Zur Krise und Erneuerung des Libera­lismus – Ein Gespräch mit Yascha Mounk und Jaroslaw Kuisz

Foto: Tobias Kunz

Der Libera­lismus steckt in einer tiefen Krise – was sind deren Ursachen und wie lässt sich diese Krise überwinden und liberales Denken erneuern? Darüber disku­tierten der Politik­wis­sen­schaftler und Publizist Yascha Mounk  (u.a. Johns Hopkins University und Sciences Po) sowie der polnische Histo­riker, Publizist und LibMod-Fellow Jaroslaw Kuisz. Ausgangs­punkt war die Beobachtung, dass viele der politi­schen Gewiss­heiten, die um die Jahrtau­send­wende noch selbst­ver­ständlich schienen, heute brüchig geworden sind.

Die Illusion vom „Ende der Geschichte“

Mounk zeichnete zunächst ein persön­liches wie politi­sches Panorama: Als Student um das Jahr 2000 habe er – wie viele seiner Generation – an den Siegeszug der Globa­li­sierung, an den Bedeu­tungs­verlust des Natio­na­lismus und an die unauf­haltsame Ausbreitung liberaler Demokratie geglaubt. Diese Weltsicht sei jedoch in erstaunlich kurzer Zeit zerfallen. Ohne Weltkriege oder vergleichbare Katastrophen seien zentrale Annahmen der liberalen Ordnung durch Finanz­krisen, geopo­li­tische Konflikte, Migration, Pandemie und den Aufstieg populis­ti­scher Bewegungen erschüttert worden. Der Libera­lismus, so Mounk, stehe heute vor einer histo­ri­schen Bewährungsprobe.

Im Zentrum seiner Analyse stand eine selbst­kri­tische Diagnose und die Auffor­derung, auch die blinden Flecken liberalen Denkens in Augen­schein zu nehmen: Liberale Kräfte neigten dazu, sich weiterhin als natür­liche Vertreter der Zukunft zu begreifen, während sie von großen Teilen der Bevöl­kerung längst als abgehoben und reali­tätsfern wahrge­nommen würden. Populis­tische Bewegungen wirkten auf viele Bürger deshalb nicht moder­ni­täts­feindlich, sondern insze­nierten sich im Gegenteil oft erfolg­reich als dieje­nigen, die „im Jahr 2026“ angekommen seien und aktuelle Sorgen der Menschen artiku­lierten. Der Libera­lismus dagegen drohe, in den Denkmustern der Vergan­genheit zu verharren.

Ein wesent­licher Kritik­punkt Mounks betrifft die soziale Zusam­men­setzung liberaler Milieus. Er sprach von einer Dominanz einer „profes­sionell-manage­rialen Klasse“, die zwar gut ausge­bildet, kosmo­po­li­tisch und kompetent sei, die aber zunehmend den Kontakt zu großen Teilen der Gesell­schaft verliere. Diese Gruppe habe in den vergan­genen Jahrzehnten enorme Macht und kultu­rellen Einfluss gewonnen, ohne die selbst gesteckten Versprechen – etwa soziale Mobilität und wirtschaft­liche Sicherheit – vollständig einzu­lösen. Daraus erwachse Frustration, die sich politisch entlade.

Politi­scher Libera­lismus versus perfek­tio­nis­ti­scher Liberalismus

Zentraler Ausgangs­punkt von Mounks Argumen­tation war die Unter­scheidung zwischen zwei Formen des Libera­lismus: Zum einen gebe es den politi­schen Libera­lismus, der sich auf Grund­rechte, Rechts­staat­lichkeit und die Freiheit beschränke, unter­schied­liche Lebens­ent­würfe neben­ein­ander zu ermög­lichen. Zum anderen existiere ein perfek­tio­nis­ti­scher Libera­lismus, der implizit bestimmte Lebens­weisen – kosmo­po­li­tisch, akade­misch, säkular – bevorzuge und andere abwerte. Mounk formu­lierte dies so: „Politi­scher Libera­lismus bedeutet, dass der Staat nur die Spiel­regeln festlegt und niemandem vorschreibt, wie ein gelun­genes Leben aussieht. Perfek­tio­nis­ti­scher Libera­lismus hingegen tut so, als sei er neutral, bevorzugt aber in Wahrheit Menschen, die so leben wie wir selbst.“ Diese Spannung, so seine These, werde von vielen Bürgern als Ausgrenzung erfahren und unter­grabe die Glaub­wür­digkeit liberaler Politik.

