Zwi­schen Pride Parade und „Kon­ver­si­ons­the­ra­pie“

U.S. Embassy Tel Aviv [CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)]

Das Leben der LGBTQ-Com­mu­nity bewegt sich in Israel zwi­schen Extre­men. Begin­nen wir zunächst mit den posi­ti­ven Seiten und die sind, wie so vieles im Land, ver­bun­den mit: Tel Aviv.

Gal Och­ov­ski, ein bekann­ter Dreh­buch­au­tor und beken­nend schwul, bringt es so auf den Punkt: „Tel Aviv – das ist das Para­dies für Homo­se­xu­elle“. Angeb­lich gehört jeder sechste Bewoh­ner in Tel Aviv zur LGBTQ-Com­mu­nity. Längst ist die Mit­tel­meer­me­tro­pole zum Anzie­hungs­punkt der Schwu­len­szene aus der ganzen Welt gewor­den. An der letzten Pride Parade vor wenigen Wochen nahmen mehr als 250.000 Men­schen teil, unter ihnen auch Hete­ro­se­xu­elle, die einfach Spaß am aus­ge­las­se­nen Feiern hatten.

Portrait von Richard C. Schneider

Richard C. Schnei­der ist Editor-at-Large der ARD, Buch­au­tor und Doku­men­tar­fil­mer. Er war Leiter der ARD-Studios in Rom und in Tel Aviv.

Es gibt keine Berüh­rungs­ängste zwi­schen Schwu­len und Heteros in Tel Aviv. Selbst in Berlin ist es in manchen Stadt­tei­len immer noch so eine Sache, wenn sich homo­se­xu­elle Paare auf offener Straße umarmen oder küssen. In Tel Aviv inter­es­siert das nie­man­den. Es geschieht und die Men­schen gucken nicht hin, ganz einfach, weil es für sie nichts beson­de­res ist. Diese Selbst­ver­ständ­lich­keit ist es, die vor allem auch viele Schwule aus Berlin nach Tel Aviv lockt. Bernd, 32 Jahre alt und das erste Mal in Tel Aviv, konnte es kaum fassen, was ihm an einem Abend unter Hete­ro­se­xu­el­len pas­sierte. Er kannte sich in der Stadt nicht aus, war auf der Suche nach Gay-Clubs und mehrere nicht-schwule Israe­lis erklär­ten ihm, wo er sie finden könne. „Kannst du dir sowas in Deutsch­land vor­stel­len? Da hat doch niemand eine Ahnung, wo die Szene-Kneipen sind, geschweige denn, dass jemand dann noch so locker darüber redet und mir Tipps gibt!“

Die Nor­ma­li­tät in Israel geht sogar noch einen Schritt weiter. Hier dürfen selbst schwule Paare Kinder adop­tie­ren, nur bei der Leih­mut­ter­schaft sind homo­se­xu­elle Männer benach­tei­ligt. Und es gibt seit Jahren die gere­gelte Eltern­schaft für Men­schen, die einfach Kinder wollen, aber keinen Partner. Man fragt jeman­den, ob man gemein­sam ein Kind haben will. Wenn ja, geht man zum Anwalt, legt alles fest, dann erfolgt die Befruch­tung (ohne Sex) und das war’s. Gilt für Hete­ro­se­xu­elle wie für Schwule. Allein die Tat­sa­che, daß ich hier in diese beiden Gruppen unter­teile, ist in Tel Aviv unge­wöhn­lich, in diesen Kate­go­rien wird nicht gedacht. Und es geht sogar noch ein Stück­chen libe­ra­ler: Die Stadt Tel Aviv kümmert sich um Trans­se­xu­elle, die auf­grund ihrer Iden­ti­tät keine Wohnung bekom­men und bietet ihnen güns­ti­gen Miet­raum an.

