Kli­ma­wan­del und Tech­no­lo­gie: Auf­bruch in die öko­lo­gi­sche Moderne

giSpate /​ Shut­ter­stock

Die libe­rale Gesell­schaft braucht eine grüne indus­tri­elle Revo­lu­tion, um dem Kli­ma­wan­del zu begeg­nen. Mit demo­kra­ti­scher Politik, Erfin­der­geist und einer dyna­mi­schen Öko­no­mie lassen sich Res­sour­cen­ver­brauch und Wirt­schafts­wachs­tum ent­kop­peln.

Die Aus­ein­an­der­set­zung um den Kli­ma­wan­del ist in eine neue Phase getre­ten: Die Alarm­zei­chen einer immer rasche­ren Ver­än­de­rung der Öko­sphäre nehmen zu, und gleich­zei­tig wird diese zu einem bestim­men­den poli­ti­schen Faktor. Hun­dert­tau­sende junger Leute sind Vor­rei­ter einer „Klima-APO“, und sie ziehen die Älteren mit sich. Kli­ma­schutz war bei der Euro­pa­wahl 2019 ein zen­tra­les Motiv und birgt auch mit Blick auf Deutsch­land das Poten­zial, die poli­ti­sche Land­schaft umzu­pflü­gen. Umwelt­po­li­tik ist kein Nischen­thema mehr, sondern wird zur neuen Zen­tralachse der Politik.

Aktuell halten fast 60 Prozent der Bevöl­ke­rung den Kli­ma­wan­del für das drän­gendste Problem unserer Zeit – so die Ergeb­nisse einer Umfrage der For­schungs­gruppe Wahlen aus dem Sep­tem­ber 2019. Dieser Wert wurde bislang nur über­trof­fen von frü­he­ren Sorgen vor Arbeits­lo­sig­keit sowie der Unruhe um die Flücht­lings­po­li­tik 2015/​16. Während der Kon­flikt um die Flücht­lings­po­li­tik durch ein Bündel von inte­gra­ti­ven und restrik­ti­ven Maß­nah­men ein­ge­dämmt werden konnte, ist eine Ent­schär­fung bei der Kli­ma­frage nicht in Sicht. Wie die Reak­tio­nen auf das jüngst beschlos­sene „Kli­ma­pa­ket“ der Bun­des­re­gie­rung zeigen, nimmt die Aus­ein­an­der­set­zung noch an Hef­tig­keit zu. Wenn die Kluft zwi­schen kli­ma­po­li­ti­scher Unge­duld in der Gesell­schaft und der Träg­heit von Politik und Wirt­schaft tiefer wird, kann daraus eine Legi­ti­ma­ti­ons­krise unseres Gesell­schafts­mo­dells ent­ste­hen, das auf der Kom­bi­na­tion von libe­ra­ler Demo­kra­tie und Markt­wirt­schaft beruht. Wer beide zukunfts­fest machen will, muss sich der öko­lo­gi­schen Her­aus­for­de­rung stellen.

Die indus­tri­elle Moderne basiert bislang auf der schein­bar unbe­grenz­ten Ver­füg­bar­keit fos­si­ler Ener­gien. Sie waren der Treib­stoff für eine unge­heure Stei­ge­rung von Pro­duk­tion und Konsum und eine immer weiter aus­grei­fende Mobi­li­tät. Gleich­zei­tig haben die Indus­tria­li­sie­rung der vor­ma­li­gen „Dritten Welt“ und der expan­sive Lebens­stil der wach­sen­den glo­ba­len Mit­tel­schicht zu einem dra­ma­ti­schen Anstieg des Ener­gie­ver­brauchs geführt. Seine Haupt­quel­len sind Kohle und Öl. Rund die Hälfte aller fos­si­len Ener­gie­trä­ger, die seit Beginn der Indus­tria­li­sie­rung ver­feu­ert wurden, fallen in die ver­gan­ge­nen 30 Jahre.

Portrait von Ralf Fücks

Ralf Fücks ist geschäfts­füh­ren­der Gesell­schaf­ter des Zen­trums Libe­rale Moderne.

