Wahlen in Ungarn: Und ewig lockt die Opposition

Eine der häufigsten Fragen, die im Zusammenhang mit der anstehenden Wahl in Ungarn gestellt wird, ist die, ob Orbán im Falle einer Wahlniederlage die Macht übergeben wird. Gabor Györi, Senior Analyst des Thinktanks Policy Solutions und langjähriger Regierungsmitarbeiter, geht dieser Frage nach und wagt einen Deep Dive in das System Orbán.
Ist eine Regierungsübergabe denkbar?
Um die Frage nach einer friedlichen Amtsübergabe zu beantworten, müsste ich Orbáns Gedanken lesen können – was nicht der Fall ist. Diese Uneindeutigkeit ist an sich schon bedauerlich, denn eigentlich müsste es selbstverständlich sein, dass der Wahlgewinner auch an die Macht kommt. Und der könnte hier in 16 Jahren erstmalig jemand anderes sein als Viktor Orbán. Ich versuche die Frage meistens zu beantworten, indem ich darauf hinweise, dass es bei einer klaren Mehrheit für die aktuelle Opposition keine Möglichkeit geben wird, das Ergebnis zu manipulieren. Verhältnisse wie in Belarus oder Venezuela herrschen in Ungarn bislang noch nicht. Derzeit gehen die meisten, wenn auch nicht sämtliche aktuelle Umfragen, davon aus, dass die Oppositionspartei Tisza eine eindeutige Mehrheit holen wird.
Die gute Nachricht ist, dass sich der Ministerpräsident einerseits zwar siegessicher präsentiert, in jüngster Zeit aber dennoch gelegentlich über eine Rolle in der Opposition spricht. Im Zusammenhang mit oben erwähnten Frage sagte er einmal, dass zwar oft darüber gesprochen werde, dass er der am längsten amtierende Regierungschef in der EU ist. Aber – und das wir dabei oft vergessen: Orbán hat auch viel Erfahrung als Oppositionsführer.
Illiberale Demokratie mit Modellcharakter
Und ob! – so könnte man ergänzen. Denn im Grunde ist er zum Teil immer Oppositionsführer geblieben. Auf den ersten Blick ein merkwürdiger Gedanke: Wir sprechen von einem Premier, der 16 Jahre mit fast durchgehender Zweidrittelmehrheit im Parlament regierte – eine unbegrenzte und beispiellose Machtfülle. Diese wurde von der rechtsnationalistischen Regierungspartei gnadenlos für eine institutionelle und rechtliche Neugestaltung des Landes genutzt. Es gibt keine Demokratie, in der eine herrschende Partei den gesamten Staat derart nach ihren Absichten und Interessen gestaltet hat – und zwar mitsamt allen Regeln und Institutionen, und nicht nur nebenbei auch in Bezug auf die Wirtschaft und die Verteilung finanzieller Ressourcen.
Es ist fraglich, ob so ein Land im klassischen Sinne überhaupt eine Demokratie ist. Die weitverbreitete Ansicht ist, dass Ungarn ein sogenanntes hybrides Regime ist, das viele Merkmale eines autoritären Systems mit einigen Restmerkmalen der Demokratie vereint – wie etwa den freien (aber unfairen) Wahlen: Die Regierung ist rein theoretisch abwählbar. Stellt man sich den politischen Wettkampf aber als Fußballspiel vor, ist das in etwa so, als müsste die Opposition mit einer wesentlich kleineren Mannschaft und verknoteten Schnürsenkeln spielen und auf ein Tor, das viel kleiner ist als das eigene, auf das Fidesz schießt. Und natürlich gehören die Schiedsrichter zu Fidesz – von der Wahlleitung über die Staatsanwaltschaft und Medienbehörde bis hin zum Verfassungsgericht.
Orbán selbst bezeichnet das bekannterweise als illiberale Demokratie. Darüber sagte Angela Merkel mal auf einer gemeinsamen Pressekonferenz, sie könne mit dem Begriff „illiberal“ im Zusammenhang mit der Demokratie nichts anfangen. In der Praxis ist ein Sieg in so einem System nur möglich, wenn – neben einem herausragendem Spiel seitens der Opposition – die Regierung anfängt, Eigentore zu schießen. Um bei der Fußball-Analogie zu bleiben: Die Regierungspartei beginnt dann plötzlich sehr alt auszusehen gegen ein wesentlich jüngeres, dynamischeres Team auf dem Feld.
