Extrem­wet­ter­lagen der Demokratie

Fotos: Johannes Melcher

Ein voller Salon Liberale Moderne: Am 26. Februar 2026 disku­tierten wir mit den Autorinnen und Autoren des Buches Extrem­wet­ter­lagen. Repor­tagen aus einem neuen Deutschland. Im Mittel­punkt des Abends eine angesichts der Landtags­wahlen in Ostdeutschland hochak­tuelle Frage: Was geschieht derzeit gesell­schaftlich und politisch in Ostdeutschland – und was bedeutet das für die Zukunft der liberalen Demokratie in Deutschland insgesamt?

Zu Gast waren die Schrift­stel­lerin Tina Pruschmann, der Leipziger Soziologe Alexander Leistner sowie der Publizist Marko Martin. Die Moderation übernahm Stephan Stach.

Ein litera­risch-sozio­lo­gi­sches Experiment

Das neue Buch geht auf das Projekt „Überland­schrei­be­rinnen“ zurück: Im Vorfeld der Landtags­wahlen 2024 reisten die Autorinnen und Autoren über mehrere Monate durch Brandenburg, Sachsen und Thüringen. Sie besuchten Klein­städte und Dörfer, sprachen mit Kommu­nal­po­li­tikern, Vereins­mit­gliedern und zivil­ge­sell­schaftlich Engagierten, aber auch mit Menschen, die sich bewusst aus der Politik heraus­halten. Die Idee: Ein Konglo­merat der Stimmen und Stimmungen jenseits von Wahlsta­tis­tiken und Talkshow-Diagnosen zu gewinnen.

Initiator und wissen­schaft­licher Leiter des Projektes, Alexander Leistner, sprach von „sozio­lo­gisch infor­mierten Beunru­higung“ aus der heraus die Idee entstanden war: Seit Jahren beobachte er eine Zuspitzung politi­scher Konflikte, einen „Erosi­ons­prozess von Demokratie“, der sich insbe­sondere im ländlichen Raum deutlich zeige. Klassische wissen­schaft­liche Forschung sei dafür zu langsam: Während­dessen solche Projekte geplant und finan­ziert würden, verändere sich parallel bereits die Realität. Daher habe man bewusst Schrift­stel­le­rInnen einge­laden, die genauer hinsehen, beobachten und schneller reagieren könnten.

Die Autorinnen und Autoren entwi­ckelten jeweils eigene Zugänge. Tina Pruschmann etwa bereiste Sachsen überwiegend mit dem Fahrrad. Die Langsamkeit des Unter­wegs­seins war dabei Methode: Nur so, erklärte sie, komme man tatsächlich ins Gespräch und nehme Atmosphären wahr.

Landschaften, Erinne­rungen, Konflikte

In einer kurzen Lesung gab Pruschmann Einblick in ihre Repor­tagen. Sie schil­derte eine Klein­stadt in Mittel­sachsen: Indus­trie­ver­gan­genheit, Struk­tur­brüche nach 1990, identi­täts­su­chende Kommu­nal­po­litik, zugleich Neonazi-Plakate und Debatten über Erinne­rungs­kultur. Vergan­genheit, Gegenwart und politische Spannungen lagen dabei sichtbar überein­ander. Gerade diese Gleich­zei­tigkeit prägte die Diskussion. Marko Martin der als Kommen­tator des Buches fungierte, hob hervor, wie überzeugend das Buch histo­rische, litera­rische und sozio­lo­gische Perspek­tiven mitein­ander verbinde. Die Texte zeigten, dass man Erfah­rungen nicht selbst erlebt haben müsse, um ihre Nachwir­kungen zu verstehen. Besonders beein­druckt habe ihn die Darstellung „verschie­dener Schichten von Erinnerung“ – von DDR-Vergan­genheit über Trans­for­ma­ti­ons­jahre bis zu heutigen Konflikten.

Ostdeutschland – oder ein neues Deutschland?

Im Gespräch stellte sich schnell eine zentrale Frage: Beschreibt das Buch ein spezi­fisch ostdeut­sches Problem oder ein gesamt­ge­sell­schaft­liches? Leistner betonte den bewusst gewählten Unter­titel „Repor­tagen aus einem neuen Deutschland“. Viele beobachtete Entwick­lungen seien nicht allein im Osten der Republik, sondern inter­na­tional erkennbar: Vertrau­ens­verlust in Insti­tu­tionen, Polari­sierung, Druck auf zivil­ge­sell­schaft­liches Engagement. Ostdeutschland fungiere eher als eine Art Frühwarnraum, in dem Prozesse früher sichtbar würden.  Gleich­zeitig existierten spezi­fische histo­rische Prägungen. Besonders intensiv disku­tiert wurde der Begriff der „Neutra­lität“. In vielen Gesprächen vor Ort hätten Menschen erklärt, sie seien „neutral“. Gemeint sei jedoch oft nicht eine politische Mitte, sondern der Rückzug aus der Politik insgesamt. Pruschmann berichtete, dass diese Haltung in Schulen und Öffent­lichkeit teilweise dazu führe, selbst extre­mis­tische Zeichen oder Positionen nicht mehr zu wider­sprechen – ein Vakuum, das radikale Gruppen nutzen könnten.

Kleine Lösungen, große Fragen

Trotz vieler düsterer Diagnosen blieb der Abend aber nicht pessi­mis­tisch. Pruschmann berichtete von kleinen, jedoch konkreten Erfolgen lokaler Gemein­we­sen­arbeit: Konflikte in Wohnvierteln würden nicht mehr adminis­trativ „gelöst“, sondern durch Gespräche zwischen den Betei­ligten. Gerade solche Formen der Betei­ligung stärkten demokra­tische Selbst­wirk­samkeit. Die Diskussion machte deutlich: Die gegen­wär­tigen Konflikte lassen sich weder allein mit wirtschaft­lichen Faktoren noch mit der DDR-Vergan­genheit erklären. Weder Stadt-Land-Unter­schiede noch Wohlstands­ni­veaus lieferten einfache Antworten.

Demokratie als Praxis und unend­liche Aufgabe

Am Ende stand weniger eine abschlie­ßende Diagnose als eine offene Aufgabe. Die Texte des Buches zeigen keine abgeschlossene Krise, sondern machten einen Prozess sichtbar. Die Frage sei, so die Disku­tie­renden, ob Gesell­schaften Kipppunkte erreichen können – Momente, in denen demokra­tische Selbst­ver­ständ­lich­keiten verloren gehen, die „Extrem­wet­ter­lagen“ herauf­be­schwören. Diese seien, das machte der Abend deutlich nicht allein ein ostdeut­sches Phänomen.

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