His­to­risch betrach­tet sind die Vor­rei­ter der indus­tri­el­len Moderne – Europa und die USA – für den Löwen­an­teil der stei­gen­den CO2-Kon­zen­tra­tion in der Atmo­sphäre ver­ant­wort­lich. Inzwi­schen sind die bevöl­ke­rungs­rei­chen neuen Indus­trie­na­tio­nen Asiens an ihnen vor­bei­ge­zo­gen: China steht heute für rund 28 Prozent der welt­wei­ten CO2-Emis­sio­nen, Indien folgt nach den USA bereits auf Rang drei. Japan hat seinen CO2-Ausstoß seit 1960 ver­fünf­facht. Deutsch­land ist das einzige Land unter den sechs welt­größ­ten „Kli­ma­sün­dern“, dessen CO2-Emis­sio­nen in diesem Zeit­raum in etwa gleich geblie­ben sind. Im Ver­hält­nis zum Basis­jahr 1990 sind sie sogar um rund 30 Prozent gesun­ken. Der Anteil der Bun­des­re­pu­blik an der glo­ba­len Wirt­schafts­leis­tung beträgt etwa 3,2 Prozent, an den Treib­haus­gas­emis­sio­nen 2 Prozent. Dennoch liegen die deut­schen CO2-Emis­sio­nen pro Kopf über dem euro­päi­schen Durch­schnitt. Das liegt vor allem am hohen Anteil der Kohle am Ener­gie­mix. Schwe­den kommt mit seiner Kom­bi­na­tion aus Was­ser­kraft und Atom­ener­gie nur auf die Hälfte des deut­schen Werts.

Einem Zau­ber­lehr­ling gleich hat die indus­tri­elle Moderne einen Prozess glo­ba­ler Erwär­mung in Gang gesetzt. Er führt uns in einer his­to­risch kurzen Frist aus der relativ sta­bi­len Kli­ma­zone der ver­gan­ge­nen zehn­tau­send Jahre hinaus, in der sich die mensch­li­che Zivi­li­sa­tion ent­wi­ckeln konnte. In den zurück­lie­gen­den 200 Jahren stieg die mitt­lere globale Tem­pe­ra­tur um 1,1 Grad; der Trend geht steil nach oben. Die Erwär­mung der Arktis und das Schmel­zen des Grön­land-Eises ver­lau­fen schnel­ler als ver­mu­tet, ein Hit­ze­s­om­mer jagt den nächs­ten. Wir müssen um die künf­ti­gen Lebens­be­din­gun­gen auf unserem Hei­mat­pla­ne­ten fürch­ten. Wenn der Treib­haus­ef­fekt außer Kon­trolle gerät, wird das die Lebens­welt von Mil­li­ar­den Men­schen gefähr­den. Die dra­ma­ti­schen Folgen eines sich selbst ver­stär­ken­den Kli­ma­wan­dels sind oft genug beschrie­ben worden, ebenso ihre sicher­heits­po­li­ti­sche Dimen­sion. Umwelt­be­dingte Mas­sen­mi­gra­tion und Kon­flikte um knappe Was­ser­re­ser­ven bergen ein erheb­li­ches Gewalt­po­ten­zial.

Neuer „Kul­tur­kampf“

Jetzt, da sich erweist, dass die Ver­bren­nung von Kohle, Öl und Gas das Erd­klima aus den Fugen hebt, gerät auch der Hedo­nis­mus der Moderne in die Kritik. In den wohl­ha­ben­den Ländern – vor­ne­weg in Deutsch­land – wächst eine Bewe­gung, die eine radi­kale Ver­än­de­rung des indi­vi­du­el­len Lebens­stils fordert. Die Freude am Fahren, der Urlaubs­flug, die große Wohnung, die per­ma­nente Online-Kom­mu­ni­ka­tion, die jähr­lich wech­seln­den Moden, die jah­res­zeit­un­ab­hän­gige Ver­füg­bar­keit von Lebens­mit­teln aus der ganzen Welt und der hohe Fleisch­kon­sum gelten als öko­lo­gi­scher Sün­den­fall. Für die Anhän­ger eines neuen Öko-Puri­ta­nis­mus rui­niert unser Streben nach „immer mehr“ den Pla­ne­ten. „Tuet Buße und kehrt um!“, ist deshalb der neue kate­go­ri­sche Impe­ra­tiv.

