Einerseits – Andererseits

Es gibt ein positives und ein negatives Szenario für die Zeit nach dem Iran-Krieg. Vieles ist denkbar. Sicher ist nur: So oder so werden alle Beteiligten die Folgen zu tragen haben. Auch Israel. Und das nicht nur außen‑, sondern auch innenpolitisch.
Der Krieg zwischen Israel, den Vereinigten Staaten und dem Iran ist wenige Tage nach seinem Ausbruch nicht nur militärisch in vollem Gange – er beginnt bereits, politische Realitäten und langfristige Machtgefüge im Nahen Osten zu formen. Luftangriffe, Raketenbeschuss und Cyberoperationen bestimmen die Schlagzeilen, doch parallel verschieben sich diplomatische Linien, Sicherheitskalküle und regionale Allianzen. Die unmittelbare militärische Dynamik legt erste Konturen eines möglichen „neuen Nahen Ostens“ frei, dessen endgültige Gestalt von den Entwicklungen der kommenden Wochen und Monate abhängen wird.
Das optimistische Szenario: Begrenzter Krieg, neue Chancen
Im optimistischen Szenario könnte der Krieg nach einer relativ kurzen Phase intensiver Kampfhandlungen in eine kontrollierte Deeskalation münden. Voraussetzung wäre, dass zentrale militärische Ziele – insbesondere große Teile der iranischen Raketenarsenale und Einrichtungen des Nuklearprogramms – nachhaltig beschädigt oder zerstört werden. Tatsächlich deuten mehrere Angriffe auf militärische Infrastruktur im Landesinneren darauf hin, dass genau dieses strategische Ziel im Zentrum der Kampagne steht. Sollte es gelingen, die Fähigkeit Irans zu groß angelegten Angriffen auf Israel oder amerikanische Einrichtungen in der Region deutlich zu reduzieren, würde sich kurzfristig das sicherheitspolitische Gleichgewicht verschieben. Gleichzeitig könnte der militärische Druck auf Teheran steigen, neue politische Arrangements zu akzeptieren und sich stärker an internationale Verpflichtungen zu binden.
Mögliche innenpolitische Verschiebungen im Iran
Eine deutliche Schwächung der bestehenden Machtstrukturen in Teheran könnte darüber hinaus innenpolitische Dynamiken auslösen. In einem solchen Szenario wären politische Reformbewegungen oder Machtverschiebungen innerhalb der Elite denkbar, wie sie sich schon jetzt anzudeuten beginnen. Obwohl die Revolutionsgarden im Augenblick das Sagen zu haben scheinen, spekulieren Beobachter darüber, ob Teile des politischen Establishments nicht doch langfristig zu einer pragmatischeren Außenpolitik gezwungen sein könnten. Eine solche Entwicklung würde das geopolitische Koordinatensystem der Region verändern: Staaten wie Saudi-Arabien oder die Vereinigte Arabische Emirate könnten verstärkt als Vermittler auftreten und ihre sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit westlichen Partnern vertiefen. Zugleich könnte die bereits seit den Abraham-Abkommen gewachsene Kooperation zwischen Israel und mehreren arabischen Staaten zu einem stabilisierenden Anker einer neuen regionalen Sicherheitsarchitektur werden.
Das pessimistische Szenario: Eskalation und Regionalisierung
Dieses optimistische Szenario bleibt jedoch fragil und ist im Augenblick reines Wunschdenken. Es setzt voraus, dass sich der Krieg geografisch nicht ausweitet und der Iran nach militärischen Rückschlägen nicht zu einer Strategie der umfassenden Eskalation greift. Genau hier beginnt das pessimistische Szenario – eines, das viele Strategen derzeit für mindestens ebenso plausibel, wenn nicht sogar plausibler halten. Sollte der Konflikt in eine längere Phase asymmetrischer Kriegsführung übergehen, könnten sich mehrere Stellvertreterkonflikte gleichzeitig entzünden. Besonders im Fokus steht dabei die libanesische Miliz Hizbollah, die über ein umfangreiches Raketenarsenal verfügt und bereits eine zweite Front gegen Israel eröffnte. Aber auch schiitische Milizen im Irak oder im Jemen könnten ihre Aktivitäten intensivieren.
Globale Risiken: Energieversorgung und geopolitische Spannungen
Eine solche Eskalation würde den Konflikt rasch zu einem echten regionalen Krieg ausweiten. Gleichzeitig wächst die Sorge vor Störungen der globalen Energieversorgung. Besonders kritisch wäre eine längerfristige Gefährdung der Straße von Hormuz, durch die ein erheblicher Teil des weltweiten Ölhandels transportiert wird. Selbst ohne vollständige Blockade könnten Raketenangriffe, Drohnenoperationen oder Minen den Schiffsverkehr so riskant machen, dass Tanker die Passage meiden. Die wirtschaftlichen Folgen wären global spürbar: steigende Energiepreise, neue Inflationsschübe und wachsende Unsicherheit auf den Finanzmärkten könnten eine internationale Rezession auslösen.