Amir Ohana ist der erste schwule Minis­ter Israels – bis Sep­tem­ber

Womit wir bei den Pro­ble­men und der nega­ti­ven Seite wären. Denn so wie Berlin nicht Deutsch­land ist, so ist auch Tel Aviv nicht Israel. Das Land macht nicht nur seit vielen Jahren einen Rechts­ruck durch, sondern es wird auch zuneh­mend reli­giö­ser und fun­da­men­ta­lis­ti­scher. Und das heißt natür­lich: Schwule haben in vielen Teilen des Landes nichts zu lachen. Als Premier Ben­ja­min Net­an­yahu im Juni Amir Ohana für die Zeit bis zu den nächs­ten Wahlen im Sep­tem­ber zum Jus­tiz­mi­nis­ter machte, schien das nur im ersten Moment ein Akt der Eman­zi­pa­tion. Immer­hin ist Ohana der erste beken­nende schwule Minis­ter Israels. Doch Ohana hat in der Ver­gan­gen­heit nicht nur wenig für die LGBTQ-Com­mu­nity getan, er gilt oben­drein als „Bibis“ treuer Vasall, der auch sofort in seinem neuem Amt schwa­dro­nierte, man müsse das Oberste Gericht in seiner Unab­hän­gig­keit ein­schrän­ken – der Traum der extre­men Rechten und vor allem Net­an­ya­hus, dem in drei Fällen Ankla­gen wegen Kor­rup­tion drohen. Doch es kam noch schlim­mer. Dem Protest der reli­giö­sen Par­teien darüber, dass „Bibi“ nun einen Schwu­len in ein Minis­ter­amt berufen hatte, begeg­nete Net­an­yahu mit der Erklä­rung, Ohana sei ja nur bis Sep­tem­ber im Amt, die Frommen bräuch­ten sich nicht auf­re­gen. Net­an­yahu, der per­sön­lich mit Homo­se­xua­li­tät kein Problem hat, war sofort bereit, den schwu­len Ohana zu opfern, um nur ja seine fun­da­men­ta­lis­ti­schen Koali­ti­ons­part­ner bei Laune zu halten.

Den Vogel schoss aber der rechts­ex­treme Rafi Peretz ab. Der ortho­doxe Rab­bi­ner und bis vor kurzem auch Führer der radi­ka­len Sied­ler­par­tei, wurde im Juni Bil­dungs­mi­nis­ter im Kabi­nett Net­an­yahu. Als solcher erklärte er in einem Inter­view, dass er Homo­se­xua­li­tät für the­ra­pier­bar halte und dass er des­we­gen soge­nannte Kon­ver­si­ons­the­ra­pien befür­worte. Der Auf­schrei in Israel war gewal­tig, nicht nur von der LGBTQ-Com­mu­nity. Peretz hatte ein­deu­tig eine Linie über­schrit­ten und „Bibi“ war klar, dass viele Eltern homo­se­xu­el­ler Kinder Sorge hatten, in den Schulen Israels könne unter diesem Bil­dungs­mi­nis­ter mög­li­cher­weise ein ganz neuer Ton gegen­über ihren Söhnen und Töch­tern ange­schla­gen werden. Der Extre­mist Peretz mußte schließ­lich peu à peu von seiner Posi­tion abrü­cken und alles wider­ru­fen, was er zuvor gesagt hatte. Glaub­wür­dig ist das nicht, aber immer­hin war die Empö­rung der Zivil­be­völ­ke­rung groß genug, um Peretz‘ „Kon­ver­sion“ zu erzwin­gen.

Das war ein Hinweis darauf, was man für die Zukunft der LGBTQ-Com­mu­nity in Israel zu erwar­ten hat. Natür­lich wird es Bemü­hun­gen von Reli­giö­sen und Rechts­ex­tre­mis­ten geben, das Schwul­sein zu brand­mar­ken, zu ver­fol­gen und zu unter­drü­cken. Es wird, wie schon in der Ver­gan­gen­heit, Angriffe und sogar Morde geben. Doch die „nor­ma­tive Kraft des Fak­ti­schen“, wie Georg Jel­li­nek es nannte, wird dies letzt­end­lich nicht auf­hal­ten, das Rad der Zeit läßt sich nicht mehr zurück­dre­hen. „Das sollen die Frommen doch mal ver­su­chen“, lacht Tomer, ein junger Israeli aus der High-Tech-Branche, „die haben keine Ahnung, was wir LGBTQ-Men­schen aus­rich­ten können, wenn man uns unter­drü­cken will. We’re out of the closet. Wir gehen nicht mehr dahin zurück. Nie mehr!“

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