Der Phi­lo­soph Peter Slo­ter­dijk hat diesen neuen „Kul­tur­kampf“ bereits vor Jahren vor­aus­ge­se­hen: „Die expres­si­ons- und emis­si­ons­feind­li­che Ethik der Zukunft zielt gera­de­wegs auf die Umkeh­rung der bis­he­ri­gen Zivi­li­sa­ti­ons­rich­tung“, sagte er 2009 in einer Rede auf der Kli­ma­kon­fe­renz in Kopen­ha­gen. „Sie ver­langt Ver­min­de­rung, wo bisher Ver­meh­rung auf dem Plan stand, sie fordert Mini­mie­rung, wo bisher Maxi­mie­rung galt, sie will Zurück­hal­tung, wo bisher Explo­sion erlaubt war, sie ver­ord­net Spar­sam­keit, wo bisher Ver­schwen­dung als höchs­ter Reiz emp­fun­den wurde, sie mahnt die Selbst­be­schrän­kung an, wo bisher die Selbst­frei­set­zung gefei­ert wurde. Denkt man diese Umschwünge zu Ende, so gelangt man im Zuge der meteo­ro­lo­gi­schen Refor­ma­tion zu einer Art von öko­lo­gi­schem Cal­vi­nis­mus.“

Die bis­he­rige Wirkung all dieser Buß­pre­dig­ten ist aller­dings sehr über­schau­bar. Zwar geht unter den Jungen und Gebil­de­ten der Fleisch­kon­sum ebenso zurück wie der Drang zum eigenen Auto. Zugleich steigen die Zulas­sungs­zah­len für SUVs ebenso wie die Zahl der Flug­rei­sen und der Strom­ver­brauch der digi­ta­len Kom­mu­ni­ka­tion. Die Zahl der­je­ni­gen, die ihre per­sön­li­che CO2-Bilanz dras­tisch gesenkt haben, fällt kaum ins Gewicht.

Das liegt nicht nur an der Macht alter Gewohn­hei­ten und indi­vi­du­el­ler Bequem­lich­keit. Unsere per­sön­li­che Kli­ma­bi­lanz hängt stark von Struk­tu­ren ab, die sich indi­vi­du­ell nur sehr bedingt ver­än­dern lassen: von der Art der Ener­gie­er­zeu­gung, den Gebäu­den, in denen wir wohnen, den ver­füg­ba­ren Alter­na­ti­ven zum Auto­mo­bil und von den Berufen, in denen wir tätig sind. Für Geschäfts­leute, Wis­sen­schaft­le­rin­nen, Ange­hö­rige des inter­na­tio­na­len Kul­tur­be­triebs, Poli­ti­ker und die Eliten der glo­ba­len Zivil­ge­sell­schaft ist das Fliegen keine Frage der indi­vi­du­el­len Moral, sondern ihres beruf­li­chen Alltags. Selbst wo es sinn­voll und zumut­bar wäre, den Zug statt das Flug­zeug zu nehmen, schei­tert das allzu oft an feh­len­den Kapa­zi­tä­ten und zeit­rau­ben­den Ver­bin­dun­gen der Bahn.

Damit wir uns recht ver­ste­hen: Es gibt keine Frei­heit ohne per­sön­li­che Ver­ant­wor­tung. Es ist gut und richtig, mit Rad oder Bahn zu fahren und keine Pro­dukte zu kaufen, für die Men­schen geschun­den werden oder Tiere leiden. Jedem steht es frei, das „gute Leben“ in einem Mehr an Muße und sozia­len Bezie­hun­gen statt in einer Stei­ge­rung von Ein­kom­men und Konsum zu suchen. Aber ein nüch­ter­ner Blick auf die Größe der öko­lo­gi­schen Her­aus­for­de­rung zeigt, dass sie mit dem Appell zur Genüg­sam­keit nicht zu lösen ist. Eine Reduk­tion von Treib­haus­ga­sen um 90 Prozent und mehr ist nicht durch die Beschrän­kung von Mobi­li­tät und Konsum zu errei­chen. Ohne eine grüne indus­tri­elle Revo­lu­tion werden wir den Wett­lauf mit dem Kli­ma­wan­del nicht gewin­nen. Ihr Kern besteht in einer Ent­kopp­lung von Wohl­stands­pro­duk­tion und Natur­ver­brauch. Das ist ambi­tio­niert, aber machbar.

