On the road: Litaui­sche Ver­wer­fun­gen

Photo by DAVID ILIFF. License: CC-BY-SA 3.0

Marko Martin, Schrift­stel­ler auf Reisen, wirft ein Schlag­licht auf den schwie­ri­gen Umgang Litau­ens mit der Schre­ckens­ge­schichte des 20. Jahr­hun­derts. Die bal­ti­schen Länder waren wie Polen oder die Ukraine Opfer der Gewalt­or­gien von Natio­nal­so­zia­lis­mus und Sta­li­nis­mus; gleich­zei­tig waren Teile ihrer Bevöl­ke­rung als Mit­tä­ter in den Holo­caust ver­strickt. Nachdem die Aus­ein­an­der­set­zung mit dieser kom­ple­xen Ver­gan­gen­heit über Jahr­zehnte sowje­ti­scher Herr­schaft quasi ein­ge­fro­ren war, kommt sie jetzt mühsam in Gang. Sie ist Teil einer viel­fach ver­wo­be­nen euro­päi­schen Geschichte, die nicht zwi­schen West und Ost auf­ge­spal­ten werden kann.

Vor hundert Jahren hätte Vilnius beinahe einen deut­schen König bekom­men. Als dort am 16.Februar 1918 nach über einem Jahr­hun­dert rus­si­scher Ober­herr­schaft das unab­hän­gige Litauen aus­ge­ru­fen wurde, wollte das wil­hel­mi­ni­sche Deutsch­land, Besat­zungs­macht im Ersten Welt­krieg, einen neuen Satel­li­ten­staat instal­lie­ren lassen. Reprä­sen­ta­ti­ons­fi­gur sollte Herzog Wilhelm von Urach werden, der unter dem Namen Mind­augas II. im Juli 1918 vom litaui­schen Lan­des­rat gewählt wurde. Die Herr­schaft des Würt­tem­ber­gers blieb jedoch Inter­mezzo; der Schrift­stel­ler Arnold Zweig widmete dieser Kabale den sei­ner­zeit berühm­ten Roman „Ein­set­zung eines Königs“.

Aus­län­di­sche Wis­sen­schaft­ler schrei­ben die Geschichte

Die Geschichte der fast voll­stän­di­gen Aus­lö­schung der litaui­schen Juden durch die nazi­deut­schen Besat­zer und mit Hilfe zahl­rei­cher ein­hei­mi­scher Kol­la­bo­ra­teure ist eher in his­to­ri­schen Werken zu finden – geschrie­ben von aus­län­di­schen Wis­sen­schaft­lern. 1984 ver­öf­fent­lichte der israe­li­sche Dra­ma­ti­ker Joshua Sobol sein Stück „Ghetto“, das das mora­li­sche Dilemma der vor ihrer Ver­nich­tung auf engsten Raum zusam­men­ge­trie­be­nen Juden the­ma­ti­siert. Einige der dama­li­gen Ent­schei­dungs­trä­ger hatten mit den Deut­schen zusam­men­ge­ar­bei­tet – um so viel wie möglich Men­schen­le­ben zu retten, was letzt­end­lich jedoch nur bedeu­tete: Deren Ermor­dung um ein paar Monate oder Wochen zu ver­zö­gern. Urauf­füh­rung hatte das Stück damals unter Peter Zadek in der West­ber­li­ner Volks­bühne, die tra­gi­sche Figur des (1943 schließ­lich eben­falls erschos­se­nen) Ghetto-Chefs Jacob Gens spielte Michael Degen, der wie­derum als jüdi­sches Kind jene Jahre in einer Ber­li­ner Lau­ben­ko­lo­nie über­lebt hatte.

Jeru­sa­lem des Nordens

Bei einem heu­ti­gen Strei­fen durch jene Straßen von Vilnius, die früher das jüdi­sche Viertel beher­bergt und den Ruf der Stadt als „Jeru­sa­lem des Nordens“ begrün­det hatten, fragt sich der Besu­cher, ob anläss­lich des Staats­ju­bi­lä­ums nicht auch daran erin­nert werden sollte – als not­wen­di­ger Teil einer viel­fach mit­ein­an­der ver­wo­be­nen euro­päi­schen Geschichte, die sich nicht auf Ost-versus-West ver­kür­zen lässt. Wie­der­zu­ent­de­cken wäre dabei auch der fran­zö­si­sche Schrift­stel­ler und zwei­fa­che Prix Gon­court-Preis­trä­ger Romain Gary, der 1914 als Roman Kacew in Wilna (dem heu­ti­gen Vilnius) geboren wurde und 1943 mit „Èdu­ca­tion euro­péenne“ einen der ersten Romane über die Nazi-Ver­bre­chen in Litauen schrieb; Jean-Paul Sartre hielt sei­ner­zeit das noch heute eminent lesbare Buch für eines der wich­tigs­ten der Epoche. Immer­hin: Inzwi­schen erin­nert in der Bas­a­na­vicius-Straße eine Statue an Gary, die den welt­be­rühm­ten Roman­cier als kleinen Wilnaer Jungen zeigt. Eine sym­pa­thi­sche Geste, doch viel­leicht auch unfrei­wil­lig typisch für die offi­zi­elle Gedenk­kul­tur eines Landes, die auch fast drei Jahr­zehnte nach dem Ende der sowje­ti­schen Besat­zung zu einer gewis­sen Selbst­ge­nüg­sam­keit zu neigen scheint.

