Libe­ra­lis­mus neu denken: Die Rache der Gefühle

Grand Warszawski/​​Shutterstock

Gefühle spielen eine sehr große Rolle in der popu­lis­ti­schen Politik. Libe­rale haben die Bedeu­tung von Gefüh­len größ­ten­teils über­se­hen. Popu­lis­ten können Angst und andere Gefühle gegen die libe­rale Demo­kra­tie ein­set­zen. Darauf kann man aber nicht nur mit Ver­nunft ant­wor­ten. Es gibt eine andere Mög­lich­keit, poli­tisch mit Gefüh­len umzu­ge­hen, sagt die pol­ni­sche Intel­lek­tu­elle Karo­lina Wigura.

Wie illi­be­rale Poli­ti­ker Wahlen gewin­nen, indem sie an unsere Gefühle appel­lie­ren (und was ihre Gegner dagegen tun können).

Im Zusam­men­hang mit dem durch die Corona-Pan­de­mie erzeug­ten Durch­ein­an­der wurde zuneh­mend deut­lich, welch große Rolle Gefühle welt­weit in der Politik spielen. Gefühle haben die Ent­schei­dun­gen ganzer Staaten beein­flusst, wenn es um das Ver­hän­gen eines stren­gen Lock­downs ging. Sie sind auch die Grund­lage der großen Pro­test­be­we­gun­gen, die wir während des gesam­ten Jahres 2020 beob­ach­tet haben. Von den Demons­tra­tio­nen der Black-Lives-Matter-Bewe­gung in den USA und Groß­bri­tan­nien bis hin zu Pro­tes­ten zur Ver­tei­di­gung von Frau­en­rech­ten in Polen – die Ursache dieser Erschei­nun­gen ist die Ver­stär­kung sozia­ler Gefühle während der Pan­de­mie. Angst und Unruhe ver­wan­deln sich leicht in Zorn und Wut, wie wir gut an diesen Pro­test­be­we­gun­gen erken­nen können.

Man könnte sich fragen, was daran so seltsam ist. Seit Jahr­hun­der­ten ist den Men­schen bewusst, dass Politik die Gefühle anspricht. Führer großer und klei­ne­rer Staaten haben ihre Fähig­keit, Gefühle in den von ihnen Regier­ten her­vor­zu­ru­fen, seit den Tagen Machia­vel­lis per­fek­tio­niert. Dieser hatte in seinem berühm­ten Werk „Der Fürst“ der For­de­rung Aus­druck ver­lie­hen, dass ein Herr­scher in der Lage sein sollte, sowohl Angst als auch Liebe hervorzurufen.

Heute, in der Ära der sozia­len Medien, sind Gefühle nicht mehr nur Beiwerk poli­ti­scher Stra­te­gien. Sie bilden ihren Kern und die­je­ni­gen, die sie am besten nutzen können, sind auch in Wahlen erfolg­reich. Dies ist eine beson­ders große Her­aus­for­de­rung für die Poli­ti­ker, die die libe­rale Politik ver­tei­di­gen wollen, denn in den letzten Jahren waren es deren Feinde, die aus ver­schie­de­nen Gründen die Kunst, die Gefühle der Massen anzu­spre­chen zur Per­fek­tion gebracht haben. Der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Pierre Hassner schrieb vor einigen Jahren über das, was er als Rache der Lei­den­schaf­ten bezeich­nete. Wir leben wahr­haf­tig in einer Zeit der Rache der Gefühle. Dies erfor­dert Ver­ste­hen und ange­mes­sene Reaktionen.

Ist die Politik die Domäne der Ver­nunft oder der Leidenschaft?

Bis vor Kurzem schien die Politik die Domäne der Ver­nunft zu sein. Seit die libe­ra­len Demo­kra­tien 1945 den Faschis­mus besieg­ten, herrschte der Glaube, dass Gefühle in der Politik zu blu­ti­gen Auf­stän­den und eth­ni­schen Säu­be­run­gen führen. Dass man ihnen gegen­über Vor­sicht walten lassen sollte. Und dass gute poli­ti­sche Systeme vor allem Bildung, Recht, Kon­sti­tu­tio­na­lis­mus und unab­hän­gige Insti­tu­tio­nen fördern sollten. Darüber hinaus sollte der Lebens­stan­dard all­mäh­lich ver­bes­sert werden, so dass die Men­schen nie wieder die große Wut und Frus­tra­tion fühlen würden, die einst dazu führte, dass poli­ti­sche Extreme und Grau­sam­keit Europa in nie zuvor gekann­tem Ausmaß beherrsch­ten. Damit sollte gewähr­leis­tet werden, dass Ordnung und Sta­bi­li­tät bestän­di­ger wären als je zuvor.

