Streitgespräch zur Brandmauer-Debatte

„Gegner unserer liberalen Demokratie nicht in repräsentative Funktionen und einflussreiche Positionen zu bringen, halte ich für absolut legitim“, so Ralf Fücks im Streitgespräch der WamS mit Harald Martenstein, Thea Dorn und Ines Geipel.
Ist die „Brandmauer“ das richtige Mittel, um die AfD im Zaum zu halten – oder wird sie gerade durch diese politische Ausgrenzung stärker? Das große Streitgespräch der Welt am Sonntag mit Harald Martenstein, Thea Dorn, Ralf Fücks und Ines Geipel.
WELT AM SONNTAG: Deutschland debattiert seit geraumer Zeit erhitzt über den Sinn und Unsinn der sogenannten Brandmauer zur AfD, die eine Zusammenarbeit mit ihr verhindern soll. Dabei könnten wir nach 80 Jahren stabiler Demokratie doch mehr Selbstvertrauen in unseren Staat haben und gelassener darüber reden. Wie stehen Sie zur Brandmauer?
Thea Dorn: Wenn man sich auf der Welt umsieht, ist der Rechtspopulismus und Rechtsextremismus kein deutsches Spezifikum. Diese politische Couleur ist weltweit auf dem Vormarsch. Insofern herrscht keine „German Panic“, wenn wir darüber sprechen. Ich gehöre zu denen, die diese Kräfte eindämmen wollen, weil ich sie für eine Bedrohung der Demokratie halte. Aber wie gelingt das?
Die Metapher der Brandmauer suggeriert etwas, das sie politisch gar nicht leisten kann. Eine Brandmauer ist in einem Ausnahmefall, dem Brand, dazu da, das Schlimmste zu verhindern. Sie taugt nicht als politische Dauerstrategie. Wir müssen verhindern, dass noch mehr rechtspopulistische und rechtsextreme Regierungen in demokratischen Ländern entstehen – in den USA sehen wir ja, wohin das führen kann. Aber ob der Begriff Brandmauer wirklich hilfreich ist, da bin ich skeptisch.
WELT AM SONNTAG: Was heißt das konkret? Keine Koalition mit der AfD – aber auf kommunaler oder Landesebene können Sie sich eine Kooperation vorstellen?
Dorn: Auf kommunaler Ebene wird sich eine Kooperation irgendwann gar nicht mehr vermeiden lassen, fürchte ich. Eines ist für mich aber ganz klar: keine Kooperation und schon gar keine Koalition.
Ralf Fücks: Die Brandmauer ist ein schillernder Begriff, der unterschiedlich gelesen wird. Für manche bedeutet er ein Berührungsverbot, also keine Gespräche mit der AfD. Das ist durch die parlamentarische Realität längst überholt. In allen möglichen Parlamenten, in immer mehr Gemeinderäten muss man sich mit ihr auseinandersetzen. Die Strategie, sie zu ignorieren, hat nicht funktioniert – sie hat die Partei eher schneller wachsen lassen. Der Knackpunkt ist doch, ob politische Mehrheiten mit Hilfe der AfD zustande kommen sollen. Darüber wird zumindest in Teilen der Union diskutiert. Wir hatten vor der Wahl das Beispiel der Abstimmung im Bundestag über das Migrationsbegrenzungsgesetz. Das war ein Spiel mit dem Feuer. Würden dauerhaft Mehrheiten mit der AfD gebildet, ginge das weit darüber hinaus, diese Partei und ihre Wähler ernst zu nehmen. Das würde die politische Landschaft der Bundesrepublik radikal verändern. Dabei wüsste ich gar nicht, wie man mit der AfD regieren wollte. In allen Fragen, auf die es jetzt ankommt, ist die AfD auf dem Holzweg: Ukraine und Russland, das Verhältnis zur Europäischen Union, ihr völkischer Nationenbegriff, die fundamentale Ablehnung einer Einwanderungsgesellschaft. Mit der AfD ist kein Staat zu machen. Der unmittelbare Effekt einer Öffnung – den konnte man beim Testballon von Bundeskanzler Merz vor der Wahl sehen – wäre außerdem ein Rückfall in eine brachiale Rechts-Links-Polarisierung der Republik. Das ist das Unproduktivste, was man sich wünschen kann.
