Zur Krise und Erneuerung des Liberalismus – Ein Gespräch mit Yascha Mounk und Jaroslaw Kuisz

Der Liberalismus steckt in einer tiefen Krise – was sind deren Ursachen und wie lässt sich diese Krise überwinden und liberales Denken erneuern? Darüber diskutierten der Politikwissenschaftler und Publizist Yascha Mounk (u.a. Johns Hopkins University und Sciences Po) sowie der polnische Historiker, Publizist und LibMod-Fellow Jaroslaw Kuisz. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass viele der politischen Gewissheiten, die um die Jahrtausendwende noch selbstverständlich schienen, heute brüchig geworden sind.
Die Illusion vom „Ende der Geschichte“
Mounk zeichnete zunächst ein persönliches wie politisches Panorama: Als Student um das Jahr 2000 habe er – wie viele seiner Generation – an den Siegeszug der Globalisierung, an den Bedeutungsverlust des Nationalismus und an die unaufhaltsame Ausbreitung liberaler Demokratie geglaubt. Diese Weltsicht sei jedoch in erstaunlich kurzer Zeit zerfallen. Ohne Weltkriege oder vergleichbare Katastrophen seien zentrale Annahmen der liberalen Ordnung durch Finanzkrisen, geopolitische Konflikte, Migration, Pandemie und den Aufstieg populistischer Bewegungen erschüttert worden. Der Liberalismus, so Mounk, stehe heute vor einer historischen Bewährungsprobe.
Im Zentrum seiner Analyse stand eine selbstkritische Diagnose und die Aufforderung, auch die blinden Flecken liberalen Denkens in Augenschein zu nehmen: Liberale Kräfte neigten dazu, sich weiterhin als natürliche Vertreter der Zukunft zu begreifen, während sie von großen Teilen der Bevölkerung längst als abgehoben und realitätsfern wahrgenommen würden. Populistische Bewegungen wirkten auf viele Bürger deshalb nicht modernitätsfeindlich, sondern inszenierten sich im Gegenteil oft erfolgreich als diejenigen, die „im Jahr 2026“ angekommen seien und aktuelle Sorgen der Menschen artikulierten. Der Liberalismus dagegen drohe, in den Denkmustern der Vergangenheit zu verharren.
Ein wesentlicher Kritikpunkt Mounks betrifft die soziale Zusammensetzung liberaler Milieus. Er sprach von einer Dominanz einer „professionell-managerialen Klasse“, die zwar gut ausgebildet, kosmopolitisch und kompetent sei, die aber zunehmend den Kontakt zu großen Teilen der Gesellschaft verliere. Diese Gruppe habe in den vergangenen Jahrzehnten enorme Macht und kulturellen Einfluss gewonnen, ohne die selbst gesteckten Versprechen – etwa soziale Mobilität und wirtschaftliche Sicherheit – vollständig einzulösen. Daraus erwachse Frustration, die sich politisch entlade.
Politischer Liberalismus versus perfektionistischer Liberalismus
Zentraler Ausgangspunkt von Mounks Argumentation war die Unterscheidung zwischen zwei Formen des Liberalismus: Zum einen gebe es den politischen Liberalismus, der sich auf Grundrechte, Rechtsstaatlichkeit und die Freiheit beschränke, unterschiedliche Lebensentwürfe nebeneinander zu ermöglichen. Zum anderen existiere ein perfektionistischer Liberalismus, der implizit bestimmte Lebensweisen – kosmopolitisch, akademisch, säkular – bevorzuge und andere abwerte. Mounk formulierte dies so: „Politischer Liberalismus bedeutet, dass der Staat nur die Spielregeln festlegt und niemandem vorschreibt, wie ein gelungenes Leben aussieht. Perfektionistischer Liberalismus hingegen tut so, als sei er neutral, bevorzugt aber in Wahrheit Menschen, die so leben wie wir selbst.“ Diese Spannung, so seine These, werde von vielen Bürgern als Ausgrenzung erfahren und untergrabe die Glaubwürdigkeit liberaler Politik.
Jaroslaw Kuisz griff diesen Gedanken auf und ergänzte ihn um eine osteuropäische Perspektive: Auch dort, so der Historiker, sei der Liberalismus zunehmend unter Druck geraten, weil er als Projekt einer urbanen, gebildeten Elite wahrgenommen werde. Gleichzeitig warnte Kuisz davor, populistische „Korrekturen“ romantisch zu verklären. Vielmehr gehe es darum, liberalen Prinzipien wieder gesellschaftliche Breite und emotionale Bindung zu verleihen.
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Mehr InformationenEine neue, liberale Zukunftserzählung
Wie also kann eine Erneuerung des Liberalismus konkret aussehen? Mounk zeigte sich hier bewusst zurückhaltend. Zwar gebe es kurzfristig pragmatische Rezepte, um Wahlen zu gewinnen oder populistische Extreme einzuhegen. Doch für eine langfristige Stabilisierung reichten taktische Manöver allein nicht aus. Notwendig sei eine neue große Erzählung, die wieder Mehrheiten von 70 oder 80 Prozent ansprechen könne.
Dabei lenkte Mounk den Blick besonders auf Europa: Der Kontinent habe sich zu sehr mit einem Szenario des schleichenden Niedergangs abgefunden. Eine Zukunft, in der alles „ein bisschen schlechter“ werde, existiere jedoch nicht. Entweder Europa erneuere sich grundlegend – technologisch, wirtschaftlich und geopolitisch – oder es werde zwischen den Machtblöcken der USA und Chinas zerrieben. Der Liberalismus brauche deshalb wieder eine positive Zukunftsvision, die Fortschritt und Sicherheit verbinde. In Mounks Worten: „Der Liberalismus kann nur überleben, wenn er wieder eine überzeugende Vorstellung davon entwickelt, wie eine bessere Zukunft aussieht – eine, die Wohlstand schafft, technologische Innovation ermöglicht und den Menschen das Gefühl gibt, Teil eines gemeinsamen Projekts zu sein.“
Ein zentraler Bestandteil dieser Vision sei der Mut zur Gestaltung: Investitionen in Bildung, Forschung und neue Technologien, der Aufbau leistungsfähiger europäischer Universitäten und ein innovationsfreundliches Umfeld für Start-ups. Zugleich müsse der Liberalismus lernen, kulturelle und soziale Unterschiede wieder stärker zu tolerieren, statt sie normativ zu bewerten. Nicht Liebe oder Zustimmung zu allen Lebensentwürfen sei erforderlich, sondern Respekt und Koexistenz.
Liberalismus als gesellschaftliche Praxis
Auch in der anschließenden Diskussion mit dem Publikum wurde deutlich: Die Krise des Liberalismus liegt weniger in seinen Grundwerten als in seiner gesellschaftlichen Praxis. Sowohl Yascha Mounk als auch Jaroslaw Kuisz plädierten für eine schonungslose Selbstkritik und eine imaginative Erneuerung liberalen Denkens. Ohne neue Erzählungen, die soziale Gerechtigkeit, kulturelle Vielfalt und wirtschaftlichen Fortschritt beinhalte, drohe der Liberalismus weiter an Bindekraft zu verlieren. Mit einer glaubwürdigen Zukunftsvision jedoch könne er erneut zur tragenden Ordnungsidee demokratischer Gesellschaften werden.
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