Das Ende des Freihandels – als Chance

Der zweite Preis im Rahmen unseres Essaywettbewerbs zu „Wirtschaft und Demokratie“ in der Kategorie „Nachwuchspreise“ geht an Nora Kürzdörfer. In ihrem Beitrag fragt sie, ob der internationale Warenaustausch inzwischen heruntergewirtschaftet ist zu einer politischen Waffe. Sie meint: Da hilft kein Klagen. Da hilft nur: gestalten!
Das Ende der liberalen, regelbasierten Weltwirtschaftsordnung scheint besiegelt. US-Präsident Donald Trump irritiert und verunsichert die Welt laufend mit immer neuen Volten einer unberechenbaren und konfrontativen Handelspolitik. Seine Zölle, Exportbeschränkungen und Sekundärsanktionen richten sich nicht nur gegen den Erzrivalen China, sondern treffen auch traditionelle Verbündete wie Kanada, Mexiko und die Europäische Union, aufstrebende Mächte wie Indien und weniger entwickelte Volkswirtschaften wie Lesotho. Bis in die späten 2010er-Jahre galt China als zentrale Herausforderung für die globale Wirtschaftsordnung.
Die Welthandelsorganisation (WTO) beruhte auf der Annahme, dass sich die Mehrheit der Staaten den wohlstandsfördernden Effekten einer freien Marktwirtschaft verschreiben würde. Als China 2001 der WTO beitrat, existierten kaum Regeln, um staatskapitalistische Praktiken einzuschränken, die oft auf Kosten anderer WTO-Mitglieder gehen. Bis heute nutzt China das regulatorische Vakuum zu seinem Vorteil und inszeniert sich zugleich als Verteidiger der multilateralen Handelsordnung – obwohl das landwirtschaftliche und geopolitische Interesse miteinander verquickt.
Auch die Europäische Union, einst entschiedene Verfechterin freier Märkte, sieht sich zunehmend gezwungen, Abhängigkeiten in kritischen Sektoren zu reduzieren. Mit der Strategie zur wirtschaftlichen Sicherheit verfolgt Brüssel das doppelte Ziel, europäische Industrien zu stärken und zu schützen sowie neue, verlässliche Partnerschaften zu etablieren. Im Fokus stehen die Verteidigungs- und Wettbewerbsfähigkeit sowie das Erreichen der Klimaziele.
Strategien gegen die Nullsummenlogik
Beschreibt man die zunehmende Nutzung handelspolitischer Maßnahmen zur Durchsetzung strategischer außen- und sicherheitspolitischer Ziele, ist häufig von einer „Politisierung des Welthandels“ die Rede. Der Begriff suggeriert, dass Wirtschaftspolitik zuvor weniger politisch gewesen sei – und spiegelt eine unter Befürworter:innen der liberalen Handelsordnung noch immer verbreitete Auffassung, dass Handel einem neutralen, rational- ökonomischen Kalkül folgen sollte. Er dient primär als Mittel zum universellen Zweck der Steigerung von Wohlstand, aber auch als Beitrag zur politischen Stabilität. Bereits während der Aufklärung vertraten Denker wie Charles de Montesquieu und Adam Smith Konzepte des „doux commerce“, wonach wirtschaftliche Verflechtung und gegenseitige Abhängigkeiten eine zivilisierende Wirkung haben. Modernere Versionen dieser Doktrin sind die Theorie des kapitalistischen Friedens oder die Dell-Friedenstheorie, wonach eine gemeinsame marktwirtschaftliche Orientierung oder die Integration in die gleiche Lieferkette Konflikte reduzieren. In diesem Licht erscheint Wirtschaftspolitik funktional und technokratisch.
In der Forschung zu internationalen Beziehungen galt Handel daher lange nicht als „hohe Politik“. Doch die Annahme, dass Handel erst neuerdings politisiert wird, ist streitbar. Die globale Wirtschaft ist schon lange von Interessenkonflikten geprägt. Die WTO, als technokratische Institution gegründet, sollte fernab des „madhouse of politics“ wertneutrale Regeln des Welthandels festlegen und deren Einhaltung überwachen. Dies ist nicht mehr möglich.
Die USA haben 2019 begonnen, die Ernennung neuer Richter:innen für das Berufungsgremium des WTO-Streitschlichtungsmechanismus zu blockieren. Hintergrund ist, dass das Gremium zu wenig unternimmt, um chinesische Subventionen für staatliche Unternehmen, erzwungenen Technologietransfer und Dumpingpraktiken einzuschränken – und betroffenen Ländern nicht ausreichend ermöglicht, wirksam auf diese Praktiken zu reagieren. Noch länger gelähmt ist die Verhandlungsfunktion der WTO.
Die Doha-Runde, die 2001 mit dem Ziel begann, die Interessen von Entwicklungsländern stärker zu berücksichtigen – insbesondere beim Zugang zu Agrarmärkten und bei der Reform von Subventionen –, geriet früh ins Stocken und gilt seit dem Scheitern der Gespräche 2008 als faktisch beendet. Viele Mitglieder aus dem Globalen Süden kritisieren bis heute, dass die Welthandelsordnung ihnen zu wenig Raum lasse, ihre Entwicklungsziele zu verfolgen.