WELT AM SONNTAG: Herr Martenstein, ist das für Sie auch so eindeutig?
Harald Martenstein: Welche Parteien relevant sind und welche nicht, hat in erster Linie das Wahlvolk zu entscheiden. „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.“ So steht es im Grundgesetz. Natürlich kann keine Partei gezwungen werden, mit irgendeiner anderen Partei zu koalieren. Wenn eine Partei keinen Koalitionspartner findet, hat sie Pech gehabt und muss sich fragen, woran das liegt. Die Brandmauer bedeutet aber mehr als nur den Satz: „Wir wollen mit der AfD nicht koalieren.“ Die Brandmauer heißt, ein großer Teil der Wählerschaft soll de facto von der parlamentarischen Willensbildung ausgeschlossen werden. Es sollen keine Mehrheiten mit Stimmen der AfD zustande kommen. Im Extremfall kann etwas, was man für vernünftig hält, nicht beschlossen werden, weil die Mehrheit nur mit Hilfe der AfD erreichbar wäre. Mehrheiten, die vom Wähler gewünscht sind – das wichtigste Beispiel ist die Migrationspolitik –, kommen dann nicht zustande. Nach meinem Eindruck liegen Union und AfD in dieser Frage weniger weit auseinander als Union und Grüne oder Union und Linke. Dass diese Mehrheiten verhindert werden, weil irgendeine mir unbekannte demokratische Instanz beschlossen hat, dass AfD-Stimmen nicht mitgezählt werden dürfen, widerspricht meinem Demokratieverständnis.
Und es gibt neben der politischen auch eine zwischenmenschliche Brandmauer. AfD-Abgeordnete werden nicht gegrüßt, sie werden von den Gewohnheitsrechten des parlamentarischen Betriebs ausgeschlossen, dürfen beispielsweise keinen Ausschüssen vorsitzen. Ich finde, dass man auch mit Konkurrenten und Mitmenschen fair umgehen sollte. Man unterschätzt dabei eine menschliche Eigenschaft. Es gefällt uns nicht, zuzusehen, wie andere unfair behandelt werden. Der unfair Behandelte wird automatisch sympathischer. Allein durch diesen Eindruck.
Ines Geipel: Ich bin mir nicht sicher, ob wir mit dieser Brandmauer-Debatte nicht ein bisschen aus der Zeit gefallen sind. In bestimmten Regionen des Landes sind wir da längst durch. Es gibt ja noch keine Regierung mit der AfD, aber ich habe in meinen Herbstveranstaltungen in Brandenburg fast nur Leute erlebt, die sagen: „Die Messe ist doch längst gesungen.“
WELT AM SONNTAG: Aber tatsächlich würde die AfD derzeit keinen stellvertretenden Parlamentspräsidenten stellen dürfen.
Fücks: Die Frage ist: Was gibt es zwischen einem Parteienverbot – dem ich sehr kritisch gegenüberstehe – und einer Normalisierung der AfD? Wenn ich Harald Martenstein richtig verstehe, plädiert er für einen normalen Umgang mit einer normalen Partei. Die AfD ist jedoch keine normale Partei, die zum demokratischen Verfassungsbogen gehört. Natürlich ist sie kein homogener Block. Es gibt sicher auch anständige Leute in der AfD. Aber sie hat einen nationalsozialistischen Flügel –so muss man ihn nennen. Der ist nicht nur ein Randphänomen, sondern in einigen Landesverbänden dominant und besitzt eine Sperrminorität in der Partei. Diesen Leuten kann man nicht mit einer Pseudo-Normalität begegnen, im Sinne eines gutbürgerlich-höflichen Umgangs auf Augenhöhe. Das sind Gegner der liberalen Demokratie. Dass man solche Leute nicht in repräsentative Funktionen und politisch einflussreiche Positionen bringt, halte ich für absolut legitim. In diesem Sinne verstehe ich die Brandmauer – auch wenn mir der Begriff nicht gefällt.
