Das Ende des Autos, wie wir es kannten

© Shut­ter­stock

Der Verbren­nungs­motor weicht der Batterie, der Fahrer­sitz wird zur Fern­seh­couch: Das Zeitalter des brum­menden, analogen und privaten Autos neigt sich dem Ende zu. Die deutsche Auto­mo­bil­branche hat jahr­zehn­te­lang den Markt dominiert. Aber sie droht den Anschluss zu verlieren.

Abgas­grenz­werte, Diesel­krise, Fahr­ver­bote: Kaum ein Tag vergeht, in der die Auto­mo­bil­in­dus­trie keine Schlag­zeilen macht. Und das völlig zu Recht: Die Auto­her­steller haben tiefe Kratzer im Quali­täts­siegel „Made in Germany“ hinter­lassen. Das Vertrauen in die Branche ist erschüt­tert, Absatz­zahlen beim Diesel sinken – und die Bundes­re­gie­rung ist planlos. Maßnahmen wie eine „Blaue Plakette“ oder Hardware-Nach­rüs­tungen wurden immer verwei­gert. Erst jetzt, wo zahl­reiche Städte zu Fahr­ver­boten verdon­nert werden, merkt sie: der poli­ti­sche Mummen­schanz ist nicht länger tragbar. Es müssen Lösungen her. Dementspre­chend werden jetzt Hardware-Lösungen diskutiert. 

Portrait von Roderick Kefferpütz

Roderick Kefferpütz ist stell­ver­tre­tender Leiter des Grund­satz­re­fe­rats im Staats­mi­nis­te­rium Baden-Württemberg.

Zu viel Zeit wurde schon verspielt. Seit  Jahren steht die deutsche Auto­mo­bil­po­litik im Schatten der Diesel­krise. Sie schafft es nicht, sich von dieser Proble­matik zu lösen. Der Blick in den Rück­spiegel dominiert die Diskus­sion. Das ist politisch fahr­lässig. Denn die größte Heraus­for­de­rung der deutschen Auto­mo­bil­in­dus­trie liegt nicht in der Vergan­gen­heit, sondern unmit­telbar vor ihr.

Die Auto­mo­bil­in­dus­trie steht vor einer tech­no­lo­gi­schen Zäsur. Das Zeitalter des brum­menden, analogen und privaten Autos als isoliertes Fort­be­we­gungs­mittel neigt sich dem Ende zu. Es wird ersetzt durch das summende, digitale und vernetzte Auto. Der Verbren­nungs­motor weicht alter­na­tiven Antriebs­formen, wie der Elek­tro­mo­bi­lität und Brenn­stoff­zelle. Das Autoblech wird intel­li­gent – ausge­stattet mit zahl­rei­chen Sensoren, Kameras und Bord­elek­tronik wird es zum selbst­fah­renden Iphone auf Rädern. Durch carsha­ring-Modelle werden Autos zudem künftig geteilt.

Fahrzeit wird zur Freizeit

Zahl­reiche tech­no­lo­gi­sche Durch­brüche und Inno­va­tionen verändern das Auto. Sie werden getrieben von umwelt­po­li­ti­schen, wirt­schaft­li­chen und kultu­rellen Gege­ben­heiten. Immer mehr Städte, etwa Paris und Madrid, planen Verbote für Verbren­nungs­mo­toren. Immer mehr Staaten, von China über Frank­reich bis hin zu Groß­bri­tan­nien, verhängen Elek­tro­quoten, schärfere Emis­si­ons­grenz­werte oder Auslauf­daten für den Verbren­nungs­motor. Die Wende zum post-fossilen Auto ist ökolo­gisch geboten. Wer hier zu spät kommt, den bestraft der Markt.

Immer mehr junge Menschen zahlen lieber für gefahrene Kilometer als für ein Auto, dass den Großteil der Zeit rumsteht. Es geht darum, Autos zu nutzen, nicht zu besitzen. Zukunftig wird es wahr­schein­lich nicht mehr um das Fahr­ver­gnügen gehen, sondern um das Vergnügen beim Fahren – und um die Frage, welche Enter­tain­ment-Programme im Auto zur Verfü­gungen stehen. Wenn im Zeitalter des autonomen Fahrens die Fahrzeit zur Freizeit wird, dann wird der Fahrer­sitz zur Fern­seh­couch, sagt der Vodafone-Deutsch­land-Chef Hannes Ametsreiter.

Die Auto­mo­bil­märkte verändern sich rasant. Jahr­zehn­te­lang hat die deutsche Auto­mo­bil­in­dus­trie den Markt dominiert und die Spiel­re­geln bestimmt. Aber das Spiel hat sich geändert. Nun droht der deutschen Auto­mo­bil­branche der Rückstand. Sie haben neue tech­no­lo­gi­sche Entwick­lungen und Vermark­tungen an sich vorbei­ziehen lassen. Mit ihren Inno­va­tionen beim Verbren­nungs­motor hat sie sich in den letzten 15 Jahren in eine Richtung entwi­ckelt, die sich nun als tech­no­lo­gi­sche Sackgasse entpuppt. Mit den Tech­no­lo­gien des 20. Jahr­hun­derts erobert man nicht die neuen Märkte des 21. Jahr­hun­derts. Die Strategie der deutschen Autobauer ist in sich zusam­men­ge­bro­chen. Benötigt werden nun neue Stra­te­gien und ein konse­quentes Umsteuern.

