner Verstromung von Gas und den Wasserstoffplänen weitestgehend allein da. Andere setzten auf Kernenergie plus Erneuerbare. Hier einen gemeinsamen Weg zu finden, ist schwierig.
Im Folgenden erörterten wir die einzelnen Punkte:
EU 2040 Klimaziel
- Genese: Der wissenschaftliche Klimabeirat hat vorgeschlagen, das Klimaziel für 2040 bei 90% Emissionsminderung zu belassen. Die Kommission hat den Vorschlag verändert zu 87% Minderung innerhalb der EU und zu 3% außerhalb. Im Rat wurde folgender Kompromiss ausgehandelt, dass nun 85% Minderung in der EU und 5% außerhalb avisiert werden. Auch dieses Ziel ist immer noch sehr ehrgeizig.
- Konsens besteht darüber, dass alle Auslandsgutschriften qualitativ hochwertig sein müssen. D.h. auch, dass diese Maßnahmen teuer sein werden.
- Die EU sollte sich hier mit ihren Partnern schnell aufstellen und entsprechende Vorkehrungen schaffen, damit die Zertifikate auch realisiert werden.
- Möglichkeit für den TFFF (s. oben). Hier könnten hochqualitative Zertifikate vergleichbar günstig generiert werden und damit einen Teil der Finanzierung nicht schuldenbasiert realisieren.
- Unklar ist, welchen Preiseffekt die 5% Auslandszertifikate auf den EU-ETS haben werden. Sprunghafte Preissteigerungen wären ein ökonomisches wie politisches Risiko.
EU-Emissionshandel
- Verschiebung des ETS II um ein Jahr ist kein grundsätzliches Problem. Als neuer Start ist 2028 vorgesehen. Jedoch wird das gewonnene Jahr wahrscheinlich nicht genutzt, um Instrumente in Gang zu bringen, die eine Preisstabilisierung realisieren.
- Für die Preisdämpfung im ETS wäre ein Preiskorridor das beste Instrument. Dafür gibt es aber keine politische Mehrheit. Die Artikel 6‑Zertifikate sollten daher so ausgestaltet werden, dass sie auch einen preisdämpfenden Effekt haben. Ein größerer Effekt wird aber bei der Klimaschutzfinanzierung liegen.
- Große Sorge besteht, dass nach der Verschiebung des ETS II auch der ETS I weiter unter Beschuss bleibt. Verteidiger des ETS sollten jetzt laut und deutlich werden.
- Unklar ist, ob wirklich 2039 die letzten Zertifikate im ETS ausgegeben werden. Es steht zu befürchten, dass die freie Zuteilung von Zertifikaten im ETS I so kompliziert gestaltet wird, dass sie kaum jemand haben will.
- Zugleich werden in der Industrie oder in der Landwirtschaft auch noch in den 2040er Jahren Restemissionen emittiert. Um diese ausgleichen zu können, müssen bereits heute CO2-Entnahme-Technologien angeschoben werden.
- Nötig sind zudem neue Narrative, die den ETS und die Transformation insgesamt besser erklären.
- Ein Ansatz, Erneuerbare und die Transformation insgesamt besser zu kommunizieren, könnte sein: „Wir geben jährlich dreistellige Milliardenbeträge für Öl- und Gasimporte aus. Diese Ausgaben können wir weitestgehend einsparen bzw. die Wertschöpfung im Land / in der EU behalten“. Dieses Szenario ist nicht nur klimapolitisch sondern auch sicherheitspolitisch sinnvoll.
- Ein weiterer Ansatz: CO2-Bepreisung als Zollpolitik verstehen, die russisches/amerikanisches Öl/Gas verteuert.
Carbon Border Adjustment Mechanism
Der CBAM als Außenhandelsschutz hat zwei Funktionen: Es sollen damit ein Level-Playing-Field für energieintensive Industrie (z. B. Stahl und Chemie) hergestellt werden, außerdem ist es ein Singal für andere Länder, CO2-Bepreisungssysteme einzuführen.
- Vorschlag: Anstatt tausende Produktgruppen bürokratisch zu definieren, könnten Länder-Benchmarks erstellt werden, die die Kohlenstoffintensivität abbilden. Daran könnten sich CO2-Zölle Das wäre zwar nicht ganz exakt. Aber, und das wäre ein Vorteil: Ein solches Vorgehen wäre deutlich weniger bürokratisch und funktioniert auch für Branchen wie die Chemie-Industrie mit vielen Tausend leicht zu ändernden Produkten.
