On the road: Bonbons für Brüssel

By Tiia Monto (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Die Situation in Serbien ist weniger eindeutig, als man sich dies in der EU erträumt. Impres­sionen aus Belgrad.

Diesmal hatte es auf Belgrads Straßen keine Massen­pro­teste gegeben. Dabei war Ende November in Den Haag der ehemalige bosnisch-serbische Armeechef Ratko Mladic vom UN-Kriegs­ver­bre­cher­tri­bunal zu lebens­läng­licher Haft verur­teilt worden – der Mann also, dessen feistes Uniform­mützen-Konterfei noch immer jene T‑Shirts ziert, die in der haupt­städ­ti­schen Fußgän­gerzone der Knez Mihailova und auf dem histo­ri­schen Festungs-Areal des Kalemegdan feilge­boten werden. (In Konkurrenz zu Aufdrucken mit den entschlos­senen Gesichtern von Putin und Tito, wobei inter­es­san­ter­weise Karadzic und Milosevic fehlen.) Noch im Jahre 2011, als der damalige serbische Präsident Tadic den seit 16 Jahren mehr oder minder versteckt lebenden Ex-General hatte aufspüren und an das Haager Tribunal ausliefern lassen, waren Tausende alter und junger Natio­na­listen randa­lierend durch die Stadt gezogen. Ähnliches hatte sich zuvor im Oktober 2010 abgespielt, als die Teilnehmer des Belgrader Gay Pride derart gewalt­tätig attackiert wurden, dass die Polizei sogar Tränengas und Gummi­ge­schosse einsetzen musste.

Bei der diesjäh­rigen Parade im Herbst blieb es dagegen friedlich, und nur einige verloren wirkende Grüppchen von Zausel­bärten mit Ikonen­bildern in den Händen stellten sich dem Polizei-Kordon entgegen. Doch wiederum glich Belgrads Innen­stadt ab dem Terazije-Platz einer radikal abgeschirmten Geist­erzone, in dessen toter Mitte sich der bunte Demons­tra­ti­onszug bewegte, derweil am Himmel Helikopter kreisten. Wer es nicht geschafft hatte, recht­zeitig zur Parade zu kommen, sah sich Polizisten gegenüber, die an nahezu jeder Straßen­kreuzung in breiter Front aufge­stellt waren, verschanzt hinter ihren Plexi­glas­scheiben und angeblich keinerlei englisch sprechend. Grimmige Physio­gnomien, die ihre Wut auf den aufge­zwun­genen Sonntags­dienst nicht kaschierten. Neutrale Beschützer der Zivil­ge­sell­schaft? In Westeuropa war anerkennend bemerkt worden, dass an der LGBT-Demons­tration auch Serbiens lesbische Minis­ter­prä­si­dentin Ana Brnabic teilge­nommen hatte. „Augen­wi­scherei und höchstens ein Bonbon für Brüssel“, sagen skeptische junge Belgrader, die bereits im Frühjahr auf der Straße gewesen waren – aus Protest gegen die Macht­fülle des neuen Präsi­denten (und Ex-Premiers) Aleksandar Vucic. Dieser hatte sogleich nach seinem Wahlsieg im Mai dafür gesorgt, dass fürderhin alle wichtigen Entschei­dungen nicht mehr in der Regierung, sondern im Präsi­den­ten­palast getroffen werden. Wie zu alten Zeiten spielten nicht nur die Claqueure in den Staats­medien mit, sondern auch jene privaten TV-Sender und Boulevard-Zeitungen, die sich im Besitz von Vucic‘ Freunden befinden.

By Leon E. Panetta (Flickr: 121207-D-NI589-107) [Public domain], via Wikimedia Commons
Der damalige Vertei­di­gungs­mi­nister und heutige Präsident Serbiens, Aleksandar Vucic, im Gespräch mit dem ehema­ligen Vertei­di­gungs­mi­nister der Verei­nigten Staaten, Leon E. Panetta, im Pentagon, 7. December 2012.

„Westeuropa“, so ist in jenen Belgrader Clubs und Cafés im Donau-nahen Viertel Savamala zu hören, in denen sanfter Indie-Pop statt stampfend natio­na­lis­ti­scher Turbo-Folkrock läuft, „lügt sich da etwas in die Tasche. Frau Brnabic steht nicht etwa für irgendeine ‚Zivil­ge­sell­schaft‘, sondern für gar nichts – will heißen für das inzwi­schen völlig machtlose Amt einer Regie­rungs-Chefin von Vucic‘ Gnaden.“ Aller­dings: Wer den gegen­wär­tigen Präsi­denten ob seiner Macht­fülle – nicht zu vergessen die zahlreichen Vucic-Poster, die in Belgrad ebenso sichtbar sind wie in der Nachbar­stadt Novi Sad – prompt als “neuen Milosevic“ schmäht, tappt in die Falle ahisto­ri­scher Gleich­set­zungen. Immerhin war Serbiens gegen­wärtig starker Mann vor zwei Jahren nach Srebrenica gereist, um an der Seite des bosni­schen Präsi­denten Bakir Izetbe­govic des Massakers von 1995 zu gedenken. Die Natio­na­listen schäumten über den vermeint­lichen „Verrat“, der EU-Westen war gerührt und sprach von „Beitritts­per­spek­tiven“, während Kritiker den Vucic-Auftritt für kalku­lierte Camou­flage hielten, damit ihm und den oligar­chisch Seinen baldigst der Weg zu den Brüsseler Fleisch- und Subven­ti­ons­töpfen geebnet sei.

Aber ist die offiziell herun­ter­ge­fahrene Anti-Nato-Rhetorik nicht tatsächlich ein Zeichen für zuneh­mende West-Orien­tierung? Es scheint sich hierbei freilich eher um etwas Verord­netes zu handeln. Im Militär­museum der Stadt, das besonders an den Wochen­enden von Familien gut besucht ist, werden – bei aller Anhäufung histo­ri­scher Waffen aus Serbiens Natio­nal­ge­schichte – nämlich nicht nur Genese und Verlauf der Kriege von 1991 bis ’99 mit dröhnendem Schweigen übergangen, sondern auch die Nato-Bombar­de­ments von 1999, die ein Jahr später zur Parla­ments­stürmung und zu Milosevic‘ Sturz führten. In jener Zeit war Aleksandar Vucic der Infor­ma­ti­ons­mi­nister des Regimes. Hat er sich demnach inzwi­schen gewandelt, ethisch geläutert – oder lediglich pragma­tisch neu erfunden, nunmehr als Pro-Europäer? Sollte dem so sein, ist es jeden­falls nicht das Resultat trans­pa­renter, gesamt­ge­sell­schaft­licher Debatten, sondern einsamer Entschei­dungen, die letztlich rätselhaft bleiben – und damit auch je nach Gusto revidierbar. Wie in Belgrad zu hören ist, „kann Vucic vorerst nicht mit Putin“ – freilich eher aus persön­lichen Ego-Gründen denn aus ideolo­gi­scher Skepsis. Das Interesse des Kreml an einem stabil EU-freund­lichen Westbalkan ist derweil, folgt man dem natio­na­lis­ti­schen Tenor russi­scher Websites, die auch auf serbisch und kroatisch zugänglich sind, mehr als gering. Vielleicht wäre es deshalb an der Zeit, in Westeu­ropas Haupt­städten mehr wahr- und anzunehmen als lediglich symbo­lisch gereichte Bonbons.


Die Reise­be­ob­ach­tungen des Schrift­stellers Marko Martin erscheinen künftig regel­mäßig auf Libmod.de

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