Die reichen Erträge der Gleichheit

Der Exzellenzpreis unseres diesjährigen Essaywettbewerbs zum Verhältnis von „Wirtschaft und Demokratie“ geht an Armin Schäfer. Er meint: Autokratische Herrschaft lehnt rechtsstaatliche Prinzipien und marktwirtschaftlichen Regeln ab und erläutert, warum der Liberalismus egalitär sein muss.
Die 1990er-Jahre waren eine Zeit voller Hoffnung. Nach dem Ende des Kommunismus schien der Weg für eine weltweite Ausbreitung der Demokratie geebnet. Am prägnantesten ausgedrückt hat diese Hoffnung Francis Fukuyama. Gewonnen habe, so sein Argument in „The End of History“, die Idee der liberalen Demokratie. Weder Staatssozialismus noch Faschismus und schon gar nicht theokratische Herrschaft seien außerhalb kleiner Zirkel attraktive Gegenmodelle. Zwar habe sich die Demokratie noch nicht überall durchsetzen können, aber alle ideologischen Alternativen seien endgültig erschöpft. Wenn Fukuyama von „liberaler Demokratie“ spricht, schwingt in diesem „liberal“ zweierlei mit: das Vertrauen in Rechtsstaat und Gewaltenteilung – und der Glaube an die ordnende Kraft freier Märkte. Gegen alle ideologischen Rivalinnen habe sich dieses Doppelmodell von politischer und ökonomischer Freiheit durchgesetzt.
Heute zeigt sich jedoch: Vor allem der Markt ist zum unangefochtenen Sieger der Geschichte geworden. Kaum jemand zweifelt noch an seiner Überlegenheit gegenüber planwirtschaftlichen Alternativen – außer vielleicht im Kumsusan-Palast in Pjöngjang. Selbst in Russland und China, wo die Führungsclique die Demokratie rundheraus ablehnt, ist der Nutzen des Markts längst anerkannt.
Der Markt gewinnt ...
Doch mehr als drei Jahrzehnte nach dem Ende der Sowjetunion lässt sich nur schwer behaupten, dass freie Märkte zu demokratischen Gesellschaften führen. Noch so viel Handel hat in China zu keinem politischen Wandel geführt. Auch in den Ländern des Arabischen Frühlings hat sich die Demokratie als allzu zartes Pflänzlein erwiesen, das vielerorts den ersten Sturm nicht überlebt hat. Und selbst in ihren vermeintlichen Kernländern ist die Demokratie unter Druck. Nicht nur die mächtigste, sondern auch die größte Demokratie der Welt befinden sich in einem Autokratisierungssog, der Polarisierung und politische Gewalt erzeugt. Wie die jährliche Bestandsaufnahme des Varieties-of-Democracy-Projekts nachweist, entfernen sich seit Jahren mehr Länder von der Demokratie, als sich ihr annähern.
Die Erfolge marktwirtschaftlicher Öffnung sind auf den ersten Blick eindrucksvoll. Seit 1990 ist das weltweite Bruttoinlandsprodukt jährlich um 3,5 Prozent gewachsen, Millionen von Menschen sind absoluter Armut entkommen, und die Ungleichheit zwischen Ländern hat abgenommen, weil ärmere schneller als reichere Staaten gewachsen sind. Den Sieg der Märkte im Wettstreit ökonomischer Ideen belegen auch Umfragedaten des Berliner Exzellenzclusters Liberal Scripts. Die in zahlreichen Ländern durchgeführte Befragung zeigt eine breite Akzeptanz von Märkten bei gleichzeitig geringer Anziehungskraft von planwirtschaftlichen Alternativen.
Allerdings erfolgt diese Zustimmung eher zähneknirschend als begeistert, weil erwartet wird, dass der Staat gleichzeitig mehr tue, um die ökonomische Ungleichheit einzudämmen, wie die Daten des European Social Survey seit Jahren belegen. Diesem Wunsch der Bürgerinnen und Bürger kommen die Regierungen nicht nach. Der Global Wealth Report der Schweizer UBS-Bank zeigt, dass die reichsten 1,6 Prozent der Weltbevölkerung einen Anteil von 48 Prozent des weltweiten Vermögens besitzen. Die oberen 18 Prozent verfügen sogar über 87 Prozent des Vermögens. Auch die Zuwächse konzentrieren sich am oberen Ende, wie dort aufgezeigt wird, so dass die Vermögensungleichheit seit der Jahrtausendwende weiter angestiegen ist.
... auf Kosten der Demokratie
Grenzüberschreitende Märkte erzeugen unausweichlich ökonomische Ungleichheit, weil sie das Knappe und Überdurchschnittliche belohnen. Durch den weltweiten Wettbewerb haben sich die Marktchancen auseinanderentwickelt, während die Korrekturmöglichkeiten der einzelnen Länder schwächer geworden sind.
