Finanzierung von CO2-Entnahme: Welche Rolle spielt der Staat?

„Wie kann und soll CO2-Entnahme finanziert werden?“ Um diese Frage ging es bei unserem gemeinsam mit dem Deutschen Verband für negative Emissionen (DVNE) und Bellona Deutschland veranstalteten Expert/innen-Workshop. Die Diskussion mit zahlreichen Vertreter/innen der Wirtschaft, Wissenschaft, Politik sowie Zivilgesellschaft machte deutlich, wie fruchtbar es ist, unterschiedliche Positionen und Perspektiven in Bezug zueinander zu setzen.
CO₂-Entnahme (Carbon Dioxide Removal, CDR) ist wichtig für den Klimaschutz, aber gleichzeitig stellt sie ein Gut dar, das – anders als etwa Erneuerbare Energien – keinen unmittelbaren Gegenwert hat. Die Frage nach der Finanzierung ist daher ein entscheidender Aspekt, um einen Markthochlauf Realität werden zu lassen.
Ein Markt, der noch keiner ist
Ähnlich wie bei den erneuerbaren Energien zu Beginn der 2000er-Jahre fehlt es bislang an stabilen Marktstrukturen, klaren Preissignalen und verlässlicher Nachfrage. Diese Unsicherheit zieht sich durch die gesamte Wertschöpfungskette. Von der Herkunft und Qualität der Zertifikate über deren Verkauf bis hin zur Anrechnung fehlt es an klaren, verlässlichen Strukturen. Auch die sogenannte „Due Diligence“, also die sorgfältige Prüfung von Projekten, ist bislang nur unzureichend ausgeprägt. Für Investitionsentscheidungen ist jedoch grundlegend, ob Projekte als „bankfähig“ gelten – also ob sie verlässliche Einnahmen erwarten lassen. Genau hier setzt die zentrale Herausforderung an: Ohne gesicherte Nachfrage entstehen keine Investitionen, ohne Investitionen wiederum keine verlässlichen Angebote.
Der Staat als zentraler Akteur
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass der Staat auf absehbare Zeit eine Schlüsselrolle spielen wird. CO₂-Entnahme wurde in der Diskussion mehrfach mit der Müllentsorgung verglichen: eine gesellschaftlich notwendige Aufgabe, die sowohl privatwirtschaftlich organisiert sein kann, aber letztlich stark staatlich geprägt bleibt. Es ist absehbar, dass ein erheblicher Teil der Finanzierung über öffentliche Haushalte erfolgen muss.
Ein wichtiges Instrument könnte dabei ein staatliches Ankaufprogramm für CO₂-Entnahme sein. Solche Programme können gezielt Nachfrage schaffen, indem der Staat Zertifikate aufkauft und damit Einnahmesicherheit für Anbieter garantiert. Bereits vergleichsweise kleine Investitionen könnten dabei große Signalwirkungen entfalten: Wenn der Staat als Käufer auftritt, steigt das Vertrauen von Investoren und privaten Abnehmern erheblich. Projekte gewinnen an Glaubwürdigkeit und können leichter weitere Finanzierungen erschließen.
Entscheidend ist dabei weniger die kurzfristige Kosteneffizienz, sondern das „De-Risking“: Staatliche Nachfrage kann helfen, Geschäftsmodelle zu stabilisieren, erste Referenzen aufzubauen und so den Markthochlauf zu ermöglichen.
Vielfalt der Technologien erfordert flexible Instrumente
Eine besondere Herausforderung besteht darin, dass es vielfältige CO₂-Entnahmetechnologien gibt. Die Verfahren unterscheiden sich erheblich – etwa hinsichtlich Kosten, Dauerhaftigkeit der Speicherung und Auswirkungen auf Umwelt und Landnutzung. Entsprechend kann es auch kein einheitliches Finanzierungsinstrument geben.
