Libe­ra­lis­mus neu denken: Brau­chen wir einen „Libe­ra­lis­mus der Furcht“?

Shut­ter­stock

Der Libe­ra­lis­mus zielt darauf ab, dass jeder Ein­zelne frei ist, seine eigene Lebens­ge­schichte zu schrei­ben, unge­hin­dert durch die Furcht vor will­kür­li­cher Gewalt und sozia­ler Not. Ange­sichts neuer innerer und äußerer Bedro­hun­gen für freie Gesell­schaf­ten brau­chen wir einen Libe­ra­lis­mus, der ver­hin­dert,  dass Furcht zur domi­nie­ren­den Stim­mungs­lage wird, argu­men­tiert Amichai Magen.

Libe­ra­lis­mus – ein Begriff, der lange Zeit großen kon­zep­tio­nel­len Umdeu­tun­gen und Miss­brauch unter­wor­fen war – ist eine poli­ti­sche Über­zeu­gung, deren Ver­tre­ter sich dem Streben nach Wohl­erge­hen der Men­schen durch Aus­übung indi­vi­du­el­ler Frei­hei­ten, wirt­schaft­li­cher Offen­heit, beschränk­ter und ega­li­tä­rer Kon­trolle durch Regie­run­gen und Rechts­staat­lich­keit widmen. In ihrem Kern beruht sie auf Aner­ken­nung von über­ra­gen­dem Wert und Würde jedes ein­zel­nen mensch­li­chen Wesens und letzt­end­lich des Lebens selbst.

Die zen­trale poli­ti­sche Mission des Libe­ra­lis­mus besteht darin, die für die mög­lichst voll­stän­dige Ver­wirk­li­chung dieses über­ra­gen­den indi­vi­du­el­len Wertes und des damit ver­bun­de­nen ein­zig­ar­ti­gen mensch­li­chen Poten­ti­als erfor­der­li­chen Bedin­gun­gen sicher­zu­stel­len. Dem­zu­folge lehnt er jeg­li­che poli­ti­sche Doktrin und alle Regie­rungs­sys­teme ab, die diesen Unter­schied zwi­schen der Sphäre des Per­sön­li­chen und der des Staates, zwi­schen dem Bereich des indi­vi­du­el­len Pri­vat­le­bens (ein­schließ­lich des Lebens in der Familie und der Gemein­schaft) einer­seits und dem staat­li­chen Bereich ande­rer­seits nicht respektieren.

Der Libe­ra­lis­mus ver­langt als Min­des­tes, dass jeder Person gestat­tet sein muss, die Geschichte ihres Lebens selbst zu schrei­ben – unge­hin­dert von Angst, Grau­sam­keit oder zer­stö­re­ri­scher Ein­mi­schung – soweit dies mit der ent­spre­chen­den Frei­heit aller anderen Per­so­nen ver­ein­bar ist. Die von den Ein­zel­nen geschrie­bene Geschichte kann eine Hel­den­ge­schichte, eine bit­ter­süße Komödie oder die Geschichte eines tra­gi­schen Ver­sa­gens werden. Libe­ra­lis­mus besteht nicht auf einem Hap­py­end, aber er besteht darauf, dass die Ein­zel­nen ihre Geschichte selbst schrei­ben dürfen.

Mit anderen Worten: Libe­ra­lis­mus ist im Wesent­li­chen eine unserer Zeit ent­spre­chende poli­ti­sche Suche nach einer Exis­tenz, in der Men­schen keine Angst haben müssen vor Ver­nich­tung, will­kür­li­cher Gewalt, unnö­ti­gem Zwang oder Ver­let­zung dessen, was Isaiah Berlin in seiner typi­schen Unter­trei­bung als „ein bestimm­tes Minimum per­sön­li­cher Frei­heit, die auf gar keinen Fall ver­letzt werden darf“ bezeich­net.[1]

