Finan­zierung von CO2-Entnahme: Welche Rolle spielt der Staat?

Foto: Bruno Naredo

„Wie kann und soll CO2-Entnahme finan­ziert werden?“ Um diese Frage ging es bei unserem gemeinsam mit dem Deutschen Verband für negative Emissionen (DVNE) und Bellona Deutschland veran­stal­teten Exper­t/innen-Workshop. Die Diskussion mit zahlreichen Vertreter/​innen der Wirtschaft, Wissen­schaft, Politik sowie Zivil­ge­sell­schaft machte deutlich, wie fruchtbar es ist, unter­schied­liche Positionen und Perspek­tiven in Bezug zuein­ander zu setzen.

CO₂-Entnahme (Carbon Dioxide Removal, CDR) ist wichtig für den Klima­schutz, aber gleich­zeitig stellt sie ein Gut dar, das – anders als etwa Erneu­erbare Energien – keinen unmit­tel­baren Gegenwert hat. Die Frage nach der Finan­zierung ist daher ein entschei­dender Aspekt, um einen Markt­hochlauf Realität werden zu lassen.

Ein Markt, der noch keiner ist

Ähnlich wie bei den erneu­er­baren Energien zu Beginn der 2000er-Jahre fehlt es bislang an stabilen Markt­struk­turen, klaren Preis­si­gnalen und verläss­licher Nachfrage. Diese Unsicherheit zieht sich durch die gesamte Wertschöp­fungs­kette. Von der Herkunft und Qualität der Zerti­fikate über deren Verkauf bis hin zur Anrechnung fehlt es an klaren, verläss­lichen Struk­turen. Auch die sogenannte „Due Diligence“, also die sorgfältige Prüfung von Projekten, ist bislang nur unzurei­chend ausge­prägt. Für Inves­ti­ti­ons­ent­schei­dungen ist jedoch grund­legend, ob Projekte als „bankfähig“ gelten – also ob sie verläss­liche Einnahmen erwarten lassen. Genau hier setzt die zentrale Heraus­for­derung an: Ohne gesicherte Nachfrage entstehen keine Inves­ti­tionen, ohne Inves­ti­tionen wiederum keine verläss­lichen Angebote.

Der Staat als zentraler Akteur

Vor diesem Hinter­grund wird deutlich, dass der Staat auf absehbare Zeit eine Schlüs­sel­rolle spielen wird. CO₂-Entnahme wurde in der Diskussion mehrfach mit der Müllent­sorgung verglichen: eine gesell­schaftlich notwendige Aufgabe, die sowohl privat­wirt­schaftlich organi­siert sein kann, aber letztlich stark staatlich geprägt bleibt. Es ist absehbar, dass ein erheb­licher Teil der Finan­zierung über öffent­liche Haushalte erfolgen muss.

Ein wichtiges Instrument könnte dabei ein staat­liches Ankauf­pro­gramm für CO₂-Entnahme sein. Solche Programme können gezielt Nachfrage schaffen, indem der Staat Zerti­fikate aufkauft und damit Einnah­me­si­cherheit für Anbieter garan­tiert. Bereits vergleichs­weise kleine Inves­ti­tionen könnten dabei große Signal­wir­kungen entfalten: Wenn der Staat als Käufer auftritt, steigt das Vertrauen von Inves­toren und privaten Abnehmern erheblich. Projekte gewinnen an Glaub­wür­digkeit und können leichter weitere Finan­zie­rungen erschließen.

Entscheidend ist dabei weniger die kurzfristige Kosten­ef­fi­zienz, sondern das „De-Risking“: Staat­liche Nachfrage kann helfen, Geschäfts­mo­delle zu stabi­li­sieren, erste Referenzen aufzu­bauen und so den Markt­hochlauf zu ermöglichen.

Vielfalt der Techno­logien erfordert flexible Instrumente

Eine besondere Heraus­for­derung besteht darin, dass es vielfältige CO₂-Entnah­me­tech­no­logien gibt. Die Verfahren unter­scheiden sich erheblich – etwa hinsichtlich Kosten, Dauer­haf­tigkeit der Speicherung und Auswir­kungen auf Umwelt und Landnutzung. Entspre­chend kann es auch kein einheit­liches Finan­zie­rungs­in­strument geben.

