Fritz Stern: Gegen die „Geier der Abstraktion“

Der deutsch-amerikanische Historiker Fritz Stern wäre am 2. Februar 2026 hundert Jahre alt geworden. Weshalb sein berühmtestes Buch „Kulturpessimismus als politische Gefahr“ eine eminent aktuelle Lektüre bleibt, erörtert Marko Martin.
„Am Liberalismus gehen die Völker zugrunde.“ Von wem stammt wohl diese apodiktische Behauptung – von J.D. Vance, Alexander Dugin, Wladimir Putin, Viktor Orbán, Marine le Pen, Sahra Wagenknecht oder Björn Höcke? Tatsächlich äußern sich diese Zeitgenossen immer wieder sinngemäß auf solche Weise, das Originalzitat indessen datiert aus den zwanziger Jahren des vorangegangenen Jahrhunderts, und sein Autor ist Arthur Moeller van den Bruck (1876–1925).
Seine damals vielgelesene Schrift „Das dritte Reich“ wird heute im ultrarechten Antaios Verlag vertrieben, wo man zwar pflichtschuldig darauf hinweist, das Buch habe „nichts mit dem zu tun, was sich nach 1933 vollzieht“, es gleichzeitig aber als „Lehrschrift“ preist, „die jedem Beschwichtigungskonservativen entgegenhält: ‚Wir wollen diese Revolution gewinnen!´“
Gespür für verhängnisvolle Unterströmungen
Der vor hundert Jahren, am 2. Februar 1926, in Breslau geborene Fritz Stern, war gerade einmal 27 Jahre alt, als er an der Columbia University eine Dissertation einreichte, die sich unter dem Titel „The Politics of Cultural Despair“ dem Leben und Denken jenes Moeller van den Bruck widmete und dazu dessen Vorläufern Paul de Lagarde (1827–1891) und Julius Langbehn (1851–1907). Obwohl – oder gerade weil – diese Namen bereits damals kaum noch bekannt waren, hatte sich der junge Fritz Stern alles andere als ein abseitiges Thema gewählt. Aufgewachsen in einer assimilierten jüdischen Familie, der 1938 die Flucht in die rettenden Vereinigten Staaten geglückt war, hatte er ein feines Gespür für jene verhängnisvollen Unterströmungen im deutschen Geistesleben, die zu ihrer Zeit durchaus populär und wirkungsmächtig waren, wenn auch akademisch nicht unbedingt nobilitiert. Noch als Achtzigjähriger – inzwischen an seiner geliebten Alma Mater längst emeritierter Professor, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels und der wohl renommierteste „deutsch- amerikanische“ Historiker – schreibt Fritz Stern in seinen eindrucksvollen Erinnerungen „Fünf Deutschland und ein Leben“: „Meine drei Protagonisten, von angesehenen und achtbaren Deutschen gepriesen wegen ihrer ´idealistischen´ Angriffe auf die Moderne, förderten jene Stimmung der Unzufriedenheit, die vorauswies auf die nationalsozialistische Synthese: den Angriff auf die ‚Fäulnis´ der modernen deutschen Kultur und die jubelnde Verheißung einer großen völkischen Zukunft. Vom Idealismus zum Nihilismus: Tausend Lehrer im republikanischen Deutschland, die in ihrer Jugend Lagarde und Langbehn gelesen und verehrt hatten, waren für den Sieg des Nationalsozialismus mindestens ebenso wichtig wie Millionen von Mark, die Hitler von den deutschen Großindustriellen erhielt.“
Dazu mehr als zwei Fußnoten: In ähnlich jungen Jahren, mit gerade einmal 29, veröffentlichte 1931 der Politikwissenschaftler Waldemar Gurian (1902–1954), ein späterer Exilfreund Hannah Arendts, sein Buch „Der Integrale Nationalismus in Frankreich“, das sich anhand der „Anti-Dreyfusards“ um Charles Maurras einem ganz ähnlichen antimodernistischen und antisemitischen Phänomen widmete. Und just in Fritz Sterns Geburtsjahr 1926 hatte der damals 24jährige Journalist Hans Sahl (der dann 1933 ebenfalls aus Deutschland fliehen musste) in seiner schnell berühmt gewordenen Artikelfolge „Die Klassiker der Leihbibliothek“ ebenfalls etwas Vergleichbares in den Blick genommen: die wirklichen Lesegewohnheiten des selbsterklärten „Volkes von Goethe und Schiller“ und die keineswegs nur subkutane Massenwirkung völkischer – und das bedeutete immer auch: antisemitischer – Roman- und Heftchen-Autoren, deren Verfertigungen sich dann späterhin auch in den Tornisten der angreifenden Wehrmachtsoldaten fanden.