Der Libe­ra­lis­mus der Furcht

Dieser „Libe­ra­lis­mus der Furcht“ auf den Mon­tes­quieu und Con­stant schon anspiel­ten, der jedoch erst von Judith Shklar 1989 in ihrem bril­lan­ten Kapitel mit diesen Titel aus­führ­lich behan­delt und erforscht wurde, ist nicht die einzige Art im Stamm­baum libe­ra­ler Tra­di­tio­nen, bei der sich die Suche nach Ideen für eine libe­rale Erneue­rung des ein­und­zwan­zigs­ten lohnen würde.[2] Shklar erkennt dies selbst an, indem sie auf andere Arten des Libe­ra­lis­mus Bezug nimmt, ins­be­son­dere den „Libe­ra­lis­mus der natür­li­chen Rechte“ und den „Libe­ra­lis­mus der per­sön­li­chen Ent­wick­lung“, die sich vom Libe­ra­lis­mus des Furcht unter­schei­den.[3]

Ein wei­te­rer Vor­be­halt ist noch anzu­füh­ren, bevor ich mich der Aufgabe zuwende, eine Lanze für einen „Neuen Libe­ra­lis­mus der Furcht“ als eine Mög­lich­keit der libe­ra­len Erneue­rung zu brechen. „Furcht“ ist ober­fläch­lich betrach­tet ein unat­trak­ti­ves Mittel für den libe­ra­len Über­re­der. Der Geruch der Angst gilt nor­ma­ler­weise als wider­wär­tig. Hoff­nung, Ein­hör­ner und das Ver­spre­chen freier Liebe sind ver­ständ­li­cher­weise die bevor­zug­ten Mar­ke­ting­in­stru­mente des poli­ti­schen Wahrsagers.

Amichai Magen ist Dozent und Direk­tor des Pro­gramms für demo­kra­ti­sche Resi­li­enz und Ent­wick­lung an der Lauder School of Government, Diplo­macy and Stra­tegy, IDC (Herz­liya), Israel.

Der Libe­ra­lis­mus der Furcht leidet dem­zu­folge unter einem ihm inne­woh­nen­den Mar­ke­ting­pro­blem. In diesem Sinne ist er ein wenig wie Isaiah Berlins Begriff der „nega­ti­ven Frei­heit“ – weise, aber nicht attrak­tiv.[4] Der durch­schnitt­li­che Ver­brau­cher poli­ti­scher Ideen wird im Libe­ra­lis­mus der Furcht keine kusch­lige Bequem­lich­keit finden. Was ihn nach Shklars eigenen Worten von den anderen Arten des Libe­ra­lis­mus unter­schei­det ist, dass er völlig „nichtu­to­pisch“ ist.[5]

Der Libe­ra­lis­mus der Furcht schaut dem Schre­cken gera­de­wegs ins Gesicht und schau­dert. Er ist sich der Abgründe, in die mensch­li­che Wesen sinken können, und des Aus­ma­ßes der Grau­sam­keit und Zer­stö­rung, denen wir zer­brech­li­che Men­schen – ins­be­son­dere durch insti­tu­tio­na­li­sierte Gewalt – aus­ge­setzt werden können, aufs Deut­lichste bewusst.

Der Libe­ra­lis­mus der Furcht ist durch eine schreck­li­che Beschei­den­heit der Ansprü­che gekenn­zeich­net. Es ist der Libe­ra­lis­mus der Scha­dens­be­gren­zung und des „gerade gut genug, um sich durch­zu­wurs­teln“. Es ist der Libe­ra­lis­mus des Ver­mei­dens von Ausch­witz-Bir­kenau, der sowje­ti­schen Gulags und – in unserer Zeit – der Gewalt gegen die Jesiden, des Hungers der Jeme­ni­ten oder der Gefan­gen­la­ger in Nord­ko­rea und Xin­jiang. Sein wich­tigs­tes und in mancher Hin­sicht urtüm­li­ches Ziel besteht darin, uns darauf zu kon­zen­trie­ren, dass wir das Schlimmste, das uns gesche­hen könnte, ver­mei­den, statt anzu­neh­men, dass es irgend­wie nicht dazu kommen wird oder uns von den ver­lo­cken­den, aber fal­schen uto­pi­schen Ver­spre­chen einer von Tragik freien Welt ver­füh­ren zu lassen.

