Nawalny-Täter: FSB-„Geheim“dienstmitarbeiter

Foto: Shutterstock, Dmitry Laudin
Foto: Shut­ter­stock, Dmitry Laudin

Die Recher­chen eines inter­na­tio­nalen Teams legen erdrü­ckende Indizien vor, wer hinter dem Gift­an­schlag auf den russi­schen Oppo­si­tio­nellen verant­wort­lich ist: Es sollen acht russische Geheim­dienst-Offiziere sein. Der Kreml wiegelt wie gewohnt ab. Alles ein Trick, die CIA stecke dahinter, sagt Präsident Putin.

Ich weiß, wer mich umbringen wollte. Ich weiß, wo sie wohnen. Ich weiß, wo sie arbeiten. Ich kenne ihre Namen. Ich kenne ihre Decknamen. Ich habe Fotos von ihnen.“ Alexej Nawalny spricht forsch. Es ist die gewohnte Tonlage des russi­schen Oppo­si­tio­nellen, der sich nach einem Anschlag mit dem – nach Erkennt­nissen euro­päi­scher Experten – inter­na­tional geäch­teten und eigent­lich verbo­tenen Nerven­gift Nowit­schok seit Wochen in Deutsch­land zur Reha befindet. Und es ist ein „krasser Krimi“, wie der 44-Jährige in seinem neuesten YouTube-Video erklärt, was sich in seinem Leben in den vergan­genen mindes­tens drei Jahren abge­spielt habe – bis zum Versuch, ihn aus diesem Leben zu räumen.

Für Nawalny ist der „Fall“ nun geklärt. Zusammen mit dem Recher­chenetz­werk Bellingcat um den briti­schen Netz­ak­ti­visten Eliot Higgins, dem russi­schen Inter­net­portal The Insider sowie dem Spiegel und CNN hat sein Team ein „Killer­kom­mando“ in den Reihen des russi­schen Inlands­ge­heim­dienstes FSB ausge­macht, der für die unge­heu­er­liche Tat verant­wort­lich sein soll. Samt dem Auftrag­geber dahinter: den russi­schen Präsi­denten Wladimir Putin. Die Recherche liefert keine Beweise, aller­dings legt sie zahl­reiche erdrü­ckende Indizien vor, was am 20. August in der sibi­ri­schen Stadt Tomsk und bereits davor passiert sein könnte.

Skripal als „Vorläufer“

Nawalny, der talen­tierte und oft selbst­iro­ni­sche Erzähler, spricht von den Erkennt­nissen als Aufklärer und Opfer zugleich. Er beherrscht das Story­tel­ling und unterlegt das Gesagte mit Info­gra­fiken und Film­zi­taten. Sein Video hat bereits jetzt mehr als 15 Millionen Aufrufe. Bellingcat erzählt die Geschichte viel nüch­terner, ist an tech­ni­schen Details inter­es­siert. Der Inhalt der akribisch betrie­benen Rekon­struk­tion bleibt derselbe und zeigt zweierlei. Zum einen sollte Nawalny nach seiner Ankün­di­gung im Jahr 2016, er wolle 2018 als Präsident kandi­dieren, von der poli­ti­schen Bühne verschwinden. Dafür sollte ihn ein Team aus FSB-Mitar­bei­tern mit medi­zi­ni­schem und chemisch-tech­ni­schem Hinter­grund eng begleiten und womöglich vergiften. Zum anderen richtet die Recherche den Blick auf Forschungs­in­sti­tute innerhalb des FSB, die offenbar auf die Entwick­lung chemi­scher Kampf­stoffe spezia­li­siert sind. Seit dem Beitritt Russlands zur Chemie­waf­fen­kon­ven­tion im Jahr 1997 gelten Neuent­wick­lungen von Chemie­waffen offiziell als einge­stellt. Doch als im briti­schen Salisbury der russisch-britische Doppel­agent Sergej Skripal und seine Tochter Julia 2018 wohl ebenfalls mit Nowit­schok vergiftet worden waren, hatten die Enthül­lungen, auch diese von Bellingcat und The Insider, bereits darauf hinge­wiesen und die Verant­wort­li­chen im Kreml gesehen. Auch im Fall Nawalny schreiben die Recher­cheure den Anschlag dem russi­schen Staat zu. Wer sonst käme an solche Mittel?