Orbán als Straßenkämpfer
Und noch eine Analogie, die Orbán selbst verwendet hat: Er, der als Wahlkämpfer immer nur dann erfolgreich war, wenn er gegen etwas opponierte, bezeichnete sich selbst im Gespräch mit dem jüngst verstorbenen Chuck Norris als einen Streetfighter. Das ist vielleicht leicht übertrieben für den Sohn eines ländlichen Parteiapparatschiks. Aber dennoch: Auf dem Pflaster, auf dem Orbán zunächst als Jurastudent beim Elite-Studium in Budapest und dann als Politiker bestehen musste, war er, metaphorisch gesehen, tatsächlich immer ein Straßenkämpfer.
Vor allem hat er im Gegensatz zu vielen traditionell orientierten Politikern nie den Fehler gemacht, mit einem metaphorischen Messer in den Kampf zu gehen. Das Bild greift zu kurz, denn was Orbáns Wahlkämpfe angeht, gleicht sein systematisch ausgebautes Waffenarsenal eher dem einer nuklearen Supermacht denn dem eines gewöhnlichen Streetfighters.
In den vergangenen 16 Jahren musste Orbán kontinuierlich einen schwierigen Spagat bewerkstelligen: Einerseits war er der übermächtige Souverän, der Pater Nationalis, der seine schützende Hand über die Ungarn hält – gleichzeitig inszenierte er sich als David, der gegen einen globalen, nein globalistischen!, Goliath kämpft.
Die Rolle der Populisten
Populisten leben oft von davon, dass sie aus der Opposition heraus alles opponieren können – und von dort vorgeben, einfache Lösungen für komplexe Probleme parat zu haben: solche, die effizent und umsetzbar seien. Die Hoffnung vieler ist, dass der Moment der Selbstentlarvung käme, sobald Populisten an der Macht beteiligt würden: Ihre Versprechen würden sich als leer entpuppen, der König ist nackt! Das kann durchaus funktionieren: Die FPÖ etwa hat sich jedes Mal peinlich desavouiert, sobald sie in Regierungsverantwortung kam.
Der Fall Orbán aber zeigt, dass die Entzauberung derer, die leere Versprechen geben, durchaus kein Automatismus ist. Und das, obwohl die alles durchdringende Korruption wie auch die Kompetenzen der Orbán-Regierung nicht besser funktioniert als die anderer populistischer Regierungen. Das soll nicht heißen, dass die Orbán-Regierung sämtlich alles falsch gemacht hat oder gar keine Erfolge vorzuweisen habe.
Orbáns Erfolge…
Zwischen 2013–2019 gab es eine lange Konjunkturperiode. Obwohl Ungarn in der Region immer weiter von den anderen Ländern abgehängt oder eingeholt wurde, wuchs die Wirtschaft dynamisch, und damit auch die Reallöhne und die Beschäftigung. Auch in punkto Gewaltdelikte und Kriminalität gibt es Erfolge: Ungarn gilt als eines der sichersten Länder Europas. Und das gilt auch dann noch, wenn man in Betracht zieht, dass einige Beobachter den Verdacht äußern, dass die offizielle Statistik systematisch manipuliert wird.
…. und Misserfolge
Blickt man aufs Gesamtbild, sieht es bei weitem nicht so gut aus: Die Bildungs- und Gesundheitssysteme wurden systematisch abgebaut, die Leistung der ungarischen Schüler ist zum Teil dramatisch gesunken, und gegen die Ungleichheiten im Zugang zur Bildung wurde nichts getan. Das staatliche Gesundheitssystem – einst von Fidesz kämpferisch verteidigt gegenüber den Privatisierungsplänen der Vorgängerregierung – existiert in manchen Regionen und Fachbereichen effektiv nicht. Der Thinktank Policy Solutions, bei dem ich als Senior Analyst arbeite, misst schon seit Jahren die wachsende Unzufriedenheit mit der Leistung der staatlichen Dienstleistungen.