Ein Libe­ra­lis­mus der Schadensbegrenzung

Der „neue Libe­ra­lis­mus der Furcht“ beginnt damit, dass er die his­to­ri­sche Amnesie abschüt­telt, die unsere Kultur seit 1989 durch­drun­gen hat. Zufrie­den, selbst­ge­fäl­lig und mehr als nur ein wenig naiv schlum­mer­ten wir nach 1989 unter der warmen Decke des Tri­um­phes – im Ver­trauen darauf, dass das Ende der Geschichte gekom­men wäre, dass sich  der Weg des mora­li­schen Uni­ver­sums unab­wend­bar der Gerech­tig­keit zuwen­den würde und dass sich der Rest der Welt unaus­weich­lich einer sich stetig aus­brei­ten­den Libe­ra­len Inter­na­tio­na­len Ordnung zuwen­den würde

Unter dem Ein­fluss des Fuku­yama-Komas wurde es dem Libe­ra­lis­mus gestat­tet, zu sta­gnie­ren und zu ver­fal­len. Iro­ni­scher­weise begin­gen wir Libe­ra­len die Tod­sünde des Mar­xis­mus – die Sünde des his­to­ri­schen Deter­mi­nis­mus. Wir ließen uns treiben und ver­spiel­ten zum großen Teil die durch harte Arbeit errun­gene Frie­dens­di­vi­dende, die uns der Sieg in hef­ti­gen Kämpfen gegen Faschis­mus, Nazis­mus und Sowjet-Kom­mu­nis­mus im Laufe des blu­ti­gen zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts ein­ge­bracht hatte. Wir ver­nach­läs­sig­ten die Pflege der Tugen­den, Werte und Insti­tu­tio­nen, von denen das Über­le­ben moder­ner libe­ra­ler Demo­kra­tien abhängt – aktive und enga­gierte Bür­ger­be­tei­li­gung, wirk­sa­mes Funk­tio­nie­ren des Staates und leis­tungs­fä­hige öffent­li­che Ein­rich­tun­gen, echte demo­kra­ti­sche Rechen­schafts­pflicht, um sicher­zu­stel­len, dass die Regie­run­gen im Inter­esse der Mehr­heit tätig sind, und Rechts­staat­lich­keit, um die­je­ni­gen zu zügeln, die ihre poli­ti­sche, wirt­schaft­li­che und kul­tu­relle Macht dazu nutzen, Zwang über die Übrigen auszuüben.

Auf diesem Weg haben wir viele unserer Mit­bür­ger zurück­ge­las­sen, denn wir haben törich­ter­weise das oberste Prinzip des moder­nen Libe­ra­lis­mus außer Acht gelas­sen, nämlich dass die Zustim­mung der Regier­ten die einzige solide Basis für eine funk­tio­nie­rende demo­kra­ti­sche Ordnung ist. Wir geben vor, dass die dunklen Seiten der Glo­ba­li­sie­rung ent­we­der nicht vor­han­den sind oder keine große Rolle spielen (dass sie bald durch das Wirken der Kräfte der libe­ra­len Kon­ver­genz ver­schwin­den werden) oder dass sie allein durch die unsicht­bare Hand des Marktes wirksam im Zaum gehal­ten werden könnten. Wir haben ver­säumt, mit sich beschleu­ni­gen­der Kon­nek­ti­vi­tät, Kom­ple­xi­tät und zer­stö­re­ri­schen ang­st­ein­flö­ßen­den tech­ni­schen Ent­wick­lun­gen Schritt zu halten. Wir haben es nicht geschafft, über­zeu­gende libe­rale Lösun­gen für große, neu her­auf­zie­hende Bedro­hun­gen zu ent­wi­ckeln, wie z.B. für den chi­ne­si­schen Auto­ri­ta­ris­mus, Umwelt­zer­stö­rung, unkon­trol­lierte Migra­tion, ent­staat­lichte Regio­nen, Ver­brei­tung von Kern­waf­fen, Pan­de­mien, unkon­trol­lierte künst­li­che Intel­li­genz und eine degra­dierte Infor­ma­ti­ons­öko­lo­gie, die uns in die Gefahr bringt, dass wir unsere Fähig­keit, uns auf grund­le­gende wis­sen­schaft­li­che und his­to­ri­sche Tat­sa­chen zu einigen, verlieren.