Dorn: Der Begriff Brandmauer erzeugt eine enorme Dramatik. Interessanterweise war es ja Hans-Olaf Henkel von der frühen AfD, der ihn in der Eurokrise zum ersten Mal stark gemacht. So diente ihm die Brandmauer als Bild für den Appell, hochverschuldete Staaten nicht länger zu retten. CSU-Chef Markus Söder hat sich später fast selbst zur Brandmauer erklärt. Das ist vielleicht ein deutscher Punkt: Wir haben eine Neigung zu Begriffen, die maximal dramatisch sind, aber politisch nicht weiterhelfen. „Zeitenwende“ ist auch so ein Begriff. Jemand schmeißt ihn ins Wasser, und alle stürzen sich drauf wie auf eine Rettungsboje. Die konkrete Debatte wird dadurch allerdings eher blockiert.
WELT AM SONNTAG: Ist diese Dramatik in Deutschland angesichts unserer Geschichte nicht verständlich, vielleicht sogar angebracht?
Dorn: Die Frage ist, welche historischen Referenzen wir heranziehen. Wenn wir in die zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg schauen, haben all jene recht, die sagen: „Keinen Fußbreit den Autoritären.“ Alle autoritären Regime, die damals die Demokratien zu Fall gebracht haben – Deutschland, Italien, Portugal und andere –, sind nicht mit absoluten Mehrheiten an die Macht gekommen. Sie kamen nach oben, weil etablierte, konservative Kräfte sie für das geringere Übel hielten. Insofern kann man aus dieser Zeit lernen: Solange derlei Kräfte keine absoluten Mehrheiten haben, sollte ihnen niemand die Türen zur Macht öffnen.
Allerdings handeln wir uns damit ein massives anderes Problem ein: Wir großkoalieren uns zu Tode. Seit 2005, der ersten Merkel-Regierung, hatten wir über weite Strecken Bündnisse, die entweder Verlegenheits- oder später Abwehrbündnisse gewesen sind. Rechnet man die Ampel als eine Art erweiterte große Koalition über klassische Lager hinweg, kommen wir auf fast 20 Jahre solcher Bündnisse. Der Autoritarismus ist eine Bedrohung für die Demokratie. Eine Politik, die keine gemäßigten und dennoch markanten Parteien mehr kennt, sondern in erster Linie mit einem „Wir alle gegen die“ beschäftigt ist, stürzt die Demokratie aber ebenfalls in die Krise – wovon wiederum die Autoritären profitieren. Es ist ein Teufelskreis.
Martenstein: Für mich stellen sich zwei entscheidende Fragen. Die erste lautet: Ist die AfD eine neue NSDAP – ja oder nein? Wenn sie eine neue NSDAP wäre, gäbe es nur eine Antwort: Verbot. Wenn nicht, wird es komplizierter. Es gibt in der AfD naziaffine Personen, keine Frage. Aber daneben gibt es einen großen Teil von AfD-Wählern, die so reden, wie in meiner Jugend CDU-Wähler geredet haben. Ich kenne einige von ihnen. Das sind Leute, die vermutlich Franz Josef Strauß gut gefunden hätten, wenn sie sie noch erlebt hätten. Der frühere rechte Teil der Union findet sich dort wieder. Dazu kommen Leute, die nicht mal besonders rechts sind, sondern nur sehr unzufrieden mit dem Deutschland von heute.
Die zweite Frage lautet: Sind die Ziele dieser Partei zum Teil legitim – oder außerhalb dessen, was in einer Demokratie vertreten werden darf? Eine sehr restriktive Migrationspolitik nach dänischem Vorbild – man muss das nicht teilen. Aber ist das ein legitimes politisches Ziel, finde ich. Dänemark ist ja kein Fascho-Staat. Ähnlich bei Europa: Soll sich die EU Schritt für Schritt in einen Bundesstaat verwandeln, oder sollen die Nationalstaaten vielleicht sogar wieder stärker werden? Auch das kann man ablehnen. Aber ist es illegitim, diese Position zu vertreten? Falls ja wüsste ich gern, wieso.
Geipel: Wir schauen unentwegt auf das deutsche Prinzip. Aber die AfD ist kein deutsches Phänomen. Die Parteispitze der AfD sitzt gerade in Amerika und lässt sich dort feiern. Es vollzieht sich gerade eine globale, sehr strategische Radikalisierung und die dürfte hart nach Deutschland rückstrahlen.
