Keine Empathie für Israel, nirgends. Was mich an der deutschen Reaktion auf den Iran-Krieg irritiert

Warum stößt Israels Vorgehen gegen den Iran in Deutschland auf so wenig Verständnis? Fehlende Empathie und moralische Selbst­ge­wissheit blenden die realen Bedro­hungen aus, warnt Ralf Fücks in seinem Text, der zunächst in der Wochen­zeitung Jüdische Allge­meine erschien.

Vorab: Der ameri­ka­nisch-israe­lische Angriff auf den Iran ist mir nicht geheuer. Noch immer ist unklar, was sein Ziel, was die Strategie ist. Keine Frage: das Terror­regime in Teheran zu stürzen wäre ein Segen für die gepei­nigte iranische Gesell­schaft, für den Nahen Osten und Europa. Es ist aber ist mehr als zweifelhaft, ob ein Macht­wechsel per Luftkrieg erreicht werden kann, zumal die iranische Zivil­ge­sell­schaft durch das jüngste Blutbad und die Massen­ver­haf­tungen schwer getroffen wurde.

Bleibt als mögliches Ziel, das Regime auf lange Jahre kriegs­un­fähig zu machen: seine Raketen­ar­senal, seine Luftwaffe, Flotte, Rüstungs­in­dustrie mitsamt den Anlagen für die Anrei­cherung und Weiter­ver­ar­beitung von Uran zu zerstören. Das würde Israel zumindest eine Atempause verschaffen und dem Iran einst­weilen die Fähigkeit nehmen, seine aggressive Hegemo­ni­al­po­litik in der Region fortzu­setzen. In den ersten Tagen des Krieges sah es so aus, als ob dieses Ziel erreicht werden könnte. Inzwi­schen mehren sich die Zweifel. Der Krieg ist auch in Amerika nicht populär, dazu erhöhen die weltwirt­schaft­lichen Verwer­fungen den Druck auf Trump, ihn rasch zu beenden. Wenn er vorzeitig „mission completed“ verkündet, endet der Krieg mit einem Regime, das immer noch über ein beträcht­liches Raketen­ar­senal verfügt, die Energie-Schlagader der Welt kontrol­liert und sein Atompro­gramm umso entschlos­sener verfolgt.

Wen schützt das Völkerrecht?

Und ja – das Völker­recht. Auch wenn weder Teheran noch Moskau, Peking und Washington sich um inter­na­tio­nales Recht scheren, sollten wir es nicht leicht­fertig über Bord werfen. Eine Welt, in der nur das Recht des Stärkeren herrscht, ist ein Albtraum. Was aber hochgradig irritiert, ist der Brustton der Überzeugung, mit der dieser Krieg ex cathedra als völker­rechts­wid­riges Unrecht erklärt wird. Als gäbe es keine Zielkon­flikte zwischen natio­naler Souve­rä­nität und Schutz der Menschen­rechte, zwischen Gewalt­verbot und legitimer Prävention gegenüber einem Regime, das auf Vernichtung aus ist. Nicht nur in Worten, sondern in Taten. Das inter­na­tionale Recht soll die Menschen­rechte und den Frieden zu sichern. Es stellt diese Intention auf den Kopf, wenn es zum Schutz­schild für Regimes wird, die es mit Füßen treten. Realpo­litik bewegt sich in Grauzonen, nicht im Elfen­beinturm der reinen Lehre.

Zu Beginn des Krieges hat Kanzler Merz durch­blicken lassen, dass die Zerstörung des irani­schen Atom- und Raketen­pro­gramms im Interesse Europas liegt. Das bleibt richtig, auch wenn er inzwi­schen zurück­ru­derte. Jetzt ist der Bundes­prä­sident vorge­prescht, als habe er die Richt­li­ni­en­kom­petenz für die deutsche Außen­po­litik. Stein­meiers Kritik wäre überzeu­gender, wenn er einräumen würde, dass seine auf Befriedung des Mullah-Regimes gerichtete Iran-Politik genauso gescheitert ist wie seine Russland­po­litik. Und sie wäre noch überzeu­gender, wenn er die Frage beant­worten würde, wie der Bedrohung durch das iranische Atom- und Raketen­pro­gramm wirksam begegnet werden kann.