Der „Neue Libe­ra­lis­mus der Furcht“ fordert ein stark ent­wi­ckel­tes his­to­ri­sches Gedächt­nis und eine auf geschicht­li­cher Grund­lage auf­ge­baute Vor­stel­lung von der Zukunft der Mensch­heit. Dem­zu­folge würde er die Geschichte wieder ins Spiel bringen, und zwar auf drei unter­schied­li­chen Wegen:

Zum Ersten würde er unter Umschrei­bung dessen, was Hal Brand und Charles Edel schrie­ben, darauf bestehen, dass ein Ver­ständ­nis für Tragik unab­ding­bar bleibt für Politik, Regie­rungs­kunst und die Erhal­tung der Welt­ord­nung.[6] Wenn wir ver­ges­sen, welche Zer­brech­lich­keit den libe­ra­len Ord­nun­gen inne­wohnt und wie sehr sie stän­di­ger Ver­tei­di­gung, fort­ge­setz­ten Schut­zes und ste­ti­ger Aktua­li­sie­rung bedür­fen, werden wir unauf­halt­sam Ver­ges­sen­heit und Verfall anheimfallen.

Für die Moral der libe­ra­len Ord­nun­gen eintreten

Zum Zweiten würde er Zeit und Kraft inves­tie­ren, um Partei für die Moral (ja, Moral, nicht nur Effi­zi­enz) der libe­ra­len Ord­nun­gen zu ergrei­fen. Er würde stolz die seit Beginn der libe­ra­len Ära und ins­be­son­dere in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten bei allen Indi­ka­to­ren für mensch­li­ches Wohl­erge­hen dort wo libe­rale Werte und Ein­rich­tun­gen Wurzel gefasst haben, erreich­ten erstaun­li­chen Fort­schritte der Mensch­heit, dar­stel­len und feiern. Er würde die fan­tas­ti­schen 3.000 Prozent Zuwachs des realen BIP seit 1800 für die ärmsten Men­schen her­vor­he­ben und zeigen, dass in den ver­gan­ge­nen drei Jahr­zehn­ten der größte Teil dieser „Großen Berei­che­rung“ nicht im „weißen Amerika“ oder West­eu­ropa, sondern im sich libe­ra­li­sie­ren­den Latein­ame­rika, Ost­eu­ropa, China, Indien und immer mehr auch Afrika statt­fand.[7]

Der „Neue Libe­ra­lis­mus der Furcht“ würde aktiv danach streben, gegen­wär­ti­gen und künf­ti­gen Genera­tio­nen die wahre Bedeu­tung der fol­gen­den sta­tis­ti­schen Angaben ver­ständ­lich zu machen – als Zahl der ver­schon­ten, ver­bes­ser­ten, berei­cher­ten und befrei­ten Men­schen­le­ben: 1950 lag die Lebens­er­war­tung welt­weit bei unter 30 Jahren, heute beträgt sie 72,6 Jahre. 1950 betrug die Kin­der­sterb­lich­keit 24. Das bedeu­tet, dass fast eins von vier Kindern vor Errei­chen des fünften Geburts­ta­ges starb. Heute sind es 4 Prozent. 1950 lebten 63,5 Prozent der Welt­be­völ­ke­rung in extre­mer Armut, heute sind es weniger als 9 Prozent. Und 1950 lebten nur 10 Prozent der Welt­be­völ­ke­rung in Demo­kra­tien, heute – auch nach ein­ein­halb Jahr­zehn­ten welt­wei­ten Demo­kra­tie­ab­baus – leben 56 Prozent der Men­schen in Demo­kra­tien.[8] Dies ist ein erstaun­li­cher Rekord mate­ri­el­len und mora­li­schen Fort­schritts. Dieser Fort­schritt ist nicht perfekt, er ist unvoll­stän­dig und zer­brech­lich, aber er ist auch unschätz­bar gut und ver­dient unsere Dank­bar­keit, unseren Schutz und stän­dige Weiterentwicklung.

