Inter­na­tionale Konferenz: „Die Ukraine und wir. Wie weiter?“ Botschaften und Schlussfolgerungen

Spätestens seit dem Eklat im Oval Office am 28. Februar ist klar, dass Europa für seine Sicherheit selbst sorgen muss. Die Spaltung in den trans­at­lan­ti­schen Bezie­hungen wird immer deutlicher. Für Europa schlägt jetzt die Stunde der Wahrheit. Der Ausgang des Krieges in der Ukraine wird entschei­denden Einfluss auf die Zukunft unseres Konti­nents haben. Diese Botschaften prägten auch die LibMod-Konferenz „Ukraine and wir. Wie weiter?“ mit Andrius Kubilius, EU-Kommissar für Vertei­digung und Raumfahrt, sowie Vertreter/​innen der baltisch-nordi­schen Staaten, Polens und der Ukraine am 21. März in Berlin.

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Verhand­lungen mit Russland werden in einer paral­lelen Realität geführt

„Unter großen Opfern vertei­digen die Ukrainer derzeit auch unsere Sicherheit. Man kann Präsident Trump nur zurufen: ‚Nicht die Ukraine muss uns, sondern wir müssen der Ukraine dankbar sein!‘“ , mit diesen Worten von Marie­luise Beck wurde die Konferenz eröffnet. Ralf Fücks ergänzte in seiner Begrü­ßungsrede: „In diesem Moment steht alles auf dem Spiel, wofür in den letzten Jahren Hundert­tau­sende unter Einsatz ihres Lebens gekämpft haben. Es ist eine brutale Verkehrung eines hehren Wortes, wenn im Namen des Friedens faktisch die Unter­werfung der Ukraine gefordert wird.“ 

Aus ukrai­ni­scher Sicht erscheinen Verhand­lungen über einen Waffen­still­stand weit von der Realität entfernt. Sowohl Solomiia Bobrovska, Mitglied des Vertei­di­gungs­aus­schusses der Werchowna Rada, als auch der ehemalige Außen­mi­nister Dmytro Kuleba setzen keine Hoffnungen in die Gespräche zwischen den USA und Russland. Sie hindern Russland nicht, seine tödlichen Drohnen- und Raketen­an­griffe auf ukrai­nische Städte fortzu­setzen. Ein Waffen­still­stand entlang der Front­linie sei bereits in der Vergan­genheit trotz einer OSZE-Überwa­chungs­mission gescheitert, so Bobrovska.

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Kein Verlass mehr auf die USA

„Je länger wir uns fragen, wie wir mit den USA umgehen sollten, desto mehr verpassen wir den Zeitpunkt, an dem wir die Verant­wortung für unsere eigene Sicherheit übernehmen müssen.“ – Sara Nanni (Bündnis 90/​Die Grünen)

Das Treffen zwischen Trump, Vance und Selensky im Oval Office, das Solomiia Bobrovska als „widerlich, hässlich und eine Demütigung der ukrai­ni­schen Würde“ bezeichnete, sowie das weitere Vorgehen der US-Adminis­tration haben Europa zur Erkenntnis gezwungen, dass es nicht länger auf die Unter­stützung der USA zählen kann. Die Bundes­tags­ab­ge­ordnete Sara Nanni (Bündnis 90/​Die Grünen) erklärte: „Je länger wir uns fragen, wie wir mit den USA umgehen sollten, desto mehr verpassen wir den Zeitpunkt, an dem wir die Verant­wortung für unsere eigene Sicherheit übernehmen müssen.“

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Unter den Europäern bestand weitge­hende Einigkeit in der Bewertung der neuen US-Politik. Der dänische Experte Flemming Splidsboel Hansen, sagte dazu: „Die Auswir­kungen von Trumps Präsi­dent­schaft auf die trans­at­lan­ti­schen Bezie­hungen sind bereits jetzt verheerend, obwohl er sein Amt erst vor zwei Monaten angetreten hat. Ich sehe keinerlei Anzeichen dafür, dass seine Regierung bereit wäre, Druck auf Russland auszuüben. Für die Ukraine hat sich daraus bislang keinerlei positive Entwicklung ergeben. Vielmehr sehen wir eine gezielte Politik, die Ukraine und ihren Präsi­denten an den Rand zu drängen.“

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Seine schwe­dische Kollegin Charlotta Rodhe, stell­ver­tre­tende Direk­torin am Stock­holmer Zentrum für Osteu­ro­pa­studien, war ebenso kritisch: „Jedes Mal, wenn wir die russische Aggression belohnt haben, indem wir ihnen Konzes­sionen machten, um eine Deeska­lation zu erreichen, hat dieser Ansatz zu mehr Eskalation geführt“. 