Kli­ma­wan­del und Demo­kra­tie

Die Kritik an der Lang­sam­keit der Demo­kra­tie mit ihrer Kom­pro­miss­ori­en­tie­rung hat eine lange Tra­di­tion. Ange­sichts immer neuer Alarm-Nach­rich­ten über schmel­zende Glet­scher, bren­nende Wälder und auf­tau­ende Per­ma­frost­bö­den wird der Ruf nach durch­grei­fen­den Maß­nah­men lauter. Es ist kein Zufall, dass pro­mi­nente Umwelt­schüt­zer wie der Nor­we­ger Jørgen Randers mit dem chi­ne­si­schen Modell eines ver­meint­lich auf­ge­klär­ten Auto­ri­ta­ris­mus sym­pa­thi­sie­ren. Randers gehörte zu dem Team um den Öko­no­men Dennis Meadows, das 1971 den berühm­ten Bericht zu den „Grenzen des Wachs­tums“ für den Club of Rome ver­fasste. Bereits diese Urschrift der moder­nen Umwelt­be­we­gung war von einem auto­ri­tä­ren Grund­ton durch­zo­gen.

Wenn man die Rettung aus der öko­lo­gi­schen Krise vor allem in der Ein­schrän­kung von Pro­duk­tion, Konsum und Fort­pflan­zung sucht, ist das kon­se­quent. Auto­ri­täre Regimes schei­nen dann eher in der Lage, die not­wen­di­gen Ver­zichts­leis­tun­gen durch­zu­set­zen, weil sie in gerin­ge­rem Maße als par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tien von der Zustim­mung der Bevöl­ke­rung abhän­gig sind. Demo­kra­tie wird in dieser Lesart zu einem Luxus, den wir uns ange­sichts der Kli­ma­krise nicht mehr leisten können.

Gegen die auto­ri­täre Ver­su­chung der Öko­lo­gie zu argu­men­tie­ren, bedeu­tet nicht, die öko­lo­gi­sche Krise zu ver­harm­lo­sen. Wenn die Erd­er­wär­mung außer Kon­trolle gerät und die Meere kippen, wird das große Ver­wer­fun­gen nach sich ziehen, von wirt­schaft­li­chen Ein­brü­chen bis zu welt­wei­ten Wan­de­rungs­be­we­gun­gen. Inso­fern gefähr­det die Umwelt­krise auch die Demo­kra­tie. Wir müssen deshalb alles tun, um die öko­lo­gi­sche Trans­for­ma­tion der Indus­trie­ge­sell­schaft vor­an­zu­trei­ben.

Wider eine Öko­lo­gie des Ver­zichts

Die Öko­lo­gie des Ver­zichts beruht auf einer sta­ti­schen Sicht auf die Bezie­hun­gen zwi­schen Mensch und Natur. Sie begreift die Erde als einen fixen Raum, der nur ein begrenz­tes Poten­zial an Res­sour­cen bietet, in dem sich die Men­schen ein­rich­ten müssen. Über­schrei­ten sie die von der Natur gesetz­ten Grenzen, droht die Selbst­ver­nich­tung der mensch­li­chen Gattung. Ein Vor­läu­fer dieses Denkens war der bri­ti­sche Theo­loge und Ökonom Thomas Malthus, ein Zeit­ge­nosse von Goethe. Seine berühmt gewor­dene „Bevöl­ke­rungs­theo­rie“ pos­tu­lierte, dass die Erde nur rund eine Mil­li­arde Men­schen ernäh­ren kann. Ein Über­schrei­ten dieser Schwelle führe zu kata­stro­pha­len Hun­gers­nö­ten bis hin zum Zusam­men­bruch der mensch­li­chen Zivi­li­sa­tion.

