Gadi Eisenkot: Der General, der Netanyahu ablösen will

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Gadi Eisenkot ist eine ungewöhn­liche Figur für einen israe­li­schen Wahlkampf. Und zwar nicht, weil er  ein ehema­liger General­stabschef ist, ein Mann des Militärs, sondern weil er keinerlei Charisma hat und ohne jegliche rheto­rische Begabung ist, schreibt Richard C. Schneider in seiner Kolumne.

Aber: Gadi Eisenkot ist ruhig, gelassen, unauf­geregt und uneitel – und genau deswegen für viele Wähler inter­essant. Er verspricht, Israel nach Jahren der politi­schen Polari­sierung wieder zusam­men­zu­führen, ein großes Ziel, vielleicht noch heraus­for­dernder als die Gefahr aus dem Iran zu bannen, wie israe­lische Beobachter ironisch anmerken. Bei der Wahl am 27. Oktober 2026 tritt der 66-Jährige mit seiner Partei Yashar („Geradeaus“) an.

Ein Misrachi, dessen Geschichte eng mit dem 7. Oktober verknüpft ist

Seine Biografie ist eine politische Botschaft. Denn Eisenkot stammt aus einer Familie marok­ka­nisch-jüdischer Einwan­derer, er ist also ein Misrachi. Und er wuchs in eher einfachen Verhält­nissen in Eilat auf. Fast vier Jahrzehnte verbrachte er in der Armee, von der Golani-Brigade stieg er bis zum General­stabschef auf. Anders als der wohlha­bende Aschkenasi Netanyahu, der einen Teil seiner Jugend in den USA verbrachte und seit Jahrzehnten die israe­lische Politik dominiert, präsen­tiert sich Eisenkot als Soldat, der in die Politik gegangen ist, weil er einen Kurswechsel für nötig hält.

Eisenkots politische Anfänge sind mit dem 7. Oktober verbunden. Er trat 2023 der Notstands- bezie­hungs­weise Kriegs­ka­binett-Regierung Netan­yahus bei. Im Juni 2024 verließ er sie und warf der Regierung vor, militä­rische Erfolge nicht in eine politische und strate­gische Perspektive zu übersetzen. Israel könne Hamas nicht allein durch militä­ri­schen Druck dauerhaft besiegen, argumen­tierte er. Notwendig seien Entschei­dungen, wie Gaza nach dem Krieg aussehen und wie – damals noch –  die Geiseln zurück­ge­bracht werden könnten. Sein Konflikt mit Netanyahu bezog sich dabei nicht über die Notwen­digkeit militä­ri­scher Stärke, sondern über deren Zweck, Ziel und Grenzen.

Die Vision einer anderen Sicherheitspolitik…

Eisenkot ist kein Pazifist und kein „Linker“. Seine sicher­heits­po­li­ti­schen Überzeu­gungen sind  knallhart. Er war der Urheber der sogenannten „Dahiya-Doktrin“ (benannt nach dem Beiruter Stadtteil, in dem die Hizbollah ihr Headquarters hatte), die im Libanon­krieg 2006 mit der Idee verbunden war, gegen von bewaff­neten Gruppen kontrol­lierte Gebiete mit massivster militä­ri­scher Gewalt vorzu­gehen. Eisenkot lehnt einen paläs­ti­nen­si­schen Staat auf absehbare Zeit ab. Auch will er Sicher­heits­zonen und militä­ri­schen Druck beibe­halten und betrachtet Iran und Hamas weiterhin als zentrale Gefahren. Darin ist er sich mit Netanyahu einig.

Der Unter­schied zu Netanyahu liegt also nicht darin, dass Eisenkot weniger Sicher­heits­po­litik betreiben würde, sondern darin, wie er sie politisch verwerten will. Der Heraus­for­derer des Premiers spricht von „pragma­ti­schem Zionismus“: Israel soll militä­risch stark bleiben, zugleich aber wieder stärker mit den USA und europäi­schen Staaten koope­rieren und diplo­ma­tische Möglich­keiten nutzen, wenn sie Israels Sicherheit dienen. Für Gaza hat er sich offen für schritt­weise Verein­ba­rungen gezeigt, sofern sie mit einer Schwä­chung der Hamas verbunden sind. Bei Iran setzt er ebenfalls auf Abschre­ckung, aber auf klar definierte strate­gische Ziele und inter­na­tionale Koordi­nation, nicht auf einen nicht enden wollenden Dauerkrieg.