Statt eines detaillierten Blicks in die Statistiken lässt sich hier Orbáns angeblich kompetentester Minister, Verkehrsminister János Lázár, zitieren. Er sagte letztes Jahr über die staatliche Eisenbahn Folgendes: „Es wird Jahre brauchen, um die heruntergekommene, zerstörte, bestohlene, kaputtgemachte MÁV (die ungarische staatliche Eisenbahngesellschaft – GG) infrastrukturell zu erneuern. Das ist so eine Arbeit. Das heißt: aus Sicht der MÁV reicht ein Wahlsieg nicht, ich brauche mindestens zwei, damit ich da was ausrichten kann“. Lázár äußerte sich wohlgemerkt am Ende der vierten Legislaturperiode infolge, in der Fidesz mit einer Zweidrittelmehrheit regiert hat. Er hätte dieselbe Aussage auch über die meisten anderen fachpolitischen Bereiche treffen können.
Kommunikation und Medien
Aufgrund des desolaten Zustands Ungarns wäre es derzeit eigentlich einfacher, aus der Opposition heraus zu agieren. Nicht so, wenn man von dem massiven regierungstreuen Medienemperium totgeschwiegen oder verleugnet wird. Für die Regierungspartei stellt sich dieses Problem nicht, sie hat Zugang zu den ihnen gewogenen Medien. Ganz im Gegensatz zur Opposition erreicht sie sämtliche Wähler über alle Kanäle – sowohl der ihnen servilen wie auch der unabhängigen Medien.
Es braucht einen Feind:
Aber damit man bei der von Lázár angesprochene Konkursmasse wahltechnisch erfolgreich kommunizieren kann, braucht es den oben erwähnten Spagat: Orbán als der ewig Oppositionelle, der sich selbst gern als Freiheitskämpfer inszeniert. Dafür aber muss ein Feind geschaffen werden, ein Goliath, demgegenüber man sich als David präsentieren kann.
Dieser Hintergrund ist wichtig, um zu verstehen, warum die ungarische Regierung ausgerechnet jetzt die Ukraine als den größten Feind Ungarns darstellt. Die Opposition an sich taugt nicht als Goliath, denn sie wird immer als ein Instrument der eigentlichen Machthaber dargestellt, gegen die Orbán Ungarn schützt und verteidigt. Diese Ungarn feindlich gesinnten Machthaber bleiben einerseits Chimären und nebulös, andererseits braucht es – für eine Propagandakampagne unerlässlich – Gesichter.
George Soros…
Früher war der Hauptfeind vor allem der linksliberale ungarischstämmige US-Milliardär und Philanthrop George Soros. Seine Open Society Foundations finanzieren pro-demokratische und soziale zivilgesellschaftliche Projekte weltweit. Als Dank für seine Verdienste um die ungarische Demokratie (u.a. ein Stipendium für Orbán, damit er in Oxford studieren kann) hatte die ungarische Regierung sein Konterfei auf riesige Plakatwände in ganz Ungarn plakatiert. Die Botschaft: Die Ungarn sollten verhindern, dass Soros zuletzt lacht.
Was für eine Riesengefahr die regierungstreue Elite angeblich in dem greisen Philanthropen sah, lässt sich am besten mithilfe eines Artikels illustrieren, den Orbáns „Kulturzar“, Szilárd Demeter verfasst hat. Demeter bezeichnete Soros als „Führer“ und schrieb, Europa sei „Soros‘ Gaskammer“, den Europäern komme die Rolle der Juden im Holocaust zu. Obwohl Demeter den Artikel später halbherzig zurückzog, war das mehr als eine Entgleisung, denn es widersprach der Logik der Fidesz-Kommunikation nicht grundlegend.
Ein drohender Untergang Ungarns
Leitender Gedanke dabei ist, dass globale Kräfte Ungarn zerstören wollen. Ungarn befindet sich demnach in existenzieller Gefahr. In der Politik geht es infolge also nicht um Themen wie Wirtschaft und Kaufkraft, um soziale Gerechtigkeit, Bildung oder Gesundheit, sondern ums Überleben – und zwar sowohl physisch wie kulturell. Einzig der „Freiheitskämpfer“ Viktor Orbán kann den drohenden Untergang Ungarns verhindern, denn er kollaboriert weder bewusst noch unbewusst mit diesen feindlichen Kräften, sondern tritt ihnen entschlossen entgegen.
Der Kampf um nationale Souveränität
Die wichtige Rolle des Freiheitskämpfers kommt nicht von ungefähr: Während die historische Erinnerung der europäischen Großmächte oft vor allem Herrscher in den Vordergrund stellt, hatten die Ungarn kaum eigene Herrscher – dank der zuvor erwähnten Großmächte. Es mag also zynisch sein, wenn Orbán Bundeskanzler Merz mit Verweis auf die deutsche Besatzung Ungarns in 1944 zurechtweisen will. Der ungarische Ministerpräsident greift damit aber auf etwas zurück, womit sich viele Ungarn identifizieren können: Die historische Erfahrung langjähriger Fremdbestimmung. Hier glaubt kaum einer an den vom US-amerikanischen Historiker Franics Fukuyama einst verkündeten Sieg der Demokratien und das Ende der Geschichte.
