On the Road: Krieg in Jemen – „Keine Sorge, ich komme durch“

© Shut­ter­stock

Der Mord an dem Jour­na­lis­ten Jamal Khash­oggi in Istan­bul durch ein sau­di­sches Kil­ler­kom­mando hat welt­weit für Empö­rung gesorgt. Der Krieg im Jemen, für den das König­reich mit­ver­ant­wort­lich ist, erregt hin­ge­gen kaum inter­na­tio­nale Auf­merk­sam­keit. Unser Autor hat in Malay­sia den jeme­ni­ti­schen Flücht­ling Rashid getrof­fen, der seinen Vater und seinen Bruder ver­lo­ren hat – aber nicht seine Hoff­nung.

Das ist die Geschichte von Rashid, der vor drei Jahren vor sau­di­schen Bom­bar­de­ments und pro-ira­ni­schen Milizen aus dem Jemen in den Sudan geflo­hen ist und nun seit einigen Monaten in Malay­sias Haupt­stadt Kuala Lumpur lebt. Ein freund­li­cher, zurück­hal­ten­der Mann, der in Wirk­lich­keit ein klein wenig anders heißt.

Ich hab keine Angst, vor nie­man­dem. Mein neues Umfeld hier in Kuala Lumpur liest bestimmt keine deut­schen Web­sites, wohl niemand in der jeme­ni­ti­schen Flücht­lings-Com­mu­nity tut das. Dafür bekomme ich beim Surfen mit, wie sich der heuch­le­ri­sche Westen plötz­lich die Augen reibt, nachdem die Saudis in Istan­bul diesen Jour­na­lis­ten zer­stü­ckelt haben. Wie die deut­sche Regie­rung sich dazu durch­ge­run­gen hat, keine Waffen mehr an die Waha­bi­ten zu liefern, mit denen auch im Jemen gemor­det wird.“

Portrait von Marko Martin

Marko Martin ist Rei­se­au­tor und Schrift­stel­ler.

Rashid klickt auf seinem iPhone eine Foto­stre­cke an und plötz­lich wird die Rede vom dünnen Firnis der Zivi­li­sa­tion greif­bar: Ein welt­neu­gie­ri­ger Teen­ager mit blau­schwarz schim­mern­dem Wuschel­haar im Kreis seiner offen­sicht­lich wohl­ha­ben­den Familie in Jemens Haupt­stadt Sanaa, bei Dinner und Garten-Pick­nick, zusam­men mit Schul-, später dann Uni-Freun­den in die Handy-Kamera strah­lend oder mit modes­tem Stolz eine Aus­zei­chung in den Händen haltend.

Die Saudis wollen Sanaa „befreien“

Ich will nicht angeben, aber das ist halt immer wieder pas­siert, dass ich Jahr­gangs­bes­ter gewor­den bin. Lag wahr­schein­lich auch am Schach­spie­len, das den Ver­stand schärft. Hat mir mein Vater bei­gebracht – hier siehst du uns im Wohn­zim­mer beim Spiel. Da waren aber schon die eini­ger­ma­ßen ruhigen Zeiten vorbei, die schii­ti­schen Huthi-Rebel­len hatten Sanaa über­rannt, während sich Teile der sun­ni­ti­schen Stämme mit al-Quaida-Able­gern ver­bün­de­ten. Auch war da bereits mein bester Freund von Hecken­schüt­zen erschos­sen worden und Vater und Mutter ent­war­fen täglich neue Weg­pläne für mich, damit ich halb­wegs sicher zur Uni und zurück komme. Dann began­nen die sau­di­schen Bom­bar­de­ments, um die Haupt­stadt zu ‚befreien‘. Mein Vater wurde unter den Trüm­mern seiner Möbel­fa­brik begra­ben und auch mein ältes­ter Bruder fand den Tod. Meine Mutter schrie immer wieder: ‚Dabei sind wir doch Sun­ni­ten!‘ Und als ich ihr ant­wor­tete, dass all die Bezeich­nun­gen und Tra­di­tio­nen der wahre Grund für den Jahr­hun­derte alten Zwist seien, schrie sie auch mich an. Dann wurde sie wieder ruhiger und drängte mich, den Jemen zu ver­las­sen, während sie Zuflucht fand in einem halb­wegs siche­ren Dorf.“

Rashids Stimme klingt fester, umso größer die Ent­fer­nung zu jenem jeme­ni­ti­schen Restau­rant in Kuala Lumpurs Ver­gnü­gungs­vier­tel Bukit Bintang wird, in dem wir zuvor geges­sen haben, an einem Ter­ras­sen-Tisch inmit­ten von Diwanen, auf denen Bärtige aus­ge­streckt liegen, an Was­ser­pfei­fen saugen und halb­laut mit­ein­an­der plau­dern. „Eine reine Män­ner­welt und die Gesprä­che voller Schmerz, der nir­gendwo hin­führt. Eimal habe ich Luisa, meine bra­si­lia­ni­sche Freun­din aus der eng­li­schen Sprach­schule, hierher gebracht, weil sie  – genau wie du – unbe­dingt einmal  Sahawiq, Lahma Mahs­hoo­sha und Fattah pro­bie­ren wollte. Als ich die schee­len Blicke meiner Lands­leute sah, ihr miss­mu­ti­ges Glotzen, weißt du, was ich da gedacht habe? Viel­leicht ist es genau das! Hat weder mit Shia noch mit Sunni zu tun, sondern mit der Art, wie sie dahin exis­tie­ren. Ganz im Unter­schied zu Kuala Lumpur, wo selbst die Käpp­chen­trä­ger gut drauf sind und nicht aus­spu­cken, wenn sie an einem Tao- oder Hindu-Tempel oder an einer Kirche vor­bei­ge­hen.“