Was Malthus nicht vor­aus­sah, war die enorme Stei­ge­rung der land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ti­vi­tät durch che­mi­sche Dünger, Pflan­zen­schutz­mit­tel, moderne Maschi­nen und die Züch­tung ertrag­rei­che­rer Pflan­zen und Nutz­tiere. Heute leben mehr als sieben Mil­li­ar­den Men­schen auf der Erde, ihre Lebens­er­war­tung hat sich seither ver­dop­pelt und die ver­füg­bare Kalo­ri­en­menge pro Kopf um mehr als die Hälfte erhöht. Ein Wunder? Ja, aber ein Wunder auf der Basis von Wis­sen­schaft und Technik. Was Malthus außer Acht ließ, war die mensch­li­che Erfin­dungs­kraft. Wir können die Natur­ge­setze nicht außer Kraft setzen, aber die wach­sende Natur­er­kennt­nis und der tech­ni­sche Fort­schritt ermög­li­chen es, die „natür­li­chen Grenzen“ immer weiter hin­aus­zu­schie­ben. Die „Grenzen des Wachs­tums“ sind keine fixe Größe. Die Son­nen­ein­strah­lung auf der Erde bietet ein fast uner­schöpf­li­ches Ener­gie­po­ten­zial für eine öko­lo­gi­sche Indus­trie­ge­sell­schaft, die auf der Kom­bi­na­tion von natür­li­cher und tech­ni­scher Pho­to­syn­these, von Bio­öko­no­mie und Was­ser­stoff beruht.

Auch der Report „Die Grenzen des Wachs­tums“ huldigt einer linea­ren Logik. Für Dennis Meadows und seine Kol­le­gen war Wirt­schafts­wachs­tum unver­meid­bar mit einem wach­sen­den Ver­brauch eng begrenz­ter Res­sour­cen ver­bun­den. Nach ihren Hoch­rech­nun­gen musste eine fort­ge­setzte Expan­sion der Welt­wirt­schaft bereits um das Jahr 2000 zur Erschöp­fung der natür­li­chen Res­sour­cen führen. Öl, Gas, Kupfer, Bauxit, Zinn, Eisen­erz und andere wich­tige Roh­stoffe würden ver­sie­gen, die Meere wären leer­ge­fischt, die Kon­ta­mi­na­tion von Böden und Gewäs­sern mit gif­ti­gen Stoffen würde irrever­si­bel.

Womit sie nicht gerech­net hatten, war die stei­gende Effi­zi­enz im Umgang mit knappen Res­sour­cen, die Ent­de­ckung immer neuer Roh­stoff­quel­len und eine immer umfas­sen­dere Umwelt­ge­setz­ge­bung, die zumin­dest in den fort­ge­schrit­te­nen Ländern dem Raubbau an der Natur Grenzen zog. Im Ergeb­nis hat sich die Welt­be­völ­ke­rung seit 1970 glatt ver­dop­pelt, die Lebens­er­war­tung ist ebenso gestie­gen wie das Bil­dungs­ni­veau, die Kin­der­sterb­lich­keit ist gesun­ken, und die Luft- und Gewäs­ser­qua­li­tät ist in Europa und Nord­ame­rika deut­lich besser als zu Beginn der 1970er Jahre, gleich­zei­tig sind die bekann­ten Vorräte der meisten Roh­stoffe heute größer. Inzwi­schen ist unsere Sorge nicht mehr, dass der Indus­trie­ge­sell­schaft die Roh­stoffe aus­ge­hen. Als zen­tra­les öko­lo­gi­sches Problem haben sich die Dezi­mie­rung der bio­lo­gi­schen Viel­falt sowie die Über­las­tung des Erd­sys­tems mit den Schad­stof­fen des Indus­trie­sys­tems ent­puppt, vor­ne­weg die Über­frach­tung der Atmo­sphäre mit Treib­haus­ga­sen.