Vor einigen Jahren began­nen sich die Dinge jedoch zu ändern. Plötz­lich began­nen die Bürger vieler Lände Unruhe, Frus­tra­tion, Angst und Wut zu zeigen. Diese Gefühle waren gegen die sie regie­ren­den libe­ra­len Eliten gerich­tet. Dann waren da auch die Poli­ti­ker, die diese Stim­mung der Öffent­lich­keit auf­grif­fen: die Illi­be­ra­len. Im Gegen­satz zu ihren libe­ra­len Oppo­nen­ten zeigten sie Ver­ständ­nis für diese Gefühle. Sie boten ihnen eine Bühne und rich­te­ten sie gegen die alten Eliten in Staat und Recht, gegen aus­län­di­sche Migran­ten und gegen Men­schen, die anders lebten als die Mehr­heit. Als Ausweg ver­spra­chen die Illi­be­ra­len eine neue Welle der Demo­kra­ti­sie­rung, mit der angeb­lich die öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen in die Hände der Bürger gegeben werden sollten.

Ein Bei­spiel für genau dieses Phä­no­men ist der Sieg und die fort­be­stehende Popu­la­ri­tät der Partei Recht und Gerech­tig­keit (PiS) in Polen mit ihrer anti-eli­tis­ti­schen und anti-libe­ra­len Rhe­to­rik. Aber die PiS steht kei­nes­wegs allein. Es gibt welt­weit eine ganze Reihe von Grup­pie­run­gen, die ein ähn­li­ches Muster auf­wei­sen, und ent­we­der gewin­nen sie Wahlen oder erlan­gen wach­sende Unter­stüt­zung. Die Liste umfasst Donald Trump in den USA, die Alter­na­tive für Deutsch­land in Deutsch­land, Thierry Baudets Forum für Demo­kra­tie in den Nie­der­lan­den, die Brexit-Befür­wor­ter in Groß­bri­tan­nien, die Fidesz in Ungarn und so weiter.

Wahl­siege dieser Poli­ti­ker führen bald ent­we­der zur Auf­lö­sung des Rechts­staa­tes und unab­hän­gi­ger Insti­tu­tio­nen (wie es in Polen geschieht) oder zumin­dest üben sie erheb­li­chen Druck darauf aus (wie in den USA). Gleich­zei­tig erhal­ten sie gesell­schaft­li­che Unter­stüt­zung. In Polen ist die PiS zum zweiten Mal Regie­rungs­par­tei und auch ihr Prä­si­dent wurde wie­der­ge­wählt. In Ungarn gewinnt Victor Orbán eine Wahl nach der anderen. Wenn man die Ereig­nisse beob­ach­tet stellt man fest, dass Libe­rale die Men­schen oft tadeln und behaup­ten, sie hätten sich von Illi­be­ra­len kaufen lassen und, dass ihre Ver­är­ge­rung und Zynis­mus diese Ver­än­de­run­gen zuge­las­sen hätten.

Karo­lina Wigura is assi­stant pro­fes­sor in socio­logy at uni­ver­sity of Warsaw and Editor of Kultura Libe­ralna, a liberal media orga­ni­sa­tion and journal. 

Demo­kra­tie und Verlustgefühle

All dies kann man auch anders beschrei­ben. Die Ursa­chen für die gegen­wär­tige poli­ti­sche Lage und auch der Schlüs­sel für ihre Über­win­dung liegen in den großen gesell­schaft­li­chen und kul­tu­rel­len Ver­än­de­run­gen der Gefühle der Massen, denen wir alle unterliegen.

