Europas Sicherheit entscheidet sich in der Ukraine – was jetzt zu tun ist

Russlands Angriffskrieg in der Ukraine ist ein Wendepunkt für Europa – insbesondere seitdem die USA kein sicherer Partner mehr sind. Die Ukraine wirkt als Schutzschild, während Europa zwischen bloßer Abschreckung und der nachhaltigen Zerstörung von Russlands Kriegsfähigkeit wählen muss. Wie lässt sich eine gemeinsame, nachhaltige Sicherheitsordnung schaffen? Darüber diskutierten wir mit zahlreichen Expertinnen und Experten bei unserer internationalen Ukraine-Konferenz am 24. März in Berlin.
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Mehr InformationenEin Krieg von entscheidender Bedeutung für Europas Zukunft
Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine stellt eine unmittelbare Herausforderung für die Sicherheit Europas dar. Russische Drohnen haben wiederholt den NATO-Luftraum verletzt und damit gezeigt, dass die Bedrohung längst Realität ist. Vor diesem Hintergrund bot die jährliche Ukraine-Konferenz von LibMod Expertinnen, Experten und politischen Entscheidungsträgern ein Forum, um zu diskutieren, wie Europa und die Ukraine gemeinsam ihre Sicherheitspolitik stärken können. Die zentrale Botschaft war klar: Die Ukraine verteidigt nicht nur sich selbst, sondern schützt Europa vor Russland.
Lange Zeit haben europäische Regierungen ihre Unterstützung für die Ukraine als Akt der Solidarität dargestellt. Allmählich setzt sich jedoch die Einsicht durch, dass die Ukraine tatsächlich eine sicherheitspolitische Schlüsselrolle für den gesamten Kontinent einnimmt. Indem sie Russlands Angriff standhält, verhindert sie, dass Moskau seine expansionistischen Ziele auch in anderen Teilen Europas verfolgt. Der Ausgang dieses Krieges wird darüber entscheiden, wie Europas Zukunft aussieht – und ob internationale Politik von nackter Macht oder von gemeinsamen Regeln geprägt sein wird.
Russlands imperiale Ambitionen verstehen
Russlands Kriegsziele gehen weit über territoriale Gewinne hinaus. Die Strategie des Kremls ist von imperialen Ambitionen geprägt, die der ukrainische Philosoph Volodymyr Yermolenko als „Imperialismus der Assimilation“ bezeichnete. Dahinter steht die Leugnung der Ukraine als souveräner Staat und der Versuch, der Bevölkerung eine eigenständige ukrainische Identität abzusprechen. Für die Ukraine ist dieser Krieg daher existenziell. Für Europa ist er ein Test: ob Demokratien in der Lage sind, sich zu behaupten – oder ob sie revisionistischer Gewalt nachgeben.
Wie weit wird Europa gehen, um Russland abzuschrecken?
Auf der Konferenz wurden zwei unterschiedliche Ansätze für Europas Rolle diskutiert:
- Russland abschrecken, indem die Kosten zukünftiger Aggression so weit erhöht werden, dass neue Angriffe unattraktiv werden.
- Russland dauerhaft die Fähigkeit zu weiteren Angriffen nehmen – etwa durch gezielte Operationen tief im russischen Hinterland, präzise Schläge gegen militärische Infrastruktur sowie durch Einflussoperationen, die verhindern, dass Russland neue Kräfte für weitere Offensiven aufbauen kann.
Ein bloßes Eindämmen Russlands könnte kurzfristig Stabilität für andere europäische Staaten bringen, würde jedoch enorme Lasten auf die Ukraine abwälzen. Sie wäre gezwungen, dauerhaft in einer Art Belagerungszustand zu leben – hochgerüstet und gezwungen, nahezu alle Ressourcen in ihre Verteidigung zu stecken. Nachhaltiger wäre ein Ansatz, der Russlands Fähigkeit zur Kriegsführung grundsätzlich schwächt und so langfristige Sicherheit für Europa und die Ukraine schafft.
