Den Horizont zurückerobern

Der erste Preis unseres Essaywettbewerbs zu „Wirtschaft und Demokratie“ in der Kategorie „Nachwuchspreise“ geht an Matti Otten. Er schreibt über die Grundzüge einer neuen Fortschrittserzählung zur Verteidigung der liberalen Demokratie und Marktwirtschaft – von der Emanzipation zur Resilienz.
Die Demokratie ist nicht perfekt, aber die beste Option, die wir haben. Das von Winston Churchill abgeleitete Bonmot zirkuliert immer dann, wenn es um die Rechtfertigung der freiheitlichen Ordnung von Politik und Wirtschaft geht – ist aber gerade heute Ausdruck einer selbstgefälligen Passivität: Die Verteidiger des liberalen Gesellschaftsprojekts ziehen sich hinter die Kurzformel des britischen Konservativen zurück – und überlassen das Feld seinen Herausforderern.
Wenn eine ifo-Studie zeigt, dass es Kindern in Deutschland einmal kaum besser gehen wird als ihren Eltern, wird das Aufstiegsversprechen brüchig. Wenn nach Erhebungen der Körber-Stiftung 63 Prozent der Deutschen glauben, dass die Bundesrepublik den bevorstehenden Transformationsaufgaben nicht gewachsen ist, dann ist Zukunft nicht mehr Fortschrittshoffnung, sondern Drohkulisse. An dieser Stelle reicht es nicht, zu sagen: „Wird schon wieder, wir leben doch im besten aller Systeme.“ Wenn Demokratien nicht mehr für Verbesserung, für ein Mehr und Aufwärts stehen, büßen ihre Institutionen, die das Fundament der offenen Gesellschaft bilden, Vertrauen ein. Und das hat Folgen.
Die Diagnose des Verlusts der kollektiven Fortschrittserzählung ist nicht neu. Gerade aber in Zeiten, in denen sich scheinbare Alternativen wie der Populismus oder der chinesische Staatskapitalismus als Herausforderer von liberaler Demokratie mit marktwirtschaftlicher Fundierung positionieren, braucht es eine Revitalisierung. Wir müssen am Zukunftshorizont der Demokratien wieder glaubhafte Fortschrittspotenziale aufscheinen lassen.
Der Preis des Marktes
Zuvor lohnt sich ein Blick auf die Paradoxien der Moderne, konkret: auf den Verlust von sinnstiftenden Bindungsstrukturen zugunsten einer schier unendlichen Optionsvielfalt. Das gilt sowohl für individuelle Biografien als auch für die Gesellschaft als Ganzes: Was früher mal sozial eingebettet und obligatorisch war – Religion, Verein, Dorfgemeinschaft –, ist heute mobil, fakultativ und flüchtig. Während es vor drei Generationen noch selbstverständlich war, dass man in die beruflichen Fußstapfen der Eltern trat, stehen einem heute Hunderte von Ländern, Berufen und Karrierewegen offen. Rollenverteilungen haben sich zugunsten von flexiblen Familienentwürfen aufgelöst. Einkäufe erledigen wir nicht mehr in der örtlichen Fußgängerzone, sondern in den unendlichen Konsumwelten des Internets.
Der Soziologe Ralf Dahrendorf (1929–2009) hat die sozialen Institutionen und Bezugspunkte wie Familie, Beruf und Ortsverbundenheit unter dem Begriff der Ligaturen zusammengefasst. Für ihn verleihen sie Wahlmöglichkeiten erst Bedeutung. Durch Ligaturen würden Optionen zu sinnvollen Entscheidungen. Sie seien die identitätsstiftenden Leitplanken des eigenen und gesellschaftlichen Lebens.
Die Paradoxie der Moderne besteht nun darin, dass der Gewinn an Optionen seinen Preis im Verlust identitätsstiftender Ligaturen hat. Im alten Fortschrittsnarrativ hat diese Entwicklung zunächst als Emanzipationsgeschichte ihren Auftritt: Die Disruption alter Ligaturen (im Sinne überlebter Traditionen) wird als emanzipatives Vorwärts gedeutet: Das Fortschrittsnarrativ bewältigt die Erosion der Ligaturen, indem Verluste in den Glauben an eine bessere und freiere Zukunft aufgelöst werden.
Das Wirtschaftssystem spielt bei dieser Verlustinvisibilisierung (Andreas Reckwitz) eine Schlüsselrolle. Insbesondere die Marktwirtschaft zeigt dabei allerdings ein janusköpfiges Gesicht. Einerseits fungiert sie als Motor der Wohlstandverbesserung. Sie eröffnet Wahlfreiheit in Beruf – und ermöglicht Konsum, unabhängig von Herkunft und Tradition. Der Wettbewerb bricht alte Privilegien auf und fördert Innovation und Aufstieg. Eigentum schafft Selbstbestimmung und Sicherheit. In diesem Sinne ist die Marktwirtschaft auch Anbieter von Sinn und Bedeutung. Die Arbeitsteilung verleiht Menschen Identität in ihrer Rolle als Handwerker oder Ingenieurin, als Teil eines Unternehmens oder einer Branche. Auch Konsumpraktiken und Produkte haben Ligaturpotenzial. Man denke nur an die leidenschaftliche BMW-Fahrerin oder den überzeugten Veganer.
Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass Brüche, Wechsel und Neuanfänge die neue Normalität in beruflichen Biografien sind – und dass unsere gesellschaftliche Realität von marktwirtschaftlichen Anpassungsprozessen geprägt ist, angetrieben von Klimawandel, Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz. Das bringt Verlusterfahrungen mit sich – weil die Marktwirtschaft Einbußen in Einkommen und Status nicht mehr abfedern, ihr Verbesserungsversprechen nicht mehr halten kann. Der globalisierte Kapitalismus produziert in westlichen Gesellschaften eine wachsende Zahl Modernisierungsverlierer. Und zum materiellen Verlustempfinden gesellt sich ein empfundener Kulturverlust.
Kurzum: Das Fortschrittsversprechen gilt in den westlichen postindustriellen Gesellschaften nur noch für wenige – und der (Rechts-)Populismus kapitalisiert die realen und antizipierten Ligaturverluste der vielen. Er ist, als Verlustunternehmer, der politische Profiteur des Ligaturverfalls, indem er aus der Fortschrittsskepsis der Modernisierungsverlierer ein Retrotopia (Zygmunt Bauman), ein zukunftsorientiert-vergangenheitsseliges Verbesserungsversprechen entwickelt: Make XY Great Again ...
Zudem liefert der Ligaturverfall Stoff für eine antagonistische Opfererzählung: Das „wahre“ Volk sei den liberal-kosmopolitischen Eliten und „ihrer“ Demokratie und Marktwirtschaft ausgeliefert. Patrick Deneen, ein postliberaler Vordenker und Vertrauter des US-Vizepräsidenten JD Vance, bringt die Logik in einem Buch mit dem Titel „Regime Change“ auf den Punkt.
Wird dieses Narrativ zum Dogma, bereitet es den Boden für eine antipluralistische, autoritäre Politik. Dann schützen angeblich Protektionismus und „Remigration“ abgehängte Arbeiter vor Statusverlust und Globalisierung; dann vernichten Emissionshandel und Klimapolitik seinen Arbeitsplatz. Dann sind Gerichte der verlängerte Arm einer Elite, die den „Volkswillen“ rechtlich unterdrückt.
Auf ein Wiederaufblühen der klassischen Fortschrittserzählung zu hoffen wäre naiv und ignorant. Ein neues tragfähiges Narrativ muss daher zweierlei leisten. Es muss wieder kollektive Win-win-Erlebnisse stiften. Und das stiefmütterliche Verhältnis der alten Fortschrittserzählung zu Verlusten überwinden.
Nach Dahrendorf ist Fortschritt eine Funktion aus Wahlmöglichkeiten und Ligaturen. Wir haben uns zu lange an das Mehr an Optionen geklammert und die Rolle der Ligaturen vernachlässigt. Künftig heißt Fortschritt nicht, dass niemand mehr verliert, aber dass diese Verluste tragbar und anerkannt werden. Marktwirtschaft wird dann nicht mehr als Maschine von Emanzipationschancen verklärt, sondern als ambivalente Kraft begriffen. Schöpferisch und zerstörerisch zugleich – aber gerade dadurch weniger angreifbar. Fortschritt wird vom Emanzipations- zum Resilienzverbesserungsversprechen.
Mehr Resilienz und Anerkennung
Das klingt zunächst einmal nüchtern und wenig affizierend, hat aber einen zentralen Vorteil: Legitimität erwächst nicht aus einem unglaubwürdig gewordenen Mehr, sondern aus der wachsenden Fähigkeit, Verluste zu bewältigen.
Ein solch neues Fortschrittsnarrativ verlangt die Schaffung neuer Ligaturen und die Verbesserung der Verlustresilienz. Der Auftrag der Marktwirtschaft ist es dann, Modernisierungsverlierern statt bloßer Kompensation Anerkennung, neue Rollen und Zugehörigkeiten zu bieten. Wenn der ehemalige Schweißer in der neuen Batteriefabrik nicht nur eine neue Stelle findet, sondern als Ausbilder gebraucht wird, entwickelt sich Strukturwandel zur Anerkennungsgeschichte. So wird das Resilienzversprechen mit Leben gefüllt und zu einer tragfähigen Zukunftserzählung.
Die Symbiose aus liberaler Demokratie und Marktwirtschaft war nie perfekt. Sie wird es auch nie sein. Gerade deshalb muss sie immer wieder neu begründet werden. Der Maßstab ist nicht Perfektion, sondern Problemlösungskraft, getragen von einem glaubwürdigen Fortschrittsnarrativ: einem Resilienzverbesserungsversprechen. Es hat das Potenzial, liberale Demokratie und Marktwirtschaft zusammenzuhalten. Ob es stark genug ist, um seinen Gegnern zu widerstehen, wird sich zeigen.
Sicher ist: Scheitern wir auf der Suche nach einer neuen Fortschrittserzählung, scheitert mehr als ein Narrativ. Nicht nur deshalb ist es einen Versuch wert.
Dieser Text erschien zuerst in der WirtschaftsWoche.
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