Frei­wil­li­ger oder erzwun­ge­ner Ver­zicht auf dieses und jenes wird die öko­lo­gi­sche Krise bes­ten­falls ver­lang­sa­men, aber nicht stoppen. Das gilt erst recht mit Blick auf die Mil­li­ar­den Men­schen auf unserem Pla­ne­ten, die nichts sehn­li­cher wollen als den Anschluss an ein moder­nes Leben: gut aus­ge­stat­tete Woh­nun­gen, Bildung und pro­fes­sio­nelle Gesund­heits­ver­sor­gung, die Mög­lich­keit zu reisen, eine reich­hal­tige Ernäh­rung. Für die große Mehr­heit der Welt­be­völ­ke­rung ist „Null­wachs­tum“ keine Alter­na­tive. Für sie ist wirt­schaft­li­ches Wachs­tum nach wie vor der Hebel für höheren Lebens­stan­dard, bessere Bildung und Gesund­heits­ver­sor­gung. Es kommt deshalb alles darauf an, die Art und Weise unseres Wirt­schaf­tens zu ver­än­dern: vom Raubbau an der Natur zur Koope­ra­tion mit der Natur. Das wäre der Modus für ein nach­hal­ti­ges bezie­hungs­weise grünes Wachs­tum, das stei­gen­den Wohl­stand – zumin­dest für die große Mehr­heit der Welt­be­völ­ke­rung – mit der Treu­hän­der­schaft für die natür­li­chen Lebens­grund­la­gen ver­bin­det.

Für eine grüne indus­tri­elle Revo­lu­tion

In einer sta­gnie­ren­den oder gar schrump­fen­den Öko­no­mie sinken auch die Inves­ti­tio­nen und damit das Inno­va­ti­ons­tempo. Gerade weil die Zeit ange­sichts des Kli­ma­wan­dels drängt, brau­chen wir umge­kehrt ein höheres Tempo bei der Umstel­lung auf erneu­er­bare Ener­gien, umwelt­freund­li­che Land­wirt­schaft und kli­ma­neu­trale Mobi­li­tät. Der öko­lo­gi­sche Umbau der Indus­trie­ge­sell­schaft erfor­dert stei­gende Inves­ti­tio­nen in alter­na­tive Ener­gie­sys­teme und neue Pro­duk­ti­ons­an­la­gen, in den Ausbau des öffent­li­chen Ver­kehrs und die öko­lo­gi­sche Moder­ni­sie­rung unserer Städte. Wenn wir es richtig anstel­len, ent­steht daraus eine neue öko­no­mi­sche Dynamik, eine lange Welle umwelt­freund­li­chen Wachs­tums.

Bei Lichte besehen, geht es ohnehin nicht um die Frage, ob die Welt­wirt­schaft wei­ter­hin wächst. Ange­sichts einer auf zehn Mil­li­ar­den stei­gen­den Welt­be­völ­ke­rung, der fort­schrei­ten­den Indus­tria­li­sie­rung der Länder des Südens und des anhal­ten­den Wachs­tums der Städte lautet die alles ent­schei­dende Frage, ob es gelingt, Wert­schöp­fung und Umwelt­be­las­tung zu ent­kop­peln. Bei einer jähr­li­chen Wachs­tums­rate von drei Prozent wird sich die globale Wirt­schafts­leis­tung in den kom­men­den 20 Jahren in etwa ver­dop­peln. Im glei­chen Zeit­raum müssen die Treib­haus­gas­emis­sio­nen dra­ma­tisch sinken, um den Tem­pe­ra­tur­an­stieg im Zaum zu halten. Das erfor­dert nichts weniger als eine grüne indus­tri­elle Revo­lu­tion mit einer ähnlich durch­schla­gen­den Wirkung wie die Erfin­dung der Dampf­ma­schine, die Elek­tri­fi­zie­rung oder das Auto­mo­bil. Im Kern geht es um eine drei­fa­che Trans­for­ma­tion der alten Indus­trie­ge­sell­schaft: erstens von fos­si­len Ener­gie­quel­len zu erneu­er­ba­ren Ener­gien, zwei­tens um eine kon­ti­nu­ier­li­che Stei­ge­rung der Res­sour­cen­ef­fi­zi­enz (aus weniger Roh­stof­fen und Energie mehr Wohl­stand erzeu­gen) und drit­tens um den Über­gang zu einer moder­nen Kreis­lauf­wirt­schaft, in der jeder Rest­stoff wieder in die bio­lo­gi­sche oder indus­tri­elle Pro­duk­tion zurück­ge­führt wird.