Ironischerweise haben vor allem Orbáns politische Freunde Vladimir Putin und Donald Trump bewiesen, dass das Großmachtgehabe im 21. Jahrhundert durchaus nicht aus der Mode gekommen ist. Orbán nutzt die Wirklichkeit der internationalen Turbulenzen und der damit verbundenen verständlichen Ängste dafür, ein völlig verzerrtes Bild von den wirklichen Gefahren für Ungarn selbst zu schaffen.
Wolodymyr Selenskyj als neuer bevorzugter Feind
Aktuell ist der Protagonist in diesem Zerrbild nicht mehr Soros, sondern der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj: Jetzt ist Ungarn mit seinem Foto vollplakatiert, aber der Text ist unverändert: Die Ungarn sollen auf keinen Fall zulassen, dass der Ukrainer am Ende lacht.
Doch worüber sollte Selenskyj, dessen Land seit über vier Jahren Opfer eines russischen Angriffskrieges ist und ungeheuerliche Verluste hinnehmen musste, eigentlich lachen können? Zum Beispiel darüber, so Fidesz, dass sein Land EU-Kredite bekommen könnte, mit denen es den Staat finanziell übers Wasser halten und die eigene Bevölkerung humanitär versorgen kann. Damit kann es sich nicht zuletzt militärisch weiterhin gegen die unablässigen russischen Angriffe verteidigen. Unter anderem will Orbán genau diese Kredite unterbinden. Er will verhindern, dass die EU – und vor allem Ungarn – die ukrainischen Militäranstrengungen finanzieren. Stattdessen arbeitet Orbán an der Inszenierung Donald Trumps als „Friedenspolitiker“ – als einen solchen bezeichnet ihn Fidesz und übt Druck auf die Ukraine aus, damit sie Putin gegenüber kapituliert.
Mediale Anti-Ukraine-Kampagnen
Die regierungstreuen Medien arbeiten schon seit Jahren an einer anti-ukrainischen Wende innerhalb der ungarischen Öffentlichkeit. Diese war ebenso wie die Öffentlichkeit in den meisten Ländern zunächst schockiert von dem russischen Angriffskrieg. Zu Beginn des Krieges hatte die Regierung die Position vertreten, dass es sich um eine russischen Aggression handelt – auch wenn vor der Invasion am 24. Februar 2022 alle, die vor einem möglichen Krieg warnten, von den regierungstreuen Medien als Spinner bezeichnet worden waren, weil Vladimir Putin so etwas schließlich nie tun würde. Dann aber vermittelten die loyalen Medien der Bevölkerung in langwierigen Kampagnen, dass die Ukraine selbst Russland zu diesem Schritt gezwungen habe, zum Beispiel durch ihren Umgang mit der russischen Minderheit in der Ukraine. Eine weitere Erzählung: Die „Kriegstreiber“ im Westen – die NATO und die EU – hätte diese Situation mitgeschaffen, indem sie der Ukraine versprochen hätten, sie in Zukunft zu integrieren und zu unterstützen.
Täter-Opfer-Umkehr
Und auch aktuell sind es dem Fidesz-Narrativ zufolge die Kriegstreiber in der EU, die diesen sinnlosen Krieg am Laufen halten, indem sie die Ukraine bei der Verteidigung ihres Staatsgebietes unterstützen. Stattdessen solle die Ukraine zu „Kompromissen“ bewegt werden, unter anderem durch die Vorenthaltung von finanzieller und militärischer Hilfe.
Die Kommunikation einer völligen Täter-Opfer-Umkehr wurde über Jahre aufgebaut; die Bevölkerung (oder zumindest deren für diese Kommunikation empfängliche Teile) wurde sukzessive kommunikativ für diese faktisch unhaltbare Sicht auf den Krieg vorbereitet.