Als Letztes ist hier anzu­füh­ren, dass der „Neue Libe­ra­lis­mus der Furcht“ dafür ein­tre­ten würde, dass ein Neu­den­ken des Libe­ra­lis­mus auch eine Erwei­te­rung unserer Vor­stel­lun­gen von Geschichte umfas­sen muss, und zwar nicht nur hin­sicht­lich der Ver­gan­gen­heit mit ihrer stän­di­gen Wie­der­ho­lung von Erfol­gen und Ver­sa­gen, Tri­um­phen und Ver­bre­chen, sondern auch mit Blick auf die Zukunft. Ein Neu­den­ken des Libe­ra­lis­mus muss eine Ver­pflich­tung ent­hal­ten, wie sie Toby Ord in seiner wun­der­vol­len Widmung seinem Buch „The Pre­ci­pice“ vor­an­ge­stellt hat: „Den hundert Mil­li­ar­den Men­schen vor uns, die unsere Zivi­li­sa­tion geschaf­fen haben; den sieben Mil­li­ar­den jetzt Leben­den, deren Hand­lun­gen mög­li­cher­weise unser Schick­sal bestim­men; den Tril­lio­nen nach uns, deren Exis­tenz in der Waag­schale liegt.“[9]

Leben in Furcht macht uns unfrei

Die Antwort auf die Frage ob wir in einer freien Gesell­schaft leben oder nicht, hängt nach dem Ver­ständ­nis des „Neuen Libe­ra­lis­mus der Furcht“ stark von der kol­lek­ti­ven Psy­cho­lo­gie ab. Shklar schrieb „Wir fürch­ten eine Gesell­schaft ängst­li­cher Men­schen“, denn sys­te­ma­ti­sche Angst der Massen macht mensch­li­che Frei­heit unmög­lich.[10] Wenn wir in Angst leben, sind wir fun­da­men­tal unfrei.

High­tech-Tyran­neien wie die von der chi­ne­si­schen kom­mu­nis­ti­schen Partei ange­bo­tene können „effi­zi­en­ter“ sein als die Politik der Unvoll­kom­men­heit, per­sön­li­chen Wahl­frei­heit und Unsi­cher­heit, die der Libe­ra­lis­mus bietet. Aber welchen Nutzen bringt eine solche Effi­zi­enz dem mensch­li­chen Geist? Worin liegt ihr Sinn, wenn sie uns in eine riesige Kolonie ängst­li­cher, sich ducken­der Sklaven ver­wan­delt? Ähnlich steht die Frage nach dem Sinn unserer mensch­li­chen Zivi­li­sa­tion, wenn wir unseren Pla­ne­ten unbe­wohn­bar machen oder es unkon­trol­lier­ter künst­li­cher Intel­li­genz gestat­ten, Amok zu laufen und uns in Skla­ve­rei oder sogar Aus­rot­tung zu stürzen. Der Neue Libe­ra­lis­mus der Furcht blickt in diesen see­len­lo­sen Abgrund mög­li­cher dys­to­pi­scher Fall­gru­ben und schau­dert. Er weigert sich, sanft in diese alp­traum­haf­ten Nächte hinüber zu dämmern. Er bäumt sich auf gegen das Erlö­schen des Lichts.

Libe­rale haben zu unter­schied­li­chen Zeiten Ver­schie­de­nes gefürch­tet und haben deshalb danach gestrebt, poli­ti­sche Ord­nun­gen zu schaf­fen und anzu­pas­sen, die sich einer Abfolge sich ändern­der Ängste ent­ge­gen­stel­len. Der frühe moderne Libe­ra­lis­mus – und es gab keinen Libe­ra­lis­mus in der Welt vor der Moderne – ent­stand aus dem von reli­giö­ser Into­le­ranz und Krieg her­vor­ge­ru­fe­nen Chaos und Gemet­zel. Die Angst vor reli­giö­sem Zwang ist der Ursprung des moder­nen Libe­ra­lis­mus. All­mäh­lich – im Laufe des sech­zehn­ten und sieb­zehn­ten Jahr­hun­derts – stell­ten wir fest, dass Tole­ranz der Grau­sam­keit des reli­giö­sen Fana­tis­mus über­le­gen war.

