Notizen zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt

Das Wahldesaster in Sachsen-Anhalt war vorhersehbar und doch ist niemand vorbereitet. Welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen und vor allem: Was nun? Ralf Fücks nennt in seinen vorläufigen Notizen acht zentrale Punkte.
1) Die Situation ist eingetreten, die absehbar war und auf die niemand vorbereitet ist: Die demokratischen Parteien können nicht mit der AfD regieren (wegen ihres Programms und Personals) und nicht gegen sie: Die CDU wurde krachend abgewählt, es gibt keine politisch handlungsfähige Mehrheit jenseits der AfD. Dass ausgerechnet die Querfront-Partei BSW das Zünglein an der Waage ist, macht die Lage nicht besser.
2) Wahlentscheidende Themen waren neben dem überkochenden Frust über die Bundespolitik: Wirtschaft, Bildung, Migration innere Sicherheit und Sozialpolitik. Das einigende Band für AfD-Wähler ist die Aversion gegen Masseneinwanderung („Überfremdung“), gefolgt von der Sorge vor wirtschaftlichem Abstieg. Wenn die SPD jetzt die Sozialreformen infrage stellt, die wieder Spielraum für Investitionen und wirtschaftliches Wachstum schaffen und damit die Finanzierbarkeit des Sozialstaats sichern sollen, spielt sie mit dem Feuer. Aus Angst vor der AfD und den anderen Sozial-Populisten bitter notwendige Strukturreformen auf die lange Bank zu schieben, wird die Extreme noch weiter stärken.
3) Sachsen-Anhalt ist ein Land mit massiven demographischen und sozio-ökonomischen Problemen. Der AfD ist es gelungen, Hoffnungen auf Veränderungen zum Besseren auf sich zu ziehen: „Alles ist möglich“ als zentraler Slogan. Mit einem bloßen Anti-AfD-Wahlkampf und der Verteidigung des Status quo ist dagegen kein Kraut gewachsen. Wer besetzt die Zukunft, wer stiftet wieder Zuversicht? Das ist die Gretchenfrage.
4) Nein, die AfD ist kein „Ostproblem“. Aber es gibt spezifische Faktoren, die sie in Ostdeutschland besonders stark machen. Dazu gehört das Spiel mit der „ostdeutschen Identität“, gegen die vermeintliche Degradierung zu „Bürgern zweiter Klasse“ (ein Spiel, das jahrzehntelang von der Linken betrieben wurde). Ein beträchtlicher Teil der Ostdeutschen fremdelt mit den „postmateriellen“ Veränderungen von Politik und Gesellschaft – Einwanderung, Gender, Klimaschutz, Primat von Minderheitsthemen. Das ist nicht das Deutschland, das sie wollten. Diesen Wertekonflikt gibt es auch im Westen, er ist aber im Osten stärker ausgeprägt.
5) Weder muss man die Wähler der AfD allesamt als Demokraten adeln, noch sollte man sie pauschal als Antidemokraten und Faschisten verdammen. Wir müssen damit umgehen, dass es unterschiedliche und streckenweise gegensätzliche Demokratie- und Gesellschaftsvorstellungen gibt. Die Grenzen der Toleranz müssen da gezogen werden, wo die Grundpfeiler der Demokratie angegriffen werden – etwa die Unabhängigkeit der Justiz und die Meinungsfreiheit – und Gewalt legitimiert wird.
6) Der heimliche Gewinner dieser Wahl war Putin. Eine Mehrheit stimmte für Parteien, die die Unterstützung der Ukraine beenden wollen und Russland als wirtschaftlichen und politischen Partner preisen. Dabei mischt sich Furcht vor einem erneuten Krieg mit einem gewaltbereiten Russland mit Sympathien für ein autoritäres Herrschaftsmodell und antiwestlichen Ressentiments. Aber auch hier gilt: Opportunistische Anpassung ist genau die falsche Reaktion. Union, SPD und Grüne müssen offensiv für ihre Europa- und Sicherheitspolitik eintreten, insbesondere für die Unterstützung der Ukraine. Ihr beizustehen ist eine Frage unserer nationalen Interessen und eine Investition in unsere Sicherheit.
7) Oh je, FDP! Eine starke liberale Kraft fehlt, gerade angesichts der antiliberalen Gespenster von ganz rechts und ganz links. Aber offenbar vermisst kaum jemand die Partei, die sich den Liberalismus auf die Fahnen geschrieben hat. Jedenfalls nicht in ihrer heutigen Verfassung.
8) Und was ist mit der „Brandmauer“? Wer mit wem zusammenarbeiten kann, entscheidet sich an den Essentials, die den demokratischen Grundkonsens der Bundesrepublik bilden: Wie hältst Du es mit dem demokratischen Rechtsstaat und den Menschenrechten, der sozialen Marktwirtschaft, der europäischen Integration, der Westbindung Deutschlands und unserer besonderen Verantwortung gegenüber Israel? Wer zwischen „Passdeutschen“ und „Volksdeutschen“ unterscheiden und Millionen von „kulturfremden“ Menschen abschieben will, wer den Austritt aus EU und Euro proklamiert, Bündnisse mit Putin schließen und ihm die Ukraine in den Rachen werfen will, ist nicht koalitionsfähig. Punkt.
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