Wer Frei­heit und Öko­lo­gie in Ein­klang bringen will, muss vor allem auf Inno­va­tion setzen und den Wett­be­werb um die besten Lösun­gen fördern. Das ist keine Absage an staat­li­che Ein­griffe in den Markt. Auch eine libe­rale Umwelt­po­li­tik kommt nicht ohne Grenz­werte und Verbote aus. Aber sie sind nicht der Königs­weg für die Lösung der öko­lo­gi­schen Frage. Ziel­füh­ren­der ist die Ein­be­zie­hung öko­lo­gi­scher Kosten in die Preis­bil­dung. Markt­wirt­schaft funk­tio­niert nur, wenn die Preise die öko­lo­gi­sche Wahr­heit spie­geln. Eine öko­lo­gi­sche Steu­er­re­form, die Treib­haus­gas­emis­sio­nen und den Ver­brauch knapper natür­li­cher Res­sour­cen ver­teu­ert, hat einen weitaus grö­ße­ren Effekt als immer neue Ge- und Verbote. Die Mehr­be­las­tun­gen, die durch Umwelt­steu­ern ent­ste­hen, können in Form eines Öko-Bonus an alle Bür­ge­rin­nen und Bürger zurück­er­stat­tet werden. Ein solcher Pro-Kopf-Betrag hätte sogar einen sozia­len Umver­tei­lungs­ef­fekt, weil Gering­ver­die­nende in der Regel einen gerin­ge­ren CO2-Fuß­ab­druck auf­wei­sen als Wohl­ha­bende.

Der Weg über einen suk­zes­siv anstei­gen­den CO2-Preis ist der kos­ten­güns­tigste Weg zum Kli­ma­schutz – er setzt die Maß­nah­men zur Senkung von Koh­len­di­oxid-Emis­sio­nen frei, bei denen das güns­tigste Kosten-Nutzen-Ver­hält­nis erzielt werden kann. Der zweite große Vorteil liegt darin, dass sie die Eigen­in­itia­tive von Unter­neh­men und Ver­brau­chern in eine nach­hal­tige Rich­tung lenkt, ohne ihnen Vor­schrif­ten zu machen. Zugleich liefert ein stei­gen­der CO2-Preis Anreize für kli­ma­freund­li­che Inves­ti­tio­nen und Kauf­ent­schei­dun­gen auf­sei­ten der Pro­du­zen­ten und Kon­su­men­ten.

Kli­ma­öko­no­men kommen auf len­kungs­wirk­same Ein­stiegs­preise von 50 bis 60 Euro pro Tonne, die nach und nach auf einen drei­stel­li­gen Betrag anstei­gen. Der von der Bun­des­re­gie­rung beschlos­sene CO2-Tarif von 10 Euro pro Tonne bleibt weit unter dieser Schwelle. In Schwe­den, das bereits Anfang der 1990er Jahre eine natio­nale CO2-Steuer ein­führte, liegt der Preis gegen­wär­tig bei 115 Euro je Tonne. Er gilt für wirt­schaft­li­che Akti­vi­tä­ten, die nicht vom euro­päi­schen CO2Emissionshandel erfasst werden.

Neuer Anlauf

Die Pariser Kli­ma­kon­fe­renz von 2015 hat sich nicht als der große Durch­bruch erwie­sen, den sich viele erhofft hatten. Die glo­ba­len Treib­haus­gas­emis­sio­nen steigen weiter, die meisten Staaten bleiben hinter ihren Absichts­er­klä­run­gen zurück. Das gilt auch für die Bun­des­re­pu­blik. Die Träg­heit von Politik, Wirt­schaft und All­tags­ge­wohn­hei­ten bremst rasche Fort­schritte. CO2-inten­sive Indus­trien wehren sich gegen die Ent­wer­tung ihres Kapi­tals. Viele Ent­wick­lungs­län­der setzen nach wie vor auf Kohle zur Deckung ihres Ener­gie­hun­gers. In Schlüs­sel­län­dern wie den USA und Bra­si­lien ist ein kli­ma­po­li­ti­sches Roll­back im Gang. Für Trump und Bol­so­naro ist das Pariser Abkom­men nur läs­ti­ger Ballast. Die rus­si­sche Führung setzt auf die Stei­ge­rung der Öl‑, Gas- und Koh­le­ex­porte als Geschäfts­mo­dell. Auch in China steigen die CO2-Emis­sio­nen weiter an, trotz des beein­dru­cken­den Ausbaus erneu­er­ba­rer Ener­gien und der Elek­tro­mo­bi­li­tät. Dieser Trend kann nur umge­kehrt werden, wenn die fort­ge­schrit­te­nen Indus­trie­län­der zeigen, dass es auch anders und besser geht.