Weitere Diskussionen
Eine sinnvollere Unterscheidung, um die Interessenslagen von Staaten zu erfassen als die Unterteilung in Elektro- vs. Petro-States ist die zwischen Erdöl- und Gas importierenden und exportierenden Ländern. China dekarbonisiert beispielsweise vor allem, um Abhängigkeiten von Öl und Gas zu reduzieren und nicht etwa, weil es ihnen an Kohle fehlt – davon haben sie reichlich Vorkommen.
Innovationen stärken
In der EU gibt es viel zu wenig Markteintritte neuer Firmen. Unterdessen geraten die bisher tragenden Branchen zunehmend unter Druck. Innovationen kommen zu langsam in den Markt und zu selten erreichen sie einen industriellen Maßstab. Komplexe Regulierungen[1] für bestehende Industrien stellen auch für neue, innovative Branchen und Unternehmen ein Hindernis dar. Der Versuch, alles, was nicht wettbewerbsfähig ist, mit Subventionen zu finanzieren, wird auf Dauer scheitern.
Was kann helfen?
- Europäisches Selbstbewusstsein statt permanenter rhetorischer Selbstverzwergung. Europa lässt wichtige Potenziale ungenutzt – etwa einen europäischen Kapitalmarkt mit Venture Capital oder einen echten europäischen Binnenmarkt. Eine OECD-Studie zeigt, dass die diversen EU-internen Regelungen äquivalent zu etwa 40% Zöllen sind. Eine Reduzierung der Regelungsdichte hätte enorme Effekte – um das zu ermöglichen und umzusetzen braucht es den politischen Willen.
- Neben einer gezielten, aber ihrer Grenzen bewussten, Industriepolitik gehört auch der CO2-Preis zu jenen Instrumenten, die klimafreundliche Innovationen erst zum Durchbruch verhelfen können.
- Nachfrageorientierung stärken: Viele Produkte, die die Dekarbonisierung vorantreiben könnten, verharren in einer Nische. Skalierung gelingt nicht. Hier wären mehr Instrumente wie Quoten, Leitmärkte und ähnliche nötig.
- Zu hohe Anforderungen und hundertprozentige Genauigkeit bei der Zieleinhaltung können genau dieser Zieleinhaltung entgegenwirken. Als Beispiel seien die hohen Anforderungen an „grünen“ Wasserstoff genannt, die nötige Investitionen verhindern.
Fazit
In der siebten Runde unseres Strategiekreis-Klimatransformation wurde deutlich: Damit Klimatransformation trotz geopolitischer Fragmentierung gelingt, braucht es neue Formen der Zusammenarbeit, stärkere Klimaklubs und einen klaren Fokus auf Umsetzung und Finanzierung. International bleibt die Abkehr von fossilen Energien ein umkämpftes Ziel. In Europa entscheidet sich der Erfolg der Transformation daran, ob Klimapolitik mit Wettbewerbsfähigkeit, Innovationsdynamik und geostrategischen Realitäten zusammengedacht wird. Instrumente wie der Europäische Emissionshandel (EU-ETS) oder der CBAM können wirksam sein – sofern sie politisch verteidigt, verständlich kommuniziert und pragmatisch ausgestaltet werden. Insgesamt braucht es weniger kleinteiliges Mikro-Management, mehr Flexibilität, Investitionsanreize und europäisches Selbstbewusstsein, um Klimaschutz, wirtschaftliche Stärke und Sicherheit dauerhaft zu verbinden.
[1] Exkurs: Geschichte der Politikinstrumente ist immer eine Geschichte einer zunehmenden Komplexität. Studien zeigen, dass Instrumente nahezu zwangsweise komplizierter werden.
![]()
Hat Ihnen unser Beitrag gefallen? Dann spenden Sie doch einfach und bequem über unser Spendentool. Sie unterstützen damit die publizistische Arbeit von LibMod.
Wir sind als gemeinnützig anerkannt, entsprechend sind Spenden steuerlich absetzbar. Für eine Spendenbescheinigung (nötig bei einem Betrag über 200 EUR), senden Sie Ihre Adressdaten bitte an finanzen@libmod.de
Verwandte Themen
Newsletter bestellen
Mit dem LibMod-Newsletter erhalten Sie regelmäßig Neuigkeiten zu unseren Themen in Ihr Postfach.