Die deutschen Autobauer sind Opfer ihres eigenen Erfolgs

Das wird nicht einfach. Denn die Auto­mo­bil­branche befindet sich im Kodak-Paradox. Das Foto­film­un­ter­nehmen Kodak besaß die Kompetenz, sich der digitalen Kamera zu stellen – aber das Manage­ment entschloss sich dagegen. Eine konse­quente Verfol­gung der Digi­ta­li­sie­rung hätte schließ­lich das bestehende, analoge Geschäft in Gefahr bringen können. Ähnlich ist es bei den deutschen Auto­mo­bil­her­stel­lern. Ihre Bilanzen sind abhängig vom Diesel. Verkaufen sie mehr Elek­tro­autos, geht dies mögli­cher­weise auf Kosten ihres Diesel-Absatzes. Sie kanni­ba­li­sieren ihr eigenes Geschäft und sind Opfer ihres Erfolges. Trotzdem darf die Auto­in­dus­trie nicht in ihren einge­fah­renen Spuren weiterrollen.

Der Wandel ist unum­gäng­lich. Die Konkur­renz schläft nicht. Neue Hersteller, Fahr­zeug­dienst­leister, Start-ups und IT-Unter­nehmen treten in den Markt ein, um mit Mobilität Geld zu verdienen. Tesla hat das Elek­tro­auto zum Kult­artikel gemacht. Die Deutsche Post ist mit ihrem Elek­tro­trans­porter auf eine Goldader gestoßen. Ameri­ka­ni­sche und chine­si­sche Tech­no­logie-Titanen wollen das Auto neu erfinden, während Platt­formen wie Uber und Didi Chuxing mit ihren Geschäfts­mo­dellen Mobilität per Touch­screen verkaufen.

Bei den drei großen Trends – Elek­tri­fi­zie­rung, Digi­ta­li­sie­rung und Vernet­zung – hängt Europa hinterher. Die Batterie ist unsere Achil­les­ferse. Asien hat die Nase bei der stra­te­gi­schen Batte­rie­ent­wick­lung und damit der Elek­tro­mo­bi­lität vorne. China baut sich gerade eine stra­te­gi­sche Kernrolle bei der Batte­rie­pro­duk­tion auf. Asia­ti­sche Batte­rie­her­steller erhöhen die Preise. Und bei der Digi­ta­li­sie­rung und Vernet­zung haben die IT-Giganten und Mobi­li­täts­dienst­leister aus Ost und West einen Erfahrungsvorsprung.

Baden-Würt­tem­berg ist die deutsche Vorzeigeregion

Die Wett­be­werb­ver­hält­nisse auf den Straßen verschieben sich. Es steht viel auf dem Spiel – es geht um Tech­no­lo­gie­füh­rer­schaft, Wirt­schafts­kraft, Arbeits­kräfte und Klima­schutz. Der Ausgang dieses inter­na­tio­nalen Rennens ist aber noch offen. Ein Comeback der deutschen Autobauer ist nötig, um den verspielten Vorsprung zurück­zu­ge­winnen. In der deutschen Auto­mo­bil­branche hat langsam der notwen­dige Sinnes­wandel statt­ge­funden. Sie verlässt allmäh­lich ihre Starrheit. Volks­wagen will bis zum Jahre 2020 150.000 Elek­tro­fahr­zeuge produ­zieren. Porsche und Audi wollen bis zum Jahre 2030 rund 72 Milli­arden in die Elek­tro­mo­bi­lität investieren.

Aber dieser gewaltige Umbruch in der Auto­mo­bil­in­dus­trie kann nicht im Allein­gang über­standen werden. Der Wandel beschäf­tigt alle: Politik, Wirt­schaft, Wissen­schaft, Arbeit­nehmer und Zivil­ge­sell­schaft. Die Größe der Aufgabe und die Komple­xität der Heraus­for­de­rung verlangen über­grei­fendes Denken und gemein­same Anstren­gungen. Dafür sind neue Formate notwendig, um die rele­vanten Akteure zusammenzubringen.

Baden-Würt­tem­berg ist hier Vorzei­ge­re­gion. Die grün-schwarze Koalition hat als erste Landes­re­gie­rung überhaupt einen insti­tu­tio­na­li­sierten Stra­te­gie­dialog zur Auto­mo­bil­wirt­schaft etabliert, der alle Player an einen Tisch bringt. In sechs Hand­lungs­fel­dern, von der Produk­tion und Forschung über die Digi­ta­li­sie­rung bis hin zu ener­gie­po­li­ti­schen Fragen, wird die Trans­for­ma­tion der Auto­mo­bil­wirt­schaft gemeinsam disku­tiert. Erste stra­te­gi­sche Weichen­stel­lungen, etwa bei der Batte­rie­pro­duk­tion, wurden bereits mit konkreten Initia­tiven unternommen.

Die Bundes­re­gie­rung zieht nun auch nach. Sie hat eine „Nationale Plattform zur Zukunft der Mobilität“ (NPM) gegründet, um Stra­te­gien zur Zukunft der bezahl­baren und nach­hal­tigen Mobilität zu erar­beiten. Bundes­wirt­schafts­mi­nister Peter Altmaier will außerdem Europas Batte­rie­pro­blem lösen. Erst vor Kurzem hat er bis 2021 eine Milliarde Euro für eine Batte­rie­zel­len­pro­duk­tion in Deutsch­land zur Verfügung gestellt. Erste Konsor­tien für dieses stra­te­gi­sche Vorhaben bilden sich. Nach langer Zeit fängt man endlich an, die Zukunft der Industrie zu gestalten – anstatt nur die Vergan­gen­heit zu bewäl­tigen. Die Chancen, dass die deutsche Auto­in­dus­trie in zehn Jahren noch zur Welt­spitze gehört, stehen bei 50 Prozent, sagt VW-Chef Herbert Diess. Es gibt keine Zeit zu verlieren.

Der Text gibt die per­sön­li­che Meinung des Autors wieder.

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