Iran-Krieg: Irgendwie gesiegt, aber doch verloren und nichts erreicht

Am Vorabend der zweiten Verhandlungsrunde zwischen Washington und Teheran in Islamabad sagen die Iraner die Gespräche ab. Oder doch nicht? Sicher ist nichts. Typisch für die Gesamtsituation, die für Israel und die USA eher ernüchternd ist, schreibt Richard C. Schneider.
Kurz vor der geplanten neuen Verhandlungsrunde zwischen Washington und Teheran in Islamabad hat sich die Lage erneut verschoben – und zwar in die denkbar widersprüchlichste Richtung: Während die USA weiterhin von Gesprächen ausgehen, mehren sich Signale aus Teheran, dass diese entweder abgesagt oder zumindest faktisch blockiert sind. Zugleich betonen iranische Vertreter, dass zentrale Differenzen fortbestehen und ein Durchbruch nicht in Sicht ist. Dieser Text entsteht also in einem Moment maximaler Unsicherheit, in dem selbst die Frage, ob überhaupt verhandelt wird, nicht mehr eindeutig beantwortet werden kann.
Was bislang erreicht wurde…
Gerade diese Unklarheit beschreibt den Zustand des gesamten Krieges. Was haben Israel und die USA erreicht? Militärisch zunächst einiges: Die Angriffe auf iranische Infrastruktur und Ziele haben gezeigt, dass Teheran verwundbar ist und dass Washington bereit ist, weit über Stellvertreterkonflikte hinauszugehen. Auch Israel hat seine Fähigkeit demonstriert, parallel mehrere Fronten managen zu können – im Iran, im Libanon und indirekt darüber hinaus. Und auch wenn es nicht gelungen ist, einen Regimechange herbeizuführen, so war es doch möglich, Teheran zumindest zeitweise an den Verhandlungstisch zu bringen. Die Gespräche von Islamabad markieren die intensivste direkte Kontaktaufnahme seit Jahrzehnten, wenngleich das Regime aus einer Position strategischer Stärke auftrat und sich zumindest erstmal kompromisslos gab.
… oder doch nicht?
Doch diese Erfolge sind taktisch – nicht strategisch. Denn nahezu nichts von dem, was politisch erreicht werden sollte, ist tatsächlich eingetreten. Weder ist Irans regionale Rolle gebrochen, noch sein nuklearer Anspruch geklärt. Im Gegenteil: Die zentralen Streitpunkte – Atomprogramm, ballistische Raketen, maritime Kontrolle, Sanktionen – sind weiterhin ungelöst und blockieren jede Annäherung. Gleichzeitig zeigt Teheran durch die wiederholte Schließung der Straße von Hormuz, dass es jederzeit in der Lage ist, die globale Ökonomie als Druckmittel einzusetzen.
Auch militärisch ist die Lage alles andere als entschieden.: Israel hat zwar operativ Erfolge erzielt, aber keine nachhaltige sicherheitspolitische Stabilität geschaffen. Raketenangriffe auf israelisches Territorium haben das Versprechen vollständiger Abschirmung infrage gestellt, während die Front im Libanon trotz Waffenruhe volatil bleibt. Die dortige Lage ist nicht gelöst, sondern lediglich eingefroren – jederzeit bereit, wieder zu eskalieren.
Maximaler Druck ohne Durchbruch
Für die USA ergibt sich ein ähnlich ambivalentes Bild. Washington hat Druck aufgebaut, aber keinen politischen Durchbruch erzwungen. Stattdessen verschärft die aggressive Rhetorik – etwa die Drohung, iranische Infrastruktur vollständig zu zerstören – die Unsicherheit zusätzlich und untergräbt die Glaubwürdigkeit diplomatischer Angebote. Diplomatie unter permanentem militärischem Vorbehalt bleibt ein widersprüchliches Instrument.
Am deutlichsten zeigt sich die strategische Schieflage jedoch in Israel selbst – und in der Person Benjamin Netanyahus. Der Premierminister, der sich über Jahre als Garant der Sicherheit inszeniert hat, steht heute schwächer da als je zuvor. Israel ist gleichzeitig in einen direkten Konflikt mit Iran verwickelt, militärisch im Libanon gebunden und innenpolitisch unter Druck. Die zentrale Erzählung Netanyahus – Sicherheit durch militärische Überlegenheit – trägt nicht mehr. Statt klarer Siege ist ein Zustand permanenter Unsicherheit entstanden.
Die Rolle Netanyahus
Netanyahu hat den Krieg gewollt. Doch ein klares Endspiel ist nicht erkennbar. Weder ist ein Regimewechsel in Teheran realistisch, noch eine nachhaltige Eindämmung iranischer Macht. Selbst die militärischen Erfolge drohen strategisch zu verpuffen, weil sie nicht in stabile politische Strukturen übersetzt werden.
Und nun kommt ein weiterer Faktor hinzu: die mögliche Absage oder zumindest faktische Blockade der Gespräche durch Iran. Sollte sich dies bestätigen, würde sich die gesamte Dynamik erneut verschieben. Denn damit entfiele die fragile diplomatische Klammer, die die Kriegshandlungen für den Moment gestoppt hat. Gleichzeitig bleibt aber alles offen – weil selbst eine Absage in dieser Phase nicht endgültig ist. Zu oft wurden in den vergangenen Wochen Gespräche angekündigt, dementiert, wieder aufgenommen oder durch neue Eskalationen überholt.
Drei mögliche Szenarien
Gerade darin liegt die eigentliche Gefahr der kommenden Tage. Drei Szenarien zeichnen sich ab: Erstens eine weitere militärische Eskalation, etwa durch gezielte Angriffe auf Infrastruktur oder eine Ausweitung des Konflikts im Libanon. Zweitens ein abruptes Zurückkehren an den Verhandlungstisch, möglicherweise ausgelöst durch ökonomischen Druck, insbesondere durch die Lage in der Straße von Hormuz. Drittens ein Zwischenzustand: kein Krieg im klassischen Sinne, aber auch kein Frieden, sondern eine Phase dauerhafter Instabilität mit punktuellen Gewaltausbrüchen.
Alle drei Optionen haben eines gemeinsam: Sie liegen nicht vollständig in der Kontrolle der beteiligten Akteure. Die Dynamik dieses Konflikts wird längst nicht mehr nur durch strategische Planung bestimmt, sondern durch kurzfristige Entscheidungen, Missverständnisse und politische Impulse. Dass ein einzelner Tweet aus Washington die Lage jederzeit kippen kann, ist keine rhetorische Übertreibung mehr, sondern gelebte Realität.
Ohne klares Ziel kein stabiler Frieden
So stehen Israel und die USA heute vor einem paradoxen Ergebnis: Sie haben militärische Stärke demonstriert, aber keine politische Ordnung geschaffen. Sie haben Druck aufgebaut, aber keine Lösung erzwungen. Und sie haben einen Gegner geschwächt, ohne ihn entscheidend zu besiegen.
Ob die Gespräche in Islamabad stattfinden oder nicht, ist deshalb fast schon zweitrangig geworden. Entscheidend ist etwas anderes: Dass dieser Krieg in eine Phase eingetreten ist, in der selbst Diplomatie nur noch ein weiteres Instrument unter vielen ist – und keineswegs das dominierende. Genau das macht die Lage so gefährlich. Denn wo es kein klares Ziel gibt, kann auch kein stabiler Frieden entstehen.
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