Dürfen liberale Geister die schwarz-rot-goldene Fahne raushängen?

Quelle: [bastian.] /​ Flickr

„Wer hat ein Problem mit der Natio­nal­mann­schaft? Die Rechts­na­tio­na­len. Wenn die AfD die ‚Natio­nal­mann­schaft‘ hasst, dann hat sich doch die Bedeu­tung von Natio­nal­mann­schaft ver­än­dert“ – schluss­fol­gert unser Autor Peter Unfried. Man muss sich nicht gleich gruseln, wenn Fans die Fahne raus­hängen. Es geht um Party, Bier und Fußball.

Als ich zu Bertis Zeiten Fußball­re­porter war, schrieb ich niemals „Natio­nal­mann­schaft“, sondern immer „DFB-Team“. Natio­nal­mann­schaft? Wir wissen doch, wo das endet, dachte ich. Offenbar hatten wir keine größeren Sorgen, damals.

Aber gerade in dieser spezi­ellen Situation ist es wichtig, sich klar zu machen, dass die 1949 einge­führte Bundes­flagge der Bundes­re­pu­blik das Bekenntnis zu unserer demo­kra­ti­schen und liberalen Gesell­schaft ausdrückt. 

Vor ein paar Wochen saß ich für ein Rolling Stone-Gespräch über 1968 und die Folgen in der Grünen-Zentrale, und der Co-Bundes­vor­sit­zende Robert Habeck sprach über „verhunzte“ Begriff­lich­keiten und die Möglich­keit oder gar Notwen­dig­keit ihrer Umdeutung. Heimat. Patrio­tismus. Und eben Nationalmannschaft.

Wer hat ein Problem mit der Natio­nal­mann­schaft? Die Rechtsnationalen

„Die deutsche Fußball­na­tio­nal­mann­schaft war für mich bis Klinsmann immer Inbegriff eines leicht anrü­chigen deutsch-konser­va­tiven Patrio­tismus“, sagte Habeck.

Klar, man denkt sofort an reak­tio­näre DFB-Präsi­denten wie Peco Bauwens und Hermann Neuberger,  die erste Strophe der Natio­nal­hymne 1954 in Bern, die Dolch­stoß­le­gende von Wembley 1966, den Nazi-Flieger Rudel im WM-Quartier 1978, Berti Vogts‘ Behaup­tung einer inter­na­tio­nalen Verschwö­rung gegen Deutsch­land 1998.

Aber dann kamen die baden-würt­tem­ber­gi­schen Welt­bürger Klinsmann und Löw. Und das Spiel wechselte auf der Grundlage sich eh voll­zie­hender gesell­schaft­li­cher Libe­ra­li­sie­rung, neuer Fußball­schulen und rotgrüner Einwan­de­rungs­po­litik die Richtung. „Und heute sagt Gauland, er wolle Boateng nicht zum Nachbarn haben“, sagte Habeck in seinem Chefkabuff. 

Portrait von Peter Unfried

Peter Unfried ist Chef­re­porter der taz und Autor.

Ergo?

„Der Fritz Walter von heute heißt Jerome Boateng, der Uwe Seeler von heute Mesut Özil. Und wer hat ein Problem mit der Natio­nal­mann­schaft? Die Rechts­na­tio­nalen. Wenn die AfD die ‚Natio­nal­mann­schaft‘ hasst, dann hat sich doch die Bedeutung von Natio­nal­mann­schaft verändert.“

Das hat es. Und zwar so was von.

Özil und Gündogan sollten ihren inneren Konflikt einfach erklären

Doch seit die in Gelsen­kir­chen geborenen Natio­nal­spieler Özil und Gündogan mit dem türki­schen Auto­kraten Erdogan posierten, Gündogan ihn gar „mein Präsident“ nannte, ist eine allge­meine Verwir­rung zu bemerken. Sowohl die gesell­schafts­li­be­ralen Kosmo­po­liten der neuen Mittel­schicht als auch eher Hymnen­mit­sing-orien­tierte Klein­bürger reagieren empört. Der Vorwurf lautet: Also doch Türken!

Es ist wirklich nur noch schwer erträg­lich, wenn DFB-Ange­stellte sagen, das sei ja „keine poli­ti­sche Botschaft“ gewesen. Selbst­ver­ständ­lich ist es eine – gegen Menschen­rechte, Meinungs- und Pres­se­frei­heit usw.

Bisschen unge­schickt ist das jetzt schon, sagte ich zu Daniel Cohn-Bendit, dem Minne­sänger Nummer 1 von wunder­baren multi­kul­tu­rellen Fußballmannschaften.

Man wolle doch immer den Fußballer, der sich politisch äußert, erwiderte Cohn-Bendit. „Aber wenn man eine multi­kul­tu­relle Mann­schaft hat, dann kann auch das dazu­ge­hören“. Dann könne man nicht nur Mats Hummels kriegen, also den Typ Klas­sen­spre­cher der biodeut­schen Gymnasial-Mittel­schicht. Logik: Das sind die Wider­sprüche, die zu einer offenen und freien Gesell­schaft gehören, denn sonst ist sie keine. Die einwan­de­rungs­po­li­ti­schen Aufgaben sind längst nicht bewältigt, das muss man auch sehen. Das Problem ist, dass die Jungs seither schweigen und sich und ihren mutmaß­li­chen inneren Konflikt nicht erklären.