„Schritt für Schritt, Jahr für Jahr, ver­bes­sert sich die Welt. Nicht bei jeder ein­zel­nen Maß­nahme in jedem ein­zel­nen Jahr, aber in der Regel. Obwohl die Welt vor großen Her­aus­for­de­run­gen steht, haben wir enorme Fort­schritte gemacht. Dies ist die auf Fakten basie­rende Welt­an­schau­ung.“ Auf diese Weise beschreibt der schwe­di­sche Arzt und For­scher auf dem Gebiet des Gesund­heits­we­sens die Wirkung des welt­wei­ten Fort­schritts in der jüngs­ten Geschichte.

Diese Ver­än­de­run­gen wurden in den letzten 200 Jahren erreicht, aber die größte Beschleu­ni­gung erfuh­ren sie im letzten halben Jahr­hun­dert. Dazu gehören ins­be­son­dere die Ver­rin­ge­rung der Kin­der­sterb­lich­keit, eine höhere Lebens­er­war­tung, Zugang zu flie­ßen­dem Wasser in den Haus­hal­ten, bessere Bildung für Jungen und Mädchen, bessere Ernäh­rung, Zugang zu tech­ni­schen Errun­gen­schaf­ten wie Autos, Com­pu­ter und Mobil­te­le­fone und vor allem ein grö­ße­rer Wohl­stand in ganzen Gesell­schaf­ten, wodurch sie von der unters­ten auf min­des­tens eine mitt­lere Stufe des Wohl­stands gelangten.

Man sollte anneh­men, dass diese großen wis­sen­schaft­li­chen und tech­ni­schen Ver­än­de­run­gen und die Ver­än­de­run­gen der Lebens­wei­sen zu grö­ße­rem Opti­mis­mus hin­sicht­lich der Zukunft und zu der Auf­fas­sung führen würden, dass wir und unsere Kinder damit rechnen können, in einer bes­se­ren Welt zu leben. Das Para­doxe ist, dass wir uns durch das Errei­chen dieses kol­lek­ti­ven Erfol­ges zutiefst frus­triert fühlen. Warum ist das so?

Wie jede Ver­än­de­rung ist auch diese Ent­wick­lung mit Kosten ver­bun­den. Das rührt daher, dass Ver­än­de­rung Verlust bedeu­tet. Alt­her­ge­brachte Bin­dun­gen, gefes­tigt durch Tra­di­tion und soziale Ordnung, lösen sich auf. Ver­hal­tens­stra­te­gien, die bislang perfekt funk­tio­nier­ten, werden unwirk­sam. Es kommt zu einem Verlust bewähr­ter Gewohn­hei­ten. Ent­wick­lung ist also aus emo­tio­na­len Gründen schwie­rig, nicht obwohl sie Erfolge mit sich bringt, sondern weil sie es tut. Dies führt zum Ent­ste­hen eines starken Gefühls, nämlich zu dem des Ver­lus­tes. Von dort ist es nur ein kleiner Schritt hin zu Angst, Frus­tra­tion und Unruhe.

Die­je­ni­gen Poli­ti­ker, die diesen Mecha­nis­mus zuerst ver­stan­den hatten, waren in der Lage, in der jüngs­ten Ver­gan­gen­heit große Erfolge zu erzie­len. Der per­fekte Beleg für dieses Phä­no­men ist der Erfolg der poli­ti­schen Grup­pie­rung von Jaros­ław Kac­zyń­ski in Polen. Er hat es geschafft, das ziem­lich ambi­va­lente und unklare Gefühl des Ver­lus­tes in sehr kon­krete Gefühle – Angst vor Migran­ten und Min­der­hei­ten (wie die LGBT-Gemein­schaft) und Ärger über die libe­ra­len Eliten und die Grün­de­rIn­nen der dritten pol­ni­schen Repu­blik umzuwandeln.

Eine ähn­li­che Erklä­rung könnten wir für den Erfolg finden, dessen sich die Alter­na­tive für Deutsch­land erfreut. Auch diese Situa­tion kann leicht miss­ver­stan­den werden. Viele Men­schen in meinem Land glauben wie die Men­schen anderer post­kom­mu­nis­ti­scher Länder, dass Ost­deutsch­land auf­grund der seit 1989 vor sich gegan­ge­nen Ver­än­de­run­gen vor Begeis­te­rung über­schäu­men sollte. Als die Mauer fiel und inter­na­tio­nale Mächte die Wie­der­ver­ei­ni­gung Deutsch­lands zulie­ßen, war die DDR der einzige post­kom­mu­nis­ti­sche Staat, der sich keine Sorgen zu machen brauchte, woher die Gelder für seine Moder­ni­sie­rung kommen sollten. West­deutsch­land pumpte exor­bi­tante Geld­men­gen in die Infra­struk­tur der öst­li­chen Länder. Bahn­höfe und Straßen wurden ent­we­der saniert oder neu gebaut und his­to­ri­sche Innen­städte wurden wie­der­auf­ge­baut. Man ging davon aus, dass die Umge­stal­tung schnell vor sich gehen würde – fast wie ein bei einem zweiten Marshall-Plan.

