Elitenbruch versus Elitenkontinuität: Warum der Blick nach Polen der deutsch-deutschen Debatte guttäte

Warum verlaufen die Debatten über die Wiedervereinigung in Ostdeutschland so konfliktreich – und welche Rolle spielen historische Erfahrungen dabei? Ein Vergleich mit Polen zeigt, welche Rolle der unterschiedliche Umgang mit alten Eliten im Verlaufe der Transformationsprozesse dabei spielt und zu welchen Erfahrungen von Fremdbestimmtheit und Selbstermächtigung dies führt. Eine Analyse von Piotr Kocyba vom Else Frenkel-Brunswik Institut der Universität Leipzig.
Die deutsche Frage scheint, so könnte man aus heutiger Perspektive meinen, mit der Wiedervereinigung nur vorübergehend gelöst worden zu sein – oder zumindest nicht ohne ostdeutschen Widerspruch. Denn spätestens mit dem fulminanten Aufstieg Pegidas Ende 2014 und den bald darauffolgenden Wahlerfolgen der zunehmend unverhohlen extremistisch auftretenden östlichen Landesverbände der Alternative für Deutschland vernehmen wir einen bitteren und unversöhnlichen Ton, der selbstbewusst vermeintliche und tatsächliche Fehlentwicklungen bei der Wiedervereinigung anprangert. Der weiterhin mehrheitlich westdeutsch geprägte öffentliche Diskurs wirkt bis heute irritiert von der damit einhergehenden offenen Abwertung bundesrepublikanischer Institutionen auf der Straße und in Parlamenten. Dieser spezifische ostdeutsche Zorn kommt dabei nicht mehr nur in Slogans wie „DDR 2.0“ zum Ausdruck, mit denen die Bundesrepublik mit einer Diktatur gleichgesetzt wird. „Kalte Wut“ ist spätestens mit dem Leipziger Literaturprofessor Dirk Oschmann salonfähig geworden, dessen provokanter Tonfall die Debatte zusätzlich verhärtet hat.
Suche nach Gründen für die ostdeutsche Spezifik
Jenseits polemischer Zuspitzungen hat sich ein breites Portfolio an Erklärungsansätzen etabliert, mit denen die Entwicklung in Ostdeutschland gedeutet wird. Häufig wird auf den „langen Schatten der DDR“ verwiesen. Gemeint ist die Diktaturerfahrung der ehemaligen Bürger*innen des deutschen Arbeiter- und Bauernstaates. Diese führte zu einer abweichenden politischen Kultur, die sich etwa in einer geringeren Wahlbeteiligung oder einem hohen Misstrauen gegenüber politischen Institutionen äußert. Paternalistisch wird in der öffentlichen Diskussion aus entsprechenden wissenschaftlichen Befunden mitunter abgeleitet, dass im Osten der Republik die Demokratie besser eingeübt werden müsse, es also einer Art Nachhilfeprogramm in bundesrepublikanischer ‚Staatsbürgerkunde‘ bedürfe.
Großen Raum nehmen in der Debatte nicht ausschließlich die DDR-Diktatur, sondern auch die Transformationserfahrungen ein. Diese werden mittlerweile immer weniger als Befreiung aus einem Unrechtsstaat, sondern unter Schlagworten wie Massenarbeitslosigkeit, Deindustrialisierung, Demütigung und dem persönlichen Erleben von Entwertung erzählt. Gemeinsam mit den bis heute bestehenden materiellen Ungleichheiten zwischen Ost und West entsteht daraus vielfach ein tiefsitzendes Ungerechtigkeitsgefühl, das auch als Wut zutage treten kann und politisch instrumentalisiert wird. In Anbetracht äußerst rechter Straßenmobilisierung, der während der sogenannten Flüchtlingskrise zu beobachtenden Übergriffe auf Geflüchtete, oder der Wahlerfolge der AfD wird ein „Wendeverlierernarrativ“ bedient – selbst in der Forschung. Auf diese Weise verfestigt sich ein Deutungsmuster, das die Wiedervereinigung als Verlustgeschichte beschreibt.
So sehr die hoch emotionalisierten und nicht selten sowohl von westlichen Blindstellen als auch ostdeutschen Ressentiments geprägten Debatten im Kern auf richtigen Befunden beruhen, bleiben sie allzu häufig selbstreferenziell. Erklärungsmodelle wie die DDR-Sozialisierung oder die ökonomischen und persönlichen Härten der Systemtransformation behandeln Ostdeutschland – insbesondere in der öffentlichen Debatte – häufig als einen Sonderfall. Bedenkt man jedoch, dass zahlreiche Gesellschaften im östlichen Europa zeitgleich mal mehr und mal weniger erfolgreiche Transformationspfade beschritten haben, wirkt die deutsche Kontroverse seltsam dekontextualisiert. Im Folgenden soll exemplarisch am Vergleich zwischen den Diskursen über Kontinuität bzw. Austausch von Eliten in Deutschland und Polen aufgezeigt werden, wie sich daraus ganz unterschiedliche Perspektiven auf die Transformation ergeben. Was hier als Erfahrung von Fremdbestimmung erzählt wird, wird dort als Selbstermächtigung verstanden. Doch was bedeutet das für die Legitimität beider Postwendedemokratien?