Nur langsam dringen die Ver­bre­chen ins kol­lek­tive Gedächt­nis

Zum Glück gibt es auch Gegen­läu­fi­ges. So ver­sucht etwa der litaui­sche Intel­lek­tu­elle Vic­to­ras Bach­met­je­vas seit Jahren, seine Lands­leute dafür zu inter­es­sie­ren, dass Emma­nuel Lévinas nicht nur – wie es gern erwähnt wird – 1906 in einer jüdi­schen Familie in der Stadt Kaunas geboren wurde, sondern spä­ter­hin in Frank­reich als Moral­phi­lo­sph zahl­rei­che Intel­lek­tu­elle prägte. Der Regis­seur Marius Ivaske­vicius kon­ze­diert, dass die ein­hei­mi­sche Betei­li­gung am Holo­caust längst nicht mehr geleug­net werde. Langsam dringt ins Bewusst­sein, das auch dies Teil der natio­na­len Geschichte ist. Noch immer aber sei das Geden­ken sepa­riert: Die Erin­ne­rung an die über hun­dert­tau­send litaui­schen Opfer der sta­li­nis­ti­schen Mas­sen­de­por­ta­tio­nen finde kein wirk­li­ches Pendant in der Ver­ge­gen­wär­ti­gung des Holo­caust. Litau­ens pro­mi­nen­tes­ter Lyriker Euge­ni­jus Ali­sanka, 1960 in Sibi­rien als Sohn von Zwangs­de­por­tier­ten geboren, führt das auf die Wir­kungs­macht eines Nar­ra­tivs zurück, das Juden und Litauer nach wie vor als etwas Getrenn­tes wahr­nimmt.

Die Litauer meiden ihr „Holo­caust-Museum“

Dabei exis­tiert in Vilnius längst ein moder­nes Museum, das an die hiesige Tra­di­tion der jüdi­schen Auf­klä­rung erin­nert. Die Guides im viel klei­ne­ren, auf einem Hügel­chen gele­ge­nen „Holo­caust-Museum“ sind aller­dings junge Öster­rei­cher, die hier mit viel Enga­ge­ment ihr sozia­les Jahr ableis­ten – „weil im Nach­kriegs-Öster­reich unzäh­lige Nazis, die in Litauen gewütet hatten, straf­frei davon gekom­men waren“. Doch ledig­lich zwei (sic!) litaui­sche Schul­klas­sen hatten das Haus im letzten Jahr besucht. In die ehe­ma­lige KGB-Zen­trale, die an die sta­li­nis­ti­sche Repres­sion erin­nert, strömen der­wei­len ungleich mehr Besu­cher – par­ti­ell ver­ständ­lich ange­sichts der Tat­sa­che, dass es in nahezu jeder litaui­schen Familie Opfer gab. Umge­kehrt sind diese Ver­bre­chen im kol­lek­ti­ven Gedächt­nis des Westens bis heute nahezu inexis­tent.

Reges Geden­ken an Opfer der sta­li­nis­ti­schen Repres­sion

Dennoch ist es irri­tie­rend, dass das Haus den Namen „Genozid-Museum“ trägt. Wäre, so fragt man sich, das hun­dertste Jubi­läum der Staats­grün­dung nicht der beste Anlass zu öffent­li­chen Debat­ten, die jen­seits von kalt­her­zi­ger Rela­ti­vie­rung an den Fakt erin­nern, dass man als „bür­ger­li­cher Litauer“ aus sowje­ti­scher Ver­ban­nung mit­un­ter zurück­keh­ren konnte, als litaui­scher Jude unter den Nazis dagegen nicht die geringste Über­le­bens­chance hatte? Der in Litauen gebo­rene pol­ni­sche Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger Czeslaw Milosz und sein 1977 in die USA zwangsexi­lier­ter Dich­ter­freund Tomas Venclova haben eine solche Dis­kus­sion bereits vor Jahr­zehn­ten ange­mahnt. Es wäre in Litau­ens urei­ge­nem Inter­esse, käme sie nun endlich in Schwung.

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