Es stellte sich jedoch schnell heraus, dass es ent­ge­gen den anfäng­li­chen Erwar­tun­gen in der frü­he­ren DDR nicht zu einer Wie­der­ho­lung des Wirt­schafts­wun­ders wie in West­deutsch­land unter Kanzler Erhard kam. Ent­schei­dende makro­öko­no­mi­sche Werte (ein gerin­ge­res Wirt­schafts­wachs­tum, ein Auf­wärts­schnel­len der Arbeits­lo­sen­zah­len usw.) waren völlig anders als in den 1950er Jahren in West­deutsch­land. Es ist also kein Wunder, dass obwohl Deutsch­land den 30. Jah­res­tag seiner Ver­ei­ni­gung feierte, die deut­schen Medien voll sind von Skep­ti­zis­mus und Zweifel hin­sicht­lich der tat­säch­li­chen Folgen des Wie­der­ver­ei­ni­gungs­pro­zes­ses. In Dis­kus­sio­nen werden Fehler, ver­ge­bene Chancen für ganze Gruppen der Bevöl­ke­rung, unglei­che Bezah­lung ange­führt. Ein wei­te­res Argu­ment, dass in den Dis­kus­sio­nen zum 30. Jah­res­tag der Ver­ei­ni­gung Deutsch­lands vor­ge­bracht wurde, ist die feh­lende Aner­ken­nung der ost­deut­schen Errun­gen­schaf­ten nach 1989. Es gibt auch fast keine aus Ost­deutsch­land stam­men­den Eliten. Poli­ti­sche Nutz­nie­ßer all der Vor­be­halte in den öst­li­chen Ländern ist niemand anderes als die Alter­na­tive für Deutschland.

Empa­thie, Zuge­hö­rig­keit und Pluralismus

Was können die Ver­tei­di­ger der libe­ra­len Demo­kra­tie also in der gegen­wär­ti­gen Situa­tion tun? Für viele besteht die erste intui­tive Reak­tion auf eine durch auf­ge­heizte Emo­tio­nen gekenn­zeich­nete Politik in der For­de­rung nach Ver­nunft. Dafür gibt es gute Gründe. Die Geschichte der euro­päi­schen Politik zumin­dest des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts hat uns gelehrt, Vor­sicht walten zu lassen, wenn es um diesen Bereich der indi­vi­du­el­len und gesell­schaft­li­chen Psyche geht. Gefühle zu mani­pu­lie­ren ist einfach. Jüngs­tes Bei­spiel hierfür sind die vom Natio­nal­so­zia­lis­mus in Deutsch­land und von unter­schied­lichs­ten anderen Arten von Natio­na­lis­ten began­ge­nen Grau­sam­kei­ten, deren Handeln zum Bei­spiel zu dem Krieg im frü­he­ren Jugo­sla­wien geführt hat.

Die intel­lek­tu­el­len Gründer der moder­nen libe­ra­len Demo­kra­tie wie der bekannte deut­sche Phi­lo­soph Jürgen Haber­mas oder die ame­ri­ka­ni­sche Den­ke­rin Martha Nuss­baum halten uns deshalb dazu an, Gefühle mit Vor­sicht zu behan­deln und sie in Gedan­ken oder zumin­dest in sorg­fäl­tige libe­rale Bildung zu ver­wan­deln. Haber­mas for­derte die Erfin­dung eines neu­ar­ti­gen Patrio­tis­mus: statt natio­na­ler Gefühle, die manch­mal zum Aus­schluss ganzer Bevöl­ke­rungs­grup­pen und Feind­schaft ihnen gegen­über führen können. schlägt der Phi­lo­soph das Konzept des kon­sti­tu­tio­nel­len Patrio­tis­mus vor, der auf der Ver­fas­sung Deutsch­lands und dem EU-Vertrag von Lis­sa­bon beruht.