Die öko­lo­gi­sche Krise erzwingt einen fun­da­men­ta­len Umbau der Indus­trie­ge­sell­schaft. Die rasche Ent­wick­lung digi­ta­ler Technik, von Hoch­leis­tungs­rech­nern und super­schnel­len Daten­net­zen bis hin zu selbst­ler­nen­den Robo­tern und 3D-Druck im indus­tri­el­len Maßstab, bietet auch neue Poten­ziale für res­sour­cen­op­ti­mierte Pro­duk­tion und eine ver­netzte Kreis­lauf­wirt­schaft. Ohne intel­li­gente Ver­bund­netze wäre die Ener­gie­wende, die eine Ver­knüp­fung von Mil­lio­nen dezen­tra­ler Anlagen erfor­dert, undenk­bar. Auf diesem Weg vor­an­zu­ge­hen, ist die beson­dere Ver­ant­wor­tung und Chance der hoch­in­dus­tria­li­sier­ten Länder.

Die deut­sche Ener­gie­wende hat dazu bei­getra­gen, die Lern­kurve erneu­er­ba­rer Ener­gien zu finan­zie­ren. Heute sind Solar- und Wind­kraft­an­la­gen vie­ler­orts kos­ten­güns­ti­ger als neue Kohle- und Atom­kraft­werke. Diese Pio­nier­rolle sollten wir auch bei Strom­spei­chern und intel­li­gen­ten Netzen, der Umwand­lung von Rege­ne­ra­tiv­strom in Was­ser­stoff und syn­the­ti­sche Kraft­stoffe, bei Elek­tro­mo­bi­li­tät und Bio­tech­no­lo­gie über­neh­men. Nur wenn wir zeigen, dass Kli­ma­schutz und wirt­schaft­li­cher Erfolg zwei Seiten einer Medaille sind, kann Europa zum Modell für andere werden. Gleich­zei­tig sichern wir damit unsere eigene wirt­schaft­li­che Zukunft.

Ange­sichts einer dro­hen­den Zuspit­zung öko­lo­gi­scher Krisen stehen wir vor drei abseh­ba­ren Optio­nen. Die erste liegt in der Radi­ka­li­sie­rung einer Umkehr­be­we­gung, die die Rettung in der frei­wil­li­gen oder erzwun­ge­nen Schrump­fung von Pro­duk­tion und Konsum sucht, in Ver­zicht und Verbot. Ihr Gegen­pol ist ein trot­zi­ges „Weiter so“, die Ver­län­ge­rung des fos­si­len Indus­tria­lis­mus bis zum Kollaps. Die dritte Mög­lich­keit liegt in einer neuen Syn­these zwi­schen Natur und Technik. Ange­sichts der Belas­tungs­gren­zen des Erd­sys­tems bleiben uns zwei Quellen des Fort­schritts: Die Ein­strah­lung von Son­nen­en­er­gie auf die Erde und die mensch­li­che Krea­ti­vi­tät. Auf einer Kom­bi­na­tion von beidem muss eine frei­heit­li­che und nach­hal­tige Gesell­schaft auf­bauen. Wir können die dro­hende Selbst­zer­stö­rung der Moderne mit den Mitteln der Moderne bewäl­ti­gen: mit demo­kra­ti­scher Politik, Wis­sen­schaft, einer dyna­mi­schen Öko­no­mie und einer aktiven Zivil­ge­sell­schaft.

Der Text erschien in „Aus Politik und Zeit­ge­schichte

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