Im Silicon Valley werden KI-Fachleuten Gehälter gezahlt, die die Vorstandsvergütung in deutschen Industrieunternehmen knausrig erscheinen lassen. Gerade in der Netzwerkökonomie, in der wenige Firmen marktbeherrschend werden können, entsteht märchenhafter Reichtum, der auf opulenten Yachten und prunkvollen Hochzeiten zur Schau gestellt wird. Dies könnte man getrost als Thema für die Klatschspalten abtun, ginge mit der Konzentration von Kapital nicht eine Akkumulation ökonomischer und politischer Macht einher. Und diese Unterschiede beim Einkommen oder Vermögen sind für die Demokratie unmittelbar relevant, selbst wenn der Grundsatz gilt: one person, one vote.
Der amerikanische Philosoph Michael Walzer hat für den Unterschied ökonomischer und politischer Macht den Begriff der „Sphärentrennung“ geprägt. Eine gerechte Gesellschaft, so Walzer, kann damit leben, dass in Politik, Wirtschaft, Kunst oder Sport unterschiedliche Verteilungslogiken bestehen, solange sich die in einer Sphäre erworbenen Vorteile nicht automatisch in ungerechtfertigte Vorteile in einer anderen übersetzen: Solange mehr Geld keinen größeren politischen Einfluss erkauft, ist die Sphärentrennung intakt.
Das Problem: Die Trennmauer zwischen Reichtum und politischem Einfluss ist heute eingerissen – und etwa so undurchlässig wie die bröckelnden Überreste des Limes. In den Vereinigten Staaten ist der politische Einfluss des Gelds unübersehbar. Jeff Bezos, seit vielen Jahren Mitglied in den Top Five der „Forbes“-Liste der Superreichen, kaufte 2013 die renommierte Tageszeitung „Washington Post“. Elon Musk, der laut „Forbes“ seit Jahren reichste Mann der Welt, verleibte sich 2022 Twitter ein und spendete 2024 astronomische Summen für den Wahlkampf von Donald Trump.
Ohnehin werden Wahlkämpfe in den USA überwiegend durch private Spenden finanziert. Dabei kommt der größte Teil des Gelds von einer kleinen Schicht der Superreichen, die manchmal dreistellige Millionenbeträge spendet. Auch ohne offene Korruption korrumpieren Ungleichheit und die Abhängigkeit vom großen Geld das Versprechen auf politische Gleichheit. Zahlreiche politikwissenschaftliche Studien haben nachgewiesen, dass ökonomische Ungleichheit mit politischer Ungleichheit einhergeht. Im Durchschnitt stoßen die Reichen häufiger auf offene Türen und offene Ohren in der Politik als Menschen mit mittleren Einkommen oder gar die Armen. Wer ein Haus in der Nachbarschaft besitzt, kann dem Kanzler beim Spazieren am Tegernsee begegnen oder ihn gar beim Golfen treffen.
Für eine Spende von 9999 Euro gibt es ein Abendessen mit dem CDU Politiker Jens Spahn. Wer einen Parteitag sponsert, hat gute Chancen, eigene Anliegen bei anderer Gelegenheit vortragen zu können. Und wenn der VW-Chef anruft, wird in der niedersächsischen Staatskanzlei das Telefon laut gestellt. Nach Auskunft des Lobbyregisters des Bundestags haben Verbände und Unternehmen 2024 fast eine Milliarde Euro ausgegeben, um sich politischen Zugang zu sichern.
Natürlich führt ein offenes Ohr nicht automatisch zu maßgefertigten politischen Entscheidungen. Aber klar ist: Wer gehört wird, wird eher erhört.
Bundestag prämiert Bessergestellte
Die soziale Schieflage politischer Entscheidungen haben Lea Elsässer, Svenja Hense und ich für den 2017 veröffentlichten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung dokumentiert. Dort konnten wir erstmals zeigen, dass die Entscheidungen des Deutschen Bundestags eine Schieflage zugunsten der Bessergestellten aufweisen.
Seither haben wir die Zustimmung oder Ablehnung zu fast 1000 konkreten Reformvorschlägen seit den 1980er-Jahren untersucht. Für Arme und Reiche, Angestellte und Selbstständige oder Niedrig- und Hochgebildete haben wir ermittelt, wie stark die jeweilige Gruppe einem Reformvorschlag zustimmt, und anschließend damit abgeglichen, was tatsächlich entschieden wurde.
Das Ergebnis: Die politischen Wünsche der jeweils zweitgenannten Gruppe haben eine systematisch höhere Chance, politisch umgesetzt zu werden – insbesondere, wenn die Meinungsunterschiede groß sind. Seit der Veröffentlichung des Armutsberichts ist politisch wenig geschehen, um diese Schieflage zu beseitigen. Nur der Auftrag, das Thema erneut zu untersuchen, wurde nie wieder erteilt.