Nuss­baum hat sich ihrer­seits inten­siv mit Liebe, Angst und anderen Gefüh­len befasst, die in unserem kol­lek­ti­ven Leben eine wesent­li­che Rolle spielen. Was den Umgang mit Gefüh­len in der Politik betrifft ist das, was sie vor­schlägt, aller­dings ein recht uto­pi­sches Projekt einer „sokra­ti­schen Päd­ago­gik“, die zuerst zu kri­ti­schem Ver­ste­hen und im Wei­te­ren zu Mit­ge­fühl und Sym­pa­thie führen soll. Dieser Ansatz beruht auf der Tat­sa­che, dass viele Men­schen, die die Kosten von Ver­än­de­rung und das Gefühl des Ver­lus­tes ver­ste­hen, mit grö­ße­rer Wahr­schein­lich­keit sagen würden, dass es viel besser ist, sich auf Rechts­staat­lich­keit und Insti­tu­tio­nen zu kon­zen­trie­ren als auf die unvor­her­seh­ba­ren Reak­tio­nen des Herzens.

Aber man kann auch auf andere Art mit Gefüh­len in der Politik umgehen. Statt sie zu eli­mi­nie­ren sollten wir ver­su­chen, so mit ihnen zu arbei­ten und sie so zu beschrei­ben, dass sie einer bes­se­ren, nicht einer schlech­te­ren poli­ti­schen Gemein­schaft dienen.  Gleich­zei­tig müsste dies an den Wahl­ur­nen wirksam werden können. Es wäre dem­zu­folge ein neuer Ansatz in der libe­ra­len Politik, sich wieder dem Gefühl des Ver­lus­tes zuzu­wen­den und zu ver­su­chen, mit dieser Emp­fin­dung zu kom­mu­ni­zie­ren, mit Empa­thie auf sie zu reagie­ren und eine Alter­na­tive zu illi­be­ra­len Pro­jek­ten zu schaf­fen – in Form eines von Frem­den­feind­lich­keit freien Gefühls der Zuge­hö­rig­keit zur eigenen poli­ti­schen Gemeinschaft.

Das von mir beschrie­bene kol­lek­tive Gefühl des Ver­lus­tes kann mit der Trauer nach dem Verlust eines gelieb­ten Men­schen ver­gli­chen werden. Beim Trauern ist unsere erste Reak­tion zurück­zu­schauen und uns ständig mit dem Verlust zu befas­sen. Den Inhalt des reak­tio­nä­ren Illi­be­ra­lis­mus kann man mit genau dieser Phase der Trauer ver­glei­chen. Aus unserer Erfah­rung als Men­schen wissen wir jedoch, dass die Trauer auch andere Phasen umfasst. Eine davon ist die, in der wir uns bemühen, uns selbst wie­der­zu­be­le­ben und Quellen der Hoff­nung in die Zukunft zu finden. Dies ist die Phase, in der man Mut, Hoff­nung und Mit­ge­fühl braucht, ins­be­son­dere für die­je­ni­gen unter uns, die nicht so sind wie wir.

Dies könnte der Weg in die Zukunft des Libe­ra­lis­mus werden. Dieses poli­ti­sche Vor­ha­ben hat schon begon­nen, sich inter­na­tio­nal zu ent­wi­ckeln. Der erd­rut­sch­ähn­li­che Sieg von Zuzana Čapu­tová bei den Prä­si­dent­schafts­wah­len 2019 in der Slo­wa­kei könnte darauf zurück­zu­füh­ren sein, dass sie in ihrem Wahl­kampf vor allem auf Empa­thie gesetzt hat. 2019 gewann die vorher kaum bekannte Akti­vis­tin die Prä­si­dent­schafts­wah­len in der lange von der popu­lis­ti­schen Partei Smer-SD (Rich­tung – Sozi­al­de­mo­kra­tie) beherrsch­ten Slo­wa­kei mit beein­dru­cken­den 58 % der Stimmen. In meinem Hei­mat­land Polen schlug der für den Bür­ger­meis­ter­pos­ten kan­di­die­rende Rafał Trz­as­kow­ski einen der PiS ange­hö­ren­den Rivalen in der ersten Runde der War­schauer Kommunalwahlen.