Am Ende dieser umfassenden Kommunikationskampagne der Regierung resultiert eine Botschaft, die – nachdem andere Themen nicht verfangen haben – der Kern der Wahlkommunikation von Fidesz ist: Die Ukraine ist der gefährlichste Feind Ungarns. Die Ukrainer und die EU wollen mindestens der ungarischen Energieversorgung schaden und werden die Energiepreise hochtreiben. Außerdem, so die Botschaft weiter, habe die Ukraine mittlerweile das zweitstärkste Militär Europas… wer weiß, welche Gefahren noch von ihr ausgehen könnten!
Damals und heute
Bei der derzeitigen innenpolitischen Lage hätte die Regierung in normalen Zeiten kaum Chancen auf eine Wiederwahl, vor allem nicht angesichts der desolaten wirtschaftlichen Situation. Das war übrigens schon in früheren Wahlen ähnlich. Auch 2018 mussten Ängste mobilisiert werden, damit Fidesz bei den Wahlen gewinnen konnte. Damals war es vor allem die von der Regierung beständig geschürte Angst vor der Migration, die Fidesz schließlich einen Wahlsieg mit großem Vorsprung bescherte. Allerdings ging es zumindest der Wirtschaft damals noch gut, obwohl Ungarn bereits damals auf dem Weg war, im Vergleich zur Region immer weiter zurückzufallen.
2022 herrschte die Panik darüber vor, dass der Krieg, den die weitsichtigen Vertreter der Regierungspartei kurz vorher noch völlig ausgeschlossen hatten, auf Ungarn überschwappen könnte. Etwas, das selbstverständlich nur Fidesz würde verhindern können – im Gegensatz zur Opposition. Deren Kandidat hatte damals inmitten des Regierungspropaganda-Tsunamis unüberlegt ein Eigentor geschossen, als er gemutmaßt hatte, dass Ungarn sich an einer hypothetischen NATO-Operation als Mitgliedstaat des transatlantischen Bündnisses potenziell beteiligen würde. Schon zu diesem Zeitpunkt war der Wahlsieg von Fidesz 2022 vorhersehbar, die Aussage sorgte aber dafür, dass ihr Vorsprung ebenso gigantisch wurde wie die Panik, die damals mithilfe der Regierungspropaganda durch die Bevölkerung ging.
Obwohl die geopolitische Situation immer noch Grund für berechtigte Sorgen ist: Die Panik von 2022 exisitert in der Form nicht mehr, die wirtschaftliche Malaise hingegen hat sich weiter verschärft. Für Fidesz stehen die Verursacher der Probleme fest: Die EU und die Ukraine tragen Schuld am fehlenden Wirtschaftswachstum und an der immer noch zu hohen Inflation. Wenn die Ukraine nur kapituliert hätte, dann würde es den Ungarn wieder gut gehen!
Anders als manch andere Länder, die in den vergangenen vier Jahren erfolgreich ihre Abhängigkeiten von russischem Gas verringern konnten und sogar wirtschaftlich wuchsen, hat Fidesz dies nicht erreicht.
Halbwahrheiten und Lügen
Seit Monaten ist klar, dass Fidesz im Gegensatz zu den vorherigen zwei Wahlen das Thema fehlt, um die Bevölkerung durch das Schüren von Angst für sich zu gewinnen und die zaudernden Wähler im letzten Augenblick mit dem Versprechen (der einzigen) „sicheren Wahl“, so der Fidesz-Slogan, für sich zu gewinnen. Es braucht also Überzeugungsarbeit, um mittels Halbwahrheiten und Lügen die Ukraine als die zentrale Gefahr darzustellen, vor der allein Fidesz Ungarn bewahren kann.
Die Halbwahrheit ist, dass das ukrainische Militär aufgrund der massiven menschlichen, finanziellen und industriellen Mobilisierung mit die schlagkräftigste in Europa geworden ist. Das stimmt, die Behauptung aber, dass die Ukraine Ungarn gegenüber feindselige Absichten hätte, entbehrt jeglicher faktischen Grundlage. Es wäre auch absurd anzunehmen, dass das trotz ihrer Schlagkraft überforderte ukrainische Militär die Kapazität dafür hätte, woanders zu kämpfen als an der an der Front gegen Russland. Diese Überlegung setzt außerdem voraus, dass man die absurde Behauptung ernst nimmt, dass die Ukrainer solche Absichten überhaupt hegen könnten.