Wer meint, die Folgen sozialer Ungleichheit betreffen nur die Armen, irrt sich. Der Sieg der Märkte und die damit einhergehende ökonomische Ungleichheit beschädigen die Demokratie, weil die abstiegsbedrohten Schichten nicht länger glauben, über politisches Engagement das Schicksal der eigenen Gruppe verbessern zu können. Der Wettbewerbsdruck wird als zu hoch wahrgenommen. Zu entrückt erscheinen Politikerinnen und Politiker. Zu unwahrscheinlich wirkt die Möglichkeit, sich gegen mächtige Gruppen doch noch durchsetzen zu können. Die ökonomischen Verliererinnen und Verlierer glauben nicht mehr, dass die politisch Verantwortlichen ihre Probleme verstehen oder auch nur kennen, geschweige denn sich für ihre Belange einsetzen werden. Politik wird aus ihrer Sicht von anderen für andere gemacht. Wenn Menschen aber in einer Demokratie nicht mehr erwarten, als Gleiche behandelt zu werden, wächst das Risiko, dass sie sich denen zuwenden, die eine radikale Alternative versprechen.
Schaut auf die Unzufriedenen
Der Aufstieg des Rechtspopulismus lässt sich nicht verstehen, ohne auf die Unzufriedenheit mit der real existierenden Demokratie zu blicken. Wer sich machtlos und ignoriert fühlt, bleibt am Wahltag entweder zu Hause oder wählt Anti-Parteien-Parteien. Zwischen politischen Ohnmachtsgefühlen und dem Wahlverhalten besteht ein unmittelbarer Zusammenhang.
Gerade bei sozialen und ökonomischen Fragen glauben viele Wählerinnen und Wähler zwar nicht, dass rechtspopulistische Parteien ihre Probleme lösen werden, aber der Frust gegenüber den anderen Parteien lässt sie darüber hinwegsehen. Eine Demokratie, die ihre eigenen Versprechen bricht, bereitet den Boden für undemokratische Alternativen.
Gelangen rechtspopulistische Parteien an die Macht, schleifen sie zuverlässig die liberale Demokratie – und zwar sowohl in ihrem rechtsstaatlichen als auch marktwirtschaftlichen Gehalt. Über den Demokratieabbau in Ungarn, Indien oder den USA ist viel geschrieben worden, doch undemokratische Herrschaft untergräbt auch freie Märkte und geregelten Wettbewerb. Je autokratischer ein politisches System ist, desto verbreiteter sind Korruption und Klientelismus. Wohl und Wehe von Unternehmen hängen von der Gunst autokratischer Sonnenkönige ab. Der Kotau vor ihrer Macht ist wichtiger als die eigene Innovationskraft. Weder international noch im eigenen Land lassen Autokratien fairen Wettbewerb zu. Nur wer politisch loyal ist, kann hoffen, ökonomisch erfolgreich zu sein.
In den USA zeigt sich das gegenwärtig besonders deutlich. Zwar müssen Techchefs wie Mark Zuckerberg (Meta), Elon Musk (Tesla, SpaceX und X) und Jeff Bezos (Amazon) nicht wie ihre Pendants in Russland fürchten, bei Missfallen aus dem Fenster zu stürzen. Doch wenn sie erfolgreich bleiben wollen, sollten sie den Maga-Möchtegern-König im Weißen Haus tunlichst nicht öffentlich kritisieren. Nur den Wohlgefälligen winken lukrative Aufträge.
Demokratie braucht Hoffnung
Demokratie beinhaltet das Versprechen, durch politisches Handeln nicht alle, aber doch wichtige Probleme lösen und übertriebene Härten im Sinne ihrer Bürgerinnen und Bürger abmildern zu können. Der Kampf der Arbeiterklasse oder von Frauen für die politische Gleichberechtigung war historisch immer auch durch die Hoffnung motiviert, durch Mitspracherechte das Leben der eigenen Gruppe zu verbessern. Schwindet diese Hoffnung, wird die Demokratie ausgehöhlt, und mit ihr geraten, wie wir gerade in Echtzeit beobachten können, auch Märkte unter Druck.
Autokratische Herrschaft lehnt alle rechtsstaatlichen Prinzipien und marktwirtschaftlichen Regeln ab, die dem eigenen Machtkalkül widersprechen. Ein Pakt mit dem Rechtspopulismus befreit die Märkte nicht aus politischer Umklammerung, sondern unterwirft sie den Launen der Herrschenden. Ein zukunftszugewandter Liberalismus muss daher egalitär sein und ökonomische Ungleichheit als Problem der Demokratie begreifen.
Nur wenn er das politische Gleichheitsversprechen ernst nimmt, lassen sich sowohl die Demokratie als auch freie Märkte bewahren.
Dieser Text erschien zuerst in der WirtschaftsWoche.
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