Zwischen Kohleboom und Solar­re­korden: Chinas Klimaparadoxon

Foto: imago

Chinas rasante Moder­ni­sierung ist mit einer gigan­ti­schen Kohle­kraft­werks­flotte befeuert worden. Infol­ge­dessen ist China das Land mit den weltweit mit Abstand höchsten CO2-Emissionen. Zugleich ist China mittler­weile Markt­führer bei vielen wichtigen „grünen“ Techno­logien. Lukas Daubner und Rena Barghusen fassen die Diskussion unseres hochrangig besetzten Strate­gie­kreises Klima­trans­for­mation zusammen.

Lange Zeit schaute die Welt ausschließlich sorgenvoll auf den „Klima­sünder“ China. Noch immer ist die Volks­re­publik der größte CO2-Emittent der Welt und liegt beim Pro-Kopf-Ausstoß deutlich über dem EU-Schnitt. China erzeugt nach wie vor etwa die Hälfte des Stroms mit Kohle und baut trotz der angestrebten Klima­neu­tra­lität im Jahr 2060 noch viele neue Kohle­kraft­werke, wenn auch zum Teil als Ersatz für alte Anlagen oder als Backup für grünen Strom. Auch die Ölimporte steigen.

Inzwi­schen gibt es aber eine bemer­kens­werte Entwicklung Chinas hin zum Weltmarkt­führer „grüner“ Techno­logien. Das Land erzielt den mit Abstand größten Ausbau erneu­er­barer Energien weltweit. 2024 hat China eine Rekord­menge von 277 Gigawatt Solar- und 79 Gigawatt Windenergie instal­liert und so sein 2030-Ausbauziel für Erneu­erbare Energien sechs Jahre früher erreicht. Die Entwicklung ist rasant: Noch 2014 erzeugte die Volks­re­publik weniger Solar­strom als die USA oder die EU, während es heute fast dreimal so viel ist. Hinzu kommen enorme Kapazi­täts­zu­bauten bei Wind- und Wasser­kraft. Und auch beim Ausbau der Kapazi­täten von Kataly­sa­toren für die Wasser­stoff­pro­duktion holt China schnell auf.

Rasanter Anstieg erneu­er­barer Energien und E‑Autos

Ende September 2025 hatten erneu­erbare Energien einen Anteil von etwa 59,1 Prozent an der insgesamt in China instal­lierten Kapazität zur Strom­erzeugung. Laut chine­si­schen Quellen wird der Höhepunkt des Energie­ver­brauchs aus Kohle bereits 2027 erreicht, aus Öl möglich­weise bereits in 2026.

Im Bereich Elektro­mo­bi­lität dominieren chine­sische Hersteller den Weltmarkt. So kommen bei den weltweiten Neuzu­las­sungen 2024 bereits sechs von zehn Herstellern aus China. Aktuell liegt der führende chine­sische Hersteller BYD, trotz eines leichten Rückgangs der Absatz­zahlen im September, immer noch deutlich vor US-Konkurrent Tesla. Insgesamt haben „grüne“ Techno­logien in China mittler­weile einen Anteil von 10 Prozent des Brutto­in­lands­pro­duktes und sind damit system­tragend geworden.

In Deutschland und der EU schaut man sehr genau auf diese Entwicklung, denn hier wird das Ziel der Klima­neu­tra­lität bis 2050 zunehmend als Problem wahrge­nommen: Indus­trien stecken in der Krise. Hohe Energie­kosten, die US-Zollpo­litik und ein schwä­chelnder Binnen­markt erschwert die nötigen Inves­ti­tionen in die Trans­for­mation. Im Wettlauf um die ursprünglich angestrebte Markt­füh­rer­schaft bei grünen Techno­logien wie Wärme­pumpen, E‑Autos oder Elektro­ly­seuren verlieren deutsche und europäische Anbieter zunehmend gegen die chine­sische Konkurrenz.

In der Folge herrscht Verun­si­cherung und die Stimmen nach einem Aufweichen der Klima­ziele und Reformen des EU-ETS werden lauter.

China dagegen wird dem Vernehmen nach im anste­henden 5‑Jahresplan 2026–2030 wahrscheinlich den Bereich E‑Autos nicht weiter priori­sieren, da hier Dominanz bereits erreicht ist. Statt­dessen könnten Schwer­punkte auf Quantum-Techno­logie, Kernfusion, Bio-Techno­logie und Wasser­stoff als Energie­träger gesetzt werden.

Ist das chine­sische Modell auf Dauer tragfähig?