Das Vorgehen

Mittels Tele­fon­daten, Passa­gier­listen, Melde­re­gis­tern und GPS-Daten rekon­stru­ierte das Recher­che­team das Geschehen. Das Material kauften sie auf dem Schwarz­markt, was in Russland – anders als im Westen – nicht besonders schwer ist. Allein dies zeige bereits, so Nawalny, wie korrupt Russlands Beamte seien. Die Jour­na­listen und Netz­ak­ti­visten verfolgten Reise­routen und Tele­fon­ver­bin­dungen, vergli­chen diese mit etlichen Daten­banken und kamen dadurch auf mindes­tens acht FSB-Offiziere, die Nawalny, in unter­schied­li­chen Forma­tionen auf seinen Reisen folgten.

Das „Kil­ler­kom­mando“

Wla­di­mir Pan­ja­jew, ein Sani­tä­ter, 1980 geboren, offen­bar seit 2009 beim FSB, an dessen Zen­tral­adresse an der Mos­kauer Lub­janka er gemel­det ist. Davor war er an der­sel­ben Adresse wie Nawalny registriert.

Alexej Alex­an­d­row, Deck­name Alexej Frolow, Notarzt, geboren 1981, seit 2013 beim FSB und spielt offen­bar die Schlüs­sel­rolle bei der Ope­ra­tion Nawalny in Sibirien.

Iwan Ossipow, Deck­name Iwan Spi­ri­do­now, Arzt, geboren 1976, seit 2012 in keinen sozia­len Netz­wer­ken auf­zu­fin­den. Das Recher­che­team geht davon aus, dass er zu diesem Zeit­punkt dem FSB bei­getre­ten ist.

Diese Drei sollen eine wich­tige Rolle bei der Ver­gif­tung Nawal­nys gespielt haben. Sie waren – wie auch der Poli­ti­ker – im August, teils im selben Flug­zeug, nach Nowo­si­birsk und Tomsk gereist.

Kon­stan­tin Kudrjaw­zew, Deck­name Kon­stan­tin Sokolow, Che­mie­waf­fen­spe­zia­list, geboren 1979. Er diente in der Mili­tär­ein­heit in Schich­any, einer zu Sowjet­zei­ten geschlos­se­nen Stadt, in der in den 1970ern das Ner­ven­gift Nowit­schok ent­wi­ckelt worden war.

Oleg Tajakin, Deck­name Oleg Taras­sow, Arzt, geboren 1980, arbei­tet am Insti­tut für Kri­mi­na­lis­tik des FSB und gilt offen­bar als Koor­di­na­tor des Gift­an­schlags. Das Insti­tut wurde 1977 vom FSB-Vor­­gän­ger, dem sowje­ti­schen KGB, gegrün­det und gilt als das beste foren­si­sche Labor des Landes. Über­läu­fer in den Westen brach­ten zu Sowjet­zei­ten das Insti­tut mit Morden an west­li­chen Diplo­ma­ten und Exil-Oppo­­si­­ti­o­­nel­len in Verbindung.

Alexej Kri­woscht­scho­kow, geboren 1979, arbei­tete vor seiner Tätig­keit für den FSB beim rus­si­schen Verteidigungsministerium.

Michail Schwez, Deck­name Michail Ste­panow, geboren 1977, gemel­det an der Adresse für das „Zentrum für Spe­zi­al­ope­ra­tio­nen des FSB“.

