Donald Trumps Nahost-Deals: Die Diplo­matie des Aufschubs

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Jeder kennt bereits die großan­ge­kün­digten Verhand­lungs­er­folge des Donald Trump: Nichts dahinter. Doch dabei wird übersehen, dass der ameri­ka­nische Präsident nicht nur keine Erfolge vorweisen kann, sondern dass er die Probleme einfach nur in die Zukunft verschiebt. Selbst wenn er den einen oder anderen Teilerfolg erzielen sollte, die Katastrophe ist damit nur vertagt und verschoben. Und damit genau das Gegenteil dessen, was Diplo­matie eigentlich ist, schreibt Richard C. Schneider.

Es gibt Verhand­lungen, die Konflikte lösen wollen. Und es gibt Verhand­lungen, die lediglich verhindern sollen, dass der nächste Krieg morgen beginnt. Der Nahe Osten erlebt derzeit vor allem Letzteres. Ob es um die Zukunft der Straße von Hormuz geht, um die Gespräche zwischen den USA und dem Iran, um die immer neuen Vermitt­lungs­ver­suche im Gazastreifen oder um die Kontakte zwischen Israel und dem Libanon – kaum ein Gespräch zielt darauf ab, die Ursachen der Konflikte tatsächlich zu besei­tigen. Es geht fast ausschließlich darum, Zeit zu gewinnen: Zeit bis zur nächsten Krise, Zeit, damit die politische Verant­wortung an die nächste Regierung oder gar die nächste Generation weiter­ge­reicht werden kann.

Eigentlich soll Diplo­matie dauer­hafte Ordnungen schaffen. Sie soll Inter­essen austa­rieren, Sicher­heits­me­cha­nismen entwi­ckeln und Regeln etablieren, die Bestand haben, ganz besonders wenn das politische Klima schlechter wird. Im Nahen Osten geschieht das Gegenteil. Die Diplo­matie versucht gar nicht erst, die Konflikte wirklich zu lösen.

Den politi­schen Still­stand als diplo­ma­ti­schen Fortschritt framen

Beispiele gibt es genug: Kaum wird die Verein­barung getroffen, dass die Hamas in Gaza ihre Waffen abgibt, beginnt bereits die Diskussion über ihre Auslegung. Verein­ba­rungen werden angekündigt, korri­giert oder durch neue Bedin­gungen ersetzt. Jede Diskussion über Wieder­aufbau oder politische Verwaltung bleibt unvoll­ständig, solange offen ist, wer künftig das Gewalt­mo­nopol besitzt. Ohne eine tatsäch­liche Entwaffnung der Hamas wird der aktuelle Waffen­still­stand zur Vorbe­reitung auf die nächste militä­rische Ausein­an­der­setzung. Und was bedeutet es, wenn das sogenannte „Board of Peace“ innerhalb nur weniger Tage seine Meinung um 180 Grad dreht? Hieß es zuerst, die Entwaffnung der Hamas und der israe­lische Rückzug sollen graduell und parallel geschehen, so heißt es nun: erst Entwaffnung, dann Rückzug, nachdem Israels Premier Netanyahu sich den Plänen des Friedensrats wider­setzt hatte. Aber da ist auch noch die Frage, welche Waffen würde die Hamas wirklich abgeben, wenn überhaupt? Und wer wird diese so kontrol­lieren, dass die Hamas sie nicht in einem Coup schnellstens wieder­erobern könnte, wenn die Waffen in Gaza bleiben sollen, wie es heißt? Was als diplo­ma­ti­scher Fortschritt verkauft wird, ist in Wahrheit schlicht ein vor sich herge­scho­bener politi­scher Stillstand.

Trumps Iran-„Diplomatie“ klammert zentrales Problem aus: das Atomprogramm

Ähnlich sieht es mit den Gesprächen zwischen Washington und Teheran aus. Ein Memorandum of Under­standing wird unter­zeichnet und gilt, dann aber wieder nicht, dann neue Absichts­er­klä­rungen, die die andere Seite jeweils demen­tiert, dann erneut Verstän­di­gungen, ohne dass diese die entschei­denden Fragen zumindest ansprechen. Wie soll das iranische Atompro­gramm dauerhaft kontrol­liert werden? Welche Kontroll­me­cha­nismen wären überhaupt belastbar? Wer garan­tiert ihre Einhaltung? Welche Gegen­leistung bekäme der Iran dafür, mit der alle in der Region leben könnten? Entstehen können so im besten Fall irgend­welche Zwischen­lö­sungen, die natürlich ebenfalls keinen Bestand haben können und niemanden irgend­welche Sicherheit garantieren.