In einem solchen Szenario droht zudem eine Verhärtung der geopolitischen Fronten. Großmächte wie China oder Russland beobachten die Entwicklung mit wachsender Nervosität. Beide Staaten haben strategische und wirtschaftliche Interessen in der Region und könnten gezwungen sein, ihre Positionen neu zu definieren. Gleichzeitig würde ein länger andauernder Konflikt nichtstaatliche Akteure stärken, von regionalen Milizen bis hin zu transnationalen Terrornetzwerken, die politische Instabilität für eigene Zwecke nutzen könnten.
Veränderungen selbst im Falle einer Deeskalation
Sollte dagegen in den kommenden Monaten eine Waffenruhe oder ein politischer Ausgleich erreicht werden, wird sich die politische Karte des Nahen Ostens dennoch verändern. Selbst eine begrenzte militärische Schwächung Irans würde die strategischen Kalküle vieler Staaten neu ordnen. Golfstaaten könnten ihre Sicherheitsarchitekturen enger mit westlichen Partnern abstimmen, während wirtschaftliche Kooperationen innerhalb der Region an Bedeutung gewinnen. Ein möglicher politischer Wandel in Teheran würde diese Dynamik noch verstärken und völlig neue Allianzen ermöglichen.
Israels innenpolitische Dimension des Krieges
Für Israel selbst ist der Krieg politisch existenziell. Premier Benjamin Netanyahu hatte bereits vor Beginn der militärischen Operationen eine harte Linie gegenüber Teheran vertreten. Der aktuelle Konflikt hat kurzfristig zu einem klassischen „Rally-around-the-flag“-Effekt geführt: In Zeiten akuter Sicherheitsbedrohung schließen sich viele Wähler hinter der Regierung zusammen. Doch dieser Effekt ist traditionell zeitlich begrenzt. Sollte der Krieg länger dauern, hohe Verluste verursachen oder ohne klaren strategischen Erfolg enden, könnte sich die innenpolitische Stimmung rasch verändern.
Besonders junge Israelis – viele von ihnen Reservisten oder aktive Soldaten – tragen einen großen Teil der militärischen Last. Für diese Generation spielen neben Sicherheitsfragen auch wirtschaftliche Perspektiven, Wohnkosten und soziale Themen eine wichtige Rolle. Eine länger anhaltende Kriegsphase könnte daher zu wachsender Kriegsmüdigkeit führen und oppositionellen Parteien neuen politischen Raum eröffnen, insbesondere da in Israel in diesem Jahr gewählt wird.
Ein klarer militärischer Erfolg Israels würde hingegen die Position Netanyahus und seiner nationalkonservativen Koalition deutlich stärken. Entscheidend wird dabei nicht nur der militärische Ausgang des Konflikts sein, sondern auch die internationale Reaktion. Breite diplomatische Unterstützung würde Israels strategische Position festigen, während wachsende internationale Isolation innenpolitische Spannungen verstärken könnte. Wobei die Frage offenbleibt, inwieweit Netanyahu, selbst bei einem „Sieg“ gegen den Iran, den Makel des Versagens am 7. Oktober abstreifen kann.
Offene Zukunft: Zwei mögliche Ordnungen
Der viel zitierte „neue Nahe Osten“ bleibt derzeit und zunächst so oder so eine offene Projektion. Im günstigsten Fall könnte aus dem Krieg ein regionales System hervorgehen, in dem frühere Gegner durch Sicherheitskooperationen und wirtschaftliche Integration miteinander verbunden sind. Im ungünstigsten Fall droht dagegen eine fragmentierte Ordnung, in der Konflikte dauerhaft auf „niedriger“, aber intensiver Flamme weiterbrennen.
Welche dieser Entwicklungen Realität wird, hängt entscheidend davon ab, ob es gelingt, die militärische Eskalation in den kommenden Wochen zu begrenzen und gleichzeitig politische Kanäle für Verhandlungen offen zu halten. Der Ausgang des Krieges wird nicht nur das Machtgefüge des Nahen Ostens prägen, sondern auch die strategische Landschaft der internationalen Politik für Jahre verändern.
![]()
Hat Ihnen unser Beitrag gefallen? Dann spenden Sie doch einfach und bequem über unser Spendentool. Sie unterstützen damit die publizistische Arbeit von LibMod.
Wir sind als gemeinnützig anerkannt, entsprechend sind Spenden steuerlich absetzbar. Für eine Spendenbescheinigung (nötig bei einem Betrag über 200 EUR), senden Sie Ihre Adressdaten bitte an finanzen@libmod.de
Verwandte Themen
Newsletter bestellen
Mit dem LibMod-Newsletter erhalten Sie regelmäßig Neuigkeiten zu unseren Themen in Ihr Postfach.



