„Shut­down“: Was die Pan­de­mie uns für die Kli­ma­po­li­tik lehrt

Photo Spirit /​ Shut­ter­stock

Die Pan­de­mie­po­li­tik kann kein Vorbild für die Bewäl­ti­gung des Kli­ma­wan­dels sein. Nicht nur, weil dies den Aus­nah­me­zu­stand in Per­ma­nenz bedeu­ten würde. Man darf auch die Psy­cho­lo­gie der Krisen nicht ver­wech­seln: exis­ten­zi­elle Angst treibt die restrik­ti­ven Maß­nah­men der Seu­chen­be­kämp­fung. Das Kli­ma­pro­blem aber bleibt abs­trakt – noch. Worin könnte in Post­pan­de­mie­zei­ten die emo­tio­nale Grund­lage der Kli­ma­po­li­tik bestehen?

Der Rock’n Rum­pel­song “Shut It Down” von Neil Youngs 2019er Album Colo­rado bezieht sich auf die Kli­ma­krise. Eigent­lich. Es ist so ein Song, der die Reak­tion aus­löste: Toll, dass Neil das macht, aber ist noch Bier im Kühl­schrank? Inzwi­schen hat er ein aktu­el­les Video dazu gedreht, das die west­li­che Welt im Corona-Shut­down zeigt: Ver­las­sene kali­for­ni­sche Innen­städte, leere Flug­hä­fen, leere High­ways, Kran­ken­häu­ser, Masken und­so­wei­ter. Es läuft dir kalt den Rücken runter. Das ist keine Redens­art, sondern in diesem Fall wirk­lich so. Young hat das geschafft, worum es im kom­mu­ni­ka­ti­ven Kontext von Corona- und Kli­ma­krise geht, nämlich den inhalt­li­chen Zusam­men­hang her­zu­stel­len. Beide Pro­bleme, Pan­de­mie und Kli­ma­wan­del, sind welt­um­span­nende Krisen einer zusam­men­ge­wach­se­nen Men­scheit, die weder natio­nal­staat­lich noch kon­ti­nen­tal gelöst werden können. Aber die Ant­wor­ten unter­schei­den sich. „Shut­down“ in der Pandemie‑,  Pro­kras­ti­na­tion  in der Kli­ma­po­li­tik.

Portrait von Peter Unfried

Peter Unfried ist Chef­re­por­ter der taz und Autor.

Doch die Emo­tio­nen in Youngs Video ent­ste­hen durch die Bilder des Shut­downs – und nicht durch den Kli­ma­kri­sen-Kontext. Und das ist der ent­schei­dende Punkt. Die Coro­na­krise ist ein ganz elendes Gefühl, selbst wenn es einem selbst gut geht. Als fahre man in einer Ach­ter­bahn, die jeden Moment ent­glei­sen kann. Die Kli­ma­krise ist bereits dabei, unsere Gesell­schaft und Wirt­schaft ent­glei­sen zu lassen, aber außer Greta Thun­berg kann das kaum jemand wirk­lich psy­chisch und kör­per­lich spüren.

Treiber der Pan­de­mie­po­li­tik: echte Angst

Einige Ökos fragen dieser Tage: Warum wird gegen das Coro­na­vi­rus SARS-CoV‑2 poli­tisch relativ schnell, teil­weise auto­ri­tär und gegen Wirt­schafts­in­ter­es­sen gehan­delt – aber gegen die Kli­ma­krise nicht? Weil das Problem jetzt ange­gan­gen und mög­lichst schnell gelöst werden muss, damit es wei­ter­ge­hen kann. Und weil der Treiber exis­ten­zi­elle Angst der Vielen ist, die deshalb zunächst auch tem­po­räre Frei­heits­be­schrän­kun­gen und anderes in Kauf nehmen. Im Gegen­satz zu den meisten als tief­grei­fend bezeich­ne­ten Krisen der letzten 70 Jahre (von der Kuba­krise über Nine Eleven und Fuku­shima zu den Kriegen von heute) bekamen viele beim Anblick der Lei­chen­bil­der aus Italien wirk­lich Angst, dass es sie selbst erwi­schen könnte. Corona war nicht mehr nur eine weitere schlimme Sache, über die man inten­siv dis­ku­tierte und dann seinem Alltag aus Geschäf­ten, Ver­gnü­gun­gen und per­sön­li­chen Pro­ble­men nach­ging. Einem hek­ti­schen Alltag, in dem viele ständig „die Krise kriegen“, aber wo das in die moderne Nor­ma­li­tät ein­ge­preist ist. Corona ist die für manche kaum aus­zu­hal­tende Rea­li­tät, dass ihre phy­si­sche Exis­tenz morgen vorbei sein kann, wenn sie eine oder einer blöd anhus­tet. Das ist immer so, wird aber nicht so gefühlt.

Die Frage ist, wie die emo­tio­nale Grund­lage einer Pan­de­mie- und Post­pan­de­mie­zeit ent­ste­hen kann, auf der Kli­ma­po­li­tik mehr­heits­fä­hig wird.

Die Kli­ma­krise ist deshalb bisher eine eska­lie­rende Krise geblie­ben, vor der die aller­we­nigs­ten Angst haben, weil sie ihre Nor­ma­li­tät und ihr Geschäfts­mo­dell nicht JETZT bedroht, wenn man nicht gerade im Harz lebt und bisher vom Ski­tou­ris­mus gelebt hat. Wegen der Kli­ma­krise fiel bisher kein ein­zi­ger Inlands­flug aus, kein Urlaub, kein Auto­kauf und kein Schnit­zel­abend, sondern alles lief immer weiter.