Martenstein: Warum ist die AfD so stark geworden? Weil es ihr gelungen ist, einen großen Teil der Bevölkerung für sich zu gewinnen. Wenn man diese Partei kleinhalten will, muss man zuerst fragen, warum ihr das gelungen ist. Sind da draußen alle zu Nazis geworden? Ich erzähle eine Geschichte aus Prenzlau. Prenzlau ist eine AfD-Hochburg. Dort sollte in Innenstadtnähe ein neues Flüchtlingsheim für etwa 1500 Menschen entstehen. Die Stadt hat 19.000 Einwohner, es leben bereits einige Hundert Flüchtlinge dort. Die AfD sammelte Unterschriften für einen Bürgerentscheid gegen dieses Heim – 16.000 haben unterschrieben, 13.000 Stimmen waren gültig.
In der Kreistagssitzung sagte die parteilose Landrätin sinngemäß: Es handele sich hier um eine Pflichtaufgabe nach Weisung, das komme von oben. Es gebe sowieso keine rechtliche Möglichkeit, es zu verhindern. Am Ende wurde ein Bürgerentscheid abgelehnt, hinter dem etwa zwei Drittel der Wähler stehen. Dagegen stimmten die AfD, die Freien Wähler und eine Abgeordnete der Linken. Was das für die nächsten Wahlen bedeutet, kann sich jeder ausrechnen. Ein großer Teil der Bevölkerung fühlt sich nicht mehr repräsentiert.
Fücks: Die Migrationsfrage ist sicher einer der stärksten Faktoren, die die AfD nach oben gespült haben. Trotzdem reden Sie, Herr Martenstein, sich die Partei zu schön. Man kann sie nicht mit der NSDAP gleichsetzen, da sind wir uns einig. Aber die AfD geht deutlich weiter als zu sagen: „Wir wollen mehr nationale Souveränität“ oder „Wir wollen eine restriktive Einwanderungspolitik“. Wenn Sie sich den Nationenbegriff ansehen, der in der AfD dominiert, dann ist das ein völkischer Begriff. Er knüpft an Abstammung und Ethnizität und fällt weit zurück hinter ein modernes Verständnis einer politischen Nation, das sich über Jahrzehnte in der Bundesrepublik herausgebildet hat.
Das Gerede von „Remigration“, wie es Björn Höcke offen in seinen Büchern und Reden pflegt, ist eine existenzielle Drohung für Millionen Menschen, die seit vielen Jahren hier leben, teilweise längst deutsche Bürger sind. Da verläuft eine Scheidelinie. Dann muss es heißen: Solange ihr an solchen Positionen festhaltet, arbeiten wir mit euch nicht zusammen.
WELT AM SONNTAG: In der Migrationspolitik der Bundesregierung hat sich bereits vieles verändert. Trotzdem kommt es zu Situationen, wie sie Herr Martenstein gerade geschildert hat. Wie erklären Sie sich das?
Geipel: Es gibt in vielen Landratsämtern im Osten nach wie vor ein seltsam unaufgeklärtes Klima. Da sind Orte dabei, in denen immer noch alte SED-Kader sitzen, und wenn der Landrat seine Position kippt, sagen zwei Westdeutsche: „Moment, was haben wir gerade beschlossen?“ Antwort: „Na ja, die Mehrheit wollte das so.“ Das ist etwas Mimetisches, aber daraus generieren sich halt auch Umfragewerte. Das Problem ist, dass wir den Trend nicht umkehren. AfD ist außerdem nicht gleich AfD. Im Osten hat sie eine andere Radikalität als etwa in Bayern. Björn Höcke ist etwas anderes als der bayerische Landesverband.
WELT AM SONNTAG: Historisch gesehen hat die Bundesrepublik neue Parteien oft stärker verändert als umgekehrt – man denke nur an die Grünen. Ist das nicht ein Mechanismus, auf den man bis zu einem gewissen Grad vertrauen kann? Und haben wir nicht schon am Anfang die AfD von Konrad Adam, Olaf Henkel und Bernd Lucke – damals war sie vor allem eine eurokritische Partei – vorschnell zu Faschisten erklärt, was die Radikalen dann eher gestärkt hat?