Chinas Vorgehen ist von folgenden Strategien gekennzeichnet:

  1. Grüne Techno­logien werden als Treiber der Moder­ni­sierung verstanden und der Klima­wandel wird als Sicher­heits­risiko ernst genommen. Zudem werden Vorteile der Substi­tution fossiler Energien wie die Reduktion von Smog und anderen Umwelt­be­las­tungen hervor­ge­hoben. Auch ist es Ziel der chine­si­schen Führung, die Eigen­ver­sorgung zu sichern und damit Abhän­gig­keiten zu verringern. Der neue Genera­tio­nen­vertrag lautet: Jetzt werden sehr hohe Schulden aufge­nommen, um zukünftig aus diesen heraus­wachsen zu können.
  2. Strate­gische Planung. Das chine­sische Regime strebt mit langem Atem die Dominanz bei Techno­logien an, die als Schlüs­sel­tech­no­logien des 21. Jahrhun­derts identi­fi­ziert werden. In diesen Bereichen werden Forschung und Entwicklung massiv gefördert. Verwandte Techno­logien werden strate­gisch verzahnt und massive staat­liche Ressourcen aufge­wandt. Im inner­chi­ne­si­schen Wettbewerb werden die Unter­nehmen mit den besten Techno­logien und günstigsten Kosten heraus­ge­filtert. Parallel zu den hierar­chisch-zentra­lis­ti­schen Entschei­dungen und Vorgaben besteht ein subsi­diäres System, das den Lokal­re­gie­rungen viel Spielraum bei der Umsetzung der Pläne einräumt.
  3. Der Finanz- und Kapital­markt in China funktio­niert anders und stellt keine kurzfris­tigen Rendi­te­er­war­tungen. Hinzu kommt Chinas sorglo­serer Umgang mit Subven­tionen. In einem Staat, in dem organi­sierter Protest kaum möglich ist, können Sektoren einfach aufgebaut und einzelne Betriebe wieder fallen gelassen werden. So wurden chine­sische Elektro­au­to­her­steller erst massiv subven­tio­niert sowie protek­tio­niert und anschließend der Konkur­renz­druck erhöht. Es besteht eine eigen­tüm­liche Mischung aus Planwirt­schaft und Raubtier­ka­pi­ta­lismus, auf die Deutschland und die EU bisher keine Antwort finden.
  4. Es besteht ein Bewusstsein dafür, dass der riesige Binnen­markt ein Entwick­lungs­vorteil für die neuen Techno­logien ist. Damit werden enorme Skalen­ef­fekte möglich, die die Eroberung der Weltmärkte ermög­lichen. China produ­ziert bewusst erheb­liche Überka­pa­zi­täten, die in Ländern beispiels­weise in Süd-Ost-Asien, Afrika oder Südamerika „grüne“ Techno­logien voran­bringen. Auch strate­gische Übernahmen von Unter­nehmen werden angestrebt, die in Deutschland und der EU zum Teil nicht gut geschützt und mit Know-How-Transfer nach China verbunden sind. Zudem werden die techno­lo­gi­schen und finan­zi­ellen Abhän­gig­keiten anderer Länder gezielt ausge­nutzt. Ein Beispiel ist der Aufkauf von Metall­schrott weltweit, um den Recycling-Markt z. B. in der EU zu unter­binden und Abhän­gigkeit zu verfes­tigen. Proble­ma­tisch ist auch, dass die Batterie- und PV-Produktion in Deutschland mittler­weile nur noch mit chine­si­scher Partner­schaft möglich ist.
  5. Die Dominanz im Bereich „grüner“ Techno­logien ist Bestandteil der neuen, aggres­siven Außen­po­litik Sie wird komple­men­tiert von einem enormen Aufrüsten der Streit­kräfte und immer wieder deutlich gemachten Macht­an­sprüchen gegenüber souve­ränen Staaten – etwa Taiwan. Finan­zielle Unter­stützung oder Zugang zu Techno­logien wird verknüpft mit Kontrolle über Infra­struk­turen anderer Staaten. Durch das Ausfallen der USA bei inter­na­tio­nalen Klima­schutz­ver­hand­lungen positio­niert sich China als neuer globaler Führer und zeigt diesen Anspruch deutlich bei unter­schied­lichen bi- oder multi­la­te­ralen Gipfel­treffen. Zugleich scheut China nicht davor, fossile Staaten wie Russland zu unterstützen.

Eine Wette auf Zeit

Ob dieses Vorgehen insgesamt aufgeht, ist eine Wette auf Zeit. Schließlich schwä­chelt das Wachstum in China. Gleich­zeitig herrscht eine hohe Jugend­ar­beits­lo­sigkeit und der rapide demogra­fische Wandel führt zu einer alternden und schrump­fenden Bevöl­kerung. Außerdem hat China im Vergleich zur EU eine schlechte Rohstoff­ef­fi­zienz. Aller­dings: der aggre­gierte Staats­haushalt Chinas ist unbekannt, was detail­liertere Einschät­zungen erschwert.

Die Entwicklung macht es unbedingt notwendig, den Blick auf Deutschland und die EU zu richten und zu disku­tieren, welche Lehren wir aus dem System­kon­flikt ziehen können und welche Strategien notwendig sind, um uns zu behaupten. Dabei gibt es viele offene Fragen. Schwächt die aktuell prakti­zierte Feinsteuerung das eigentlich starke Markt­modell? Sollen Techno­logien aktiv gefördert werden? Was ist eine angemessene Industrie- oder Sekto­ren­po­litik im globalen Wettbewerb mit staats­ka­pi­ta­lis­ti­schen Systemen? Wie können dringend benötigte Skalen­ef­fekte im großen EU-Binnen­markt reali­siert werden und wie kann die Planung der EU effizi­enter werden?

Diese Fragen müssen innerhalb der Mitglieds­staaten, aber auch in den EU-Insti­tu­tionen offen adres­siert und disku­tiert werden. Abhängig von den Antworten, und deren Umsetzung wird sein, wie die EU sich gegenüber dem modernen China positio­nieren kann.

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