Israels Verfassungskrise: Crisis? What Crisis?

In Israel herrscht eine Verfassungskrise. Zum ersten Mal in der Geschichte will sich eine Regierung nicht an ein Gerichtsurteil halten. Dies ist das Ergebnis einer institutionellen Schwäche des Staatssystems und natürlich auch einer illiberalen Betrachtungsweise dessen, was Recht sein soll oder darf, schreibt Richard C. Schneider.
Israels politische Krise nimmt einfach kein Ende. Seit Januar 2023 stehen sich Regierung und das Oberste Gericht Israels in einer immer aggressiveren Auseinandersetzung über die Grenzen richterlicher Kontrolle und demokratischer Mehrheitsentscheidungen gegenüber. Nun könnte dieser Konflikt endgültig in eine Verfassungskrise kippen. Zum ersten Mal seit der Gründung des Staates 1948 kündigte eine Regierung an, einem Urteil des Obersten Gerichts nicht folgen zu wollen. Damit geht es um eine fundamentale Frage, die für staatliche Ordnung entscheidend ist: Wer hat das letzte Wort über die Verbindlichkeit des Rechts?
Keine Verfassung im eigentlichen Sinne
In Israel hat das besondere Bedeutung: Anders als nahezu alle westlichen Demokratien verfügt der jüdische Staat über keine geschriebene Verfassung. Stattdessen bilden sogenannte Grundgesetze eine Art verfassungsrechtlichen Rahmen. Der „Supreme Court“ hat daraus insbesondere seit den 1990er Jahren eine Form von Verbindlichkeit entwickelt, die von allen Regierungen, manchmal zähneknirschend, respektiert wurde. Unter seinem damaligen Präsidenten Aharon Barak etablierte das Gericht die Auffassung, dass die Grundgesetze verfassungsähnlichen Rang besitzen und staatliches Handeln ihnen entsprechen müsse. Mit dieser konstitutionellen Entscheidung wurde die richterliche Kontrolle maßgeblich gestärkt, wenngleich sie politisch immer umstritten war. Der Grund: Sie war nicht das Ergebnis eines verfassungsgebenden Gremiums.
Ein umstrittenes Demokratieverständnis
Die heutige Regierung knüpft an diese Kritik an. Insbesondere Justizminister Yariv Levin und Kommunikationsminister Shlomo Karhi vertreten ein Demokratieverständnis, das die parlamentarische Mehrheit als einzige Basis jeglicher politischer Legitimation betrachtet. Gerichte sollen demnach weder politische Entscheidungen korrigieren noch ihnen juristische Grenzen auferlegen. Die aktuelle Regierung von Premier Benjamin Netanyahu behauptet, die obersten Richter hätten sich selbst über Jahrzehnte Kompetenzen gegeben, die ihnen auf demokratischem Wege nie bewilligt wurden. Die sogenannte „illiberale Justizreform“ dieser Regierung will daher den Einfluss des Gerichts kappen und damit sich selbst beispielsweise, größeren Einfluss auf Richterernennungen gewähren und die Kontrollfunktion der Justiz aushebeln – womit aber die Gewaltenteilung einer liberalen Demokratie gehörig ins Wanken käme.
Checks and balances!?
Die Eskalation begann einer Entscheidung des Gerichts, wonach der Rundfunkregulierer „Second Authority for Television and Radio“ trotz unvollständiger Besetzung seine Arbeit bis zur Entscheidung über mehrere Petitionen fortsetzen darf. Kommunikationsminister Shlomo Karhi und Justizminister Yariv Levin erklärten daraufhin, das Gericht habe seine Befugnisse überschritten, die Entscheidung werde deshalb nicht umgesetzt. Ein zweiter Skandal kam hinzu: Der Streit um den Staatskontrolleur. Nachdem das Gericht die Wahl von Michael Rabello wegen Unregelmäßigkeiten für ungültig erklärte und eine Neuwahl anordnete, erklärte Justizminister Yariv Levin jetzt öffentlich, eine Neuwahl sei nicht akzeptabel, Rabello solle sein Amt einfach antreten. Dieser war zuvor der persönliche Anwalt von Premier Netanyahu. Allein schon deswegen sorgte seine Personalie bereits vor der Wahl für Aufregung, weil angezweifelt wurde, ob er dieses Amt überhaupt unparteiisch ausüben könne.