Das zeigt: Solange Handel nicht für alle als Wohlstandsmotor funktioniert, bleibt sein vermeintlich unkontroverser Zweck politisch aufgeladen. Und selbst wenn man weiterhin davon ausgehen will, dass Handel nur ein Mittel zum Zweck ist, wird es immer schwieriger, einen Zweck zu finden, auf den sich alle einigen können. Die Regierung Trump zum Beispiel verschreibt sich einer Nullsummenlogik, in der Kooperation nur dann dem eigenen Vorteil dient, wenn sie auf Kosten anderer geht. So argumentierte Außenminister Marco Rubio im Zusammenhang mit dem Ende des Entwicklungsprogramms USAID, dass jeder Dollar, der ausgegeben werde, das eigene Land sicherer, stärker oder reicher machen müsse. Auch Handelsbeziehungen werden gezielt zur Durchsetzung nationaler Interessen instrumentalisiert. Trump setzte etwa Zölle gegenüber Kanada und Mexiko ein, um strengere Grenzkontrollen zu erzwingen. Im Fall Südafrikas nannte Washington das kürzlich dort verabschiedete Landenteignungsgesetz sowie die Anklage Israels vor dem Internationalen Strafgerichtshof als Begründung für handelsbeschränkende Maßnahmen.
Die Feststellung, dass Handel stets von politischen Interessenkonflikten geprägt war und sich nicht auf universelle Zwecke reduzieren lässt, ist kein Plädoyer gegen eine regelbasierte Handelsordnung – im Gegenteil: Das Argument soll verdeutlichen, dass Handelspolitik der Gestaltung bedarf, wenn man erreichen möchte, dass sie möglichst vielen Akteuren zugutekommt.
Wenn Staaten Handel in den Dienst der Demokratie stellen wollen, um zu verhindern, dass eine regelbasierte Ordnung durch eine machtbasierte ersetzt wird, müssen sie initiativ werden. Dazu gehören Verhandlungen und politische Auseinandersetzungen. Gegenüber den USA könnten gleichgesinnte Akteure etwa ihren Einfluss stärken, indem sie sich untereinander abstimmen und geschlossen ihre Interessen vertreten. Allerdings ist Washingtons Strategie des „Teile und herrsche“ bislang aufgegangen. Fast alle Länder haben sich auf bilaterale Gespräche eingelassen und damit ihre kollektive Verhandlungsmacht geschwächt.
So können selbst wirtschaftliche Schwergewichte wie die EU dem Weißen Haus nur sehr begrenzt Zugeständnisse abringen. Und für kleinere Volkswirtschaften sendet das Abkommen zwischen Washington und Brüssel zwei fatale Signale. Erstens sinkt die Hoffnung auf ein wechselseitig vorteilhaftes Abkommen für Staaten, die weniger Verhandlungsmacht als die EU besitzen. Zweitens wirft der nicht WTO-konforme Deal Zweifel an der Fähigkeit der EU auf, sich wirksam für eine regelbasierte Handelsordnung einzusetzen.
G20 – eine Plattform der Koordination
Gleichzeitig hat die EU in diesem Jahr wichtige Schritte unternommen, um ihre Glaubwürdigkeit als verlässlicher Handelspartner zu stärken. Der Abschluss des Freihandelsabkommens mit Mercosur rückt näher; die Verhandlungen mit Indien und Indonesien haben an Dynamik gewonnen. Mit neuen Clean Trade and Investment Partnerships soll zudem der Weg für schnellere und flexiblere Abkommen geebnet werden. Die erste Partnerschaft mit Südafrika soll am Rande des G20-Gipfels in Johannesburg in diesen Tagen finalisiert werden – in Rekordzeit von weniger als einem Jahr. Der Gipfel bietet auch anderen Mitgliedern die Gelegenheit, ihre Reaktion auf die US-Handelspolitik zu koordinieren.
Das Forum hat sich bereits in der Vergangenheit als effektives Instrument des Krisenmanagements bewährt, etwa während der Finanzkrise 2008, und verfügt über Erfahrung darin, Erklärungen aller Mitglieder – mit Ausnahme der USA – zu veröffentlichen. 2017 bekannten sich 19 Mitglieder zum Pariser Klimaabkommen. Auch chinesische Überkapazitäten, Entschuldungsmechanismen für Länder im Globalen Süden und die grüne Transformation dürften zentrale Anliegen des Gipfels sein. Wenn Demokratien den Welthandel gestalten wollen, sollten sie also nicht davor zurückschrecken, ihn zu politisieren.
So mühsam demokratische Abstimmung auch sein mag – sie ist bislang der verlässlichste Weg, um sicherzustellen, dass Entscheidungen im Interesse der Mehrheit getroffen werden und nicht die Macht der Stärksten den Ausschlag gibt.
Dieser Text erschien zuerst in der WirtschaftsWoche.
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