Dann, in einer zweiten Welle des Kampfes darum, welche poli­ti­sche Ordnung herr­schen sollte, erwie­sen sich die Prin­zi­pien und Insti­tu­tio­nen eines begrenz­ten und ega­li­tä­ren Staates als vor­teil­haf­ter – mili­tä­risch, wirt­schaft­lich, wis­sen­schaft­lich und in Hin­sicht auf das per­sön­li­che Glück – als der Abso­lu­tis­mus. Als der Levia­than dann die Macht über­nom­men hatte, stell­ten wir fest, dass er uns noch leich­ter und sys­te­ma­ti­scher ver­schlin­gen könnte als es die Mächte der Vor­mo­derne je gekonnt hätten. Dem­zu­folge haben wir immer neue Mecha­nis­men erfun­den um den Levia­than zu zähmen. Wir haben dafür ver­schie­dene Bezeich­nun­gen, zum Bei­spiel als bür­ger­li­che und poli­ti­sche Rechte, Rechts­staat­lich­keit, Kon­sti­tu­tio­na­lis­mus, Föde­ra­lis­mus und letzt­lich als moderne reprä­sen­ta­tive Demo­kra­tie. Die­je­ni­gen Gesell­schaf­ten, die diese Mecha­nis­men ein­führ­ten und anwand­ten, erran­gen größere Macht, Wohl­ha­ben­heit und Dynamik.

Seit dem Beginn des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts ent­wi­ckel­ten sich unsere libe­ra­len Ord­nun­gen weiter – natio­nal, regio­nal und inter­na­tio­nal – denn wir began­nen, Armut, totalen Krieg und den Auf­stieg kol­lek­ti­vis­ti­scher tota­li­tä­rer Ideo­lo­gien und Staaten zu fürch­ten. Ange­spornt von diesen Ängsten stell­ten sich auf Natio­nen begrün­dete, markt­ba­sierte libe­rale Demo­kra­tien ihren impe­ria­len, faschis­ti­schen, nazis­ti­schen und sowjet­kom­mu­nis­ti­schen Gegnern ent­ge­gen und besieg­ten diese letztendlich.

Aus dieser Sicht betrach­tet sind die gegen­wär­ti­gen libe­ra­len Ord­nun­gen im Wesent­li­chen „drei­fach destil­lierte“ Systeme nor­ma­ti­ver und insti­tu­tio­nel­ler Güter, geschaf­fen im Laufe von Jahr­hun­der­ten im Zuge einer Abfolge his­to­ri­scher Kämpfe, aus denen die „libe­rale Lösung“ sieg­reich her­vor­ging, indem sie sich als ihren Oppo­nen­ten über­le­gen erwies hin­sicht­lich der Schaf­fung phy­si­schen und onto­lo­gi­schen Wohl­be­fin­dens. Unsere moder­nen Formen der libe­ra­len Ordnung, deren Genom aus Tole­ranz, begrenz­tem staat­li­chen Ein­fluss, auf Frei­wil­lig­keit basie­ren­der reprä­sen­ta­ti­ver Demo­kra­tie und Markt­wirt­schaft besteht, sind das Ergeb­nis wie­der­hol­ter Infra­ge­stel­lung und Auswahl, aus denen sie stets als Sieger her­vor­gin­gen. Die libe­rale Ordnung hat über­lebt und sich durch­ge­setzt, weil sie sich hin­sicht­lich der Gewähr­leis­tung phy­si­scher und onto­lo­gi­scher Sicher­heit als über­le­gen erwies. Gleich­zei­tig herrscht jedoch eine kalte evo­lu­tio­näre Logik. Falls es den libe­ra­len Ord­nun­gen nicht gelingt, sich wieder dem Wett­be­werb zu stellen und ihre Über­le­gen­heit erneut zu bewei­sen, müssen wir damit rechnen, dass anti­li­be­rale Angriffe zuneh­men und immer mehr Men­schen diesen Ord­nun­gen abtrün­nig werden.[11]

