European Book Club: Der Westen sind jetzt wir – und wer verteidigt ihn?

Fotos: Tobias Kunz

Keine gewöhn­liche Buchvor­stellung, sondern eine Bestands­auf­nahme des Zustands des Westens in Zeiten tekto­ni­scher Verschie­bungen und multipler Krisen bildete in diesem Jahr den Aufschlag zu unserer European Book Club Reihe: Die Sicher­heits­expertin Jana Puglierin (ECFR) und die Bundes­tags­ab­ge­ordnete Agnieszka Brugger (Bündnis 90/​Die Grünen) disku­tierten mit Jörg Lau (Die Zeit) über dessen aktuelles Buch „Der Westen sind jetzt wir“.

Der russische Angriffs­krieg gegen die Ukraine, die zuneh­menden Spannungen mit China, der Krieg im Nahen Osten sowie die Unbere­chen­barkeit der USA unter der Trump Adminis­tration bilden den Hinter­grund einer Debatte, die sich um nichts Gerin­geres als um die Zukunft des Westens dreht. Wie kann sich der Westen innerhalb einer sich neu formie­renden inter­na­tio­nalen Ordnung positio­nieren, was sind die Konse­quenzen für Deutschland und Europa?

Ralf Fücks führte durch den ebenso spannenden wie erkennt­nis­reichen Abend.

Vier „Nullpunkte“ der Außenpolitik

Im Zentrum von Laus Analyse stehen vier grund­le­gende Brüche, die er als „Nullpunkte“ beschreibt: die USA als unsicherer Partner, Russland als offener Gegner, die geschei­terte Nahost­po­litik sowie die wachsende Abhän­gigkeit von China. Diese Entwick­lungen markieren das Ende eines außen­po­li­ti­schen Selbst­ver­ständ­nisses, das Deutschland lange geprägt und von dem es lange profi­tiert hat.

Weniger als klassi­sches Thesenwerk denn als „Selbst­ver­ge­wis­serung“ möchte Lau sein Buch verstanden wissen – als einen Versuch, politische Fehlein­schät­zungen und blinde Flecken der vergan­genen Jahrzehnte zu reflek­tieren. Dabei geht es auch um die Frage, warum Warnsi­gnale so lange ignoriert wurden und welche Konse­quenzen sich daraus ergeben. Seine Leitfrage: „Wie kann die freiheit­liche Demokratie sich wehrhaft in einer Welt behaupten, in der sie nicht mehr der Normalfall ist?“

Europa als Antwort – und als Problem

In der Diskussion wurde schnell deutlich, dass „Europa“ sowohl Lösung als auch Heraus­for­derung darstellt: Jana Puglierin betonte, dass die zentrale Konstante deutscher Außen­po­litik – die enge Einbindung in Europa – weiterhin gültig bleibe. Gleich­zeitig verwies sie auf wachsende Zielkon­flikte: Einer­seits sei mehr militä­rische Stärke nötig, anderer­seits müssten Libera­lität und Sozial­staat­lichkeit gewahrt bleiben. Auf der einen Seite brauche es mehr Unabhän­gigkeit von den USA, gleich­zeitig dürfe man diese Allianz mit den USA nicht vollständig verlieren.

Diese Spannungen verweisen auf eine tiefer­ge­hende Frage: Wie lässt sich ein neuer gesell­schaft­licher Konsens über Deutsch­lands Rolle in der Welt herstellen? Die sicher­heits­po­li­ti­schen Heraus­for­de­rungen erfordern Ressourcen, Priori­tä­ten­set­zungen und politische Entschei­dungen, die nicht ohne Konflikte auskommen.

Der Westen als umkämpfte Idee

Ein zentrales Thema des Abends war die Frage, was mit „dem Westen“ heute überhaupt gemeint sei. Während Lau das Ringen um die Idee „des Westens“ als Kern des trans­at­lan­ti­schen Konflikts beschreibt, wider­spricht Puglierin einer rein geopo­li­ti­schen Lesart. Der Konflikt verlaufe nicht zwischen Europa und den USA, sondern innerhalb beider Gesell­schaften, nämlich zwischen liberalen und illibe­ralen Kräften. Eine solche Perspektive verschiebt den Fokus: Der Westen ist weniger ein geogra­fi­scher Raum als ein politi­sches Projekt, dessen Grund­lagen zunehmend infrage gestellt werden.

Politische Praxis unter Druck

Agnieszka Brugger brachte die theore­ti­schen Überle­gungen in die politische Praxis zurück. Sie schil­derte eindrücklich die Heraus­for­de­rungen, vor denen Entschei­dungs­trä­ge­rinnen und Entschei­dungs­träger stehen. Etwa bei der militä­ri­schen Aufrüstung oder der europäi­schen Koordi­nation. Dabei kriti­sierte sie eine anhal­tende „Behäbigkeit“ und das Zögern, sich konse­quent auf die neuen Reali­täten einzu­stellen, „weil man sich dann doch nicht mit diesem ‚Sowohl Als Auch‘, mit den Dilemmata, an der Stelle ausein­an­der­setzen will.“

Zugleich stellte sie eine grund­le­gende Frage: Wer geau ist mit dem „Wir“ gemeint, wenn von Europa oder dem Westen die Rede ist? Gehören illiberale Regie­rungen ebenso dazu? Wie verhält es sich mit Opposi­ti­ons­be­we­gungen? Und zählen Partner­staaten wie die Ukraine auch zu diesem Wir? Es gibt eine Unschärfe in der Definition, die auf die offene, umkämpfte Natur politi­scher Zugehö­rigkeit in der Gegenwart verweist.

Zwischen Abhän­gigkeit und Eigenständigkeit

Besonders kontrovers wurde das Verhältnis zu den USA disku­tiert: Während Einigkeit darüber bestand, dass Europa langfristig eigen­stän­diger werden muss, blieb offen, wie schnell und in welchem Umfang dies möglich ist. Die Abhän­gigkeit – insbe­sondere im militä­ri­schen Bereich – ist weiterhin erheblich. Lau sprach in Bezug auf die NATO davon, diese sei für Trump „nicht primär ein Schutz­bündnis gegen äußere Feinde, sondern ein sehr willkom­mener Hebel, um von Freunden Wohlver­halten zu erpressen.

Zugleich wurde deutlich, dass die Unsicherheit über die zukünftige Entwicklung der USA selbst ein struk­tu­relles Problem darstellt. Die Frage, was als temporäre politische Ausschläge zu verstehen sei und wobei es sich um langfristige Verschie­bungen handelt, bleibt unbeant­wortet. Das hat direkte Konse­quenzen für europäische Strategien.

Neue Unsicher­heiten, alte Abhängigkeiten

Europa und Deutschland stehen vor einer tiefgrei­fenden außen- und sicher­heits­po­li­ti­schen Neuori­en­tierung. Die bishe­rigen Gewiss­heiten tragen nicht mehr – ohne dass bereits tragfähige Alter­na­tiven erkennbar wären. Zwischen dem Anspruch auf mehr Eigen­stän­digkeit und fortbe­stehenden Abhän­gig­keiten entsteht ein Spannungsfeld, das politische Entschei­dungen zunehmend komplex und konflikt­ge­laden macht.
Wie zentral diese Heraus­for­derung ist, brachte Jörg Lau auf den Punkt: „Europa ist noch eine regel­ba­sierte Ordnung – und die müssen wir jetzt verteidigen.“

Soeben erschienen: Jörg Lau: Der Westen sind jetzt wir. Droemer HC, München 2026. 354 Seiten, Euro 26,-

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