Russland gehe es darum, die Illusion von Verhand­lungen zu schaffen. “Das soll uns daran hindern, die nötigen Entschei­dungen zu treffen. Schein­ver­hand­lungen sind eine Falle für uns.“ 

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Solomiia Bobrovska warnte: „Es gibt eine endlose Liste von Forde­rungen der Trump-Adminis­tration, was die Ukraine tun muss. Aber was sind die Forde­rungen an die russische Seite? Wird Russland aufhören, an der Front­linie zu kämpfen? […] Die russische Bedrohung wird nicht enden, und wir müssen darauf vorbe­reitet sein.“

Marek Świer­c­zyński von Warschauer Think Tank Polityka Insight, riet zur Vorsicht: Es sei nicht hilfreich, sich in einen Konflikt­modus mit den USA zu begeben, insbe­sondere für die balti­schen Staaten und Polen, die besonders stark von der Unter­stützung Washingtons abhängig seien.

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Stunde der Wahrheit für Europa

Europäische Geheim­dienste wiesen offen darauf hin, dass die Angriffs­pläne auf Nato-Länder mehr als eine reine Fantasie der Kreml-Propa­gan­disten sind. Wir sollten darauf vorbe­reitet sein, dass Russland in den nächsten fünf Jahren den Artikel 5, die Beistands­klausel des NATO-Vertrags, testen wird. Dazu bemerkte Ralf Fücks: „Die Erkenntnis, dass wir uns auf einen Krieg vorbe­reiten müssen, um ihn zu verhindern, markiert einen tiefgrei­fenden Wandel im öffent­lichen Bewusstsein. Das ist weniger eine Frage der Ressourcen, sondern vor allem des politi­schen Willens“ 

„Wir befinden uns in der tiefsten Sicher­heits- und Vertei­di­gungs­krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Diese Krise wird uns dazu zwingen, auf dem europäi­schen Kontinent deutlich stärker zu werden.“ – Andrius Kubilius

 EU-Kommissar Kubilius betonte die Dramatik der Situation:

„Wir befinden uns in der tiefsten Sicher­heits- und Vertei­di­gungs­krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Diese Krise wird uns dazu zwingen, auf dem europäi­schen Kontinent deutlich stärker zu werden. […] Wir erleben eine histo­rische Zeit – für die Ukraine, Deutschland und ganz Europa. Das ameri­ka­nische Engagement schwindet, während die russische Bedrohung wächst.“ Andrius Kubilius arbeitete heraus, welche Schritte die EU bereits unter­nimmt, um dieser Heraus­for­derung zu begegnen: Das neue „White Paper“ zur Vertei­digung, das am 19. März 2025 veröf­fent­licht wurde, lege eine umfas­sende Strategie zur Stärkung der europäi­schen Vertei­di­gungs­fä­hig­keiten bis 2030 vor.  Es enthielte eine Reihe von Vorschlägen, um kritische Kapazi­täts­lücken zu schließen und eine starke indus­trielle Vertei­di­gungs­basis aufzubauen.

Eine große Rolle spiele auch die Stärkung der Partner­schaft mit anderen Demokratien auf der Welt. Das Kapitel zur Ukraine siehe verstärkte Militär­hilfe und eine tiefere Integration der europäi­schen und ukrai­ni­schen Vertei­di­gungs­in­dustrie vor. Sie solle dazu beitragen, die europäische Waffen­pro­duktion zu erweitern und zu moder­ni­sieren. Die Ukraine sei Europa in der Fähigkeit voraus, selbst unter Kriegs­be­din­gungen rasch die eigene Rüstungs­pro­duktion zu steigern.

Außerdem habe die Kommission im Rahmen des Programms „ReArm Europe/​Readiness 2030“ ein ehrgei­ziges Vertei­di­gungs­paket vorgelegt, das den EU-Mitglied­staaten finan­zielle Mittel zur Verfügung stelle, um die Inves­ti­tionen in die Vertei­digung zu steigern. Die Ukraine und die EFTA/EWR-Länder werden sich an gemein­samen Beschaf­fungen betei­ligen können, und es werde möglich sein, Waffen bei ihren Unter­nehmen zu kaufen.

Andrius Kubilius bekräf­tigte, dass die Europäische Union die Besetzung und der Anglie­derung ukrai­ni­scher Gebiete an Russland definitiv nicht anerkennen werde. Der Weg für eine künftige Reinte­gration dieser Gebiete in die Ukraine müsse offen­bleiben. Die EU werde die Sanktionen gegen Russland nicht aufheben, solange der Kreml ukrai­nische Gebiete okkupiert. Europa werde auch keine Beschrän­kungen der militä­ri­schen Kapazität der Ukraine akzep­tieren. Eine starke ukrai­nische Armee sei im europäi­schen Interesse.

Der frühere ukrai­nische Außen­mi­nister Kuleba forderte die europäische Politik auf, jetzt zu handeln, noch bevor die finalen Fragen der künftigen europäi­schen Vertei­digung geklärt sind. Die europäische Sicherheit entscheide sich in den kommenden Monaten in der Ukraine. Das erfordere eine andere Entschlos­senheit und Geschwin­digkeit der europäi­schen Politik.