Die Gegen­wart ist unser Gott, da können wir noch so phi­lo­so­phisch daher­re­den, und die Emotion ist unser Treiber. Wenn wir uns in den Finger geschnit­ten haben, dann zählt erstmal nur noch das. Und nun zählt erstmal, mög­lichst gut, aber min­des­tens lebend durch die Coro­na­krise zu kommen: indi­vi­du­ell, als Familie oder sons­ti­ger enger Kreis, als Unter­neh­men, als Gesell­schaft – und übri­gens auch als Bewe­gung wie Fridays for Future.

Por­not­räume der Hard­core-Ökos

Auch die Ängste vor dem öko­no­mi­schen Zusam­men­bruch sind ja in vielen Fällen sehr berech­tigt. Deshalb muss man sie the­ma­ti­sie­ren und seriös angehen. Die übliche Phra­seo­lo­gie vom alles zer­stö­ren­den Neo­li­be­ra­lis­mus und Tur­bo­ka­pi­ta­lis­mus und da sähe man es mal wieder, sollte man sich mög­lichst ver­knei­fen, wenn man auch nur ein bißchen Empa­thie für reale Pro­bleme der Leute hat. Genauso ver­knei­fen sollte man sich, dass die Auto­in­dus­trie halt unter­ge­hen solle und die Flug­hä­fen geschlos­sen bleiben sollten oder was Hard­core-Ökos noch so für Por­not­räume haben.

Man wird vieles retten müssen, das nicht unter sozi­al­öko­lo­gi­schen Vor­zei­chen steht, einfach weil es auch andere Prio­ri­tä­ten gibt. Gleich­zei­tig muss man die Chance the­ma­ti­sie­ren, die darin liegt, die Staats­gel­der für bestimmte Ret­tun­gen mit der Ver­pflich­tung zu sozi­al­öko­lo­gi­scher Inno­va­tion zu ver­knüp­fen. Ein offen­sicht­li­ches Bei­spiel: Staats­gel­der raus­zu­hauen, damit funk­tio­nie­rende Diesel- und Ben­zin­au­tos durch neue Diesel- und Ben­zin­au­tos ersetzt werden, ist – bei aller Soli­da­ri­tät für die Wolfs­bur­ger Bürger – in mehr­fa­cher Hin­sicht zukunftsi­gno­rant. Da braucht es klare Posi­tio­nie­rung, zumin­dest der öko­bür­ger­li­chen Mit­tel­schicht, dass sie das nicht haben will und durch­ge­hen lässt. So kann man in ver­schie­de­nen Berei­chen für eine ver­pflich­tende Ver­knüp­fung der staat­li­chen Kri­sen­aus­schüt­tun­gen mit Umbau­maß­nah­men lob­by­ie­ren. Und damit – das wäre dann auch im Inter­esse der durch Fridays for Future schwer unter Druck gekom­me­nen Regie­rungs­par­teien – einen his­to­ri­schen Kli­ma­kom­pro­miss zwi­schen den Älteren und denen vor­an­brin­gen, die eine Lebens­er­war­tung bis ins 22. Jahr­hun­dert haben. Das ist jetzt die Ver­pflich­tung von Grünen Ver­ant­wor­tungs­po­li­ti­kern wie Baden-Würt­tem­bergs Minis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann und Hessen Vize Tarek Al-Wazir: Sie müssen Druck machen inner­halb des Par­la­men­ta­ris­mus, dass Teile der staat­li­chen Ret­tungs­gel­der in Berlin und Brüssel wirk­lich an ver­pflich­tende sozi­al­öko­lo­gi­sche Trans­for­ma­tio­nen geknüpft werden, wie das der Grüne Län­der­rat an diesem Wochen­ende fordern wird.

Bedürf­nis nach Öko-Apo­ka­lyp­tik sinkt

Durch FFF ist zum ersten Mal bis weit in den kon­ser­va­ti­ven Main­stream hinein die Bereit­schaft ent­stan­den, ernst­hafte Klima- und also Zukunfts­po­li­tik wieder anzu­ge­hen. Doch mit Corona ist diese Dynamik gefähr­det, ver­ständ­li­cher­weise, weil die Krise den Wunsch nach dem Zurück zur Nor­ma­li­tät auslöst, also zu einer Gegen­wart, in der eben auch die poli­ti­sche Nicht­be­ar­bei­tung der Kli­ma­krise als voll­kom­men normal gilt und gefühlt damit irgend­wie auch legitim. Han­dels­üb­li­che Öko-Apo­ka­lyp­tik ist nun noch weniger gefragt als je zuvor.

Ist ja auch nicht ganz falsch: Einige Gold­grä­ber werden jetzt riesige Ver­mö­gen machen, die breite Mit­tel­schicht wird bezah­len müssen und mut­maß­lich weniger haben als früher. Das sind also ganz schwie­rige Bedin­gun­gen für erst­ma­lige kli­ma­po­li­ti­sche Mehr­hei­ten. Die kann man nicht mit han­dels­üb­li­chen Peptalk igno­rie­ren, die muss man aner­ken­nen und auch offen the­ma­ti­sie­ren, um nicht wie in all den ver­lo­re­nen Jahren gegen die Emo­tio­nen der Gesell­schaft zu dis­ku­tie­ren, sondern auf ihrer emo­tio­na­len Grund­lage. Die Frage ist, wie die emo­tio­nale Grund­lage einer Pan­de­mie- und Post­pan­de­mie­zeit ent­ste­hen kann, auf der Kli­ma­po­li­tik mehr­heits­fä­hig wird.

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