Fidesz-Narrativ von der geplanten Unterwerfung Ungarns durch die Ukraine
Wenn man Fidesz glaubt, ist man in Kyjiw hauptsächlich mit der Frage beschäftigt, wie man in Ungarn mit verschiedensten Mitteln, allen voran mithilfe des verräterischen Handlangers Péter Magyar, die Macht übernehmen könnte. Dieser Gedanke setzt voraus, dass man glaubt, dass die ukrainische Führung neben den anderen – offensichtlich weniger wichtigen – Problemen im Land noch Zeit hat, sich detailliert mit der Unterwerfung Ungarns zu beschäftigen. Das Bild, das hier gezeichnet wird, scheint absurd. Dennoch ist diese Darstellung der Fidesz-Kommunikation keine Übertreibung: Es ist genau das Bild, das die Regierungspropaganda durch die Medien, ihre Sprecher und auch den Ministerpräsidenten selbst, vermittelt.
Diplomatischer Faux pas
Unerwartete Schützenhilfe dazu bekam sie unlängst von Selenskyj selbst, der in einer frustrierten Ansprache Orbán drohte, er möge endlich die EU-Kredite freigeben, sonst würde der ukrainische Präsident seinen Aufenthaltsort an Soldaten weitergeben. Das war eine grobe Entgleisung und zugleich ein großer Fehler, weil es genau die Propaganda bedient, welche die ukrainische Diplomatie zu entkräften versucht. Fidesz hat sonst fast keine Argumente und keinerlei Belege, die ihre schweren Vorwürfe von angeblichen ukrainischen Bestrebungen zur Einflussnahme in der ungarischen Politik und Staatsführung untermauern. Es gibt auch kein realistisches Anzeichen dafür, dass die Ukraine ein Sicherheitsrisiko für Ungarn darstellt.
Verschwörungserzählungen und Geheimdienstoperationen
Parallel zur Regierungskommunikation versuchen offenbar verschieden Behörden inklusive des Geheimdienstes, verzweifelt Beweise für ukrainische Aktivitäten zu finden oder zu fabrizieren. Und obwohl Regierungspolitiker immer wieder behaupten, Péter Magyars Verbindung zur Ukraine sei vollständig bewiesen, exisitieren solche nicht. Stattdessen ist ein Whistleblower aus der Polizei an die Öffentlichkeit getreten: Bence Szabó lieferte Beweise, die zeigen sollen, dass der ungarische Staatsschutz versucht habe, die führende Oppositionspartei Tisza zu unterwandern – und dies bis heute möglicherweise aktiv tut. Laut Szabó gab es Instruktionen vom Staatsschutz, der Oppositionspartei mit V‑Männern zu schaden.
Die Regierung leugnet die Operation nicht, sie sagt aber auch, dass Szabó völlig falsch liege, was das Ziel angeht: Die von ihm benannte Operation diene in Wirklichkeit der Enttarnung ukrainischer Geheimdienstaktivitäten innerhalb der Tisza. Diese Bemühungen hätte Szabó nun durch die Offenbarung der Operation kaputtgemacht. Diese Darstellung wird jedoch von kaum jemandem außerhalb des Fidesz-Lagers für wahr befunden.
Eine Kette aus Schmierkampagnen und Skandalen
Viele bezeichnen Szabós Vorwürfe als den schlimmsten Fall von Machtmissbrauch, den wir in 16 Jahren Fidesz-Regierung gesehen haben. Das trifft zwar zu und dennoch ist er lediglich einer von vielen dieser Art, inklusive des Abhörens von Journalisten mit der Spionage-Software Pegasus, ohne dass irgendein konkreter Verdacht gegen sie vorlag. Des Weiteren gab es politische Säuberungen im öffentlichen Dienst bis hin zu Druck auf zivilgesellschaftlichen Organisationen und private Unternehmen – diese hatten mal ein politisches Ziel, mal waren sie zum finanziellen Vorteil fürs Fidesz-Klientel.
Was hängen bleibt: Selenskyis Negativimage
Trotz des Mangels an Beweisen für feindselige ukrainische Aktivitäten gegen Ungarn hat Fidesz in Jahren mühseliger Propagandaarbeit zumindest erreicht, dass die ungarische Bevölkerung Wolodymyr Selenskyj mit einer überwältigender Mehrheit negativ sieht. Unsere eigene Umfrage von 2025 hat ergeben, dass 64% der Ungarn ein negatives Bild des ukrainischen Präsidenten haben. Obwohl der Anteil der Kritiker bei Fidesz-Wählern mit über 70% am höchsten ist, wird Selenskyj in sämtlichen Parteien mehrheitlich negativ gesehen – und somit die gesamte Ukraine.
