Bericht aus Wien: Neue Normalitäten

Quelle: Wikimedia/​GuentherZ

In Öster­reich verschieben sich die Grenzen des bisher Sagbaren. Die Liste der „Ausrut­scher“ wächst in schwin­del­erre­gendem Takt. In seiner monat­li­chen Kolumne aus Wien fragt Fred Luks, ob die Empörung der Liberalen diesem Trom­mel­feuer stand­halten kann. Es droht ein Norma­li­sie­rungs­pro­zess, der die Stimmung im Land verändert.

Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Die letzten Wochen waren politisch geprägt von Debatten über deutsch­na­tio­nale Burschen­schaften, frag­wür­dige Polit-Netzwerke und den Umgang mit der Vergan­gen­heit. Und wieder einmal zeigt sich, dass hier­zu­lande anders über derlei Dinge disku­tiert wird, als das übli­cher­weise in Berlin, Hamburg oder München der Fall ist. Im Zentrum stand ein gewisser Udo Landbauer, der nicht nur Spit­zen­kan­didat der rechten FPÖ in Nieder­ös­ter­reich war, sondern auch eine führende Rolle in einer Burschen­schaft gespielt hat. In deren Lieder­buch, so kam heraus, gab es hier nicht zitier­fä­higes, eindeutig anti­se­mi­ti­sches Material. Erst auf erheb­li­chen Druck hin ist Landbauer von allen Ämtern zurück­ge­treten. Er ist seine poli­ti­schen Funk­tionen los. 

Wer will, dass die Moderne liberal bleibt, muss wachsam sein und den Mund aufmachen, wenn es darauf ankommt.

Damit ist Öster­reich freilich ein wichtiges Problem nicht los. Wie schrieb ein Facebook-Kommen­tator so schön: Dass man allen Ernstes disku­tiert, ob Leute, die in abgrund­tief ekel­haften Liedern die „Germanen“ anfeuern, Juden umzu­bringen, Nazis sind, sagt viel über die hiesige poli­ti­sche Kultur. Die Reak­tionen auf den Skandal schwankten zwischen hyste­ri­scher Empörung und den üblichen Beschwich­ti­gungs­ver­su­chen. Jenseits der abstrus-schreck­li­chen „Einzel­fälle“ ist zu fragen: Was heißt das grundsätzlich?

Nichts Gutes, fürchte ich. Zwar hat der Bundes­kanzler durchaus ange­messen (wenn auch mit Verzö­ge­rung) auf die obige Ange­le­gen­heit reagiert, und die FPÖ hat jetzt eine Histo­ri­ker­kom­mis­sion einge­setzt – deren Vorsit­zender freilich eine ehema­liger Politiker der Partei ist… Dennoch kann der Eindruck entstehen, dass sich etwas verändert, etwas verschiebt. Ich meine damit nicht so sehr die Tatsache, dass durch die FPÖ nun zahl­reiche Burschen­schafter im Regie­rungs­ap­parat tätig sind und diese Netzwerke massiv an Einfluss gewinnen. Sondern, viel­leicht ist das ein zu unschul­diges Wort: die Stimmung.

Das ist natürlich nicht empi­ri­sche Sozi­al­for­schung, sondern eher – ein Gefühl. Freilich eines, das viele Leute zu teilen scheinen. Übelstes anti­se­mi­ti­sches Liedgut (müsste man „Lied­schlecht“ sagen?), die Verwen­dung des Begriffs „Unter­men­schen“ durch eine FPÖ-Poli­ti­kerin, viele andere „Ausrut­scher“, offensive Kommu­ni­ka­tion des „Flücht­lings­pro­blems“, Politik der harten Hand auf den Feldern Migration und Soziales? Man muss kein Fan von Verschwö­rungs­theo­rien sein, um das zu vermuten. Es hängt zusammen. Natürlich nicht im Sinne einer sinistren Verschwö­rung, sondern als irri­tie­rende Paral­le­lität von Entwick­lungen, die das Leben verändern. In Richtung Auto­ri­ta­rismus womöglich, im schlimmsten Fall in Richtung „illi­be­rale Demokratie“.

Nach der Finanz­krise 2008/​09 war viel von der New Normalcy die Rede, vor der neuen Norma­lität. Stimmte zwar nicht, war aber damals ein Slogan, der ein Zeit­ge­fühl auf den Begriff brachte. Passt der Begriff jetzt auch? Ahnen wir, dass die Norma­lität sich verschiebt, ohne zu wissen und ohne wissen zu können, wohin die Reise geht? Sind wir dabei, uns zu gewöhnen? Das Konzept der Shifting Baselines bringt auf den Begriff, wie (leicht) Menschen sich an neue Situation gewöhnen und wie verän­derte Bezugs­punkte der Reali­täts­wahr­neh­mung (die shifting baselines eben) den Blick für Verän­de­rungs­pro­zesse verstellen. Gewöh­nungs- und Anpas­sungs­pro­zesse verschieben die Wahr­neh­mung dessen, was „normal“ ist.

Viktor Klemperer hat einmal geschrieben: „Worte können sein wie winzige Arsen­dosen, sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Gift­wir­kung doch da.“ Passiert das gerade? Wie gesagt: Sicher kann man da nicht sein – im Zweifel ist es aber ohne Zweifel besser, aufmerksam und miss­trau­isch zu sein statt schweigsam und naiv. Die neue Regierung, das hat man zu akzep­tieren, ist demo­kra­tisch gewählt – an ihrer Legi­ti­ma­tion zweifeln, zeigt weder von demo­kra­ti­scher Gesinnung noch von hohem intel­lek­tu­ellen Anspruch. Gleich­zeitig zeigt das, was in der letzten Zeit in diesem Land passiert, ganz deutlich: Wer will, dass die Moderne liberal bleibt, muss wachsam sein und den Mund aufmachen, wenn es darauf ankommt.

Fred Luks privater Blog findet sich unter www.fredluks.com. Sein neues Buch Ausnah­me­zu­stand erscheint im April.

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