Wer das Handeln der USA und Israels kriti­siert, sollte auch über die Risiken des Nicht-Handelns sprechen. Über den Iran-Krieg den Stab zu brechen, ohne sich mit dem Vernich­tungs­willen des Regimes gegenüber Israel und seiner tiefroten Blutspur nach innen und außen ausein­an­der­zu­setzen, weicht den unbequemen Fragen zugunsten morali­scher Selbst­ge­wissheit aus.

Was bleibt von der „Staats­räson“?

Der Bundes­prä­sident verteidigt nicht Israel – war da was mit „Staats­räson“? –, sondern seine Grund­über­zeugung, dass alle Gegen­sätze durch Diplo­matie und Verträge zu entschärfen sind. Für die alte deutsche Außen­po­litik galt, dass es keine Feinde gibt, lediglich schwierige Partner. Diese Illusion ist schon gegenüber Russland zerplatzt. Dass im Iran ein Regime herrscht, das eine escha­to­lo­gische Mission verfolgt und sich der Logik des ratio­nalen Inter­es­sen­aus­gleichs entzieht, ist eine unbequeme Erkenntnis. Sie zu ignorieren, hat aller­dings fatale Konse­quenzen. Israel musste diese Lektion durch bittere Erfah­rungen lernen.

Die Gleich­gül­tigkeit in weiten Teilen der veröf­fent­lichten Meinung gegenüber die existen­zi­ellen Bedrohung Israels durch den Iran ist verstörend. Keine Empathie, nirgends. Der Eindruck drängt sich auf, als wollten viele Kommen­ta­toren eher Netanyahu und Trump scheitern sehen als das Mullah-Regime. Als wäre die „Auslö­schung des zionis­ti­schen Krebs­ge­schwürs“ nicht das heilige Ziel der religiös-natio­na­lis­ti­schen Diktatur in Teheran. Als hätten der 7. Oktober, die Raketen­an­griffe der Hisbollah und der Huthis nichts mit dem Iran zu tun. Als hätte der Iran nicht schon mehrfach Israel mit Raketen angegriffen. Sollte Israel zuwarten, bis die iranische Raketen­streit­macht so angewachsen ist, dass das Regime praktisch unangreifbar geworden ist? Und passt die völker­recht­liche Regel, dass ein Präven­tiv­schlag erst angesichts eines unmit­telbar drohenden Angriffs legitim ist, auf den Iran? Es sind nicht wir, die das Risiko dieser Abwägung zu tragen haben.

Die Dämme sind gebrochen

Der Bundes­prä­sident nannte in seiner Rede den Gaza-Krieg als Vorläufer des beklagten Völker­rechts­bruchs gegenüber dem Iran – auch das eine fragwürdige Abwägung zwischen dem Recht auf Selbst­ver­tei­digung gegenüber einem mörde­ri­schen Gegner und einem Übermaß an Gewalt. Diese Aburteilung Israels durch das deutsche Staats­ober­haupt irritiert umso mehr, als seit dem 7. Oktober alle Dämme der Israel­feind­schaft gebrochen sind. Auf den Straßen, an Hochschulen, im Kultur­be­trieb. Allzu oft ist der aufschäu­mende „Antizio­nismus“ nur die Chiffre für Antise­mi­tismus mit guten Gewissen. Eine unheilige Allianz aus Islamisten und postko­lo­nialen Linken schürt ein Klima der Ausgrenzung und Feind­se­ligkeit. Die Luft für Juden, die sich nicht lauthals von Israel absetzen, wird dünn.

In dieser Lage sollte man erwarten, dass führende Reprä­sen­tanten der Bundes­re­publik zumindest Verständnis für Israels Vorgehen gegenüber dem Iran zeigen, auch wenn sie es nicht gutheißen. Das ist das Minimum, das von der beson­deren histo­ri­schen Verant­wortung gegenüber dem jüdischen Staat bleiben muss. Sonst sollte man sich alle feier­lichen Gedenk­stunden sparen. Eine Erinne­rungs­kultur, die die toten Juden betrauert, aber die lebenden im Regen stehen lässt, dient nur der eigenen Selbstgerechtigkeit.

Textende

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