Es bleibt also der Erfolg der Fidesz, dass die Ukraine, an der es vor Kriegsbeginn wenig Interesse gab und von der wenige etwas wussten, nun von Teilen der ungarischen Bevölkerung als eine Bedrohung angesehen wird.
Schafft Fidesz es, die Ukraine als den ihr nützlichen Feind aufzubauen?
Doch kann die Fidesz auf diesem gezielt geschaffenen Negativimage aufbauen, um mit gezielt erzeugter Angst und Panik doch noch einen Wahlerfolg zu erzielen? Laut Demoskopen wäre nur so ein Erfolg von Fidesz an den Wahlurnen möglich.
Um den Mangel an Beweisen für feindliche ukrainische Aktivitäten gegnüber Ungarn zu kompensieren, kreiert die Regierung künstlich Konfliktsituationen: Jüngst ließ man dazu ein offizielles ukrainisches Geldtransport-Team in Ungarn in dramatischer Manier von Spezialeinsatzkräften verhaften, das Geld beschlagnahmen. Laut des Anwaltes der verhafteten und inzwischen ausgewiesenen Ukrainer aber habe das Team eine offizielle Genehmigung für den Transport gehabt und nicht illegal gehandelt. Inzwischen wurde zudem bekannt, dass Transporte wie diese übliche, legale und bislang problemlos verlaufende Vorkommnisse sind.
Fidesz’ Hoffnung scheint darin zu liegen, dass durchschnittliche Medienkonsumenten in der Kürze der Zeit und angesichts der komplexen Hintergründe der Ereignisse das Geschehens nicht verstehen. Stattdessen soll Verwirrung gestiftet werden. Dazu trägt auch die gängige mediale Praxis der Regierung bei, Fehlinformationen zu streuen.
Wer bei diesen komplexen und konfusen Geschichten die Wahrheit spricht, wird damit oft zur Glaubens- bzw. Glaubwürdigkeitsfrage. Und hier kommt die Wahlkampftaktik ins Spiel: Die überwältigende Mehrheit der Oppositionswähler wird Fidesz wohl nicht mehr überzeugen können. Stattdessen muss sie einerseits die eigene Basis zur Wahlbeteiligung motivieren – diese ist aktuellen Umfragen zufolge passiver als sonst. Zum anderen muss sie die verbleibenden Wähler, die keine oder nur eine schwache Präferenz haben, von sich überzeugen.
Diese unentschlossene Wählergruppe konsumiert oft weniger Nachrichten, ist politisch weniger gut informiert und bezieht ihre Informationen stärker als der Durchschnitt aus traditionellen Medien. Diese sogenannten Legacy Media aber werden im Gegensatz zu den Onlinemedien sehr stark von Fidesz dominiert – beispielsweise existiert in Ungarn kein regierungskritischer Radiosender mehr. Wer sich nicht online informiert, wird kaum Chancen haben, Nachrichten und Ereignisse aus einer anderen Sicht als der von der Regierung vermittelten zu erhalten.
Es ist unklar, ob Orbán mit dieser Angstmacherei die Wahl gewinnen kann. Klar jedoch ist: Viktor Orbán ist ein Oppositioneller und er wird es bleiben. Wird er abgewählt, so wird er das Amt übergeben müssen. Wird er wiedergewählt, wird er wie in den 16 Jahren zuvor seine Rolle als David im Kampf gegen Goliath weiterführen: Als Kämpfer, der Ungarn vor einer internationalen Verschwörung rettet. Die Gesichter dieser Verschwörung sind heute Wolodymyr Selenskyj, aber auch die Kommissionspräsidentin der EU, Ursula von der Leyen, und EVP-Fraktionschef Manfred Weber. Letztere wurden pikanterweise einst von Fidesz unterstützt, Weber war sogar Orbáns politischer Freund. Die Konterfeis dieser erklärten Feinde säumen heute auf Plakaten zahllose Straßenränder in Ungarn. Deutschen Lesern erscheint es merkwürdig, dass von der Leyen und der zuhause eher unbekannte Weber die Köpfe einer globalen Verschwörung sein sollen – hier in Ungarn aber, wo Vladimir Putin und Donald Trump der Regierung als wichtige Verbündete gelten, und die EU und die Ukraine als Feinde betrachtet werden, ist das normal. Bislang. Vielleicht ändert sich jetzt etwas. Es könnte so kommen.
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