Vielmehr braucht es einen Instrumentenmix, der je nach Reifegrad der Technologien unterschiedliche Ansätze kombiniert: von Forschung und Entwicklung über Investitionsförderung bis hin zu staatlicher Nachfrage. In frühen Phasen erscheint es sinnvoll, ein breites Spektrum an Technologien zu unterstützen, um Innovationen zu ermöglichen. Mit zunehmender Reife könnten Förderungen stärker fokussiert und wettbewerblich ausgestaltet werden.
Auch bei der konkreten Ausgestaltung der Förderung besteht noch Klärungsbedarf. Diskutiert wurden etwa Modelle wie Differenzverträge (Carbon Contracts for Difference), bei denen der Staat die Differenz zwischen Marktpreis und tatsächlichen Kosten ausgleicht. Ebenso stellt sich die Frage, wie Investitions- und Betriebskosten sinnvoll kombiniert werden können, ohne ineffiziente Mitnahmeeffekte zu erzeugen.
Standards, Vertrauen und Transparenz
Zentral ist zudem ist die Frage nach Standards und Zertifizierung. Vertrauen in die Qualität von CO₂-Entnahme ist eine Grundvoraussetzung für jede Form von Nachfrage. Gleichzeitig ist die derzeitige Landschaft an Standards fragmentiert und schwer überschaubar, was Investitionen erschwert.
Das europäische Carbon Removal Certification Framework (CRCF) wird als wichtiger erster Schritt gesehen, weist jedoch Lücken (je nach Sichtweise sogar erhebliche) auf. Dennoch besteht Einigkeit, dass zunächst mit dem bestehenden Rahmen gearbeitet werden sollte, um den Markthochlauf nicht weiter zu verzögern. Perspektivisch sollten die Standards jedoch weiterentwickelt und präzisiert werden.
Transparenz spielt hierbei eine zentrale Rolle. Kontinuierliches Monitoring von Projekten, Offenlegung von Daten und nachvollziehbare Qualitätssicherung tragen dazu bei, Vertrauen bei Käufern und Investoren aufzubauen. Viele Unternehmen legen entsprechende Informationen bereitzustellen offen, weil Investoren dies zunehmend einfordern.
Nationale Initiativen und europäische Perspektive
Ein Spannungsfeld besteht zwischen nationalen und europäischen Ansätzen. Während europäische Lösungen langfristig als sinnvoll angesehen werden, wird zugleich betont, dass nationale Programme schneller umgesetzt werden können und wichtige Impulsgeber sein könnten. Deutschland könnte hier eine Vorreiterrolle einnehmen, nicht zuletzt aus industriepolitischen Gründen.
Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie eine spätere Integration (oder Interaktion) von CO2-Entnahmezertifikaten in den Europäischen Emissionshandel gestaltet werden kann. Klar ist, dass solche Perspektiven frühzeitig aufgezeigt werden müssen, um Investitionssicherheit zu schaffen.
Offene Fragen und Ausblick
Trotz breiter Übereinstimmung in vielen Punkten bleiben zentrale Fragen offen. Dazu gehört insbesondere die Rolle des Staates: Soll er vor allem als großer Käufer auftreten oder primär Risiken reduzieren und den privaten Markt stärken? Auch die Ausgestaltung von Preisen, die Balance zwischen Förderung und Wettbewerb sowie die konkrete Weiterentwicklung von Standards sind noch nicht abschließend geklärt.
Einigkeit besteht jedoch darin, dass jetzt gehandelt werden muss. Mit den bestehenden Instrumenten und Standards sollte losgelaufen werden, um sie dann im Prozess weiterzuentwickeln.
Der Aufbau eines funktionierenden Marktes für CO₂-Entnahme wird Zeit benötigen und erfordert erhebliche Investitionen. Schätzungen gehen von jährlich fünf Milliarden Euro bis 2030 aus. Angesichts der Dimension der gesamten Transformation erscheinen diese Summen überschaubar. Entscheidend wird sein, frühzeitig die richtigen Weichen zu stellen – durch klare politische Signale, gezielte staatliche Unterstützung und den schrittweisen Aufbau von Vertrauen in Technologien und Märkte.
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