Geipel: Dass man damals schon „Nazis“ rief, als sie noch reine Euro-Kritiker waren, war sicher nicht klug. Da würde ich Ihnen recht geben. Aber das ist verschüttete Milch von vorgestern.
Martenstein: Die Brandmauer hat nicht nur die AfD radikalisiert, sondern auch ihre Wählerschaft. Diese Menschen nehmen das persönlich. Sie fühlen sich selbst ausgeschlossen und hinter einer Mauer eingesperrt – und sie reagieren nicht etwa, indem sie die Partei nicht mehr wählen, im Gegenteil, sie solidarisieren sich stärker. Zum Faschismus-Vorwurf: Ich war in jungen Jahren Mitglied der DKP. Ich kenne dieses Muster aus eigener Erfahrung. Der Faschismus-Vorwurf ist die Wunderwaffe der extremen Linken. Ständig werden Andersdenkende zu Faschisten erklärt, völlig losgelöst vom realen Faschismus.
Geipel: Genau so funktioniert die Radikalisierung ja die ganze Zeit. Die Rechten generieren ihre Erfolge über das Spiel mit der Zuspitzung und ihr Politspiel aus Anfragen und testen den Raum. In Europa haben Figuren wie Le Pen oder Meloni früh verstanden, dass sie von der offenen Radikalisierung wegmüssen. Meloni war jahrelang Ministerin, sie ist in den Staatsapparat hineingewachsen.
Martenstein: In Italien gibt es eben keine Brandmauer. Diese Integration war möglich.
Fücks: Dort hat sich die Rechte aber tatsächlich verändert – und nicht erst durchs Regieren. In Frankreich hat Marine Le Pen ihren Vater aus der Partei gedrängt, weil er unbelehrbar rassistisch war. Bei der AfD gibt es keine Anzeichen für einen Bruch mit den Rechtsextremen, vielmehr geht sie seit ihrer Gründung immer weiter nach rechts. Die Analogie zu den Grünen, die als Systemopposition begannen und längst in der Demokratie angekommen sind, ist schief.
WELT AM SONNTAG: Sie können auch die Linke nehmen.
Fücks: Die Linke war immer ein Mix aus linksradikalen und sozialdemokratischen Positionen. Unklar war und ist, wer sich dort durchsetzt.
Geipel: Was Euro, Nato oder Ukrainekrieg angeht, sind das durchaus Positionen, die sehr weit weg von der Mitte sind.
Fücks: Deshalb will ich die im Bund auch nicht in der Regierung sehen. Eine Öffnung der Union in Richtung AfD würde unweigerlich eine Gegenbewegung erzeugen, eine „Volksfront gegen rechts“. Die demokratische Mitte würde zerstört. Am Ende hätten wir eine polarisierte politische Landschaft, in der kaum noch konstruktive Politik möglich wäre.
Dorn: Das haben wir ja schon erlebt. Demonstrationen „gegen rechts“, bei denen „rechts“ plötzlich alles war – von der mittleren CDU bis zur AfD.
Martenstein: Man produziert so eine politische Landschaft, die in keiner Richtung mehr reformfähig ist.
Geipel: Hier am Tisch sitzen also alles Repräsentanten der Ratlosigkeit? Ein guter Anfang.
Fücks: Die Brandmauer hat die AfD nicht klein bekommen und wird das auch künftig nicht schaffen. Gute Politik kann das – daran halte ich fest. Die Probleme, die den Leuten auf den Nägeln brennen, müssen ernsthaft angegangen werden.
Geipel: Die Welt ist voller Krisen, die nicht mehr lösbar sind. Man kann dem Wähler aber schwer sagen: Richtet Euch schon mal nett ein in der Katastrophe. Wir haben es also mit einer permanenten Überforderung der Politik zu tun, die unentwegt Lösungen anbieten muss.
WELT AM SONNTAG: Lassen Sie uns auf die Grünen zurückkommen. Diese haben mit der Umwelt- und Klimapolitik die Agenda gesetzt. Andere Parteien haben einiges aus dem grünen Programm übernommen. Trotzdem bleiben die Grünen eine politische Größe. Könnte es in der AfD nicht ähnlich kommen, vor allem durch die Migrationspolitik? Würde die AfD nicht stark bleiben, selbst bei „guter“ Politik der anderen?