Russlands Kriegsmaschinerie schwächen
Um dieses Ziel zu erreichen, müssen die Ukraine und ihre europäischen Partner zentrale Fähigkeiten ausbauen:
- Technologische Überlegenheit: Entwicklung weitreichender Präzisionsfähigkeiten – etwa Drohnen mit mehreren tausend Kilometern Reichweite –, um Logistik, Nachschublinien und Kommandozentren anzugreifen.
- Asymmetrische Ansätze: Ausbau von Spezialoperationen und gezielten Einflussoperationen, um den russischen militärisch-industriellen Komplex zu schwächen und die Produktion von Treibstoff und Sprengstoffen zu stören.
- Industrielle Mobilisierung: Europa muss zu einer tragenden Säule der ukrainischen Verteidigung werden – durch die Lieferung von Waffen und Ausrüstung, die es ermöglichen, Russland auf dem Schlachtfeld aufzuhalten und perspektivisch zurückzudrängen. Deutschland sollte dabei eine Führungsrolle übernehmen, sowohl national als auch in Koalitionen handlungsfähiger Staaten, und bürokratische Hürden abbauen, um schneller entscheiden zu können.
Finanzierung, Innovation und industrielle Kapazitäten
Finanzielle und industrielle Unterstützung sind das Rückgrat der ukrainischen Verteidigung. Trotz begrenzter personeller Ressourcen hat die Ukraine eine bemerkenswerte Innovationsfähigkeit gezeigt: unbemannte Systeme, elektronische Kriegsführung und schnelle Anpassung sind zentrale Elemente ihres Widerstands geworden. Europa sollte dies durch eigene Investitionen in neue Technologien flankieren und zugleich seine industrielle Basis nutzen, um ukrainische Innovationen rasch in größerem Maßstab für den Einsatz an der Front verfügbar zu machen.
- Gemeinsame Projekte können dazu beitragen, die ukrainische Rüstungsindustrie stärker in die europäische Verteidigungsstruktur einzubinden.
- Geschwindigkeit ist entscheidend: Verzögerungen bei Beschaffung und Entscheidungen kosten Menschenleben. Europa muss Lieferketten beschleunigen, Verfahren vereinfachen und Risiken stärker gemeinsam tragen.
Die gesellschaftliche Dimension: Kommunikation der Bedrohung
Wie die Bundestagsabgeordnete Agnieszka Brugger im zweiten Panel betonte: „Sich Aggression nicht entgegenzustellen – und nicht einmal den Aggressor zu benennen – ist eine Einladung zu weiteren Angriffen.“ Öffentliche Unterstützung setzt Transparenz voraus. Die skandinavischen und baltischen Länder zeigen, dass eine offene Kommunikation über Bedrohungen und Risiken Vertrauen schafft. Entscheidend ist ein nüchterner Umgang mit Ängsten – nach dem Prinzip: wachsam sein, ohne in Alarmismus zu verfallen. Letztlich sind Bürgerinnen und Bürger eher bereit, unbequeme Wahrheiten zu akzeptieren, als im Unklaren gelassen zu werden.
Die Kosten des Nichtstuns
Russlands Ambitionen reichen weit über die Unterwerfung der Ukraine hinaus. Untätigkeit würde weitere Aggression begünstigen, die regelbasierte internationale Ordnung untergraben und die europäische Einheit gefährden.
Wie Ralf Fücks, Direktor von LibMod, betonte: Realismus muss neu gedacht werden – nicht als bloße Bewahrung des Status quo, sondern als die Bereitschaft anzuerkennen, dass Beschwichtigung die Bedrohung durch Russland nicht beseitigt. Realistisch ist heute die Einsicht, dass Russland in diesem Krieg scheitern muss. Nur dann besteht die Chance auf politischen Wandel im Inneren des Landes und ein Ende seiner imperialen Politik.
Erforderlich ist entschlosseneres Handeln: politische Mehrheiten sichern, gemeinsam mit der Ukraine klare Ziele formulieren und aufhören, nach schnellen Lösungen zu suchen, die auf Kosten ukrainischer Souveränität und europäischer Sicherheit gehen.
Wie es Volodymyr Yermolenko formulierte:
„Demokratien müssen in der Lage sein, sich zu verteidigen. Die Kräfte des Guten sind nicht dazu verdammt, machtlos zu sein.“
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