Vielmehr braucht es einen Instru­men­tenmix, der je nach Reifegrad der Techno­logien unter­schied­liche Ansätze kombi­niert: von Forschung und Entwicklung über Inves­ti­ti­ons­för­derung bis hin zu staat­licher Nachfrage. In frühen Phasen erscheint es sinnvoll, ein breites Spektrum an Techno­logien zu unter­stützen, um Innova­tionen zu ermög­lichen. Mit zuneh­mender Reife könnten Förde­rungen stärker fokus­siert und wettbe­werblich ausge­staltet werden.

Auch bei der konkreten Ausge­staltung der Förderung besteht noch Klärungs­bedarf. Disku­tiert wurden etwa Modelle wie Diffe­renz­ver­träge (Carbon Contracts for Diffe­rence), bei denen der Staat die Differenz zwischen Markt­preis und tatsäch­lichen Kosten ausgleicht. Ebenso stellt sich die Frage, wie Inves­ti­tions- und Betriebs­kosten sinnvoll kombi­niert werden können, ohne ineffi­ziente Mitnah­me­ef­fekte zu erzeugen.

Standards, Vertrauen und Transparenz

Zentral ist zudem ist die Frage nach Standards und Zerti­fi­zierung. Vertrauen in die Qualität von CO₂-Entnahme ist eine Grund­vor­aus­setzung für jede Form von Nachfrage. Gleich­zeitig ist die derzeitige Landschaft an Standards fragmen­tiert und schwer überschaubar, was Inves­ti­tionen erschwert.

Das europäische Carbon Removal Certi­fi­cation Framework (CRCF) wird als wichtiger erster Schritt gesehen, weist jedoch Lücken (je nach Sicht­weise sogar erheb­liche) auf. Dennoch besteht Einigkeit, dass zunächst mit dem bestehenden Rahmen gearbeitet werden sollte, um den Markt­hochlauf nicht weiter zu verzögern. Perspek­ti­visch sollten die Standards jedoch weiter­ent­wi­ckelt und präzi­siert werden.

Trans­parenz spielt hierbei eine zentrale Rolle. Konti­nu­ier­liches Monitoring von Projekten, Offen­legung von Daten und nachvoll­ziehbare Quali­täts­si­cherung tragen dazu bei, Vertrauen bei Käufern und Inves­toren aufzu­bauen. Viele Unter­nehmen legen entspre­chende Infor­ma­tionen bereit­zu­stellen offen, weil Inves­toren dies zunehmend einfordern.

Nationale Initia­tiven und europäische Perspektive

Ein Spannungsfeld besteht zwischen natio­nalen und europäi­schen Ansätzen. Während europäische Lösungen langfristig als sinnvoll angesehen werden, wird zugleich betont, dass nationale Programme schneller umgesetzt werden können und wichtige Impuls­geber sein könnten. Deutschland könnte hier eine Vorrei­ter­rolle einnehmen, nicht zuletzt aus indus­trie­po­li­ti­schen Gründen.

Gleich­zeitig stellt sich die Frage, wie eine spätere Integration (oder Inter­aktion) von CO2-Entnah­me­zer­ti­fi­katen in den Europäi­schen Emissi­ons­handel gestaltet werden kann. Klar ist, dass solche Perspek­tiven frühzeitig aufge­zeigt werden müssen, um Inves­ti­ti­ons­si­cherheit zu schaffen.

Offene Fragen und Ausblick

Trotz breiter Überein­stimmung in vielen Punkten bleiben zentrale Fragen offen. Dazu gehört insbe­sondere die Rolle des Staates: Soll er vor allem als großer Käufer auftreten oder primär Risiken reduzieren und den privaten Markt stärken? Auch die Ausge­staltung von Preisen, die Balance zwischen Förderung und Wettbewerb sowie die konkrete Weiter­ent­wicklung von Standards sind noch nicht abschließend geklärt.

Einigkeit besteht jedoch darin, dass jetzt gehandelt werden muss. Mit den bestehenden Instru­menten und Standards sollte losge­laufen werden, um sie dann im Prozess weiterzuentwickeln.

Der Aufbau eines funktio­nie­renden Marktes für CO₂-Entnahme wird Zeit benötigen und erfordert erheb­liche Inves­ti­tionen. Schät­zungen gehen von jährlich fünf Milli­arden Euro bis 2030 aus. Angesichts der Dimension der gesamten Trans­for­mation erscheinen diese Summen überschaubar. Entscheidend wird sein, frühzeitig die richtigen Weichen zu stellen – durch klare politische Signale, gezielte staat­liche Unter­stützung und den schritt­weisen Aufbau von Vertrauen in Techno­logien und Märkte.

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