Besonders deutlich zeigt sich dieser Zickzack-Kurs an der Straße von Hormuz. Niemand kann ernsthaft glauben, dass die iranische Führung auf die Kontrolle über die Meeresenge freiwillig verzichtet. Es ist ja auch ein zu prakti­sches Druck­mittel gegenüber der gesamten Weltwirt­schaft. Genau deshalb wirken so ziemlich alle Gespräche und Ankün­di­gungen merkwürdig losgelöst von der Realität. Nichts, absolut gar nichts von all dem bislang Gesagtem verändert das strate­gische Kalkül der betei­ligten Akteure.

Headline-Diplo­matie statt Sensi­bi­lität für histo­risch-kultu­rellen Kontext

Dasselbe gilt für die Verhand­lungen zwischen Libanon, Israel und den USA. Dort unter­scheiden sich Ton und Arbeits­weise durchaus positiv von den anderen Gesprächs­for­maten. Denn es sprechen Experten mitein­ander, d.h. Sicher­heits­fragen werden detail­liert analy­siert, technische Lösungen geprüft. Diese Kontakte wirken seriöser als die öffentlich insze­nierten Diplo­ma­tie­auf­tritte à la Trump. Doch auch hier bleibt die zentrale Frage ungelöst: Wie soll die Hizbollah tatsächlich und vor allem wirkungsvoll entwaffnet werden? Die libane­sische Armee ist allein dazu nicht in der Lage.

Vermitt­lungs­be­mü­hungen und Diplo­matie werden in diesen Zeiten zunehmend als Ereignis für Headlines verstanden. Ein Gipfel­treffen, eine Presse­kon­ferenz oder die Verkündung eines Memorandums s i n d der „diplo­ma­tische Erfolg“. Ob die angeb­lichen Verein­ba­rungen tatsächlich umgesetzt werden, scheint fast zweit­rangig zu sein. Dabei werden die schwie­rigsten Fragen vertagt oder gar übersehen. Die politi­schen Kosten tragen nicht die heutigen Unter­händler, sondern ihre Nachfolger. Jede nicht konse­quent vollzogene Entwaffnung, jede leere Sicher­heits­ga­rantie oder Kontroll­ver­ein­barung ohne wirkliche politische und militä­rische Substanz wird irgendwann wieder auf die Tages­ordnung zurück­kehren. Dann aber meist unter schlech­teren Bedin­gungen als zuvor.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt. Die gegen­wär­tigen Verhand­lungen werden häufig geführt, als ließen sich politische Kompro­misse von kultu­rellen, histo­ri­schen und ideolo­gi­schen Voraus­set­zungen trennen. Doch genau das ist kaum möglich. Sicher­heits­in­ter­essen, religiöse Identi­täten, histo­rische Erfah­rungen und regionale Macht­an­sprüche bestimmen das Verhalten der Akteure genauso stark wie kurzfristige politische Erwägungen. Wer diese Faktoren ignoriert oder unter­schätzt, produ­ziert zwangs­läufig Verein­ba­rungen, die an der Realität scheitern, ja, scheitern müssen.

Erkaufte Zeit statt zukunfts­fä­higer Lösungen

Die Nahost-Diplo­matie von heute verschiebt also lediglich die Konflikte, statt sie zu lösen. Sie erkauft Zeit, mehr aber auch nicht. Damit aber trägt jeder neue pompös verkündete Verhand­lungs­erfolg bereits den Keim seines späteren Schei­terns in sich. Frieden aber kann nur da entstehen, wo die Ursachen eines Konflikts entschlossen angegangen werden. Solange dazu keine Bereit­schaft oder auch Notwen­digkeit vorhanden ist, wird sich rein gar nichts verändern im Nahen Osten. Selbst wenn Donald Trump morgen den ewigen Frieden verkünden würde.

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