Die Angst vor mensch­li­cher Redundanz

Was fürch­ten wir heut­zu­tage am meisten? In einigen Ländern fürch­ten wir immer noch, was Locke, Con­stant, Mill, Popper, Hayek, Arndt, Berlin, Sol­sche­ni­zyn und Shklar in der Ver­gan­gen­heit fürch­te­ten – die unglei­che Macht des auto­ri­tä­ren und räu­be­ri­schen Staates über das Indi­vi­duum. Und doch würde der „Neue Libe­ra­lis­mus der Furcht“ zugeben – mit einer Prise Skepsis gemischt mit vor­sich­ti­ger Zufrie­den­heit – dass das, was wir in den meisten der jetzt bestehen­den Gesell­schaf­ten die meiste Zeit über am stärks­ten fürch­ten, nicht die Macht des Staates ist. Tat­säch­lich ist es in vielen Ländern mit einem schwa­chen Staat (dar­un­ter Irak und Libyen, Syrien, Somalia, Kongo und Haiti, um nur einige trau­rige Bei­spiele zu nennen) so, dass das, was die Men­schen am meisten fürch­ten, die Folgen des Fehlens eines funk­tio­nie­ren­den Staates sind.

Letzt­end­lich ist das, was wir – in den bis vor Kurzem leicht­hin als „Freie Welt“ bezeich­ne­ten Ländern – am meisten fürch­ten, ein künf­ti­ges Über­flüs­sig­wer­den der Mensch­heit. Wir fürch­ten phy­si­sche Red­un­danz infolge exis­ten­zi­el­ler Kata­stro­phen wie dem demo­gra­fi­schen Wandel, dem Kli­ma­wan­del, einem unüber­wind­ba­ren Zusam­men­bruch der Zivi­li­sa­tion oder unüber­wind­li­cher Dys­to­pie im Ergeb­nis natür­li­cher oder von Men­schen her­vor­ge­ru­fe­ner Bedro­hun­gen. Wir fürch­ten, dass unkon­trol­lierte Kräfte der Finanz­märkte, Big-Tech-Algo­rith­men und all­ge­gen­wär­tige Über­wa­chung durch Unter­neh­men und Behör­den den Men­schen voll­stän­dig seines wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Ein­flus­ses berau­ben. Wir fürch­ten eine meta­phy­si­sche Red­un­danz durch den Verlust von Bedeu­tung, Sinn, Zuge­hö­rig­keit und Bindung – nicht so sehr in Folge einer mit dem Indus­trie­zeit­al­ter ein­her­ge­hende Ent­frem­dung, sondern durch die Über­nahme durch Maschi­nen und künst­li­che Bio­lo­gie des Digi­tal­zeit­al­ters. Wir fürch­ten sogar eine epis­te­mi­sche Red­un­danz dadurch, dass sehr bald KI und Deep-Fake-Tech­no­lo­gien sehr wohl in der Lage sein werden, es gewöhn­li­chen Men­schen unmög­lich zu machen, mit der immer schnel­ler zuneh­men­den Kom­ple­xi­tät der Welt zurecht­zu­kom­men oder den Unter­schied zwi­schen Tat­sa­chen und Aus­sa­gen einer Ver­schwö­rungs­theo­rie zu erkennen.

Die Her­aus­for­de­rung, vor der wir Libe­rale gegen­wär­tig stehen, besteht darin, uns der Red­un­danz, also dem Über­flüs­sig­wer­den der Mensch­heit ent­ge­gen zu stellen und diese Ent­wick­lung umzu­keh­ren. Wir brau­chen einen neuen huma­nis­ti­schen Libe­ra­lis­mus, der gleich­zei­tig die zen­tra­len Werte des tra­di­tio­nel­len Libe­ra­lis­mus ver­tritt und eine bessere Wei­ter­ent­wick­lung der Mensch­heit gewähr­leis­tet als die von unseren auto­ri­tä­ren und kol­lek­ti­vis­ti­schen Oppo­nen­ten ange­bo­te­nen Lösungen.