Der Elitenbruch in Ostdeutschland
Die nach der Wiedervereinigung noch neuen Bundesländer profitierten zunächst von einem umfassenden Austausch der Funktionseliten auf allen Ebenen des Staates. Stellen in Verwaltung, Justiz, Hochschulen, Wirtschaft und Politik konnten bei Bedarf durch Personen aus Westdeutschland besetzt werden. Damit wurde der institutionelle Transfer der westdeutschen politischen Ordnung schnell und effektiv umgesetzt. Begleitet wurde dieser Prozess von erheblichen sozialstaatlichen Transferleistungen, die die wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen der Transformation abfedern sollten. In Ostmitteleuropa, auch in Polen, wurde nicht nur voller Neid auf den bundesdeutschen Sozialstaat, sondern auch auf die Besonderheit des Elitentransfers geblickt. Immerhin musste man selbst bis in höchste Ämter hinein mit alten Kadern vorliebnehmen. Dabei wurde häufig auf das berühmte Zitat Konrad Adenauers verwiesen, der mit Blick auf die NS-Verwicklung seines Mitarbeiters Hans Globke 1952 gesagt haben soll: „Man schüttet kein dreckiges Wasser aus, wenn man kein reines hat.“ Die neuen Bundesländer hatten in dieser Wahrnehmung das Glück, ein Reservoir an „sauberem Wasser“ zur Verfügung gestellt bekommen zu haben.
In Ostdeutschland gewinnt jedoch genau der Elitenaustausch eine immer größere Prägnanz. Die dahinterstehende funktionale Logik tritt in der Erinnerung der Wendezeit zurück und wird mitunter als „Übernahme“ verhandelt – auch deshalb, weil Ostdeutsche in Führungspositionen bis heute in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen deutlich unterrepräsentiert sind. Aufgeladene Begriffe wie „Kolonisierung“ symbolisieren diesen Frust. Aber auch im bürgerlichen Diskurs findet eine fragwürdige Terminologie Eingang, wenn etwa Frank Richter vom „Anschluss“ spricht und damit die Wiedervereinigung meint. Das impliziert eine historisch problematische Gleichsetzung. Gerade darin liegt jedoch das Potenzial, dass antidemokratische Kräfte Kritik an einzelnen Aspekten der Wiedervereinigung gegen die Wiedervereinigung selbst wenden. Der Aufbau eines demokratischen Staatswesens, der aufgrund des Elitenaustauschs so viel effektiver verlaufen ist, erscheint in dieser Perspektive als institutionelle Übernahme und nicht als eigene politische Leistung. Aus solchen gefühlten wie tatsächlichen Entmündigungserfahrungen schöpfen autoritäre Ressentiments ihre Kraft.
Die partielle Elitenkontinuität in Polen
Den Ausgangspunkt für die politische Wende in Polen stellte ein Kompromiss dar: Demokratische Kräfte, allen voran die Solidarność, verhandelten zwischen Februar und April 1989 an einem Runden Tisch mit den kommunistischen Machthabern eine Übergangslösung. Dies war ein außerordentliches Erfolgsmodell. Immerhin ermöglichte der Dialog einen geregelten politischen Wandel ohne Blutvergießen. Angesichts der sowjetischen Interventionen in der DDR 1953, in Ungarn 1956 oder in der Tschechoslowakei 1968 konnte ein gewaltfreier Übergang keineswegs als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Die über 1.000 Opfer der rumänischen Revolution vom Dezember 1989 zeigen, dass er es auch nicht war. Das „polnische Transformationsmodell“ fand deshalb auch Nachahmer, etwa im Dezember 1989 in der DDR. Die hier am Zentralen Runden Tisch verhandelten freien Wahlen zur Volkskammer mündeten im Beitritt der DDR zur Bundesrepublik – mit den beschriebenen Folgen.
In Polen hingegen hatte die Übereinkunft mit den Kommunisten die Konsequenz, dass eine Abrechnung mit der alten Elite lange ausblieb. Die „gruba kreska“, der dicke Strich sollte ermöglichen, die neue Demokratie aufzubauen, ohne die Verstrickungen der kommunistischen Eliten juristisch aufzuarbeiten. Was im Systemwandel für Stabilität sorgen sollte, rief zugleich den Widerstand von Teilen der antikommunistischen Oppositionsbewegung hervor. Anders als in Ostdeutschland schüttete man in Polen kein „dreckiges Wasser“ weg. Das ermöglichte Kontinuitäten von Karrieren über die Wende hinaus, etwa im Justizwesen, dem Sicherheitsapparat oder weiten Teilen der Staatsverwaltung. Auch blieb eine Überprüfung ehemaliger – selbst höchster – kommunistischer Funktionäre auf eine Zusammenarbeit, etwa mit dem Sicherheitsdienst, der polnischen Stasi, lange aus.