Längst ist die Natio­nal­mann­schaft internationalisiert

In diesem Kontext kommt jetzt wieder die Idee hoch, dass alle Fußballer halt tradi­tio­nell blöde seien. Unsinn, es ist wie in anderen Milieus oder Branchen auch, manche sind klug und andere sind Trottel. Es sind gerade die mora­li­schen Mittel­schichts­mi­lieus, die in Wahrheit den Matthäus-Typus bevor­zugen, um sich schön abgrenzen zu können. Im Übrigen verweist Cohn-Bendit auf Emre Can, der Erdogans Ansinnen offenbar ablehnte.

Was sich seit Uwe Seelers und selbst seit Matthäus‘ Zeiten radikal geändert hat: Der Markt des Spit­zen­fuß­balls und damit auch seiner Prot­ago­nisten ist die ganze Welt, Spit­zen­fuß­baller sind trans­na­tio­nale Marken, sie reprä­sen­tieren inter­na­tio­nale Welt­firmen (Fußball­clubs und Sport­schuh­firmen) – und wenn sie für die tradi­tio­nellen Wett­be­werbe WM und EM in Verbands­teams zusam­men­ge­wür­felt werden, dann reprä­sen­tieren sie eigent­lich nicht das Land oder gar die Nation, sondern im Grunde nur ein Sommer-Fußball­team in einem quali­tativ nicht mit den Champions League-Play Offs zu verglei­chenden Wett­be­werb. Okay, etwas überspitzt.

Es geht jeden­falls um emotio­nale Teilhabe, auch um Party­teil­habe. Es geht um Bier, nicht um Blut und Boden, wie Habeck in einem taz-Interview schon 2010 sagte. „Fußball­pa­trio­tismus“ hat als Inhalt Fußball und Party. Deshalb war es auch ein ausge­machter Medi­en­schmarren, dass sich bei der WM 2006 ein neues Deutsch­land konsti­tu­iert habe. Die Leute wollten feiern und sich gut finden. So what? Menschen, die sich null für Fußball inter­es­sieren, steigen bei der WM auch ein. Und das geht mit einem „eigenen“ Team einfach besser.

Bitte kein Alarm, es sind Fanfahnen ...

Selbst­ver­ständ­lich gibt es ein Bedürfnis nach Heimat und Verortung, das sich hier ausdrückt. Das hat aber nichts mit Natio­nal­stolz oder gar „natio­nalen Tugenden“ zu tun. So wie Schwaben tenden­ziell Anhänger des VfB Stuttgart sind, sind Deutsche mehr­heit­lich für das deutsche Team. Aber es hat auch mit Stil und Spielern zu tun.

Im Spit­zen­fuß­ball von heute gibt es keine natio­nalen Tugenden, nur inter­na­tio­nale Moderne. Und multi­kul­tu­relle Teams sind auf höchstem Niveau, also Champions League-Niveau, nicht Ausnahme, sondern Notwen­dig­keit. Denn mit personell oder stilis­tisch national beschränkten Clubs wäre man im Spit­zen­fuß­ball komplett chan­cenlos. Löw ist ja eben kein „Natio­nal­trainer“, sondern ein führender Inter­na­tio­nal­trainer. Deutsch­land hat dank Jogi Löw einen modernen und oft begeis­ternden Fußball­stil entwi­ckelt. Das hilft, sich positiv in diesem Team wieder­finden zu können. Die Haupt­iden­ti­fi­ka­tion funk­tio­niert aber über den Erfolg. Weshalb man sich bei Turnier­ausscheiden auch schnell wieder distan­ziert und dem Alltag zu wendet. Wir gewinnen – die verlieren.

Wenn nun während der WM die Deutsch­land­fahnen aus den Fenstern hängen sollten, bitte nicht Alarm schlagen. Es sind Fanfahnen.

... die ein Bekenntnis zur offenen Gesell­schaft ausdrücken

Ich gestehe zu, dass ich mit meinem „Deutsch­land ist ein Sommer­fuß­ball­team“ das eine Ende des Deutungs­spek­trums besetze.

Durch die jüngste Demons­tra­tion der auto­ri­tären AfD mit Bundes­flaggen ist in der Tat ein neuer Begrün­dungs­druck für diese Fanfahnen entstanden. Ich verstehe, dass deshalb und auch wegen Özil und Gündogans Auto­kraten-Posing Leuten unwohl dabei ist. Grund­sätz­lich würde ich auch immer die Euro­pa­fahne bevorzugen.

Aber gerade in dieser spezi­ellen Situation ist es wichtig, sich klar zu machen, dass die 1949 einge­führte Bundes­flagge der Bundes­re­pu­blik das Bekenntnis zu unserer demo­kra­ti­schen und liberalen Gesell­schaft ausdrückt. Zum anderen geht es darum, was die Mann­schaft symbo­li­siert – und nicht, was Fußballer sagen. Und diese Natio­nal­mann­schaft von Jogi, Neuer, Müller, Boateng, Hummels, Khedira, Gomez und Özil symbo­li­siert genau das, wogegen Natio­na­listen kämpfen. Wenn überhaupt, dann muss man die Deutsch­land­fahne bei der WM als entschie­denes Statement gegen Gauland, Erdogan, Putin und den ganzen auto­ri­tären Natio­na­lis­mus­dreck deuten. Alles andere wäre im Sinne der AfD. Bloß nicht.

Und jetzt haut sie weg, Jungs.

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