Fücks: Die AfD wird nicht verschwinden, da habe ich keine Illusionen. Sie wird ein politischer Faktor bleiben. Aber es gibt eine kritische Schwelle, von der aus eine solche Partei beginnt, die gesamte Richtung der Politik zu verändern. Mit einer AfD unter 20 Prozent kann die Demokratie leben – das ist europäische Normalität. Entwickelt sie sich Richtung 30 Prozent, wird es kritisch. Dann müssen Notkoalitionen gegen sie gebildet werden, die kaum handlungsfähig sind – und damit den Frust weiter steigern. Handlungsunfähigkeit ist zentral für die Akzeptanz der Demokratie. Wenn Politik als chronisch überfordert erlebt wird, wird es gefährlich.
Dorn: Umfragen sind stets mit Vorsicht zu genießen, aber ein Ergebnis erscheint mir plausibel. Der signifikante Unterschied in der Gemütslage zwischen AfD- und sonstigen Wählern ist die Überzeugung, alles werde ganz schlimm. Und diese Überzeugung wollen sie sich auch nicht nehmen lassen. Nichts macht solche Menschen aggressiver, als wenn man ihnen zu erklären versucht, dass es immer Anlass zur Hoffnung gibt.
Die AfD versteht es meisterhaft, Öl ins Feuer zu gießen. Damit stehen sie zwar nicht allein da – während Corona haben wir erlebt, dass Angst politisch durchaus erwünscht gewesen ist. Aber das Geschäftsmodell der AfD besteht darin, derzeit am lautesten „ganz, ganz schlimm“ zu rufen. Wer die AfD eindämmen will, dem muss es gelingen, Ängste ernst zu nehmen, ohne sie weiter zu befeuern.
Geipel: Mir geht es nicht darum, „ganz, ganz schlimm“ zu rufen. Aber wir sollten wahrnehmen, dass es im Land eine starke Energie gibt, die den Tisch umwerfen will. Sie wollen das System zerstören, es soll weg. Vielleicht könnte es Sinn machen, das Ganze von diesem Nein aus zu denken?
WELT AM SONNTAG: Alle Politiker, mit denen wir sprechen, versichern allerdings, dass sie genau das tun: die Menschen ernst zu nehmen und ihre Ängste zu adressieren.
Martenstein: Ich reagiere allergisch auf den Satz: „Ich nehme Ihre Sorgen ernst.“ Das klingt von oben herab, therapeutisch. Viele Menschen haben Probleme und Ängste aus sehr realen Gründen, die man sich als gut bezahlter Intellektueller nicht so leicht vorstellen kann. Wir erleben gerade eine Deindustrialisierung. Zehntausende Arbeitsplätze sind weg, weitere werden verschwinden. Das ist kein Gefühl, das ist Realität.
Im Osten bekamen Menschen Angst um ihr Haus – oft ihren einzigen Besitz –, als sie hörten, sie müssten für 30.000 oder 40.000 Euro eine neue Heizung einbauen. Die hatten nackte Existenzangst. Natürlich geht es auch um kulturelle Fragen, um Respekt, um das Gefühl, nicht mehr geachtet zu werden. Aber es geht auch um knallharte Existenzfragen – eine gewaltige Wirtschaftskrise, deren Auswirkungen viele schon spüren. Und ich sehe nicht, dass sich die wirtschaftliche Lage in den nächsten Jahren radikal verbessern wird.
Geipel: Glauben AfD-Wähler denn wirklich, mit der AfD komme der große Wirtschaftsaufschwung?
Martenstein: Die AfD-Wähler glauben vor allem, andere hätten ihnen das eingebrockt. Sie glauben, die etablierten Parteien hätten die Energie so teuer gemacht, dass die deutsche Industrie nicht mehr konkurrenzfähig sei, und deshalb gehe jetzt alles den Bach runter. Also sollen die „Schuldigen“ aus den Ämtern fliegen.