Vergangenheitsbeschreibung oder Gegenwartsanalyse?
Und dennoch. Nachdem Sterns Dissertation 1961 in den USA und zwei Jahre später auch in Deutschland – hier unter dem der Text-Intention noch gemäßen Titel „Kulturpessimismus als politische Gefahr“ – erfolgreich publiziert worden war, gab es zwar dies- und jenseits des Atlantiks und in- und außerhalb des akademischen Milieus wahre Lobeshymnen (welche, by the way, bis heute anhalten). Die Begeisterung aber galt vor allem dem glänzenden Stilisten, der die Lebenslinien von Lagarde, Langbehn und Moeller van der Bruck subtil nachzeichnete, ohne jedoch dabei in ein Stefan Zweig´sches Über-Psychologisieren abzugleiten. Das in seinen antimodernistischen Ressentiments, Judenhass und illiberalem Furor (bei Abwesenheit konkreter Gesellschaftskritik) vereinte Trio wurde vor allem gelesen als ein Phänomen der Vergangenheit, etwa vergleichbar der Figur des suggestiv-hetzerischen Marius Ratti in Hermann Brochs 1953 posthum erschienenem Roman „Der Versucher“.
Ralph Dahrendorf indessen, der zur deutschen Erstausgabe ein Vorwort beisteuerte, sah in Fritz Sterns Buch sehr wohl das Gegenwartsrelevante. Denn was gab Garantie, dass selbst in der prosperierenden Bundesrepublik der sechziger Jahre jener Kulturpessimismus, „ein Komparativ der Kulturkritik“, nicht erneut um sich greifen würde? Hatten Langbehn und Lagarde ihre Schriften über den vermeintlich allgegenwärtigen Verfall und die Notwendigkeit eines völkischen élan vital nicht in jenen Jahren nach Bismarcks Reichsgründung geschrieben, die von den meisten damaligen Zeitgenossen keineswegs als „verweichlicht und dekadent“ wahrgenommen worden waren? „Wissenschaftsfeindlichkeit“, schrieb Dahrendorf 1963, „Hass auf die Technik, Diffamierung der großen Zahl, empathische Naturliebe, völkische und rassische Vorurteile bilden in solchen Auffassungen ein pathologisches Syndrom.“
Antimodernismen aus unterschiedlichen politischen Lagern
Nur neun Jahre später, anlässlich einer weiteren deutschen Auflage, musste Fritz Stern in einem aktuellen Vorwort konstatieren, dass „der Angriff auf die Modernität erneut zu einem beherrschenden Thema unserer Kultur geworden“ sei. Dabei war der skrupulöse Intellektuelle, seit seiner Jugend tief geprägt von Roosevelts New Deal und von der Gegnerschaft zu McCarthys und anderen rechten Hysterien, alles andere als ein kritikloser Schönredner des american way of life. Im Gegenteil, er kritisierte vernehmlich den Vietnamkrieg und war keineswegs blind für die „Unzulänglichkeiten der bürgerlich-liberalen Kultur“. Letztere hatte er in seinem wohl berühmtesten Buch ja auch nie geleugnet. Nur: Was boten denn die verbal gewalttätigen Kulturpessimisten an konkreten Verbesserungsvorschlägen? Über Paul de Lagarde hatte er treffend geschrieben, dieser sei ein Mensch, der „lieber Gesetzgeber einer unwahrscheinlichen Zukunft als Reformer einer schwierigen Gegenwart sein wollte, (...) seit seiner Kindheit und Jugend gewohnt, konkret zu hassen, seine Liebe jedoch einem idealen Objekt zu schenken, das tot und unwiederbringlich verloren war“.
1974 sieht nun Fritz Stern, dass der antimoderne Furor inzwischen von rechts nach links gewandert ist und seinen „politischen Ausdruck nicht in einem mystischen Nationalismus findet, sondern in einem utopischen Sozialismus, in einer Sehnsucht nach einem humanen Marxismus – einem Marxismus jenseits aller Wirklichkeit“. Nicht zufällig begann Stern viele seiner Columbia-Vorlesungen mit dem „Gedicht für Erwachsene“, in dem der polnische Lyriker Adam Wazyk sich wortmächtig wendete gegen „die Geier der Abstraktion, die uns das Gehirn zerfressen“.
