Iran-Krieg: Trump pfeift. Aber Netanyahu tanzt nicht. Zumindest nicht sofort.

Der Streit zwischen Trump und Netanyahu offenbart eine gefähr­liche Allianz zwischen Washington und Jerusalem. Es geht dabei um mehr als um die Frage Deal oder Sieg und das politische Überleben zweier Männer – für Israel geht es auch um die eigene Existenz, schreibt Richard C. Schneider.

Ende Februar waren Donald Trump und Benjamin Netanyahu noch ein Herz und eine Seele. Gemeinsam wollten sie den Iran in die Knie zwingen, das Atompro­gramm stoppen, die Hizbollah schwächen und vielleicht sogar das Regime in Teheran ins Wanken bringen. Heute sieht die Sache deutlich kompli­zierter aus.

Denn plötzlich ziehen Washington und Jerusalem nicht mehr am selben Strang. Trump will raus aus dem Konflikt. Netanyahu will weiter­machen. Trump sucht einen Deal. Netanyahu sucht einen Sieg. Und genau deshalb schien Israels Premier am Montag bereit zu sein, selbst dann nicht auf den ameri­ka­ni­schen Präsi­denten zu hören, wenn dieser ihn ausdrücklich dazu auffordert.

Eine Verein­barung, die keine war

Nach den irani­schen Raketen­an­griffen auf Israel am Sonntag­abend soll Trump laut Axios persönlich zum Telefon gegriffen haben. Seine Botschaft an Netanyahu: nicht zurück­schlagen. Kurz darauf erklärte er der Financial Times sogar öffentlich, Netanyahu werde jedes Abkommen akzep­tieren müssen, das Washington mit Teheran aushandelt. „Ich entscheide alles. Er entscheidet nichts.“

Das Problem ist nur: In Jerusalem sah man das offenbar etwas anders.

Denn anstatt die Waffen ruhen zu lassen, griff Israel zurück an. Die Air Force bombar­dierte Ziele im Iran, traf Berichten zufolge sogar eine petro­che­mische Anlage und bereitete zunächst weitere Opera­tionen vor. Damit wurde sichtbar, was sich schon seit Wochen abzeichnet: Die Inter­essen der beiden Verbün­deten driften auseinander.

Für Trump wird der Krieg zunehmend lästig. Das iranische Regime ist immer noch da, die Verhand­lungen ziehen sich hin und jede neue Eskalation lässt die Nervo­sität an den Energie­märkten steigen. Dazu kommt die ameri­ka­nische Innen­po­litik. Trump möchte als großer Dealmaker in die Geschichte eingehen, nicht als Präsident eines weiteren endlosen Nahostkriegs.

Israel dagegen betrachtet die Lage als Existenzfrage.

Aus israe­li­scher Sicht geht es nicht nur um ein paar Raketen oder einen weiteren Schlag­ab­tausch. Es geht um Abschre­ckung. Das Land ist klein, hat kaum strate­gische Tiefe und lebt seit seiner Gründung mit dem Gefühl, dass Schwäche schnell lebens­ge­fährlich werden kann. Wer einen Angriff unbeant­wortet lässt, sendet nach dieser Logik ein fatales Signal. Deshalb hat Netanyahu in dieser Frage auch weit mehr Rückhalt – selbst bei seinen Gegnern. Diese mögen ihn nicht ausstehen können und wollen ihn endlich loswerden. Aber kaum ein israe­li­scher Opposi­ti­ons­po­li­tiker würde öffentlich fordern, iranische Raketen­an­griffe einfach hinzu­nehmen, weil Washington das gerne hätte.

Deal mit oder Sieg über Teheran?

Der eigent­liche Streit­punkt liegt ohnehin woanders: Beide Seiten haben inzwi­schen völlig unter­schied­liche Vorstel­lungen davon, wie dieser Krieg enden soll.

Trump scheint auf irgendeine Art von Deal mit Teheran zuzusteuern. Netanyahu hingegen fürchtet genau das. Vor allem wegen des irani­schen Atom- und Raketen­pro­gramms, aber natürlich auch wegen der Hizbollah im Libanon.

Israel betrachtet die Hizbollah nach wie vor als die gefähr­lichste Bedrohung an seiner Nordgrenze. Die Organi­sation verfügt weiterhin über Tausende Raketen, moderne Drohnen und jede Menge Kampf­erfahrung. Aus Sicht Jerusalems wäre es deshalb fatal, wenn die Zukunft der Hizbollah Teil eines ameri­ka­nisch-irani­schen Abkommens würde. Genau darauf scheint Teheran jedoch hinzu­ar­beiten. Die Iraner wollen ihre Verbün­deten schützen. Ein Deal mit Washington soll nicht nur dem Regime selbst Luft verschaffen, sondern auch der Hizbollah das Überleben sichern. Für Netanyahu wäre das ein Albtraum. Deshalb versucht Israel seit Wochen, den Krieg gegen die Hizbollah vom Konflikt mit dem Iran zu trennen. Jerusalem will verhindern, dass Washington und Teheran am Verhand­lungs­tisch über Israels Nordgrenze entscheiden.

Unsichere Allianzen

Hinzu kommt die Innen­po­litik: In Israel stehen Wahlen bevor. Netanyahu muss seinen Wählern zeigen, dass der bald drei Jahre dauernde Krieg gegen die „Achse des Wider­stands“ nicht vergeblich war. Als der Mann dazustehen, der auf Trumps Befehl die Waffen niederlegt, wäre für ihn politisch verheerend. Kein Wunder also, dass die Stimmung zwischen beiden Männern inzwi­schen frostig ist. Berichte über das berüch­tigte Telefonat, in dem Trump Netanyahu sogar als „f... crazy“ bezeichnet haben soll, zeigen, wie tief der Graben inzwi­schen geworden ist.

Die entschei­dende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob Trump und Netanyahu sich mögen. Sondern wer am Ende nachgibt. Auf dem Papier sitzen die USA natürlich am längeren Hebel. Sie liefern Waffen, diplo­ma­ti­schen Schutz und inter­na­tionale Rücken­de­ckung. Ohne Washington wäre Israel deutlich isolierter. Doch die Geschichte zeigt, dass ameri­ka­ni­scher Druck Grenzen hat. Immer wieder haben israe­lische Regie­rungs­chefs ihren wichtigsten Verbün­deten ignoriert, wenn sie glaubten, dass grund­le­gende Sicher­heits­in­ter­essen auf dem Spiel stehen.

Genau das war jetzt wieder geschehen: Trump kann drohen. Er kann Druck machen. Aber solange Israel überzeugt ist, dass seine Sicherheit auf dem Spiel steht, wird Netanyahu vermutlich tun, was israe­lische Regie­rungs­chefs schon oft getan haben: höflich zuhören – und anschließend etwas ganz anderes machen. Doch fürs erste hat sich Trump durch­ge­setzt. Er konnte eine weitere Angriffs­welle Israels gegen den Iran stoppen. Vorerst.

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