Im Grunde befindet sich Israel also bereits mitten in einer Verfassungskrise. Demokratien leben von einer von allen akzeptierten Begrenzung politischer Macht. Da Gerichte weder über polizeiliche oder militärische Gewalt verfügen, um ihre Entscheidungen durchzusetzen, ist es unerlässlich, dass Gerichtsurteile von allen Seiten verbindlich anerkannt werden. Nur so kann Demokratie funktionieren. Ohne dieses Prinzip gibt es keine Gewaltenteilung, Recht wäre dann nur noch das Recht, wie es von einer politischen Mehrheit definiert würde.
Die beiden genannten Fälle sind noch nicht alles. Das Oberste Gericht hat weitere Verfahren vorliegen, die unmittelbar gesetzliche Entscheidungen der Regierung betreffen. Diese würde ebenfalls dazu beitragen, die Gewaltenteilung immer weiter auszuhebeln.
Das Projekt Netanyahus: Die Schwächung unabhängiger Institutionen
Netanyahus Koalition verfolgt ein langfristiges politisches Projekt: Die Macht bislang unabhängiger Institutionen soll begrenzt werden. Dazu zählen neben dem Obersten Gericht auch die Generalstaatsanwaltschaft, Teile des öffentlichen Rundfunks und andere Kontrollinstanzen. Der Hintergrund ist ideologisch, politisch und auch persönlich. Denn Premier Benjamin Netanyahu steht wegen Korruptionsvorwürfen vor Gericht. In wenigen Monaten soll in Israel ein neues Parlament, eine neue Regierung gewählt werden. Die Regierungskoalition will die geplanten Veränderungen noch vor einem möglichen Machtwechsel durchziehen. Damit könnten die Spielregeln des politischen Systems in Israel zugunsten der aktuellen Regierung auf Dauer verändert werden, fürchten viele Kritiker im Lande.
Dabei wird fast vergessen, dass die Kritik am System, wie oben erklärt, grundsätzlich nicht unberechtigt ist. Selbst viele Juristen kritisieren, dass das Oberste Gericht sich eine Fülle an Kompetenzen zugesprochen hat, die nicht getragen werden von einer unabhängigen verfassungsmäßigen Regelung. Die Grundgesetze als eine Art Verfassung zu sehen, war eine richterliche Entscheidung. Diese Praxis entstand durch Rechtsprechung, nicht durch eine Abstimmung etwa mit einer parlamentarischen Zweidrittelmehrheit. Doch das rechtfertigt noch lange nicht, dass eine Regierung richterliche Entscheidungen und Urteile einfach mal so, quasi unilateral, für unverbindlich erklärt.
Vertrauensverlust und Loyalitätskonflikte drohen, Gesellschaft zu spalten
Der Eklat könnte zu einem weiteren Vertrauensverlust der Bevölkerung in staatliche Institutionen führen. Sollte es sich durchsetzen, dass jede politische Mehrheit selbst entscheidet, welche Urteile sie anerkennt, wäre Rechtsstaatlichkeit obsolet. Das aber könnte zu einer Blockade führen, bei der Ministerien, Behörden oder gar Sicherheitsorgane wie Polizei, Geheimdienste oder Militär künftig widersprüchlichen Anweisungen von Regierung und Gerichten gegenüberstehen. Damit entstünde ein Loyalitätskonflikt, der im schlimmsten Fall zum Bürgerkrieg führen könnte. Dass die aktuelle Regierung ein solches Risiko einzugehen bereit scheint, ist für viele Israelis ein sicheres Zeichen, dass es Premier Netanyahu und seinen Partnern schon lange nicht mehr um das Wohl des Landes geht. Was das letztlich für die Wahlen im Herbst bedeutet? Das wird sich zeigen. Bis dahin kann noch viel geschehen. Nicht nur im Inneren des Landes, sondern auch außenpolitisch.
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