Die EU sollte mit anderen Ländern verein­barte Waffen­ex­porte zugunsten der Ukraine umlenken. Um die Ukraine rasch aufzu­rüsten, sollten die EU-Mitglieds­staaten dem dänischen Modell folgen und Waffen und Ausrüstung direkt bei der ukrai­ni­schen Rüstungs­in­dustrie in Auftrag geben. Sie könne preis­güns­tiger und schneller liefern als westeu­ro­päische Unternehmen.

Weiter­ge­hende Schritte in Richtung gemein­samer Sicherheit wären ein europäi­scher Luftschutz­schirm für die Ukraine, europäische Trainings­mis­sionen für die ukrai­nische Armee, eine gemeinsame militä­rische Präsenz im Schwarzen Meer und die Statio­nierung europäi­scher Truppen in der Ukraine.

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Zeiten­wende Nummer zwei

In den nordi­schen und balti­schen Ländern wird die Bedrohung durch Russland seit langem anders wahrge­nommen als in vielen westeu­ro­päi­schen Ländern. Dazu meinte die Botschaf­terin Lettlands, Alda Vanaga: „Unsere Unter­stützung kommt aus dem Verständnis, dass es auch unser Krieg ist. Die Ukraine verteidigt unsere Freiheit, unsere Demokratie. Die Unter­stützung aus Deutschland ist groß, aber sie kommt aus Solida­rität und nicht, weil Deutschland Russland als Bedrohung wahrnimmt. Ich hoffe, dass sich diese Denkweise ändern wird.“

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Dem stimmte auch Marie­luise Beck zu: „Unsere Unter­stützung ist nicht ein Zeichen der Großzü­gigkeit – sie ermög­licht uns, hier warm und trocken zu sitzen, während die Ukraine für uns blutet.“ 

In Europa werden die verstärkten Anstren­gungen Deutsch­lands, seine Vertei­di­gungs­fä­higkeit auszu­bauen, mit Zustimmung gesehen. Die offene Frage ist, ob Deutschland neben Großbri­tannien, Frank­reich und anderen europäi­schen Ländern an Bord ist, wenn es um die Bildung einer „Coalition of the Willing“ zur Sicherung eines eventu­ellen Waffen­still­stands in der Ukraine geht. Von der neuen Bundes­re­gierung erwarten unsere Partner eine „zweite Zeiten­wende“ bei der Unter­stützung der Ukraine und zur Stärkung der europäi­schen Verteidigung.

Russlands Angriff auf die Ukraine und die Bruch­linien im Verhältnis zu den USA können zu einem Kataly­sator für die Entstehung einer europäi­schen Vertei­di­gungs­union werden, die innerhalb der NATO bestehen kann. In dieser neuen Sicher­heits­ar­chi­tektur gewinnt die nordisch-baltische Vertei­di­gungs­ko­ope­ration (NB8-Initiative) und die Koope­ration mit der Ukraine eine besondere Bedeutung.

Essen­tials für Verhand­lungen über ein Ende des Krieges

Abschließend fasste Ralf Fücks zentrale Botschaften der Konferenz zusammen:

„In den Verhand­lungen zwischen Putin und Trump geht es nicht um einen Frieden, der diesen Namen verdient. Mit dem jetzigen russi­schen Regime gibt es keinen Frieden im Sinne einer konstruk­tiven Zusam­men­arbeit und partner­schaft­lichen Koexistenz. Worum es allein gehen kann, sind die Bedin­gungen für einen stabilen Waffenstillstand.“

Der einzige Weg, Putin zu einem Ende des Krieges zu zwingen, seien verstärkte Waffen­lie­fe­rungen an die Ukraine und ein verschärftes Sankti­ons­regime gegen Russland. Der Aggressor müsse für die Beendigung des Krieges verant­wortlich gemacht werden und nicht die Ukraine, die von der Trump-Adminis­tration massiv unter Druck gesetzt wird.

Fücks forderte die europäi­schen Regie­rungen auf, sich auf gemeinsame „Essen­tials“ für Verhand­lungen über ein Ende des Krieges zu verstän­digen – auch als Gegen­ge­wicht zu Washington:

   1. Nichts über die Ukraine ohne die Ukraine

Europa muss dafür sorgen, dass die Ukraine nicht zu einem Diktat­frieden erpresst wird.

   2. Keine Anerkennung von Gebiets­er­obe­rungen und keine Aufteilung der Ukraine in eine westliche und eine russische Sphäre.

Die Anerkennung gewalt­samer Erobe­rungen wäre ein völker­recht­licher Dammbruch.

   3. Volle Souve­rä­nität der Ukraine

Jedes Abkommen zur Beendigung des Krieges muss die volle Souve­rä­nität der Ukraine über ihre inneren Angele­gen­heiten wie über ihre Außen- und Bündnis­po­litik respek­tieren. Die Option eines Nato-Beitritts muss offen bleiben, auch wenn er nicht morgen kommt. 

   4. Die EU-Integration ist nicht verhandelbar. 

Sie muss im Gegenteil beschleunigt werden.

In den Worten von Andrius Kubilius: „Die Integration der Ukraine in die Europäische Union – das ist unsere Antwort an Putin.“

 

Textende

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