Jaroslaw Kuisz griff diesen Gedanken auf und ergänzte ihn um eine osteu­ro­päische Perspektive: Auch dort, so der Histo­riker, sei der Libera­lismus zunehmend unter Druck geraten, weil er als Projekt einer urbanen, gebil­deten Elite wahrge­nommen werde. Gleich­zeitig warnte Kuisz davor, populis­tische „Korrek­turen“ roman­tisch zu verklären. Vielmehr gehe es darum, liberalen Prinzipien wieder gesell­schaft­liche Breite und emotionale Bindung zu verleihen.

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Eine neue, liberale Zukunftserzählung

Wie also kann eine Erneuerung des Libera­lismus konkret aussehen? Mounk zeigte sich hier bewusst zurück­haltend. Zwar gebe es kurzfristig pragma­tische Rezepte, um Wahlen zu gewinnen oder populis­tische Extreme einzu­hegen. Doch für eine langfristige Stabi­li­sierung reichten taktische Manöver allein nicht aus. Notwendig sei eine neue große Erzählung, die wieder Mehrheiten von 70 oder 80 Prozent ansprechen könne.

Dabei lenkte Mounk den Blick besonders auf Europa: Der Kontinent habe sich zu sehr mit einem Szenario des schlei­chenden Nieder­gangs abgefunden. Eine Zukunft, in der alles „ein bisschen schlechter“ werde, existiere jedoch nicht. Entweder Europa erneuere sich grund­legend – techno­lo­gisch, wirtschaftlich und geopo­li­tisch – oder es werde zwischen den Macht­blöcken der USA und Chinas zerrieben. Der Libera­lismus brauche deshalb wieder eine positive Zukunfts­vision, die Fortschritt und Sicherheit verbinde. In Mounks Worten: „Der Libera­lismus kann nur überleben, wenn er wieder eine überzeu­gende Vorstellung davon entwi­ckelt, wie eine bessere Zukunft aussieht – eine, die Wohlstand schafft, techno­lo­gische Innovation ermög­licht und den Menschen das Gefühl gibt, Teil eines gemein­samen Projekts zu sein.“

Ein zentraler Bestandteil dieser Vision sei der Mut zur Gestaltung: Inves­ti­tionen in Bildung, Forschung und neue Techno­logien, der Aufbau leistungs­fä­higer europäi­scher Univer­si­täten und ein innova­ti­ons­freund­liches Umfeld für Start-ups. Zugleich müsse der Libera­lismus lernen, kultu­relle und soziale Unter­schiede wieder stärker zu tolerieren, statt sie normativ zu bewerten. Nicht Liebe oder Zustimmung zu allen Lebens­ent­würfen sei erfor­derlich, sondern Respekt und Koexistenz.

Libera­lismus als gesell­schaft­liche Praxis

Auch in der anschlie­ßenden Diskussion mit dem Publikum wurde deutlich: Die Krise des Libera­lismus liegt weniger in seinen Grund­werten als in seiner gesell­schaft­lichen Praxis. Sowohl Yascha Mounk als auch Jaroslaw Kuisz plädierten für eine schonungslose Selbst­kritik und eine imagi­native Erneuerung liberalen Denkens. Ohne neue Erzäh­lungen, die soziale Gerech­tigkeit, kultu­relle Vielfalt und wirtschaft­lichen Fortschritt beinhalte, drohe der Libera­lismus weiter an Binde­kraft zu verlieren. Mit einer glaub­wür­digen Zukunfts­vision jedoch könne er erneut zur tragenden Ordnungsidee demokra­ti­scher Gesell­schaften werden.

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