Sta­nis­law Mak­scha­kow, von Nawalny Oberst genannt, 1966 geboren. Der Mili­tär­wis­sen­schaft­ler soll früher eben­falls in einem Labor in Schich­any gear­bei­tet haben. Heute ist er offen­bar am „Zentrum für Spe­zi­al­tech­nik des FSB“ ange­stellt. Er gilt als Kopf des Kommandos.

Invol­viert waren offen­bar auch Kirill Was­sil­jew, der Chef des Insti­tuts für Kri­mi­na­lis­tik des FSB, und der FSB-General Wla­di­mir Bogd­anow, der das Zentrum für Spe­zi­al­tech­nik leitet.

Das Recher­che­team doku­men­tiert eine inten­sive Kom­mu­ni­ka­tion mit ver­schie­de­nen FSB-Insti­­tu­ten und eine ebenso inten­sive Rei­se­tä­tig­kei­ten mancher FSB-Offi­­ziere, die sich mit den Reisen Nawal­nys decken. Die Zufälle sind so frap­pant, dass es kaum mehr Zufälle sein können.

Der Mar­gi­nale

Nawalny ver­weist erst­mals auch auf zwei Vor­fälle, die er mit frü­he­ren Ver­su­chen, ihn und auch seine Frau Julia zu ver­gif­ten, ver­knüpft. Ver­mut­lich war auch damals, im Gebiet Kali­nin­grad im Juli 2020 und auf einem Flug Nawal­nys 2019 etwas schief­ge­lau­fen. Auch damals sollen einige der besag­ten FSB-Offi­­ziere vor Ort gewesen sein. Auch Tele­fon­ver­bin­dun­gen deuten darauf hin, dass es stän­di­gen Kontakt zwi­schen den Mit­glie­dern des Spe­zi­al­kom­man­dos gegeben haben muss. Bel­ling­cat doku­men­tiert 37 Reisen Nawal­nys und par­al­lel dazu teils meh­re­rer Geheim­dienst­ler aus dieser Gruppe.

Offi­zi­ell gilt Nawalny, der wie kaum ein anderer Oppo­si­tio­nel­ler Anhän­ger im ganzen Land mobi­li­siert und durch sein Netz­werk an enthu­si­as­ti­schen Mit­ar­bei­tern in der Provinz mitt­ler­weile auch die lokale Politik auf­mischt, als unbe­deu­ten­der Blogger und Auf­wieg­ler, der in der Mar­gi­na­li­tät ver­sinkt. Poli­tisch darf der Jurist wegen seiner Vor­stra­fen – nach poli­tisch moti­vier­ten Pro­zes­sen – nichts werden. Wie ernst der Kreml Nawalny dennoch nimmt, zeigt der Aufwand, der seit Jahren von staat­li­chen Stellen samt hoch­spe­zia­li­sier­ten Labors betrie­ben wird, um dem Oppo­si­tio­nel­len auf Schritt und Tritt zu folgen. Die Beschat­tung durch den FSB hat bei seiner jähr­li­chen Pres­se­kon­fe­renz schließ­lich auch Putin zuge­ge­ben. Mit einer bizar­ren Erklä­rung: Diese gelte zu Nawal­nys Schutz, da CIA-Agenten Nawalny beschat­te­ten, weil dieser ohnehin den Diens­ten fremder Mächte andiene. Der FSB könne gar nicht erst hinter seiner Ver­gif­tung stecken. Wie auch? „Wenn wir gewollt hätten, dann hätten wir es auch zu Ende gebracht“, so die abwie­gelnde Antwort des Prä­si­den­ten. Und über­haupt: Die Recher­che sei keine Recher­che von Jour­na­lis­ten, sondern einfach ein Leak west­li­cher Geheim­dienste. Ermitt­lun­gen, wie und warum ein rus­si­scher Bürger auf rus­si­schem Gebiet ver­gif­tet werden konnte, schließt der rus­si­sche Staat bislang aus. Es dürfte dabei bleiben.

Textende

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