Fücks: Ich denke auch, dass die Zustimmung zur AfD weniger aus Zutrauen in ihre Kompetenz entsteht als aus Wut über die etablierte Politik. Der Eindruck, dass uns die Probleme über den Kopf wachsen und das Land bergab geht – das ist der Resonanzboden für solche Parteien. Versuchen wir es am Beispiel Migration. Um der AfD den Wind aus den Segeln zu nehmen, braucht es klare Ansagen.
Erstens: Wir werden Einwanderung kontrollieren und steuern, und wir bestehen auf verbindlichen Spielregeln für alle. Zweitens: „Ausländer raus“ ist nicht die Antwort. Ohne Migranten bricht der Laden zusammen. Man muss beides sagen: Ja, es gibt Probleme, ja, wir müssen handeln – und Nein, Rassismus ist inakzeptabel und Abschottung keine Lösung.
WELT AM SONNTAG: Im kommenden Jahr werden in fünf Bundesländern neue Landtage gewählt. In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern liegt die AfD in Umfragen zwischen 38 und 40 Prozent. Wie sollen wir damit umgehen?
Fücks: Die AfD wird nur an die Regierung kommen, wenn sie mit dem umbenannten Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) koaliert. Das wäre eine gefährliche Allianz. Dennoch wäre ich für eine selbstbewusste Reaktion: „Okay, ihr habt so gewählt, jetzt werden wir dieser Regierung genau auf die Finger sehen.“ Die rote Linie, die verteidigt werden muss, ist der Rechtsstaat.
Dorn: Da lohnt sich ein Blick nach Österreich. Dort hieß es lange, Herbert Kickl werde sicher nächster Regierungschef. Dann haben ÖVP und FPÖ monatelang sondiert – mit dem Ergebnis: Es geht nicht. Wenn die AfD in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern stärkste Kraft wird, werden andere Parteien sondieren müssen. Was will die AfD auf Landesebene konkret? Ich vermute, dass vieles nicht kompatibel ist. Sollte aber doch ein Bündnis zustande kommen, bin ich ziemlich sicher: Es gibt in der AfD nicht wenige, die ihre eigene Partei für Verräter hielten, sobald sie anfangen, ernsthafte Kompromisse zu schließen.
Martenstein: Ein gewisser Entzauberungseffekt ist unvermeidlich. Es hat noch nie eine Partei gegeben, die nach einer Wahl zur vollkommenen Zufriedenheit sämtlicher Wähler regiert hat. Es gibt immer einen Realismus-Schock. Bei der AfD dürfte der besonders stark ausfallen, weil sie keine Regierungserfahrung hat und es schwer haben wird, kompetentes Personal für Ministerposten zu finden. Aus Sicht der anderen Parteien wäre es fast wünschenswert, wenn die AfD einmal zeigen müsste, was sie kann oder eben nicht kann.
Fücks: Wir sollten nicht in Panik verfallen. Auch wenn die AfD in eine Landesregierung käme, ginge die Demokratie davon nicht unter. Der Wählerwille muss respektiert werden. Auch AfD-geführte Regierungen müssen an demokratischen Prüfsteinen gemessen werden. Ich gehe aber nicht davon aus, dass eine demokratische Partei einen AfD-Ministerpräsidenten wählen würde. Entweder es entstehen Mehrheiten mit dem BSW – oder die AfD bleibt in der Opposition.
Martenstein: Eine solche Querfront-Koalition wäre aus meiner Sicht eine schlechte Lösung. Sie wäre so breit, dass sie sich auf kaum etwas einigen könnte. Man wäre sich nicht einmal einig darüber, was überhaupt ein Problem ist. Allein schon bei der Frage, ob Migration ab einer gewissen Größenordnung ein Problem darstellt oder nicht, wird man in so einer Allparteienkoalition ohne AfD niemals zu einer gemeinsamen Linie kommen. Ich teile Ihren Optimismus nicht, dass eine De-facto-Allparteienkoalition die Probleme lösen könnte. Ich sehe nicht, wie das funktionieren soll.
Jacques Schuster ist Chefredakteur der WELT AM SONNTAG sowie Chefkommentator.
Politikredakteurin Hannah Bethke ist bei WELT zuständig für die SPD und innenpolitische Debatten.
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