Die Her­aus­for­de­rung, vor die uns der „Neue Libe­ra­lis­mus der Furcht“ stellt, ist sehr groß, mög­li­cher­weise exis­ten­zi­ell, aber die Lage ist nicht völlig aus­sichts­los. Wie Bernard Wil­liams in seinen eigenen Media­tio­nen zu dem Text von Judith Shklar aus­sagte: „der Libe­ra­lis­mus der Furcht beschränkt sich nicht auf War­nun­gen und Mah­nun­gen. Falls es gelingt, grund­le­gende Frei­hei­ten zu gewähr­leis­ten und grund­le­gende Ängste zu beschwich­ti­gen, wird sich die Auf­merk­sam­keit des Libe­ra­lis­mus der Furcht anspruchs­vol­le­ren Kon­zep­ten der Frei­heit zuwen­den ...“[12] Uns direkt, ent­schlos­sen und kreativ mit den schlimms­ten Ängsten unserer Zeit zu befas­sen, ist mög­li­cher­weise die beste Mög­lich­keit, vor­an­zu­schrei­ten und wieder einen Libe­ra­lis­mus der Hoff­nung zu erreichen.


[1] Isaiah Berlin, „Two Con­cepts of Liberty“, in Four Essays on Liberty (Oxford: Oxford Uni­ver­sity Press, 1969) S. 118–172 auf S. 122.

[2] Zu Mon­tes­quieus Bezug­nahme auf das mensch­li­che Bedürf­nis nach per­sön­li­cher Sicher­heit als Vor­be­din­gung für poli­ti­sche Frei­heit siehe Mon­tes­quieu, The Spirit of the Laws, in der Über­set­zung von Cohler, Miller und Stone (Cam­bridge, 1989), S. 157. Auch Ben­ja­min Con­stant denkt in seinem Vortrag „The Liberty of the Anci­ents Com­pa­red with That of the Moderns“ von 1819 über das Ver­hält­nis von Sicher­heit, Angst und Frei­heit nach. Judith N. Shklar, “The Libe­ra­lism of Fear”, in Libe­ra­lism and the Moral Life, Nancy L. Rosen­blum (Hrsg..) (Harvard 1989) S. 21–38.

[3] Shklar, ibid. S. 26–27

[4] Berlin, Supra, Anmer­kung 1.

[5] Ibid. S. 26.

[6] Siehe: Hal Brands und Charles Edel, The Lessons of Tragedy: Sta­te­craft and World Order (Yale Uni­ver­sity Press, 2019).

[7] Die voll­stän­di­gen Angaben finden Sie in der Daten­bank The Maddi­son Project Data­base 2020 (https://www.rug.nl/ggdc/historicaldevelopment/maddison/releases/maddison-project-database-2020?lang=en). Zusam­men­fas­sung und Analyse siehe: Deidre N. McClos­key, Bour­geois Equa­lity: How Ideas, Not Capital or Insti­tu­ti­ons, Enri­ched the World (Chicago Uni­ver­sity Press, 2016); Steven Pinker, Enligh­ten­ment Now: The Case for Reason, Science, Huma­nism, and Pro­gress (Viking, 2018).

[8] Zahlen aus Our World in Data (unter https://ourworldindata.org/a‑history-of-global-living-conditions-in-5-charts). Zur Lebens­er­war­tung siehe https://ourworldindata.org/life-expectancy#:~:text=The%20divided%20world%20of%201950,achieved%20in%20a%20few%20places.

[9] Im Ori­gi­nal: „To the hundred billion people before us, who fashio­ned our civi­liz­a­tion; To the seven billion now alive, whose actions may deter­mine our fate; To the tril­li­ons to come, whose exis­tence lies in the balance.” Toby Ord, The Pre­ci­pice: Exis­ten­tial Risk and the Future of Huma­nity (Hachette, 2020).

[10] Shklar, Supra, Anmer­kung 3,  S. 29.

[11] Siehe: Amichai Magen, Liberal Order in the Twenty-First Century: Sear­ching for Eunomia Once Again, 139/2–4 Journal of Con­tex­tual Eco­no­mics (2019) 271–284.

[12] Bernard Wil­liams, In the Begin­ning Was the Deed: Realism and Mora­lism in Poli­ti­cal Argu­ment (Prince­ton Uni­ver­sity Press, 2005) S. 60.

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