Dies führte von Beginn an zur Kritik, die polnische Kompromissrevolution sei eine unvollendete Revolution. Prominent verkörpert diesen Standpunkt Jarosław Kaczyński. Wenn stark zugespitzt, richtet sich seine Kritik gegen den „układ“, die Seilschaften, die sich wegen des Ausbleibens einer „echten“ Abrechnung fortwirkten und der polnischen Demokratie Schaden zufügten. In dieser Logik wird jedoch nicht das demokratische System an sich delegitimiert, sondern dessen – ob der „zaghaften“ Abrechnung – postkommunistische Eliten. Demokratie wird in dieser Lesart weiterhin als eigene, nationale Errungenschaft verstanden, die es abzusichern und weiterzuentwickeln gilt.
Entgegengesetzte Stoßrichtungen des Transformationsressentiments?
Zweifelsohne produzieren beide Konstellationen politische Kräfte, die die liberale Demokratie gefährden. Es gibt aber, so mein Argument, strukturelle Unterschiede. In Ostdeutschland richten sich die Binnenkolonisierungsnarrative gegen die Wahrnehmung, gesellschaftliche, politische wie ökonomische westdeutsche Dominanz in der Bundesrepublik bestünde fort. Im Extremfall richtet sich die Kritik nicht nur gegen Eliten, sondern gegen die Demokratie selbst. Das erklärt auch die zunehmende Schärfe der Debatte bis hin zu Vergleichen der Bundesrepublik mit Diktaturen – und trägt zum Erfolg radikaler politischer Kräfte wie der AfD bei. Zudem verfestigt sich das Gefühl, wonach die Bundesrepublik nicht wirklich als „unser“ Staat wahrgenommen, sondern pauschal abgewertet und abgelehnt wird. Konkrete und teilweise berechtigte Kritik an der Wiedervereinigung, etwa am Austausch der Eliten, geht so in eine grundsätzliche Distanz zum politischen System über.
In Polen hingegen richtet sich die Souveränitätslogik nicht gegen den eigenen Staat. Es ist nicht die polnische Demokratie, die abgelehnt wird, sondern Teile ihrer Eliten. Reformen werden dann im Namen einer Selbstermächtigung und für das Vollenden der Demokratisierung gerahmt. So erscheint selbst ein illiberaler Staatsumbau, etwa im Justizwesen, als Befreiung von „postkommunistischen Seilschaften“. Folglich ist die Stoßrichtung in Polen eine andere als in Ostdeutschland. Das eigene politische System soll im Sinne einer demokratischen Selbstermächtigung reformiert werden, während in den östlichen Bundesländern nicht selten die bundesdeutsche Demokratie selbst infrage gestellt wird.
Demokratietheoretische Implikationen
Der gerade gezogene Vergleich soll keinesfalls den illiberalen Impetus der polnischen Rechten relativieren. Vielmehr ist es ein Versuch, zu erklären, woher die teils fundamentale Ablehnung des bundesdeutschen politischen Systems kommt, obschon es schneller relativ stabile institutionelle und ökonomische Rahmenbedingungen liefern konnte. Während also in Polen das eigentliche Erfolgsmodell des Runden Tisches als unvollendete Selbstermächtigung kritisiert wird, erscheint der Elitenbruch in Ostdeutschland vielfach als Moment fortbestehender Fremdbestimmung und Entmündigung. Daraus können entgegengesetzte Einstellungen zum politischen System erwachsen, die zwischen einem Wunsch nach dem Vollenden der Demokratisierung des eigenen Staatswesens und dessen grundlegender Ablehnung oszillieren. Auch weitere Aspekte der deutsch-deutschen Debatte ließen sich mit ihren Entsprechungen nicht nur in Polen kontextualisieren. Zu denken sei an die Wahlerfolge des offen Putin-freundlichen BSW, die – meiner Überzeugung nach – vorschnell mit einer pro-russischen (eigentlich pro-sowjetischen) DDR-Sozialisierung erklärt werden, obwohl derselbe historische Kontext in Ostmitteleuropa meist in ausgeprägtem Skeptizismus gegenüber Russland mündete. Der Blick auf die östlichen Nachbarn kann der deutsch-deutschen Auseinandersetzung damit nicht nur helfen, die aufgeheizte Debatte über die ostdeutsche Transformation zu versachlichen, sondern auch bessere Erklärungen für das Erstarken von Ressentiments zu finden.
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