… und ein anderer Stil in der Innenpolitik

Auch innen­po­li­tisch markiert Eisenkot einen anderen Stil als „Bibi“, wie der Premier im Land genannt wird. „Yashar“ fordert ein klareres System von checks and balances, eine starke und unabhängige Justiz und eine demokra­tische Regelung des Verhält­nisses zwischen Knesset, Regierung und Gerichten. Zugleich will Yashar die Wehr- und Natio­nal­dienst­pflicht auf alle Bürger ausweiten, ausdrücklich auch auf ultra­or­thodoxe Juden und arabische Bürger. In all diesen Punkten ist Eisenkot also ein klarer Gegner der illibe­ralen Justiz­reform Netan­yahus und dessen Bereit­schaft, die Ultra­or­tho­doxen nicht zum Militär einziehen zu lassen, da er die ultrafrommen Parteien für seine Koalition braucht.

Netanyahu steht also für eine politische Ordnung, die inzwi­schen in Teilen rechts­extrem, antili­beral und religiös geprägt ist. Seine Stärke liegt in politi­scher Erfahrung, inter­na­tio­naler Vernetzung und der Fähigkeit, sehr unter­schied­liche rechte und religiöse Kräfte zusam­men­zu­halten. Eisenkot hat wenig politische Erfahrung und versucht genau deshalb, das System Netanyahu zu durch­brechen: nicht durch einen grund­le­genden Bruch mit dem Zionismus oder der Sicher­heits­doktrin, sondern durch einen anderen Begriff von Führung. Er möchte eine Stärkung staat­licher Insti­tu­tionen, weniger persön­liche politische Macht, sondern mehr profes­sio­nelle Entscheidungsstrukturen.

Viel Einigkeit in der Palästinenserfrage

In der Paläs­ti­nen­ser­frage liegen beide aller­dings deutlich näher beiein­ander. Ebenso wie Netanyahu lehnt Eisenkot einen paläs­ti­nen­si­schen Staat derzeit ab. Aller­dings will er die Expansion der Siedler im Westjor­danland begrenzen und die Gewalt ihrer Extre­misten stärker bekämpfen. Gerade im Westjor­danland macht er einen klaren Unter­schied zur aktuellen Regierungspolitik.

Obwohl er nicht über die Strahl­kraft Netan­yahus verfügt, besitzt Eisenkot als Sicher­heits­experte eine besondere biogra­phisch bedingte Glaub­wür­digkeit: sein Sohn Gal sowie zwei Neffen wurden im Gaza-Krieg getötet. Wenn er über den Preis militä­ri­scher Entschei­dungen spricht, dann tut er das nicht aus einer politi­schen Distanz, im Gegensatz zu Netanyahu. Dessen Name wiederum bleibt mit dem Versagen am 7. Oktober verbunden. Eisenkot wiederum hatte zu diesem Zeitpunkt weder eine politische noch militä­rische Position inne, sein Name ist also „clean“.

Ausgang der Wahlen bislang ungewiss

Die Erfahrung der letzten Jahren bestä­tigen Eisenkot in seiner Forderung, dass Israel militä­risch stark bleiben muss, aber er will diese Stärke besser in eine politische Strategie übersetzen. Eine Stabi­li­sierung der demokra­ti­schen Insti­tu­tionen, sowie eine Überwindung des gesell­schaft­lichen Grabens zwischen säkularen, religiösen, arabi­schen und jüdischen Israelis, ebenso wie eine wieder stärkere inter­na­tionale Koope­ration sind für den einstigen General­stabschef Teil der Konso­li­dierung israe­li­scher Stärke.

Ob Eisenkot den Regie­rungs­wechsel schafft, ist im Augen­blick noch nicht sicher. Beide Lager, die Regierung und die Opposition, können nach aktuellen Umfragen keine Mehrheit in der Knesset erreichen. Eisenkot versucht, die Wahl nicht als Abstimmung über links oder rechts zu definieren, sondern über die Frage, was nach dem 7. Oktober unter Führung, Sicherheit und staat­licher Verant­wortung zu verstehen ist. Ob seine Strategie aufgehen wird? Am 28. Oktober wird man es wissen.

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