Auch als Trz­as­kow­ski die Prä­si­dent­schafts­wah­len 2020 verlor, zeigte das Maß der Unter­stüt­zung für ihn, dass die Ent­schei­dung, Empa­thie zu einem wich­ti­gen oder sogar wesent­li­chen Element der poli­ti­schen Sprache zu machen, der Schlüs­sel zum Erfolg bei Wahlen ist.

Gefühle und die Covid-19-Pandemie

Zum Schluss sollten wir uns der Covid-19-Pan­de­mie zuwen­den und zu der Frage, wie sie sich auf die kol­lek­ti­ven Emo­tio­nen aus­wirkt und wie Poli­ti­ker darauf reagie­ren können.

Als die Pan­de­mie aus­brach, konnte man die his­to­ri­schen Erfah­run­gen aus frü­he­ren Pan­de­mien in der Geschichte unseres Kon­ti­nen­tes (und auch unseres gesam­ten Pla­ne­ten) nutzen, um Schluss­fol­ge­run­gen zu ziehen, welche Gefühle sie wecken würde und welche Rolle diese wie­derum spielen könnten.

Die erste und wich­tigste Emotion im Zusam­men­hang mit einer Pan­de­mie ist natür­lich Angst. Diese Angst hat viele mög­li­che Facet­ten, aber unsere Reak­tio­nen darauf sind seit Jahr­hun­der­ten unver­än­dert geblie­ben. Heute – so wie zu Boc­cac­cios Zeiten – hören wir von der Angst der Men­schen vor gefähr­li­chen Krank­hei­ten, die von Men­schen um uns herum, von unseren eigenen Nach­barn, ver­brei­tet werden.

Das zweite Gefühl, über das seit dem Aus­bruch der großen Epi­de­mien im alten Europa stets gespro­chen wird, ist Ver­däch­ti­gung. In seiner „Geschichte des pelo­pon­ne­si­schen Krieges“ berich­tet Thu­ky­d­i­des von dem Ver­dacht, dass die Krank­heit von den Pelo­pon­ne­si­ern her­vor­ge­ru­fen wurde – angeb­lich indem sie Brun­nen­was­ser ver­gif­te­ten. In Doku­men­ten aus dem 14. Jahr­hun­dert wird berich­tet, wie Pogrome gegen Juden durch den Ver­dacht, die Juden würden den Schwar­zen Tod beher­ber­gen, her­vor­ge­ru­fen wurden. Inwie­fern unter­schei­det sich dies von den heute umge­hen­den Gerüch­ten, das Coro­na­vi­rus sei ein Produkt einer chi­ne­si­schen oder sogar chi­ne­sisch-jüdi­schen Verschwörung?

Die dritte grund­le­gende mit der Pan­de­mie zusam­men­hän­gende Emotion ist Unsi­cher­heit. Diese Emotion wird auch in his­to­ri­schen Berich­ten von Epi­de­mien viel dis­ku­tiert. Unsi­cher­heit hing vor allem damit zusam­men, dass während der Seuchen die Rechts­staat­lich­keit verfiel – es war nicht mehr klar, welche all­ge­mei­nen Regeln noch galten.

Die gegen­wär­tige Pan­de­mie und die sie beglei­ten­den Emo­tio­nen legen einen wei­te­ren Schleier über alles, was zuvor in der Welt­po­li­tik funk­tio­niert hatte. Falls die Gegner der Popu­lis­ten wirk­lich davon träumen, diesen die Macht zu ent­rei­ßen, oder zumin­dest ihre Popu­la­ri­tät zu ver­rin­gern, werden sie alles berück­sich­ti­gen müssen, was gegen­wär­tig eine Rolle spielt. Nach ihrem Sieg in den US-Prä­si­dent­schafts­wah­len zöger­ten Joe Biden und Kamala Harris nicht, zu Mut und Hoff­nung in die Zukunft auf­zu­ru­fen. Dies könnte das erste Zeichen dafür sein, dass die Libe­ra­len dafür bereit sind, die Politik für das 21. Jahr­hun­dert neu zu erfin­den, Angst in Mut zu ver­wan­deln, Ver­däch­ti­gun­gen in Vor­sicht und Unsi­cher­heit in Kreativität.

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