23 Jahre alt und schon eine Glatze

Rashid lächelt, nimmt den schi­cken Hut, den er auch jetzt am Abend noch trägt, kurz vom Kopf und wischt sich mit einem penibel gefal­te­ten Tuch den Stirn­schweiß ab. „Siehst du die Glatze? 23 Jahre alt und schon kahl­köp­fig. Einige sagen, in Kom­bi­na­tion mit meinem Drei­ta­ge­bart sehe es umwer­fend aus, und weil sie es gut meinen, erzähle ich ihnen nicht, wann das begon­nen hat mit dem unauf­halt­sa­men Haar­aus­fall. Nämlich als Vater und mein großer Bruder umkamen. Als einer meiner Onkel uns jeg­li­che Hilfe ver­wei­gerte, wegen alten Geschich­ten, die „Män­ner­sa­che“ waren und von denen der Rest der Familie nichts wusste. Als einer von Vaters Brüdern mich in den Sudan lotste und mir half, dort Arbeit zu finden. Als dann dieser Wohl­tä­ter – „Wir sind doch eine Familie und gute Muslime, mein alles gelieb­ter Neffe!“ – anfing, nachts an mir her­um­zu­fum­meln. Seitdem fallen mir die Haare aus.“

Rashids Stimme bricht nicht, während er erzählt.  Nur, dass er viel­leicht ein wenig schnel­ler läuft, die Roll­treppe links der ver­kehrs­rei­chen Jalan Imbi hoch und auf der anderen Seite wieder her­un­ter, hinein in den rie­si­gen, hell erleuch­te­ten Kon­sum­tem­pel des Times Square, dessen Anony­mi­tät ihm offen­sicht­lich keine Angst macht. „Hier im Star­bucks glotzt kein ein­zi­ger von den Malaien, wenn ich Eng­lisch spreche. Seit ein paar Monaten bin ich jetzt hier und jeden Tag wird mein Eng­lisch besser. Tags­über jobbe ich mit meinen Cousins in einem kleinen Café, in dem ich in der Küche stehe oder Tee bringe. Und abends büffle ich für die Uni­prü­fung, damit ich das Sti­pen­dium bekomme. Die Cousins sehen mich komisch an, erzäh­len lieber von chi­ne­si­schen Huren, denen sie es angeb­lich besor­gen, „ungläu­bi­gen Hün­din­nen“. Und wie sie über mich gelacht haben, als mich letzte Woche dieser alte Eng­län­der aus der Face­book-Schach­gruppe blo­ckiert hat! Da musste auch ich lachen – über sie und den Alten. ‚Junge, wenn du gewinnst, gebe ich dir alles‘ hatte er mir vor der Partie geschrie­ben, ein biss­chen zu selbst­si­cher  gegen­über einem jungen Exil-Jeme­ni­ten. Tja, ich habe dann das vir­tu­elle Spiel gewon­nen, uner­war­tet schnell. Noch während ich ihm danach ein paar iro­ni­sche Zeilen schrieb, blo­ckierte er mich. Dachte wohl, ich wolle ihn um Geld anhauen. Wahr­schein­lich einer, der ein Problem mit seiner ‚Ehre‘ hat – wie meine Cousins.“

Rashid lächelt erneut, sagt dann mit uner­war­te­ter Hef­tig­keit: „Es ist Ver­ges­sen, Ver­drän­gen, freund­li­che Ver­ach­tung und ebenso freund­li­che Neugier, die dich retten. Und außer­dem: Die Welt besteht ja nicht nur aus Mördern und Idioten, oder?“

Jüngste Nach­richt von Rashid, 23 Jahre alt und tem­po­rär in Malay­sia gedul­de­ter Flücht­ling: Es hat geklappt mit dem Sti­pen­dium. „Nur meine Freude durfte ich nicht allzu offen zeigen. Die lieben Cousins wären sonst womög­lich böse gewor­den, und gerade jetzt kann ich es mir nicht leisten, obdach­los zu werden in Kuala Lumpur. Aber keine Sorge, ich komme durch.“

Textende

Hat Ihnen unser Beitrag gefal­len? Dann spenden Sie doch einfach und bequem über unser Spen­den­tool. Sie unter­stüt­zen damit die publi­zis­ti­sche Arbeit von LibMod.

Wir sind als gemein­nüt­zig aner­kannt, ent­spre­chend sind Spenden steu­er­lich absetz­bar. Für eine Spen­den­be­schei­ni­gung (nötig bei einem Betrag über 200 EUR), senden Sie Ihre Adress­da­ten bitte an finanzen@libmod.de

 

Ver­wandte Themen

News­let­ter bestel­len

Mit dem LibMod-News­let­ter erhal­ten Sie regel­mä­ßig Neu­ig­kei­ten zu unseren Themen in Ihr Post­fach.

Mit unseren Daten­schutz­be­stim­mun­gen erklä­ren Sie sich ein­ver­stan­den.