Aber ließe sich nicht auch fragen, ob ein gewisser idealistischer Überschwang nicht das legitime Privileg einer kritischen Jugend sei und damit eine Antriebskraft für eine emanzipatorische, nicht zuletzt auch ökologische Politik? Fritz Stern, zeitlebens ein reflektierter Linksliberaler, hätte dem kaum widersprochen. Allerdings hatte er einst quasi am eigenen Leib erfahren, wohin „die Stimmen gegen die Rationalität und für die Emotionen“ hinführen, was „der Verfall des Idealismus zum Nihilismus“ für massenmörderische Konsequenzen zeitigen kann – und welche Sackgassen drohen, wenn Zeitdiagnostiker zu Welterklärern werden, die „sich im Namen des Idealismus jeder Verantwortlichkeit entziehen und in ihrem Utopismus kollektive Lösungen für Missstände und Sehnsüchte vorschlagen, die keine kollektiven Lösungen zulassen“.
Bitteres Resümee mit Blick auf Gegenwart und Vergangenheit
2005, Fritz Stern ist inzwischen 79 Jahre alt, ist es dann – in einem weiteren Vorwort zu einer erneuten deutschen Ausgabe – das Amerika von Bush junior, das ihm Sorge bereitet. „Wiedergeborene Christen“ huldigen einem „religiös begründeten antiwestlichen Denken und einem aufgeheizten Nationalismus“, während rechte Aktivisten und linke Universitäts-Intellektuelle unisono dem Liberalismus den Totenschein ausstellen, wieder einmal. Ein weiteres Jahrzehnt später steht dann Donald Trump ante portas, so dass Fritz Stern, nur wenige Wochen vor seinem Tod am 18. Mai 2016, ein denkbar bitteres Lebensresümee zieht: „Manchmal bereue ich es, mit dem Ende einer Demokratie aufgewachsen zu sein, und nun, gegen Ende meines Lebens, die Kämpfe um die Demokratie noch einmal erleben muss. Eigentlich eine traurige Bilanz.“
Gerade deshalb aber bleibt Fritz Stern so aktuell – als unbestechlicher Beobachter, mit einem genauen Blick für das destruktive Blendwerk jener Pauschal-Ankläger, die vor allem „ein Zeugnis dessen sind, was sie anklagen“. Und auch das hatte er bereits 1950, bei einer ersten Besuchs-Rückkehr nach Deutschland, erspürt, nicht zuletzt in der Bekanntschaft und einem nachfolgenden Briefwechsel mit dem jungen Peter Hacks, der nach seiner Übersiedlung in die DDR zu einem berühmten Dramatiker werden sollte. „In den achtziger Jahren“, schreibt Fritz Stern in seinen Memoiren, „verlor Hacks den Glauben an beide Deutschland – sie waren, meinte er, in kultureller Barbarei versunken“.
Zukunftsweisende Kraft von Fritz Sterns Analysen
Peter Hacks hatte sich dann 1992 ob seiner intensiven Bekanntschaft mit der jungen Sahra Wagenknecht mit einem unangenehm-triumphierenden „Habe ich da nicht ein hübsches Pflänzchen aufgezogen?“ gerühmt. Und heute? Wird Arthur Moeller van den Brucks damalige konservativ-revolutionäre Schwärmerei von Lenins totalitärem Russland als kraftvoll antiwestlichem Gegenpol von zahlreichen AfDlern begeistert nachgebetet, während in den USA die Fundamente des Rechtsstaats wanken. Gerade deshalb sollten Liberale nun ihrerseits der Verführung zum defätistischen Kulturpessimismus widerstehen – und stattdessen mit Fritz Stern auch weiterhin tapfer nach praktikablen Möglichkeiten suchen, wie „eine realistische, unverklärte Kritik an gegenwärtigen Missständen der Gestaltung einer besseren Welt dienen könnte. (…) Der Glaube an historische Zwangsläufigkeit ist ein gefährlicher Irrtum, er verführt zur Passivität.“ Aufgeben, so lehrt uns das Leben und Werk dieses erklärt anti-deterministischen Jahrhundert-Intellektuellen, ist deshalb wahrlich keine Option.
Soeben in neuer Auflage erschienen: Fritz Stern: Kulturpessimismus als politische Gefahr. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2026. 467 S., brosch., Euro 25,-
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