Mehr Coali­tions of the Willing wagen!

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Ralf Fücks fordert in seinem Kommentar mehr Europa und einen stärkeren europäi­schen Zusam­menhalt bei Bewahrung seiner Vielfalt. In seinem Artikel, der zunächst bei Table Media erschien, erörtert er, wie wir Handlungs­fä­higkeit und Erwei­terung der EU unter einen Hut bringen können.

Die Pax Americana ist Vergan­genheit – recht hat der Kanzler. Die USA sind nicht länger der Garant europäi­scher Sicherheit. Wenn es hart auf hart kommt, müssen wir uns sowohl gegenüber Russland und China wie gegenüber Washington aus eigener Kraft behaupten. Europa muss seine Handlungs­fä­higkeit im Eiltempo stärken. Dazu gehört auch die strate­gische Erwei­terung der Europäi­schen Union auf dem Westbalkan und in Osteuropa. Ohne die Integration der Ukraine bleibt die europäische Ostflanke eine Achil­les­ferse. Ihre militä­rische Kraft, ihr techno­lo­gi­sches, landwirt­schaft­liches und energie­wirt­schaft­liches Potenzial machen Europa stärker. Das heißt auch: Statt Erwei­terung und Vertiefung gegen­ein­ander auszu­spielen, muss die EU beides zugleich vorantreiben.

Mehr Europa wagen

Tradi­tionell fürchten die Erwei­te­rungs­skep­tiker um die Kohärenz der EU. Für sie hat Vertiefung Vorrang gegenüber Erwei­terung. Aber die Idee einer „immer tieferen Integration“ hat trotz aller Beschwö­rungen europäi­scher Souve­rä­nität deutlich an Schwung verloren. Sie kolli­diert mit der Realität eines politisch und kulturell hetero­genen Konti­nents und dem Vormarsch der „Souve­rä­nisten“ von rechts und links. Wenn der Rassem­blement National und die Melenchon-Linke in Frank­reich, die polni­schen Natio­nal­kon­ser­va­tiven, die AfD und die deutsche Wagen­knecht-Linke überhaupt etwas mit Europa am Hut haben, dann mit einem Europa der Vater­länder mit den Natio­nal­staaten als oberste Instanz.

„Mehr Europa wagen“ bleibt dennoch eine richtige und notwendige Devise. Man sollte sie aller­dings nicht als immer weiter fortschrei­tende Zentra­li­sierung europäi­scher Politik denken. Jeder Versuch, politische Macht in einer europäi­schen Exekutive zu zentra­li­sieren, würde nur die zentri­fu­galen Kräfte in der EU stärken. Entscheidend wird sein, einen produk­tiven Umgang mit der europäi­schen Vielstim­migkeit zu finden, ohne den Anspruch auf gemein­sames Handeln aufzugeben.

Mehr gemeinsame Außen- und Sicher­heits­po­litik wagen

Es ist offen­kundig, dass der Umbruch in den globalen Macht­ver­hält­nissen jeden einzelnen europäi­schen Staat überfordert. Hier trifft sich die Notwen­digkeit gemein­samen Handelns mit der Chance, dem europäi­schen Projekt neuen Rückhalt in der Bevöl­kerung zu verschaffen. Für kaum ein anderes Politikfeld gibt es eine so hohe Zustimmung wie für eine gemeinsame europäische Außen- und Sicher­heits­po­litik. Die zentrale Frage ist nicht ob, sondern wie.

Die Vorstellung, dass die europäi­schen Staaten bereit sein könnten, Fragen von Krieg und Frieden in die Hand einer europäi­schen Zentral­gewalt zu legen, ist irreal. In gravie­renden Streit­fragen sind auch Mehrheits­ent­schei­dungen im Europäi­schen Rat eine heikle Angele­genheit. Je umstrit­tener sie sind, desto größer die Gefahr, dass sie die Spaltungs­linien in der EU vertiefen. Wir haben allen Grund zu respek­tieren, dass die kleineren Staaten Europas nicht von den großen dominiert werden wollen.

Die Auflösung dieses Dilemmas liegt in einer stärkeren Ausdif­fe­ren­zierung europäi­scher Politik. Die europäi­schen Verträge haben diesen Ausweg in weiser Voraus­sicht vorge­zeichnet. Wie schon bei der Einführung des Euro oder der Besei­tigung inner­eu­ro­päi­scher Grenz­kon­trollen sollten „Coali­tions of the Willing“ bei der Verge­mein­schaftung bestimmter Politik­felder vorangehen.

Mehr Ukraine-Unter­stützung wagen

Das gilt für die verstärkte militä­rische und finan­zielle Unter­stützung der Ukraine und den Aufbau einer europäi­schen Vertei­di­gungs­ge­mein­schaft wie für die stärkere Verzahnung der natio­nalen Energie­systeme. Sektorale Zusam­men­arbeit muss nicht auf Mitglieder der EU begrenzt bleiben. Gerade wenn es um europäische Sicherheit geht, ist Großbri­tannien ein unver­zicht­barer Partner.

Eine solche variable Archi­tektur würde auch den Konflikt zwischen Vertiefung und Erwei­terung entspannen. Statt den Beitritt der Ukraine und anderer Kandi­da­ten­länder auf die lange Bank zu schieben, muss eine größere Union Raum für diffe­ren­zierte Binnen- und Außen­ko­ope­ration geben.

Das liefe nicht auf eine Zweiteilung in ein Kern- und ein Randeuropa hinaus, sondern auf ein variables Netzwerk mit unter­schied­licher Integra­ti­ons­tiefe. Als gemein­samer Rahmen bleiben die Römischen Verträge, die Europäische Menschen­rechts­kon­vention, der Binnen­markt und die europäi­schen Insti­tu­tionen: Europa­par­lament, Europäi­scher Rat, Kommission, europäische Gerichtsbarkeit.

Europa ist seiner ganzen Geschichte nach ein Kontinent der Vielfalt, ein Raum der vielen kultu­rellen und politi­schen Tradi­tionen. Die europäische Heraus­for­derung besteht darin, Formen der Zusam­men­arbeit zu finden, die Einheit in der Vielfalt ermöglichen.

 

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